21.05.2001

MÄNNEREinfach dumm

Berliner Ärztekammer und Senat stehen Klagen ins Haus - sie sollen für misslungene Penisverlängerungen eines dubiosen Mediziners haften.
Manchmal liegen zwischen Glück und Unglück nur einige Zentimeter. Bei Hans S., einem Ingenieur aus Südhessen, waren es genau acht. Um diese Länge, so versprach ihm ein Arzt, lasse sich sein vermeintlich zu kurz geratener Penis verlängern.
Heute muss der 46-jährige Patient froh sein, dass er seine drei Kinder schon gezeugt hatte, ehe er sich dem durch Fernsehauftritte berühmt gewordenen dänischen Arzt Jørn Ege Siana auslieferte, der in Berlin praktizierte. Das beste Stück des Ingenieurs ist jetzt kürzer als zuvor und hat einen mächtigen Drall zur Seite, der normalen Verkehr unmöglich macht: "Außer Pinkeln geht gar nichts mehr."
Der Berliner Rechtsanwalt Lutz Hambusch hat nun für ihn und einen Leidensgenossen eine höchst ungewöhnliche Klage eingereicht: nicht gegen den Arzt, sondern gegen das Land Berlin und die Ärztekammer, denn beide ließen den Dänen gewähren.
Gut 200 000 Schönheitsoperationen gibt es jährlich in Deutschland, inzwischen ist jeder fünfte Patient männlichen Geschlechts, Tendenz steigend. Der Glaube, Attraktivität einfach kaufen zu können, macht auch vor dem Genital nicht Halt.
"Unglaubliche Scharlatane" sind für den Frankfurter Urologie-Professor Gerd Ludwig da am Werke, Beutelschneider, die mit der Not ihrer Patienten viel Geld verdienen. Mediziner, die eine Penisverlängerung anböten, seien per se unseriös, schimpft Ludwig, "ein anständiger Mensch operiert so etwas nicht".
Die gängigste Methode der vermeintlichen Heilsbringer ist, das Ligamentum suspensorium penis einfach zu durchtrennen - ein Band, das den Phallus hält. Jener rutscht durch den Eingriff etwa zwei Zentimeter aus dem Bauchraum, verliert dabei aber jede Standfestigkeit: "Ohne Haltung schwankt der Penis wie ein betrunkener Seemann im Sturm", so Ludwig. Außerdem: Im erigierten Zustand bleibt die Länge gleich, denn die Schwellkörper lassen sich nicht verlängern.
An "Wellblech" fühlt sich der Spezialist für plastische Penischirurgie gar erinnert, wenn wie bei den Opfern des dänischen Mediziners auch noch mit der Fettspritze hantiert wird. Dabei entnimmt der Arzt Fettzellen aus Bauch, Po oder Oberschenkel und injiziert sie ins Glied. Dort verklumpt und verhärtet sich das Gebräu - es entstehen, so Ludwig, "Peniskrüppel".
Das Leiden des Ingenieurs Hans S. begann 1996 mit der Sat.1-Sendung "Schreinemakers". Ein Bericht über den dänischen Arzt Ege Siana, der schon 1300 Männern zu voller Pracht verholfen haben wollte, elektrisierte ihn. Er rief eine Mitarbeiterin des dänischen Operateurs an. "Alle versicherten mir großartige Erfolge, nie habe es Probleme gegeben, stattdessen haufenweise Dankesbriefe", erinnert sich der Mann und stellt bitter fest: "Ich war einfach saudumm."
Der Hesse verabredete sich im August 1996 zur Operation in Berlin und zahlte 16 000 Mark. Doch schon bald nach dem Eingriff schwand die Hoffnung auf eine prall gefüllte Hose. Eiter lief aus der Wunde, Ege Siana schickte Schmerzmittel und Antibiotika. Dann folgten wochenlange Aufenthalte in anerkannten Kliniken, Nachoperationen waren erforderlich. Auf Fragen des SPIEGEL zu seinen Patzern mochte der Arzt selbst nicht antworten, ließ aber durch einen Freund die Vorwürfe als "unverschämt" zurückweisen; so habe Ege Siana nie eine bestimmte Penislänge versprochen.
Mehrere Prozesse gegen den Dänen hat Anwalt Hambusch für den Ingenieur und seinen Leidensgenossen freilich bereits gewonnen, Schmerzensgelder und Honorarrückzahlungen erstritten.
Nur haben seine Mandanten davon nichts. Denn obwohl Ege Siana nun in Kopenhagen in einer schicken Privatklinik weiter Hand anlegt, ist angeblich kein Pfennig bei ihm zu holen. Offiziell ist er pleite.
Deshalb hat Hambusch jetzt den Berliner Senat und die Ärztekammer wegen Amtspflichtverletzung verklagt (Az. 9 O 266/01) - und betritt damit juristisches Neuland. "Der Arzt hatte keine Haftpflichtversicherung abgeschlossen", erklärt der Rechtsprofessor. Die Ärztekammer sei für die Einhaltung der Versicherungspflicht zuständig und somit haftbar zu machen. Eine Kontrolle der ärztlichen Versicherungspolicen, gesteht deren Sprecherin Sybille Golkowski, finde in der Regel nicht statt. Man gehe davon aus, dass Mediziner aus eigenem Interesse entsprechende Verträge abschließen.
Zugleich nimmt Anwalt Hambusch die Senatsverwaltung für Arbeit und Soziales ins Visier, weil die dem Dänen die Approbation erteilte, trotz fehlender Versicherung.
Zudem war es riskant, Ege Siana die Lizenz zum Schneiden zu geben. Jeder Fachmann wisse, glaubt Urologe Ludwig, dass Penisverlängerung in der Regel nicht nur Quacksalberei sei - sondern auch überflüssig. "Viele Männer haben eine völlig falsche Vorstellung von ihrer natürlichen Ausstattung", stellt Professor Ludwig immer wieder fest. In seine Praxis kämen zunehmend junge Männer, die sich für zu kurz geraten halten, aber "völlig normal" seien.
Meist versucht er, sie mit einer Statistik der "Gesellschaft für Rationelle Psychologie" von gefährlichen Operationen oder teuren Wundermittelchen fern zu halten. Danach bringt der Durchschnittsdeutsche - erigiert - eine Kopulationstiefe von gerade mal 16,4 Zentimetern zu Stande.
Die Messungen an 2800 Männern haben allerdings regionale Unterschiede aufgezeigt: Der Dresdner bringt es im Schnitt auf 17,4 Zentimeter, der Hamburger liegt mit 16,8 im Mittelfeld, und der Stuttgarter muss sich mit 15,6 Zentimetern zufrieden geben. BARBARA SCHMID
Von Barbara Schmid

DER SPIEGEL 21/2001
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