14.05.2001

SACHSENBesuch bei Señor Max

Neue Vorwürfe gegen den Ministerpräsidenten: Biedenkopf ließ sich von einem alten Amigo einladen - zu Gratisferien auf einer Luxusyacht in Monte Carlo.
Es war die Stunde der neuen Klarheit und der neuen Wahrheit. Mit der linken Hand nervös auf dem Tisch trommelnd, dozierte Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf am vergangenen Dienstag vor der Presse seine Version der Affäre um Putzfrauen, Chauffeure und die All-inclusive-Unterbringung im Regierungsgästehaus. Bis Ende Mai, versprach Biedenkopf schließlich gönnerhaft, seien alle offenen Fragen geregelt: Er habe bereits diesbezüglich Anweisungen gegeben.
Die Welt im Freistaat schien wieder in Ordnung - "Ehepaar Biedenkopf will nicht zurücktreten" titelte "Bild" am Morgen danach. Doch diese Absicht könnte sich als schwer durchhaltbar erweisen. Biedenkopf droht in den Strudel einer Traumschiff-Affäre zu geraten, wie sie seinem Ex-Kollegen, Baden-Württembergs Landesvater Lothar Späth, einst das Amt kostete.
Eine Luxusreise an die sonnige Côte d'Azur wirft neue Schatten auf den Dresdner Autokraten. Ende September 1999, kurz nach der gewonnenen Landtagswahl, gönnte sich Biedenkopf mit Ehefrau Ingrid Verwöhntage im exklusiven Monte Carlo - gratis und auf Einladung eines bayerischen Unternehmers, für dessen Geschäftsinteressen sich Biedenkopf schon mehrfach eingesetzt hatte. Der Mann ist ein alter "Biko"-Freund: Señor Max W. Schlereth, millionenschwerer Baulöwe, Generalkonsul von Ecuador und früher Spezl von Franz Josef Strauß.
Auf der stolzen 48-Meter-Yacht "Iman", die am Kai von Port Hercule unter den Zinnen des monegassischen Fürstenpalastes ankerte, ließ Gastgeber Schlereth für die Biedenkopfs ein Quartier bereitstellen, das wohl auch dem Geschmack gekrönter Häupter entsprochen hätte - wertvolle Möbel, Whirlpool, Sauna, alles vom Feinsten. Eigentlich wollte Sachsens Regentenpaar, das auf eigene Kosten nach Nizza geflogen war, auch gleich auf große Fahrt gehen. Doch die Bootspartie musste ausfallen - angeblich wegen technischer Probleme.
So logierten die Biedenkopfs samt Dresdner Personenschutzkommando tagelang auf der Megayacht (4800 PS), die im Hafenbecken dümpelte. Ein gepanzerter S-Klasse-Mercedes, aus Dresden herbeigeholt, parkte derweil am Pier. Offiziell hieß es in der Heimat, der Sachsenfürst sei viel bescheidener unterwegs - auf "Segeltörn im Mittelmeer".
Die Verbindung zwischen dem millionenschweren Konsul und Biedenkopf funktionierte offenbar nicht nur im Urlaub. In kniffligen Geschäftsangelegenheiten konnte sich Schlereth wiederum der Freundschaft seines Kumpels "Biko" sicher sein.
So schaltete sich Sachsens Premier ein, als es Probleme bei einem Immobiliendeal gab. Im Sommer 1990 hatte eine Schlereth-Firma über 120 Hektar Land unweit des Dresdner Flughafens erworben - zu Schnäppchenkonditionen. Doch zwei Jahre später fühlten sich einige Verkäufer über den Tisch gezogen.
Deren Anwalt klagte auf "Sittenwidrigkeit" der Kaufverträge und bekam gleich die lange Hand des mächtigen Schlereth-Freundes Biedenkopf zu spüren. In einem Brief vom 27. Mai 1992 an die Hamburger Rechtsanwaltskammer wetterte der Ministerpräsident: "Der Rechtsanwalt versucht offensichtlich, Regierungshandeln" durch "Drohung auszulösen". Er "wäre für eine Belehrung dankbar", ob dies denn "mit dem Standesrecht vereinbar" sei.
Den Advokaten fertigte er mit dem Satz ab, dass die Schlereth-Investition "auch in Zukunft die Unterstützung der Staatsregierung erfahren" werde, "soweit dies erforderlich ist". Grund des Zorns: Der Anwalt hatte zuvor die "gute persönliche Beziehung" zwischen Biedenkopf und Schlereth angesprochen.
Auch bei der Vermarktung der Grundstücke wurde Schlereth von der Landesregierung unterstützt. Immer dann, wenn sich Großkonzerne wie Siemens oder AMD für Bauland im Raum Dresden interessierten, brachten Staatsbeamte sein Gewerbegebiet ins Gespräch. Hilfestellung gab es mitunter sogar von ganz oben, wenn es Ärger mit der Stadtverwaltung gab. Soweit es der Gewinnung von Investoren diene, erklärt Biedenkopf zum Casus Schlereth, "schalte ich mich auch als Ministerpräsident ein". Bis heute scheiterten jedoch alle Verhandlungen an den wenig diplomatischen Preisvorstellungen des Konsuls: Das Land liegt weitgehend brach.
Währenddessen konnte sich wenigstens Biedenkopfs CDU über ein gutes Geschäft freuen: 1993 spendeten Schlereths Firmen insgesamt 60 000 Mark, aufgeteilt in drei diskrete Tranchen à 20 000 Mark.
Dafür hätte Biedenkopf seiner Ingrid gerade mal zweieinhalb Jetset-Tage auf der "Iman" spendieren können. Denn die luxemburgische Luxus-Yacht hat ihren Preis: 95 000 US-Dollar pro Woche.
"Da der Törn jedoch ins Wasser gefallen ist", sagt Sachsens Regierungssprecher Michael Sagurna, "haben die Biedenkopfs auch nichts bezahlt." Andernfalls, beteuert er, hätte man sich selbstverständlich "an den Kosten beteiligt". Vier Monate nach dem Ausflug wurde dem gastfreundlichen Konsul anderer Lohn zuteil: Beim Festakt zu seinem 70. Geburtstag lobte Biedenkopf den "lieben Freund" Max: "Solche Investoren wünschte ich mir mehr in Sachsen." SVEN RÖBEL, ANDREAS WASSERMANN
Von Sven Röbel und Andreas Wassermann

DER SPIEGEL 20/2001
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