28.05.2001

KRIMINALITÄTVerwelkende Blüten

Ein gutes halbes Jahr vor der Euro-Einführung wird es für Steuerhinterzieher und Gangster eng. Heiße oder gefälschte Banknoten müssen auf den Markt.
Auf der "Boot" in Düsseldorf, Weltmesse des Wassersports, findet der Skipper alles, was das Herz begehrt. Yachten aus einfacher Kunststoffschale oder aus edlem Holz, schlicht oder protzig, schlank oder bullig. Die Preisskala ist nach oben offen.
In diesem Januar waren die Aussteller besonders zufrieden, der Absatz lief wie geschmiert. "Noch nie", sagt Kriminalrat Siegfried Lantermann vom Landeskriminalamt (LKA) Nordrhein-Westfalen, "wurden so viele Schiffe bar bezahlt."
Lantermann ist Euro-Beauftragter des LKA und deshalb von Berufs wegen misstrauisch. Er wird den Verdacht nicht los, dass auf der "Boot" mancher Schein zweifelhafter Herkunft an Polizei und Steuer vorbei eilends in eine schicke Yacht investiert wurde.
Die Zeit drängt, bald ist Schluss mit der guten alten Mark. Mit Beginn des nächsten Jahres ist der Euro offizielles Zahlungsmittel, lediglich für eine Übergangszeit von zwei Monaten kann dann noch mit Mark bezahlt werden. Später wechseln nur noch die Zentralbanken alte Scheine, und die prüfen sehr genau. Schwarzgeld oder Profite aus Verbrechen müssen deshalb jetzt unters Volk oder aufs Konto, ebenso alle Blüten, denn bald werden sie verwelken.
Dennoch gibt sich die Bundesregierung betont gelassen. Nichts soll den Rest Freude am eh schon wegen des schwachen Wechselkurses angekratzten neuen Geld trüben. "Die Innenministerkonferenz hat bei der Gefahrenabschätzung keine Besonderheiten festgestellt", sagt der sozialdemokratische Innenstaatssekretär Henning Schapper, Koordinator der Bundesregierung für Sicherheitsfragen bei der Euro-Bargeldeinführung.
Von seinem Büro im elften Stock hat er einen wunderschönen Blick über die Hauptstadt. Dort oben ist er freilich weit weg von der Front. In Sachen Falschgeld, räumt Schapper zwar ein, berichteten einige Bundesländer über einen bemerkenswerten Anstieg, aber: "Bei der Geldwäsche hat es bislang keine Auffälligkeiten gegeben."
Dabei hätte ein Anruf zum Ortstarif die Euro-Geburtshelfer da belehren können. "Die jüngste Entwicklung", sagt Klaus Schubert vom Berliner Polizeipräsidium, "lässt auf eine deutliche Steigerung der Geldwäsche-Verdachtsanzeigen schließen."
Tatsächlich melden Banken und Sparkassen im ganzen Land verstärkt Verdachtsfälle von Geldwäsche, wozu sie bei dubiosen Transaktionen gesetzlich verpflichtet sind.
So sind bei der Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft in den ersten fünf Monaten dieses Jahres schon fast genauso viele Geldwäsche-Meldungen aufgetaucht wie im ganzen vergangenen Jahr. "Von Januar bis Mai 2000 hatten wir 188 Verdachtsfälle, in diesem Jahr sind es schon 508", sagt Oberstaatsanwalt Günter Wittig. Im Vorfeld der Euro-Bargeldeinführung seien die Banken sensibler geworden. In Stuttgart und Hamburg sieht es ähnlich aus (siehe Grafik).
Verdoppelt hat sich in einigen Ländern bereits das Falschgeldaufkommen im ersten Quartal 2001 im Vergleich zum Vorjahr. In Essen flog vor wenigen Wochen beispielsweise eine Fälscherbande auf, die recht simpel per Computer und Hewlett-Packard-Drucker Zwanziger, Fünfhunderter und Tausender herstellte. Im Keller der Fälscher lagerten Blüten im Wert von 220 000 Mark.
Auch Ingmar Weitemeier, Chef des LKA Mecklenburg-Vorpommern, registriert schon jetzt eine Verdopplung des Falschgeldaufkommens gegenüber dem Vorjahr. Vor allem falsche Zwanziger und Hunderter seien aufgetaucht, aber auch Fünfhunderter: "Das gab's bei uns noch nie."
Dabei könne der richtige Falschgeldboom, befürchten hessische Ermittler, erst noch bevorstehen - nämlich in der absehbar hektischen Umtauschphase, wenn allein in Deutschland 2,5 Milliarden Banknoten im Wert von knapp 300 Milliarden Mark getauscht werden müssen.
Spätestens ab September, wenn die ersten Euro-Noten an den Handel ausgeliefert werden, steigt die Gefahr, dass Ganoven an die bislang noch geheim gehaltenen Scheine kommen und hastig erste Kopien auf den Markt werfen. "Die Fälscher könnten ausnutzen, dass die Bevölkerung mit dem neuen Geld noch nicht vertraut ist", befürchtet Eduard Liedgens vom LKA Bayern.
Die sauberen Mark-Scheine tauschen, die schlechten melden - da kommt viel Arbeit auf Kassierer in Banken, Sparkassen und Postfilialen zu. Außerdem sollen sie noch registrierte Scheine im Wert von 120 Millionen Mark aus Lösegeldern und Überfällen herausfischen, die in den vergangenen Jahren in Deutschland verschwunden und bis jetzt nicht wieder aufgetaucht sind.
Um den Kassierern diese Arbeit zu erleichtern, erwägt die Bundesregierung, sämtliche 60 000 Filialen der deutschen Geldinstitute mit Software zum Erkennen der registrierten Banknoten auszustatten - auf CD oder via Internet könnten sie die Nummern der vermissten Scheine bekommen.
Je besser das klappt, desto schärfer wird freilich die Polizei unter Druck geraten, muss sie doch dann jedem Verdacht nachgehen. Staatssekretär Schapper empfiehlt deutschen Polizeiführern, Großeinsätze in der heißen Phase zu vermeiden, um Ressourcen zu schonen. BEAT BALZLI,
ANDREAS ULRICH
Von Beat Balzli und Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 22/2001
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