28.05.2001

STASIGewichtige Allianz

Katarina Witt klagt gegen die Herausgabe ihrer Akten - wie Helmut Kohl will sie verhindern, „dass andere in meinem Leben lesen“.
Der Weltstar hatte Hilfe gewünscht, und gänzlich unbürokratisch half die Stasi. Zuerst kamen "Bereitstellung und Ausbau einer Einraum-Neubauwohnung in Karl-Marx-Stadt", dann die "Beschaffung eines Pkw Lada 2107", schließlich die "Beschaffung eines Pkw Wartburg für ihre Eltern".
Der Weltstar bedankte sich, "weil ich meinen Werbewert für die DDR gar nicht begriff und eben höflich bin". Das sagt Katarina Witt, 35, heute und lacht beim Gedenken an "diesen anderen Planeten" namens DDR, auf dem niemand ohne Pass und ohne Papierticket zum Flughafen fahren und mal eben nach Monte Carlo fliegen konnte - so wie die zweimalige Eiskunstlauf-Olympiasiegerin Witt vorige Woche.
Damals, vor 13 Jahren, nahm die Staatssicherheit den Dank der Diva ernst. Es bestehe ein "echtes Vertrauensverhältnis", denn "Katarina Witt sieht im Ministerium für Staatssicherheit einen Partner, dem sie alle Probleme und Sorgen, bis hin zu ihren Beziehungen zu Männern anvertrauen kann", steht in einem Stasi-Schreiben an den werten Genossen Armeegeneral Erich Mielke.
Acht Bände umfasst die Akte Witt (Vorgang "Flop"), die im Archiv der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes verwahrt wird. Sind solche Dokumente Allgemeingut oder Privatsache? Ist, wie es das Stasi-Unterlagen-Gesetz vorsieht, das Interesse von Historikern oder Journalisten höher einzustufen - oder der Schutz Einzelner, auch wenn sie, wie Helmut Kohl oder Katarina Witt, prominent und damit im rechtlichen Sinn Personen der Zeitgeschichte sind? Elf Jahre nach der Einheit werden Gerichte darüber entscheiden müssen.
Denn nach dem Einheitskanzler klagt nun auch der gesamtdeutsche Sportstar gegen die geplante Herausgabe der Akten. Per einstweiliger Anordnung, die ihr Anwalt Heinz Düx am vergangenen Freitag an das Verwaltungsgericht in Berlin schickte, will die Eiskunstläuferin die Freigabe von 1354 Blatt aus ihren Akten verhindern. Ein Journalist hatte die Dossiers angefordert, und die Aktenbehörde will liefern; da lasse das Gesetz keinen Spielraum. Rechtsanwalt Düx schreibt hingegen, es handele sich "durchweg um personenbezogene Daten der Mandantin", die "die Öffentlichkeit nichts angehen".
Das sieht Aktenhüterin Marianne Birthler anders, und darum gibt es in diesen Tagen eine Neuauflage jener Rangelei, die die Behörde schon seit Wochen im Fall Kohl erlebt. Birthler weiß, dass Innenminister Otto Schily (SPD) nach einem Weg sucht, die Herausgabe von Opfer-Akten zu stoppen. Da kommt das "befremdliche Bündnis" (Witt) zwischen Kohl und Witt, der ersten Ostdeutschen, die klagt, gewichtig daher. "Ich will keine neuen Diskussionen", sagt Katarina Witt, "die Akten sind so intim wie Tagebücher, und ich möchte nicht, dass Menschen nun ein zweites Mal in meinem Leben lesen."
Am 4. Juli ist der erste Verhandlungstag in Sachen Kohl; der Fall Witt könnte im Windschatten geklärt werden. Am Freitag zeigte sich die Behörde auf telefonische Anfrage der Richter bereit, bis zur endgültigen Entscheidung mit der Herausgabe der Akten
zu warten - allerdings ist der Fall Witt ein wenig komplizierter als der des Altkanzlers.
An den meisten Stellen dokumentieren die Papiere, auf welch bizarre Weise Katarina Witt bespitzelt wurde - damit ist sie Opfer. Ihre Wohnung war verwanzt, Spitzel berichteten über ihr "körperliches Befinden", und Hunderte Seiten beschäftigen sich mit Witts Verhältnis zu ihrer Trainerin. Und dann steht da, was in Hotels so passierte. Oder passiert sein könnte. "Ab 20.00 Uhr gab es Intimverkehr zwischen den beiden Personen, der um 20.07 Uhr beendet wurde", heißt es. Diese "Erfindung" zitiert Witt in ihrer Autobiografie, und wenn es so gewesen wäre, sagt sie, "wäre es doch ein bisschen flüchtig gewesen".
Einige Passagen belegen aber auch, wie offen die Witt mit der Stasi sprach, und dass sie, so sieht es die Behörde, eindeutig auch Begünstigte der Geheimen war. Zumindest die Veröffentlichung dieser Aktenteile wird sie sich wohl gefallen lassen müssen. Katarina Witt sagt selbst, dass sie "von diesem Staat überzeugt" gewesen sei. Inoffizielle Mitarbeiterin (IM) war sie nie; "zum Glück bin ich nie gefragt worden".
Bei ihr ging es der Stasi darum, den Devisenfluss zu sichern: "Holiday on Ice zahlt insgesamt 372 000 DM (6000 DM pro Veranstaltung) auf das Konto Nr. 1022 bei der Deutschen Handelsbank ein."
Noch wichtiger war, "dass ich nach Reisen immer fröhlich und zufrieden wieder heimkam", so Katarina Witt. Ihre Flucht wäre ein Desaster für die DDR gewesen, und deshalb konnte Witt die Staatssicherheit "für meine Zwecke nutzen". Witt quittierte: "Am heutigen Tage erhielt ich vom MfS einen PKW VW Golf ... übergeben."
Katarina Witt sei ausschließlich "Betroffene" und nicht Begünstigte, argumentiert dennoch ihr Anwalt Düx. Sie habe der DDR die Vergünstigungen auf "Heller und Pfennig" zurückzahlen müssen.
KLAUS BRINKBÄUMER, GEORG MASCOLO
* Bei einer Sportler-Ehrung.
Von Klaus Brinkbäumer und Georg Mascolo

DER SPIEGEL 22/2001
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