21.05.2001

ITALIENDer unheimliche Milliardär

Mit einer Koalition aus Ex-Faschisten und Rechtspopulisten gewinnt der Medienmogul Silvio Berlusconi die Macht in Rom: ein Risiko für Italiens Demokratie und eine Belastung für Europa.
Chinesische Vasen, Marmorsims über dem Kamin, eine kleine Renaissance-Statue, an den Wänden edle Gemälde in reich verzierten Rahmen. Dazu ein kostbarer Schreibtisch und ein Stuhl wie ein Thron: Das ist Italiens neues Machtzentrum.
Aus dem prunkvollen Arbeitszimmer in seiner 147-Zimmer-Villa San Martino in Arcore, einem riesigen Park vor den Toren Mailands, sprach Silvio Berlusconi, 64, wie ein Nachfahre der Bourbonenkönige zum Volk: "Ich werde alles tun, euch nicht zu enttäuschen."
Fernsehkameras und Mikrofone übertrugen seine erste Botschaft am Tag nach der Wahl in die Studios des Staatssenders Rai und in die privaten des TV-Giganten Mediaset, an dem Berlusconi praktischerweise knapp die Hälfte der Anteile hält.
Der Star der italienischen Polit-Showmaster, Bruno Vespa, der schon im Wahlkampf mit devoten Fragen zu Diensten war, durfte ein Interview fingieren: Er lieferte im Studio die Stichworte, Berlusconi dankte, grüßte, lächelte - im dunklen Maßanzug, hellblauen Hemd und mit modisch gepunkteter Krawatte, in den Händen ein Blatt Papier mit weitschweifenden Plänen. Solche Inszenierungen wird es nun in Italien noch öfter geben.
Silvio Berlusconi, Herr über ein 50-Milliarden-Mark-Imperium aus Verlagen, Fernsehanstalten, Kinoketten, Bauunternehmen und Werbeagenturen, Eigentümer des Fußballclubs AC Mailand, Träger des Verdienstordens "Ritter der Arbeit" und als "Il Cavaliere" hofiert, hat seit dem 13. Mai eine neue Großfirma: 300 000 Quadratkilometer Gelände, 57 Millionen Beschäftigte - Italien. Wie seine Unternehmen werde er das Land führen, hatte er im Wahlkampf angekündigt, und eine breite Mehrheit nahm das als Verheißung: So einen wie ihn, so ihr Glaube, erfolgreich, durchsetzungsstark, notfalls skrupellos - solche Männer braucht das Land.
In einem fulminanten, 100 Millionen Mark verschlingenden Wahlkampf eroberte Berlusconi mit seiner Fünf-Parteien-Allianz "Casa delle Libertà" (Haus der Freiheiten) 368 von 630 Sitzen in der Abgeordnetenkammer und 177 von 315 Senatssesseln.
Auch wenn in der Provinz noch gezählt, um einige Sitze noch gestritten wird, eine Mehrheit von historischer Seltenheit im Vielparteienstaat gibt ihm nun die ersehnte Chance, das Land mit seiner 59. Nachkriegsregierung "in ein Laboratorium zur Entwicklung einer effektiven, beispielhaften Staatsmaschine" zu verwandeln, so einer der bizarrsten Sprüche Berlusconis.
Alle Warnungen heimischer Intellektueller und ausländischer Kritiker vor einer beispiellosen Machtkonzentration in den Händen des Laboratoriums-Politikers verhallten. Künftig wird der reichste Mann des Landes auch dessen Regierung führen und über die von ihm gegründete Partei Forza Italia das Parlament dominieren. Das private Fernsehen hört längst auf das Kommando Berlusconis. Nun fällt ihm auch das Staatsfernsehen zu.
Die Gewaltenteilung, ein Wesenselement jeder Demokratie, wird in Italien damit gefährdet. Und offen hat der künftige Regierungschef angekündigt, dass er auch die - noch - unbotmäßige Justiz zähmen will.
Selbst ein Heiliger käme bei dieser Anhäufung von Macht in Versuchung, Berlusconi aber ist ein Sünder mit einer langen Liste von Verfehlungen, der Italien und Europa in Bewunderer und Ankläger teilt. Einer mit dem Geruch von Macht und Geld - ein unheimlicher Milliardär.
Ihm zur Seite stehen politische Freunde, die das Misstrauen vieler europäischer Partner gegen das neue Regiment in Rom zusätzlich schüren.
Gianfranco Fini zum Beispiel, der Erbe von Mussolinis Faschistenbewegung, wird Berlusconis Stellvertreter. Seine Alleanza Nazionale (AN) ist ein Magnet für alte Duce-Fans und junge Rechtsradikale, orthodoxe Katholiken und Law-and-Order-Anhänger.
Kaum vertrauenerweckender ist Umberto Bossi, Führer der anfangs separatistischen, heute nur noch populistischen Lega Nord. Wie Fini war auch das italienische Nordlicht Bossi - er stammt aus der Nähe von Varese - Berlusconis Partner bei dessen erstem, schon nach sieben Monaten im Jahr 1994 gescheiterten Regierungsversuch.
Bossi zieht nicht nur gegen Ausländer zu Felde, die für Kriminalität und Moralverlust im Land herhalten müssen, sondern auch gegen Europa. Als verruchte Aktionen von "Freimaurern und Kommunisten" beschimpft er regelmäßig alles, was in Brüssel entschieden wird. Und wenn in Berlin oder Paris über die Zukunft diskutiert wird, wittert Bossi einen "neostalinistischen Plan" der Linken, die einen "europäischen Superstaat, eine Sowjetunion Europa", schaffen wollten.
"Wie immer, wenn es zum Schwur kommt, sind die Italiener mit uns auf einer Linie", hatte sich der deutsche Italien-Botschafter Fritjof von Nordenskjöld noch Ende vorigen Jahres beim brisanten EU-Gipfel in Nizza über die treuen Alliierten südlich der Alpen gefreut. Damit wird es wohl vorbei sein.
Der deutsche Kanzler wolle aus Europa "eine Kopie Deutschlands machen", argwöhnt ein außenpolitischer Berater Berlusconis. Wie Britanniens Tony Blair und Spaniens José María Aznar werde auch der italienische Regierungschef künftig dagegenhalten.
Während Kärntens Landeshauptmann Jörg Haider und CSU-Landesgruppenchef Michael Glos laut jubelten (Glos: "Die sozialistische Vorherrschaft in Europa bröckelt"), sieht die Mehrheit der Nachbarn Italiens Wahl mit Sorge.
"Ein schwerer Rückschlag für Europa", kommentierte das französische Wirtschaftsblatt "La Tribune". Frankreichs Außenminister Hubert Védrine kündigte "Wachsamkeit" an.
Aus Berlin ließ Gerhard Schröder kühl verlauten, er respektiere die Entscheidung des italienischen Volks. Schon vor dem Wahltag hatte Schröder mit seinem Pariser Kollegen Lionel Jospin die drohenden Wolken über Rom aufziehen sehen. Beide waren besorgt - aber ratlos. Keiner will noch einmal zu EU-Strafaktionen wie gegen Haider-Österreich aufrufen. Zu kläglich waren diese gescheitert.
Dabei sind die Schäden, die das viertgrößte EU-Mitglied anrichten kann, beträchtlich. Berlusconis Wahlversprechen bergen neue Risiken für die anfällige Gemeinschaftswährung des Euro.
Das hoch verschuldete und lange krisengeschüttelte Italien durfte 1998 dem Euro-Club nur beitreten, weil die skeptischen Partner Vertrauen in die damals entscheidenden römischen Köpfe hatten: in Regierungschef Romano Prodi und seinen Finanzminister Carlo Azeglio Ciampi. Mit einem Kraftakt begannen die beiden, ihr Land für den Euro fit zu machen - Steuern wurden erhöht, Staatsausgaben verringert, Schulden abgebaut.
Doch Prodi wurde von den eigenen Koalitionären nach Brüssel entsorgt, Ciampi zum vergleichsweise machtlosen Staatspräsidenten hochgelobt. Und jetzt hat Berlusconi das Sagen. Nächste Woche, voraussichtlich am 30. Mai, wird sich das Parlament konstituieren. Bis Mitte Juni will der neue Premier sein Kabinett eingeschworen haben. Dann wird es als Erstes das Staatsfernsehen Rai treffen. "Reiner Tisch" werde dort jetzt gemacht, dröhnte ein Parteigänger Berlusconis. Der hatte das öffentliche Fernsehen seit Jahren als "Waffe der Linken" attackiert.
Die Leitung des Senders soll gleich in den ersten Amtstagen ausgewechselt werden - und dazu unliebsame Moderatoren und Kabarettisten. "Von diesen Pfuschern", drohte Lega-Nord-Chef Bossi, "wird bald keiner mehr reden."
Zwei der drei Rai-Programme sollen, so steht es auf Berlusconis Agenda, privatisiert, der Rest zu einem Schul- und Bildungsfernsehen zurückgestutzt werden. Damit wäre das Feld frei für die Sender von Mediaset, das sich zurzeit mit der Rai und einem weiteren kleinen Privatsender die Zuschauer teilt.
Dann, ironisierte Raidue-Direktor Carlo Freccero die angekündigte Berlusconisierung des Fernsehens, werde "nur noch ein Hofnarr in Italien die Wahrheit sagen dürfen".
Nach den TV-Journalisten will die neue Rechts-Regierung den Justizapparat an die Leine legen. Nicht die "kommunistischen Staatsanwälte", von denen sich Berlusconi seit Jahren verfolgt sieht, sollen fortan entscheiden, gegen wen sie ermitteln. Das Parlament soll alljährlich festlegen, welche Verbrechen die Justiz mit Vorrang zu behandeln habe.
Im Parlament hat Berlusconi die Mehrheit. Er will, wie er in einem Interview darlegte, dass die Justiz sich künftig mehr um die Organisierte Kriminalität und weniger um Steuer- und Bilanzdelikte kümmert. Auch das wäre, zufällig, ganz hilfreich für ihn selbst: Mehrere Verfahren wegen solcher Vergehen sind gegen ihn anhängig.
Ein mehrfach angeklagter Ministerpräsident bestimmt künftig die Zukunft Europas mit. Sein Weg von der Mailänder Vorstadtstraße Via Volturno in die Milliardärsvilla von Arcore führte durch schattige Wege und dunkle Tunnel, die bis heute nicht ganz erhellt worden sind. Seine Geschäfte waren stets gewagt, er hielt Kontakt zu windigen Partnern und großen Gönnern, die Herkunft seiner Gelder: oft unbestimmt
Gewiss: Fleißig und tüchtig muss er wohl gewesen sein, der junge Silvio. Nach dem Abitur arbeitete er neben dem Jura-Studium als Staubsaugervertreter, Conférencier auf Musikdampfern und in einer Baufirma. Dort brachte er es zum Geschäftsführer. 1961 machte er sich selbständig und kam, niemand weiß genau, wie, ganz dick ins Geschäft: Seine Firma Edilnord errichtete Satellitenstädte an der Peripherie von Mailand. Da war Berlusconi gerade mal 25 Jahre alt.
Ende der siebziger Jahre begann er, sein elektronisches Imperium aufzubauen. 250 Millionen Mark flossen ihm damals von 22 "Holdings" zu. Die Identität der Geldgeber hat Berlusconi bis heute sorgsam verborgen, niemand kennt sie.
Mit dem Kapital vernetzte der Aufsteiger kleine Lokalsender zu nationalen Fernsehstationen. Freundschaftlich und hilfreich zur Seite stand ihm dabei ein damals ganz Großer: der Sozialistenchef und langjährige Ministerpräsident Bettino Craxi. Der musste später vor einer drohenden Gefängnisstrafe nach Tunesien flüchten, wo er voriges Jahr starb.
Nach Craxi geriet Anfang der neunziger Jahre fast die gesamte politische Klasse Italiens ins Visier von Polizei und Staatsanwälten. "Mani pulite" hieß das Motto der Aufräumer, "saubere Hände". Mit ihren Gönnern und oft auch Erpressern aus dem Staatsapparat wanderten Hunderte von Unternehmern und Managern vor Gericht und manche ins Gefängnis. Auch Berlusconi war nahe dran.
Dreimal wurde er zu Haftstrafen verurteilt, sechs Jahre und fünf Monate drohten ihm insgesamt. Die Gründe waren illegale Parteienfinanzierung, die Bestechung von Finanzbeamten und Bilanzfälschung. Jedes Mal rettete Berlusconi sich glücklich auf dem Instanzenweg, mal gab es einen Freispruch, mal eine rettende Verjährung.
Auch eine Amnestie war ihm zu Hilfe gekommen. Vor einem Gericht in Venedig hatte er über seine Mitgliedschaft in der berüchtigten Geheimloge P2 gelogen. In der hatten rechtsradikale Politiker und Armeeoffiziere mit gleich gesinnten Wirtschaftskapitänen ein mächtiges Netz geflochten, einen Staat im Staate, bereit zum Putsch, sollten die damals noch populären Kommunisten an die Regierung gewählt werden. Berlusconi wurde wegen Meineids verurteilt, aber er entging der Strafe durch eine Amnestie.
Ein halbes Dutzend Verfahren, etwa wegen Bilanzfälschung und Richterbestechung, sind derzeit noch offen. Aber auch die spanische Justiz ermittelt gegen Berlusconi. Beim Kauf von Anteilen an der Fernsehgesellschaft Telecinco soll der Mogul mit Tarnadressen gearbeitet und das Steuer- und Kartellrecht gebrochen haben. 64 Briefkastenfirmen in zahlreichen Steu-
erparadiesen, so glauben die Ermittler, verwalten für Berlusconi rund eine Milliarde Mark an Schwarzgeldern.
Sogar enger Kontakte zu Mafia-Bossen wurde der angehende Ministerpräsident immer wieder verdächtigt. Ausgerechnet in dieser Woche soll er in Palermo als Zeuge gegen seinen alten Vertrauten Marcello Dell''Utri aussagen. Der leitete lange Berlusconis Werbefirma Publitalia und gründete gemeinsam mit ihm die Forza-Italia-Partei, für die Dell''Utri im römischen Abgeordnetenhaus und im EU-Parlament sitzt. Nun steht er vor Gericht: Jahrelang soll er für die Unterwelt gearbeitet haben.
Ein anderer Vertrauter Berlusconis mit Mafia-Geruch ist voriges Jahr gestorben: Vittorio Mangano, der später als Cosa Nostra-Mann verurteilt wurde, hütete die Kinder in Berlusconis Arcore-Palast und saß mit am Tisch, wenn der Hausherr seine illustren Freunde aus Politik und Wirtschaft empfing.
Mafia-Aussteiger gaben zu Protokoll, das Kapital für Berlusconis TV-Imperium stamme vom damaligen Mafia-Boss Stefano Bontade. Bewiesen wurde das allerdings nie.
Zweifelhafte Geschäfte, dubiose Freunde, heikle Prozesse: Eine vergleichbare Verquickung privater und wirtschaftlicher Interessen samt gravierender persönlicher Justiz-Probleme mit dem Führungsamt im Staat wäre in jedem anderen Land schwer vorstellbar. In Italien haben der Verdacht auf Schwarzgeld und hemdsärmeliger Rechtsbruch vermutlich sogar geholfen.
Hohe Steuern und eine quälend langsame und unberechenbare Bürokratie nerven die Italiener seit Jahrzehnten. Eine ganze Nation bedient sich halb legaler oder auch gänzlich illegaler Tricks. Nur in Griechenland ist die Schattenwirtschaft größer. Probleme mit der Justiz wie Berlusconi haben viele - sollen sie ihm seine krumm nehmen, nur weil die ein paar Nummern größer sind?
Das Vertrauen in staatliche Institutionen, das zeigen alle Umfragen, geht in Italien gegen null. Vor allem die politische Klasse hat ihre Glaubwürdigkeit verspielt, und das völlig zu Recht: Wie auf einer Operettenbühne produzierten sich die Matadore in Rom, verbündeten sich zu Koalitionen, die bei nächster Gelegenheit schnell wieder platzten. 156 Parlamentarier wechselten während der letzten Legislaturperiode die Partei, manche sogar mehrmals. Ihre Arbeit ließen die Pfauen der Politik liegen.
So entstand die Sehnsucht nach einem starken Mann, nach Silvio Berlusconi. Der strahlte Optimismus und Erfolg aus, passte in das Wunschbild des Durchschnittsitalieners - und dazu noch Berlusconis schöne Frau, die Ex-Schauspielerin Veronica Lario, 44. Obschon dies die zweite Ehe des Magnaten ist, hat er auch noch ein gutes Verhältnis zu Papst Johannes Paul II., mehr ist nicht möglich.
"Warum", so die Logik des Zeitungs- und Tabakverkäufers, der kleinen Fabrikanten im wirtschaftsstarken Norden und der Bauern im strukturschwachen Süden, "warum soll der es nicht einmal probieren? Was kann er schon verschlimmern?"
Auch ihre Reputation wähnten die Italiener in Gefahr: geringes Wachstum, die höchsten Schulden, Rückstand bei modernen Technologien, eine brüchige Infrastruktur. Italiens Lack sei ab, Berlusconi solle übernehmen, glaubten die Wähler.
Italiener denken an ihre Familie, an die Freunde, maximal an ihr Dorf oder an ihre Stadt - ein Nationalgefühl haben sie nicht. Das ist das gängige Klischee südländischer Befindlichkeit. Tatsächlich reagiert das Italienervolk empfindlich, wenn es um das Ansehen seines "bel paese" geht, des wahrlich schönen Landes.
Sie haben den besten Käse und die eleganteste Mode der Welt, den köstlichsten Wein und die herrlichsten Kirchen, sogar wieder saubere Strände. So wie jeder Italiener "bella figura" machen will, einen überzeugenden Eindruck, soll auch sein Land glänzen.
Kritik von außen ist wenig willkommen, schon gar nicht aus Deutschland, dem Objekt der italienischen Hassliebe.
Empörung herrschte im Land, als vorletzte Woche deutsche Medien italienischen Pasta-Weizen in den Verdacht radioaktiver Behandlung brachten und über Chemierückstände in Erdbeeren berichteten. Die Deutschen wollten die Konkurrenz aus dem Süden ausschalten, grollten Zeitungskommentatoren, Verbandsfunktionäre und Marktfrauen.
Die Italiener messen sich an den Deutschen, bewundern deren Effizienz, bedauern aber deren karge Welt und deren Essen mit dunklen, schweren Soßen. Sie schätzen die Deutschen, so lautet ein gängiger Soziologensatz, aber sie lieben sie nicht. Deutsche, umgekehrt, lieben die Italiener, aber schätzen diese nicht.
Die Deutschen zog es schon immer gen Süden. Sie kamen als Eroberer - von Kaiser Friedrich Barbarossa bis zu den Divisionen Hitlers - oder als Schwärmer. Goethe fand im Land, in dem die Zitronen blühen, die "Urphänomene" aller menschlichen Existenz, verbrachte in Rom und Sizilien "die glücklichste Zeit meines Lebens". Die deutschen Romantiker himmelten die Berge im Trentino und die Wasserfälle von Terni an. Einen klaren Blick aufeinander fanden Deutsche und Italiener nie. Bis heute nehmen sie vor allem ihre Vorurteile wahr: Musik und Mafia, Pasta und Pizza, Banken und Beethoven, Kartoffeln und Kraut.
Gemeinsam mit Frankreich dominieren die Teutonen die Europäische Union. Italien, Gründungsmitglied und Europa-begeistert, wird oft übergangen oder als Schlusslicht befragt. Das schmerzt.
Eine "katholische Südachse" mit Spanien stellt Berlusconis Rechtsfront in Aussicht. Gemeinsam werde man den dominanten Galliern und Germanen Paroli bieten. Erster Konfliktfall: Die Osterweiterung der EU werde von Rom "abgebremst", so der künftige Wirtschaftsminister Giulio Tremonti, wenn es keine "Kompensation" für den italienischen Süden gibt.
Der ehemalige Außenhandelsminister Renato Ruggiero, Fiat-Manager, Chef der Welthandelsorganisation und heute Banker in der Londoner City, soll die neue Außenpolitik als Ressortchef exekutieren.
Statt auf Europa will Berlusconi mehr auf die USA setzen. "Ich stehe auf Seiten Amerikas", biederte er sich der "New York Times" an, "noch ehe ich weiß, wo Amerika selber steht." 45 Minuten habe er am Mittwoch mit Bush telefoniert, prahlte er. Und natürlich ist Berlusconi wie Bush gegen das Umweltabkommen von Kyoto.
Am Donnerstag machte der designierte römische Regierungschef telefonisch auch dem deutschen Kanzler seine Aufwartung. Italien bleibe verlässlich, ein guter Euro-Partner, versuchte er Schröders Vorbehalte gegen die neuen Herren des Stiefellandes abzubauen. Auch vor Bossi müsse sich niemand fürchten: Der Lega-Chef werde nicht gebraucht zum Regieren, der werde nichts zu sagen haben.
Berlusconi verspricht, was alle wünschen. Dabei hat er das alles schon einmal versprochen: 1994, bei seinem ersten Versuch zu regieren.
Seine neue Partei Forza Italia hatte er im Jahr zuvor aus dem Boden gestampft. PR-Strategen seiner Werbegesellschaft Publitalia mit ihrem weit verzweigten Filial- und Vertreternetz zogen überall im Land Forza-Italia-Clubs auf. Der Wahlkampf war geplant wie für Waschpulver, und Geld spielte keine Rolle. Seine Fernsehkanäle sendeten das Hauptprogramm: Berlusconi. Der Überitaliener offerierte sich als Exorzist, der die kommunistischen Geister verjagen und ein schöneres Italien für alle schaffen würde.
Ein Rechtsbündnis, das damals aus der Taufe gehoben wurde, machte den politischen Neuling zum Regierungschef. Zum ersten Mal in der italienischen Nachkriegsgeschichte erhielten durch ihn Neofaschisten Ministerämter.
Kaum im Amt, zog die Berlusconi-Truppe gegen die "Mani pulite"-Justiz ins Gefecht. Ihr "decreto Biondi", benannt nach Justizminister Alfredo Biondi, wurde vom Volksmund in "decreto salva ladri" umgetauft, in den "Rettungserlass für Diebe".
Bestechung und Erpressung wurden darin zu geringfügigen Vergehen herabgestuft, 156 Personen wurden umgehend aus der Untersuchungshaft entlassen, darunter viele Mafiosi - und ein früherer Minister. Als halb Italien auf der Straße demonstrierte und die Regierung mit Protestschreiben eindeckte, wurde das Dekret allerdings zurückgezogen.
Außer Staatsanwälten und Richtern standen die Fernsehleute der Rai am Berlusconi-Pranger: Alle Programm- und Nachrichtendienstleiter wurden auf Regierungstreue hin durchleuchtet und, wo es nötig schien, ersetzt. In den Nachrichten dominierten plötzlich Modenschauen und Berichte über Prominente, die Regierung ließ eigene Werbespots ausstrahlen. Tg1, die Rai-Hauptnachrichtensendung, verlor Zuschauer, Meinungsführer wurde Tg5 - vom Berlusconi-Fernsehen.
So schön hätte alles werden können für König Berlusconi und seinen Hofstaat - hätte es diesen rüden Rüpel aus dem Norden nicht gegeben: Umberto Bossi. Dessen Lega Nord ist als Protestpartei der kleinen Leute entstanden, die sich über korrupte Politiker ebenso erregen wie über kriminelle Ausländer. Auch eine Rentenkürzung stieß auf Widerstand. Bossi votierte deshalb im November 1994 erstmals mit der Opposition gegen den Chef.
"Niemals mehr" wollte er, Berlusconi, mit dem ungetreuen Vasallen zu tun haben, schwor der Medien-Magier nach seinem abrupten Abgang - und Bossi versprach dasselbe. Nun hocken beide wieder beisammen als Freunde.
Bossi hat indessen ein Problem. Weil er seine Aktivisten der Lega Nord an die Leine gelegt und auf einen Pakt mit Berlusconi eingeschworen hat, sind ihm die Anhänger und Wähler davongelaufen. Von 10,1 Prozent der Stimmen 1996 sackte die Lega auf 3,9 Prozent ab. Wahlverlierer Bossi braucht einen Erfolg, sonst ist es politisch um ihn geschehen.
Den Präsidentenstuhl in einer der beiden Kammern und das Innenministerium fordert er nun für seine Lega-Leute und vor allem die "Devolution": die Dezentralisierung staatlicher Macht und Aufgaben, mehr Selbstverwaltung der Regionen sowie mehr Steuermittel denen, die sie aufbringen. Berlusconi müsse all das in den ersten 100 Amtstagen erledigen, fordert Bossi, "sonst platzt das Ganze".
Doch die Wehr Bossis schimmert nicht mehr, seine Truppen reichen nicht aus, um Berlusconi die Mehrheit zu nehmen. Der unheimliche Milliardär hat freie Bahn. HANS-JÜRGEN SCHLAMP
* Nach dem Finale im Europapokal der Landesmeister gegen Benfica Lissabon (1990).
Von Hans-Jürgen Schlamp

DER SPIEGEL 21/2001
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ITALIEN:
Der unheimliche Milliardär

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