02.06.2001

SERIE - TEIL 5 z MISSION IN ENGLAND„ALS DIE GESTAPO MICH ABHOLTE“

SPIEGEL-Gespräch mit LORD RALF DAHRENDORF über seine Jugendjahre im Nationalsozialismus, über Freiheit als Zentrum seines Denkens und seinen Widerwillen gegenüber Historikerdebatten
SPIEGEL: Lord Dahrendorf, Sie waren noch keine vier Jahre alt, als Hitler Reichskanzler wurde, Sie waren gerade 16, als der Krieg mit der deutschen Kapitulation endete. Was wusste ein Heranwachsender wie Sie von den Ereignissen, wie viel verstanden Sie?
Dahrendorf: Da ich gerade dabei bin, eine Autobiografie zu schreiben, habe ich eine Menge über meine Kindheit und Jugend nachgedacht. Mein Vater war sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter, und nach der ersten Inhaftierung nach dem Ermächtigungsgesetz fand er, dass wir nicht in Hamburg bleiben könnten. Wir zogen nach Berlin, der einzigen Stadt, in der man - auch wenn man wie mein Vater einigermaßen bekannt war - untertauchen konnte, jedenfalls bis etwa 1938. Diese Ereignisse sind an mir keineswegs vorbeigegangen, auch wenn mir die Gründe nicht ganz geläufig waren.
SPIEGEL: Wann setzt Ihre eigene Erinnerung ein?
Dahrendorf: Ich habe 1938 schon sehr viel gespürt. Als ich Ostern 1938 in die Oberschule kam, waren die Katholiken noch die Verdächtigen, denn sie hatten ja mit dem fernen Rom zu tun. In Berlin war man entweder Jude oder Protestant oder ungetauft wie ich. Nach einem Jahr waren die jüdischen Mitschüler verschwunden; das habe ich wohl bemerkt. Meine Kindheit aber war insofern ungewöhnlich, als mein Vater im sozialdemokratischen Widerstand war.
SPIEGEL: Waren die Dahrendorfs eine politische Familie? Spielte die Politik im Binnenkosmos eine wichtige Rolle?
Dahrendorf: Nein, im Gegenteil. Mein Vater und mehr noch meine Mutter haben größten Wert darauf gelegt, mich nicht in die Gespräche bei uns zu Hause einzubeziehen. Wir verbrachten die Ferien regelmäßig mit der Familie Julius Leber, doch auch da ist die Politik an den Kindern vorbeigegangen. Wir Kin-
der gingen unsere eigenen Wege. Politik ist auf die Kinder nicht übertragen worden.
SPIEGEL: Wie hat sich Ihr Vater in dieser Zeit durchgeschlagen?
Dahrendorf: Er war nach der Machtergreifung natürlich arbeitslos, dann kam er in einer Kohlenhandelsfirma unter; Julius Leber war ja auch im Kohlenhandel. In dieser Kohlenhandelsfirma hat er sich vom Büroboten zum Prokuristen hochgearbeitet. Dieser Aufstieg barg die wichtige Folge, dass er auch im Krieg reisen durfte und daher eine Schlüsselrolle im sozialdemokratischen Widerstand innehatte.
SPIEGEL: Sie gehören zur selben Generation wie Joachim Fest und Hans Magnus Enzensberger. Gibt es bei aller Verschiedenheit der Lebenswege eine gemeinsame Grunderfahrung, etwa die Betonung des Freiheitsgedankens oder die Prägung durch den Krieg?
Dahrendorf: Vor allem die Erfahrung der Unfreiheit, die der Krieg nur noch verschärfte. Dazu kommt eine besondere Schlüsselerfahrung, die mit meiner Familie zusammenhing. Um den 20. Juli 1944 herum war ich in der Kinderlandverschickung. Meine Mutter reiste an, um mir zu sagen, dass mein Vater verhaftet sei. Im Gefolge dieser Offenbarung sagte sie einen entsetzlichen Satz zu mir, dem 15-Jährigen: "Lieber Junge, es tut mir Leid, dir sagen zu müssen, dass jetzt jeder von uns alleine mit Umständen fertig werden muss, die wir nicht kontrollieren können. Wir können dir nichts mehr an Sicherheit bieten."
Wir haben alle überlebt, uns ist es besser ergangen als vielen anderen. Aber ich habe damals nicht nur eine Freiheitserfahrung gemacht, sondern auch eine erzwungene Selbständigkeitserfahrung.
SPIEGEL: Haben Sie das bittere Gefühl, dass Ihnen die Kindheit gestohlen worden ist?
Dahrendorf: Nein, ich bin in Berlin und später, nach unserer Evakuierung, in Buckow in der Märkischen Schweiz ziemlich normal aufgewachsen. Wir haben Karl May im Grunewald gespielt und ein Grab für Winnetous Schwester Nscho-Tschi angelegt. Wir haben Olympische Spiele mit Holunderhürden und anderen Improvisationen gespielt.
SPIEGEL: Ihr Vater ist im Zusammenhang mit dem 20. Juli zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt worden, und kurz darauf wurden Sie selbst von der Gestapo in die Mangel genommen. Was war da passiert?
Dahrendorf: Wir waren in der Schule in Waldsieversdorf bei Buckow eine Gruppe von Schülern, die sich sehr damit beschäftigten, Flugblätter über die Untaten der Nazis in den Konzentrationslagern zu verbreiten. Wir haben keineswegs im Detail viel darüber gewusst, aber wir haben unser grobes Wissen in einigen, relativ wenigen Flugblättern zusammengefasst und die dann hier und da verteilt, auch - aber daran war ich nicht beteiligt - unter den Flakhelfern an Berliner Schulen.
SPIEGEL: Wie sind Sie entdeckt worden?
Dahrendorf: Wir haben leichtsinnigerweise Briefe geschrieben, auch noch nach der Verhaftung meines Vaters, und die sind offenkundig abgefangen worden. Zwei Gestapo-Leute kamen zur Schule, brachten mich nach Buckow ins Polizeirevier und verhörten mich. Ich weiß es noch wie heute: Ich ging nach diesem nicht sehr angenehmen Gespräch nach Hause und sagte meiner Mutter: "Ich bin aber mit denen fertig geworden." Ich konnte ihrem Gesicht ablesen, was sie dachte. Drei Wochen später kam die Gestapo mich abholen.
SPIEGEL: Sie kamen dann ins Lager nach Schwetig an der Oder.
Dahrendorf: Ich kam zuerst ins Polizeigefängnis in Frankfurt/Oder. Mein Freund Eduard Grosse und ich haben da eine typisch preußische Erfahrung gemacht. Der Gefängniswärter fragte: "Wie alt sind die Jungs?" Als er feststellte, dass ich 15 war, sagte er nur: "Nicht hier" - er meinte, keine Folter an Kindern in seinem Zuständigkeitsbereich. Wir landeten in der Ausnüchterungszelle des örtlichen Polizeireviers, wurden zu einem Zug zusammengestellt und marschierten nach Schwetig ins Lager.
SPIEGEL: Was für ein Lager war das?
Dahrendorf: Ein Arbeitslager für Schutzhäftlinge - das waren Leute, die vor 1933 Sozialdemokraten oder Kommunisten gewesen waren und nach dem 20. Juli 1944 in so genannte Schutzhaft genommen wurden; dazu kamen Homosexuelle und Zigeuner und in wachsendem Umfange russische und polnische Kriegsgefangene. Ich erinnere mich deutlich daran, wie einer von ihnen gehängt wurde, weil er angeblich ein Pfund Margarine oder sonst was gestohlen hatte. Zum Schluss kamen noch Leute aus dem Militärgefängnis Posen - deutsche Soldaten in voller Uniform.
SPIEGEL: Wann war das, und wie lange dauerte es?
Dahrendorf: Im Winter 1944/45. Am 29. Januar waren die Russen schon sehr nahe. Am 30. wurden wir regelrecht rausgeschmissen, nicht ohne eine Bescheinigung zu erhalten.
SPIEGEL: Vermutlich nicht das Schlechteste, was Ihnen passieren konnte.
Dahrendorf: Wir haben gerade noch den letzten Flüchtlingstreck über die Oder erreicht und sind auf diese Weise nach Hause gekommen. Die meisten aus Schwetig sind entweder bei einem Brand umgekommen, den die Gestapo-Wachen gelegt hatten, oder auf dem Marsch nach Buchenwald gestorben. Nicht sehr viele überlebten das Lager.
SPIEGEL: Gibt es Hitler-Bilder in der Erinnerung?
Dahrendorf: Ich war selber nur bei einem Riesenaufmarsch, als die Legion Condor aus Spanien zurückkam, der einzige Speersche Aufmarsch, an den ich mich vage erinnere. Ich war im Jungvolk, nie in der eigentlichen Hitlerjugend. Hitler selber habe ich nie gesehen, auch aus der Ferne nicht, glaube ich.
SPIEGEL: Waren Sie durch Ihr Elternhaus gegen den Nazi-Rausch immun?
Dahrendorf: Meine Eltern waren sehr vorsichtig, jedenfalls bis zu einem bestimmten Punkt.
SPIEGEL: Welchem?
Dahrendorf: Sie schritten, erstens, ein, als ich auf eine der so genannten Adolf-Hitler-Schulen kommen sollte. Später sollte, zweitens, ein Film gedreht werden, ich glaube, es ging um den "Hitlerjungen Quex". Dafür wurde eine Auswahl unter Schülern getroffen, bei der am Ende sehr wenige in Babelsberg übrig blieben, ungefähr zehn. Wenn mich nicht alles täuscht, hat Hardy Krüger damals die Konkurrenz gewonnen, ich jedenfalls glücklicherweise nicht. Meine Eltern hätten es wohl auch verhindert. Für meinen Vater war ich ein Schutz, solange ich nichts von seiner Teilnahme am Widerstand wusste. Gleichzeitig wollte er aber sichergehen, dass ich nicht zu tief in die Nazi-Welt geriet - kein einfaches Unterfangen.
SPIEGEL: Zu den verachtenswerten Figuren, so sagten Sie dem "FAZ"-Magazin, gehört für Sie Franz von Papen - weil er 1933 die letzten Reste der Freiheit verraten hat?
Dahrendorf: Nach meiner Meinung sind die großen Feiglinge ebenso schlimm wie die großen Täter oder Untäter. Papen hat den Nazis Respektabilität verliehen. In dieselbe Kategorie großer Feiglinge gehört Otto Grotewohl.
SPIEGEL: Die Freiheit ist für Sie ein Leitbegriff geworden, und auch die Wertschätzung der demokratischen Institutionen ist ein roter Faden Ihres Denkens. Steckt darin Ihre Antwort auf die Frage, wie die Demokratie, anders als in Weimar, vor ihren Verächtern geschützt werden muss?
Dahrendorf: Ja, wobei der Freiheitsdrang aus den Eingeweiden kommt. Den Wert der Institutionen hingegen musste ich erst verstehen lernen. Mein Buch "Homo Sociologicus", immerhin 1958 geschrieben, ließ sich noch als Verteidigung der Freiheit gegen die Institutionen lesen. Dass Freiheit am Ende nur durch Institutionen garantiert werden kann, habe ich erst in den sechziger Jahren eingesehen. Während das Freiheitsbedürfnis bei mir aus den Eingeweiden kommt, kommen die Institutionen aus dem Kopf.
SPIEGEL: Der "Homo Sociologicus" gehörte zu Ihrer grünen Phase?
Dahrendorf: In gewisser Weise ja. Und der späte Versuch einer Korrektur ist natürlich völlig abwegig gewesen, denn der "Homo Sociologicus" hat als das gewirkt, was er war: ein 68er-Text, der vor 1968 zum antiinstitutionellen Denken und Handeln ermutigte.
SPIEGEL: Ist die Wertschätzung der Institutionen durch die SPIEGEL-Affäre 1962 befördert worden?
Dahrendorf: Die SPIEGEL-Affäre war für viele von uns das erste große Ereignis. Ich war damals in Tübingen ein junger Professor, meine Welt war die sich öffnende internationale akademische Gemeinschaft der Sozialwissenschaftler. Und dann plötzlich fing es an, in Deutschland zu wackeln.
SPIEGEL: Ist es eigentlich für einen Wissenschaftler ein Vorteil, Zeitgenosse von Ereignissen zu sein, über die er nachdenkt?
Dahrendorf: Nein, es ist ein großer Irrtum mancher Zeitzeugen zu glauben, sie seien die eigentlichen Eigentümer der Ge-
schichte. Die Geschichte birgt immer komplizierten Kontext. Zeitzeugenschaft qualifiziert überhaupt nicht besonders für Zeitanalyse, auch wenn ich sie nicht missen möchte.
SPIEGEL: Merkwürdigerweise haben Sie sich aus fast allen Vergangenheitsdebatten, die in Deutschland stattfanden, herausgehalten. Warum?
Dahrendorf: Ein Grund liegt im deutschen Stil der Diskussionen: schrecklich viel Betroffenheit. Eine Debatte habe ich übrigens angestoßen - die über den Sonderweg Deutschlands, der in der Dominanz des Staates über die Gesellschaft bestand, ohne dass meine Position dabei obsiegt hätte.
Interessant ist, dass die deutschen Diskussionen über die Vergangenheit mit der Schuldfrage am Ausbruch des Ersten Weltkrieges begann und sich dann über die Weimarer Republik zum Nationalsozialismus und zur Frage der Bedeutung des Kriegsendes am 8. Mai 1945 für die Deutschen vorarbeitete.
SPIEGEL: Wichtige nationale Debatten sind nun einmal auch schwierige Debatten.
Dahrendorf: Ich habe mich herausgehalten, weil ich ein ziemlich starkes Kontextbewusstsein habe, was die großen Themen des Historikerstreits angeht. Man muss zum Beispiel darüber reden können, welche Rolle der Bolschewismus in den zwanziger Jahren für das deutsche Bürgertum gespielt hat. Das erklärt und entschuldigt beileibe nicht, was später passiert ist. Aber es war ein Teil der Realität.
SPIEGEL: Sie spielen auf Ernst Nolte an, der 1986 mit seiner These, der Klassenmord der Bolschewiki sei das "logische und faktische Prius des Rassenmordes der Nationalsozialisten" gewesen, den Historikerstreit auslöste.
Dahrendorf: Nolte hat hoffnungslos überdreht, er hat Kausalität konstruiert, wo in Wahrheit ein komplizierter Kontext vorliegt.
SPIEGEL: Sie gehörten Ihrerseits Mitte der sechziger Jahre zu den Ersten, die Modernität im Nationalsozialismus analysierten. Sie haben darüber 1965 in Ihrem Buch "Gesellschaft und Demokratie in Deutschland" geschrieben - in Sätzen, in denen der Widerwille des Autors widerhallt. War das eine schmerzhafte Erkenntnis?
Dahrendorf: Nein, denn Modernität ist für mich nicht an sich gut. Die Erkenntnis ist ursprünglich aus einer interessanten Erfahrung erwachsen. In meiner Hamburger Studentenzeit rühmten sich die studentischen Verbindungen, dass Hitler sie verboten habe. Da habe ich zum ersten Mal über die eklatanten Widersprüche des Nationalsozialismus nachgedacht: eine romantische Ideologie von Blut und Boden, die jedoch zugleich gegen alle Verwurzelungen vorgeht. Oder: einerseits Mutterkreuze, aber andererseits sollten Kinder ihre Eltern verraten, wenn die verächtlich über die Nazis redeten. Dazu gehört auch der frühe Kampf der Nazis gegen die Kirchen oder die Reichswehr - eben überhaupt gegen alle Organisationen mit eigenständigen Wurzeln im Land.
SPIEGEL: Modernisierung bedeutet aus dieser Warte Kampf gegen jede Autonomie ...
Dahrendorf: ... im Sinne von Nichtanerkennung von Wurzeln, die zu Teilzugehörigkeiten führen und daher die totalitäre Organisation erschweren.
SPIEGEL: Sie haben nach dem Krieg in beeindruckender Geschwindigkeit akademische Stationen hinter sich gebracht: zweimal promoviert bis zum 25. Geburtstag, Professor mit 28. Ist es im Nachhinein eine Last gewesen, nur aus Eigenem schöpfen zu können, ohne Leitbilder, ohne Autoritäten?
Dahrendorf: Nein, in keiner Weise. Meine Eltern hatten die Volksschule absolviert, sonst nichts, Bildung war für sie nicht drin. Ich war die erste Generation auf der höheren Schule und der Universität. Ich wusste, dass meine Eltern liebend gern diesen Weg gegangen wären. Was ich tat, stieß auf ihre große Zustimmung. Mein Vater war in vieler Hinsicht ein Vorbild für mich, er war aber auch sehr ungeduldig. Er fand immer, dass meine Ausbildung zu lange dauerte. Als ich 1954 an der London School of Economics den zweiten Doktor machte, verzweifelte er vollends an mir.
SPIEGEL: Weil Ihnen ein Doktortitel nicht genügte?
Dahrendorf: Weil ich den nicht im Nu bekommen habe.
SPIEGEL: Sie gehörten zur frühen akademischen Elite nach dem Krieg. Was verbindet diesen akademischen Nachwuchs?
Dahrendorf: Diese Bildungsgeneration heißt in England die "scholarship boys" - die Stipendienkinder, für die die Universität alles bedeutete. Diese Generation reagierte deshalb auch 1968 mit einiger Empfindlichkeit, denn die Universität war unser Traum, und diese 68er-Generation trampelte darauf herum. In unserem Tiefsten ist das nicht sehr gut angekommen.
SPIEGEL: Mit den 68ern haben Sie zumindest die Einschätzung geteilt, dass die Adenauer-Ära eine Phase der Restauration sei. Erst später leisteten Sie Abbitte.
Dahrendorf: Mir wurde später klar, dass nach 1945 Eigentümliches passiert war: Oberflächlich gab es die Restauration, denn viele der alten Figuren waren noch da, und der Weg in eine völlig andere Welt wurde nicht genommen. Doch unterschwellig traten fundamentale Veränderungen ein. Ich verbinde diesen Wandel mit Ludwig Erhard, der völlig taub und blind für die Auseinandersetzungen mit der Vergangenheit war. Er ging seinen Weg und schuf für Deutschland neue sozialökonomische Strukturen. Er löste damit Veränderungen in der Tiefenstruktur aus, auf denen das Restaurative nicht mehr gedeihen konnte, sodass es abstarb oder zumindest irrelevant wurde.
SPIEGEL: Das Sein war wichtiger als das Bewusstsein.
Dahrendorf: Das Bewusstsein war restaurativ, das Sein veränderte sich.
SPIEGEL: Im Nachhinein hat Egon Bahr gesagt, dass Konrad Adenauer etwa mit seinem Kanzleramtschef Hans Globke, der ein Kommentator der Nürnberger Rassegesetze gewesen war, eine große staatsmännische Tat gelungen sei - ein Zeichen für die Integration der Nazis. So weit wollen Sie nicht gehen?
Dahrendorf: Adenauer hatte praktische Gründe. Nein, die interessanten Themen sind Aufstieg und Verschwinden von niedersächsischen so genannten Freien Demokraten, die eigentlich Neonazis waren. Neonazi-Gruppen gab es überhaupt in beträchtlicher Zahl; die sind auf erstaunliche Weise verschwunden. Die alten Nazis wurden plötzlich überständig. Die strukturelle Entkräftung war viel wirksamer als irgendeine direkte Bekämpfung.
SPIEGEL: Die 68er haben das Bewusstsein ernster genommen als das Sein.
Dahrendorf: Das könnte man sagen. Meine Erinnerung an die Zeit ist ohnehin viel stärker mit den politischen Auseinandersetzungen - etwa: Ist Deutschland ein autoritäres Land oder ein demokratisches? - verbunden als mit moralischen Fragen der Vergangenheitsbewältigung. Für die politischen Forderungen hegte ich eine gewisse Sympathie und fand es deshalb nicht schwierig, manche davon zu unterstützen und mich jedenfalls auf eine Diskussion, nicht nur auf die berühmte mit Rudi Dutschke, einzulassen. Die Nazi-Vergangenheit war aus meiner Sicht kein Kernstück der Diskussion in jener Zeit.
SPIEGEL: Ausgerechnet in jenen drei Staaten, die den Zweiten Weltkrieg verloren - Deutschland, Italien, Japan -, mündete die Studentenrevolte in lang anhaltendem Terrorismus, anders als in England oder Amerika. Haben Sie eine Theorie dafür?
Dahrendorf: Keine Theorie, und das ist für einen Soziologen wie mich unerfreulich genug, nur ein paar Beobachtungen. Während in Deutschland Studenten wie Gudrun Ensslin (sie war in meinen Vorlesungen) in den Terror abrutschten und niemand sie hielt, gab es in England und Amerika eine starke Gruppe von "Loyalisten", von Reformern, die dennoch die Institutionen verteidigten. Mein Freund Fritz Stern gehörte zu ihnen an der Columbia-Universität. In Deutschland, auch in Italien und Japan hielt sozusagen die Mitte nicht; die Institutionen bröckelten, wenn man an ihnen zu rütteln begann.
SPIEGEL: Die Soziologen, Ihre Fachkollegen also, mussten ihren Anspruch auf autoritative Interpretation der Gegenwart schon lange zurückschrauben. Die Historiker aber stellen fest, dass die Menschen im Zeichen des Individualismus nur noch eine Gemeinsamkeit haben, wenn sie auch darüber streiten: die Vergangenheit.
Dahrendorf: Ja, ein unglücklicher Tatbestand. Ich habe immer - zugegeben, ein bisschen flach formuliert - gesagt: Ein glückliches Land ist sich uneinig über die Zukunft, aber im Grundsatz einig über die Vergangenheit; ein unglückliches Land aber hält es umgekehrt.
Deutschland suchte sozusagen immer die große Koalition für die Zukunft. Es sehnt
sich nach der großen Einheit bei der Suche nach Antworten auf Fragen, was morgen geschehen soll. Die Deutschen waren sich alles andere als einig über das, was gestern geschehen ist, und stritten permanent darüber. Das führt nach meiner Meinung nicht weiter.
SPIEGEL: Wie hält es England, das Land, dessen Bürger Sie sind?
Dahrendorf: In England gibt es ebenfalls immer wieder neue Ansätze zur Interpretation der so genannten Integration von Schottland vor 300 Jahren oder Debatten über alle möglichen anderen Ereignisse, die seitdem geschehen sind, aber eine grundsätzliche Einigkeit über die Vergangenheit. Die Vereinigten Staaten befassen sich immer neu mit dem Bürgerkrieg oder mit der Frage, ob James Madison als guter Präsident zu gelten hat oder ob George Washington nicht im Grunde genommen ein schrecklicher Schlawiner war. Doch sind diese Kontroversen eingebettet in eine grundsätzliche Einigkeit über die Vergangenheit, so dass Uneinigkeit über die Zukunft gut bestehen kann.
Jenseits nationaler Zusammenhänge ist das noch viel schwieriger. Die Uneinigkeit über die Vergangenheit in Europa ist ein weiterer Grund dafür, warum man heute nicht von einer europäischen Gesellschaft sprechen kann: zu wenig Kitt in der Erinnerung.
SPIEGEL: Und im wiedervereinten Deutschland: zu viel unterschiedlicher Kitt? Oder stirbt auch jetzt wieder Überständiges ab durch strukturelle Veränderungen wie damals, nach dem Krieg, im Westteil?
Dahrendorf: Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen Deutschland und beispielsweise Polen. Polen musste sich selber aus dem Schlamassel ziehen und durchlief daher alle Prozesse, die auch Westdeutschland nach 1945 durchlaufen hat; es ist aus dem Tal der Tränen heraus.
Im östlichen Deutschland verläuft der Prozess anders wegen der Einigung. Diese Sondersituation führt dazu, dass es den Anreiz nicht gibt, den langsameren Prozess durch das Tal der Tränen im östlichen Deutschland zu vollziehen, den das westliche Deutschland auf seine Weise nach dem Krieg vollzogen hat. Nach Lage der Dinge - da bin ich nun wirklich Soziologe - gab es aber 1989/90 keine Alternative.
SPIEGEL: Sie leben schon etliche Jahre in London. Was fehlt Ihnen hier von Deutschland, was fehlt Ihnen Englisches in Deutschland?
Dahrendorf: Ich bin in beiden Ländern gut behandelt worden, aber in Deutschland fehlt mir doch die Atemluft der Freiheit. In England wiederum fehlen mir im Augenblick vor allem die öffentlichen Dienstleistungen und der Sinn dafür, dass der öffentliche Sektor Bedeutung für eine zivilisierte Gesellschaft besitzt.
SPIEGEL: Lord Dahrendorf, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
"Die meisten aus Schwetig sind entweder bei einem Brand umgekommen, den die Gestapo gelegt hatte, oder auf dem Marsch nach Buchenwald gestorben."
"Nach meiner Meinung
sind die großen Feiglinge ebenso schlimm wie die großen Täter oder Untäter. Papen hat den Nazis Respektabilität verliehen."
"Meine Generation reagierte 1968 mit einiger Empfindlichkeit, denn die Universität war unser Traum, und diese 68er trampelten darauf herum."
* Bei einer Theateraufführung ("Jorinde und Joringel") in Waldsieversdorf. * Vor dem Volksgerichtshof in Berlin (1944). * Anlässlich des Freiburger FDP-Parteitages 1968. * Oben: Glienicker Brücke nach der Öffnung am 10. November 1989; rechts: mit Redakteur Gerhard Spörl im Londoner SPIEGEL-Büro. Im nächsten Heft lesen Sie: Teil 6 DEUTSCHE MYTHEN Was einst der Reichsmythos für die Rechte war, ist der Revolutionsmythos für die deutsche Linke - ein rückwärts gewandter Traum.
Von Gerhard Spörl

DER SPIEGEL 23/2001
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