21.05.2001

FILMFESTSPIELEVon den Göttern geschlagen

Um Tod und Trauer kreisten viele Filme im Wettbewerb von Cannes: Mit Mut zur Tragik widersetzten sich die herausragenden Beiträge des Festivals den Unterhaltungszwängen Hollywoods.
Aus dem Nichts tauchen die Fotografen auf, und weil, wo Fotografen sind, auch die Fotografierenswerten nicht weit sein können, bleiben erwartungsvoll die ersten Passanten stehen. Nach wenigen Minuten drängt sich eine zähe, unruhig blubbernde Menschenmasse wie Lava um den Hintereingang des Hotels Majestic - und dann kommt er.
Im Smoking, das Resthaar so blendend weiß wie sein Lächeln und die unverwechselbare Knollennase gebräunt zur Farbe eines Grillhähnchens, so genießt Jean-Paul Belmondo das Klatschen der Fans und das Geschrei der Fotografen. Er tuschelt mit dem Wunder der Schönheitschirurgie an seiner Seite und winkt huldvoll.
Vor 42 Jahren hat Belmondo "Außer Atem" gedreht, jenen europäischsten aller Filme, der ihm und seinem Regisseur Jean-Luc Godard zu Weltruhm verhalf. Damals waren sie ein junges, unschlagbares Gespann. Bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes traten Belmondo, 68, und Godard, 70, nun kurz nacheinander auf - so verschieden, dass man sich das Dream-Team der Nouvelle Vague heute zusammen kaum noch vorstellen kann.
Während Belmondo mit dem Charme eines sorglosen Côte-d'Azur-Rentners den Glamour genoss, brachte Godard zur Premiere seines Wettbewerbsfilms "Eloge de l'amour" gleich einen Stapel Bücher mit und blinzelte misstrauisch, streng und unrasiert in die Menge.
Bejubelt aber wurden sie beide, Belmondo und Godard, der Bonvivant und der Denker. Das ist das Wunderbare an Cannes: Alles, was Kino ist, findet hier seine Fans, und mit jedem Beifallssturm feiert das Festival nicht zuletzt sich selbst und seine große Vergangenheit. So schwang in den Huldigungen für Belmondo und Godard auch eine Art Dankbarkeit dafür mit, dass diese großen alten Männer noch unter den Lebenden weilen.
"Denken Sie manchmal an den Tod?", fragt ein Regisseur eine ältere Frau, vermutlich eine Bewerberin für eine Rolle, in Godards "Eloge". Der Film ist ein essayistischer, mit Gedankenfragmenten, Themen, Aperçus und alt-avantgardistischen Verfremdungsstrategien überladener Leinwand-Zettelkasten. Und doch stellte Godard inmitten seines Overkills der Zeichen die Frage, die das Festival beherrschte - und das lag nicht nur daran, dass Cannes in diesem Jahr ein Festival der alten Männer war: Neben Godard nahmen noch der Franzose Jacques Rivette, 73, der Italiener Ermanno Olmi, 69, der Japaner Shohei Imamura, 74, und der Portugiese Manoel de Oliveira, 92, am Wettbewerb teil.
Auch viele jüngere Filmemacher vertieften sich in existenzielle Fragen nach Tod, Hinfälligkeit und Verlust, in Rituale des Trauerns und die Schwierigkeit des Weiterlebens - als sei Tragik der einzige Weg, sich den aggressiv optimistischen Show-Erwartungen des Hollywood-Systems zu widersetzen. Angesichts dieser Ernsthaftigkeit wirkten die altklug-verspielten L'art-pour-l'art-Exerzitien, die sowohl die Coen-Brüder (mit "The Man Who Wasn't There") als auch David Lynch (mit "Mulholland Drive") beisteuerten, wie ratlose Ausläufer einer Postmoderne, die ihre Themen erschöpft hat.
Fast grimmig hatten dagegen der Katalane Marc Recha, 30, und der Japaner Hirokazu Kore-eda, 38, am Anfang des Festivals in ihren Filmen dem Schmerz von Hinterbliebenen nachgespürt (siehe SPIEGEL 20/2001). Ihnen folgte das Familiendrama "La stanza del figlio" ("Das Zimmer des Sohnes"), der anrührendste und uneitelste Film, den der grandios eitle Italiener Nanni Moretti, 47, je gedreht hat. Von einem Psychoanalytiker (Moretti selbst) und seiner Familie erzählt der Film, von Ärger in der Schule und den gemeinsamen Abendessen, davon, wie die Eltern, der Sohn und die Tochter eines Tages im Auto alle zusammen einen albernen Schlager anstimmen, der gerade im Radio läuft. "La stanza del figlio" erzählt vom Glück.
Das ist schwer, denn glückliche Familien haben bekanntlich keine Geschichte, aber Moretti schafft es mit einfachsten Mitteln. Und dann, ganz plötzlich, platzt die Katastrophe mitten ins Glück. Der 17-jährige Sohn Andrea stirbt bei einem Tauchunfall.
Wie die Trauer die Restfamilie fast auseinander reißt und wie sie alle auf eigene Weise versuchen, mit dem Schicksalsschlag fertig zu werden, das zeigt Moretti mit einem Großmut und einer Klarheit, die seine selbstverliebten früheren Filme (etwa "Liebes Tagebuch") nicht vermuten ließen.
Ebenso drastisch lässt der greise Cannes-Dauergast Oliveira, der sehr kregel an der Croisette herumspazierte, in seinem Wettbewerbsbeitrag "Vou para casa" ("Ich gehe nach Hause") das Verhängnis über seinen Helden hereinbrechen. Michel Piccoli spielt einen Pariser Theaterstar, der zuerst auf der Bühne als sterbender Ionesco-König über die grausige Kürze des Lebens philosophiert. Nach dem Schlussbeifall erfährt er, dass Frau, Tochter und Schwiegersohn bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind; den Enkel wird er gemeinsam mit der Haushälterin betreuen.
In schönen, ruhigen Kameraeinstellungen zeigt Oliveira, wie der von den Göttern geschlagene Alte sich ins Leben zurück tastet. Der Schauspieler kauft sich neue Schuhe. Er spielt erneut Theater, flaniert mit stillem Lächeln durchs sommerliche Paris und fühlt sich plötzlich wieder jung.
Das ist sein Verderben. Obwohl er die Arbeit beim Film verabscheut, springt er ein beim Großprojekt eines berühmten amerikanischen Regisseurs (John Malkovich in einem skurrilen Gastauftritt). Er wird auf jung geschminkt, scheitert beim Aufsagen des englischen Texts und schleicht tödlich verwirrt nach Hause. Der Tod erwischt einen, so Oliveiras Moral, gerade wenn man ihm noch einmal entkommen zu sein glaubt.
Im jüngsten Regiewerk des Amerikaners Sean Penn, 40, der in Cannes (einmal mehr) verkündete, in Zukunft nicht mehr als Darsteller, sondern nur noch als Regisseur arbeiten zu wollen, setzt die Trauer einer verzweifelten Mutter eine verhängnisvolle Handlungskette in Gang. Nachdem ihre Tochter missbraucht und ermordet worden ist, presst sie einem alternden Kriminalpolizisten das Versprechen ab, dass er den Schuldigen finden wird. Obwohl seine Kollegen einen Verdächtigen verhaften, der sich sogleich erschießt, versucht der Polizist, nun im Ruhestand, in jahrelanger Kleinarbeit den wirklichen Täter, einen mutmaßlichen Serienmörder, aufzuspüren.
Die Story erinnert nicht von ungefähr an den Filmklassiker "Es geschah am hellichten Tag" mit Heinz Rühmann und Gert Fröbe aus dem Jahr 1958: Sie beruht auf derselben Vorlage. Aus Friedrich Dürrenmatts Roman "Das Versprechen" macht Penn "The Pledge", einen Film für und mit Jack Nicholson. Das Geschehen ist aus der Schweiz verlegt ins Hochgebirge von Nevada, ansonsten aber folgt Penn streng Dürrenmatt. Der Film zeigt den erstaunlich kontrollierten, in seiner Einsamkeit, seinen Ängsten und seinem Gram verbohrten Nicholson; er zeigt die raue, tödlich abweisende Bergwelt; und er verzichtet auf alles Reißerische.
Das Böse ist unspektakulär, fast unsichtbar bei Penn, die Besessenheit seines Helden aber, der selbst schwere Schuld auf sich lädt, um sein Versprechen zu halten, gräbt sich ins Bewusstsein des Zuschauers: Es gibt keine Gerechtigkeit, und der Wille zum Guten zieht unweigerlich das Böse nach sich. Überall lauern Zeichen des Todes in "The Pledge", weil sein Held gar nichts anderes in der Welt mehr erkennen kann. Er ist eigentlich selbst schon tot.
Ins Kino zu gehen, bedeute, dem Tod bei der Arbeit zuzuschauen. Diesen Satz von Jean Cocteau, einem geistigen Vater der Nouvelle Vague, haben die Filme von Cannes diesmal besonders wörtlich genommen. WOLFGANG HÖBEL, SUSANNE WEINGARTEN
Von Wolfgang Höbel und Susanne Weingarten

DER SPIEGEL 21/2001
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