11.06.2001

NEUER MARKTGruß an Madame E.

Im Überlebenskampf des Seniorenheimbetreibers Refugium spielt ein prozessfreudiger Kleinaktionär eine fragwürdige Doppelrolle. Ist er ein Strohmann des Konkurrenten Marseille?
Das Fax aus Ibiza mit dem Vermerk "EILT" ging an einen Anschluss in der Blumenstraße 59, mitten im Hamburger Nobelviertel Winterhude. "Lieber Ulli, der Hund Walther möchte zurückbeißen", schrieb Michael T. Bohndorf am 9. Mai und erkundigte sich nach "Munition" für weitere Schreiben an Walther. Die Mitteilung endet mit einem herzlichen Gruß, "natürlich auch an Madame E."
Die kryptische Nachricht aus Spanien ist Teil - und möglicherweise ein wichtiges Indiz - in einem prominent besetzten Wirtschaftskrimi am Neuen Markt. Dort kämpft der Seniorenheimbetreiber Refugium gegen den Exitus. Mehr als 27 Millionen Mark operativer Verlust erwirtschaftete er im vergangenen Jahr, bei einem Umsatz von knapp 300 Millionen Mark. Über 3800 Refugium-Mitarbeiter warten derzeit auf ihre Mai-Löhne, rund 6000 betagte Bewohner in 57 Heimen sind völlig verunsichert.
Der eigentliche Kampf aber wird hinter den Kulissen ausgefochten, und der Hamburger Anwalt Michael T. Bohndorf mit Wohnsitz auf Ibiza spielt dabei eine höchst fragwürdige Doppelrolle: Er agiert als prozessfreudiger Kleinaktionär, gleichzeitig unterhält er enge Kontakte zur Hamburger Refugium-Konkurrenz.
Mit "lieber Ulli" ist nämlich Hobbypilot Ulrich Marseille gemeint, verheiratet mit Estella-Maria Marseille ("Madame E."?) und Großaktionär der gleichnamigen Hamburger Klinik-Gruppe. Die prüft derzeit eine enge Zusammenarbeit mit der angeschlagenen Refugium - vorausgesetzt, die Gläubiger leisten großzügig Verzicht.
Auf der anderen Seite lauert der "Hund Walther". Der hemdsärmelige Unternehmer Dietrich Walther hat aus dem Börsenmantel des Reißverschlussherstellers Gold-Zack binnen weniger Jahre eine Investmentbank gemacht, die vor allem vom Boom des Neuen Marktes profitierte.
Nicht immer allerdings waren die Unternehmen, die Gold-Zack in den Zeiten des Aktienfiebers an die Börse brachte, von bester Qualität. Gegen Alt-Vorstände von Refugium ermittelt inzwischen die Bonner Staatsanwaltschaft wegen Bilanzfälschung. Geprüft wird zudem, ob schon beim Börsengang mit einer gefälschten Bilanz operiert wurde. Die Ermittlungen könnten auch für Walther gefährlich werden, der bei Refugium bis vor zwei Jahren den Aufsichtsrat führte.
Finanziell trifft die Refugium-Krise Walther ebenfalls hart. Der Gold-Zack-Tochtergesellschaft Pako gehören 27 Seniorenheime, die Refugium nutzt. Inzwischen wurden alle Betreiberverträge wegen Pachtrückständen von rund 15 Millionen Mark gekündigt.
Vorvergangene Woche gründete Walther mit der Berliner Dussmann-Gruppe eine gemeinsame Gesellschaft, um eine Lösung für seine Pako-Häuser und vielleicht auch für den Rest von Refugium zu finden. An der Beseitigung finanzieller Altlasten wird noch gearbeitet. Das Angebot von Marseille lehnte Walther bereits Ende April als inakzeptabel ab.
Noch Ende vergangenen Jahres war die Situation viel übersichtlicher. Walther hatte alles minutiös geplant. "Pro Seniore und Gold Zack AG werden Großaktionäre der Refugium Holding AG", hieß es in einer Pressemitteilung kurz vor Weihnachten. Gold-Zack sollte die Pako Immobilien und Pro Seniore die Victor's Health Care in das Unternehmen einbringen. Die Aktionäre segneten den Sanierungsplan, der auch eine Barkapitalerhöhung vorsah, in der Hauptversammlung Ende Januar ab.
Doch dann kam Kleinaktionär Bohndorf ins Spiel. Er vereitelte den Plan - und verschaffte damit automatisch dem Hamburger Konkurrenten Marseille Zutritt zur Endzeit-Party bei Refugium.
Bereits im Vorfeld der Hauptversammlung hatte Bohndorf in der Presse gegen die Kapitalerhöhung Stimmung gemacht und mit juristischen Schritten gedroht. Während des Aktionärstreffens stellte er unzählige Fragen, und Ende Februar deponierte er parallel mit einem anderen Aktionär beim Bonner Landgericht eine Anfechtungsklage gegen die beschlossene Kapitalerhöhung.
Einen Monat später konnte er einen ersten Erfolg verbuchen. Das Amtsgericht Königswinter setzte am 5. April die Eintragung der Kapitalerhöhung ins Handelsregister aus, der Registerrichter wollte zuerst auf die Bonner Urteile warten.
Damit war der Gold-Zack-Plan faktisch gescheitert. Doch noch am selben Tag trafen sich Manager von Marseille und Refugium zu ersten Gesprächen. Ganz zufällig war der weiße Ritter aus Hamburg einige Tage zuvor aufgetaucht: Ulrich Marseille hatte telefonisch Refugium-Chef Klaus Küthe kontaktiert.
Bohndorfs offizieller Standpunkt ist klar: Die Kleinaktionäre sollten "entmachtet werden", schrieb er am 29. Mai in einem Rundbrief an die Mitaktionäre der Refugium-Holding. Nach seiner Meinung waren "die geplanten Sacheinlagen (PAKO bzw. pro seniore) maßlos überhöht angesetzt, nämlich zehnfach zu hoch". Die Gutachten der Firmen Arthur Andersen und PricewaterhouseCoopers, auf die sich die Bewertung stützt, seien "reine Gefälligkeitswerke".
Vor allem gegen "Strippenzieher" Walther feuerte Bohndorf Breitseiten. "Teils tritt er persönlich auf, teils bedient er sich ihm nahe stehenden Dritten, Hintermänner und ihm verbundener Gesellschaften", durften die Mitaktionäre lesen.
Ebenso hart geht er in Schreiben an Walther persönlich zur Sache. Bei dem Verkauf des ehemaligen britischen Militärhospitals in Iserlohn wittert Bohndorf zum Beispiel krumme Privatgeschäfte. Walther soll Refugium das Gelände für einen Spottpreis abgeluchst haben. "Völlig absurd", kontert der Finanzer, "die Bewertung war korrekt."
Bohndorf schreckt auch vor unorthodoxen Methoden nicht zurück. Kurz vor Pfingsten schlug er Refugium-Chef Klaus Küthe schriftlich ein "Joint-Venture" vor. Zitat: "Ich hatte Ihnen gegenüber ausgedrückt, dass ich - für die Refugium AG ohne Honorarverpflichtung - in meiner Eigenschaft als Aktionär Ansprüche gegen Herrn Walther geltend machen würde." Die Beute sollte dann "stimmig" geteilt werden.
In den schonungslosen Attacken gibt sich Bohndorf freilich immer als unabhängiger Geist. Hintermänner und Dritte existieren nur im feindlichen Lager. Kein Wort von den zahlreichen Faxschreiben und Telefonaten, die in den vergangenen Monaten zwischen seinem Domizil auf Ibiza und dem privaten Anschluss von Ulrich Marseille alias "lieber Ulli" hin- und hergingen, darunter Gerichtsmitteilungen und Klageentwürfe.
Zum Beispiel ein Fax vom 27. April mit dem Deckblatt Ulrich Marseille: "Sehr geehrter Herr Dr. Bohndorf, anliegend erhalten Sie die Abschrift einer sehr schwer verständlichen Mailbox-Aufzeichnung i. S. Refugium zu Ihrer weiteren Bearbeitung."
Bei der Abschrift handelt es sich um ein Gesprächsangebot von Dietrich Walther auf dem Telefonbeantworter von Michael Gehrckens. Er ist der Zweite, der vor dem Bonner Landgericht gegen die geplante Kapitalerhöhung klagt.
Solche Fakten sowie der Zeitablauf lassen den Verdacht aufkommen, dass Bohndorfs Aktionen von langer Hand vorbereitet sind. Vieles deutet daraufhin, dass Marseille mit Hilfe streitlustiger Strohmänner Konkurrent Refugium und dessen Gläubiger in eine aussichtslose Lage bringen wollte, um die halb tote Firma billig zu übernehmen.
Am Hauptsitz des Konzerns, in dessen Aufsichtsrat auch Ex-Arbeitsminister Norbert Blüm sitzt, werden solche Zusammenhänge dementiert. "Weder Herr Bohndorf noch Herr Gehrckens stehen 'im Dienste' der Marseille-Kliniken AG", sagt ein Sprecher.
Bohndorf kann nicht bestreiten, "mit Herrn Marseille seit einiger Zeit in angenehmem Kontakt zu stehen". Vielsagend spricht er von "Interessen-Identität". Er beziehe jedoch keine "Munition" von Dritten, sondern schreibe seine Stellungnahmen, Schriftsätze und Schreiben selbständig. Die Geschichte mit dem "Hund Walther" sei darum nur im Sinne eines regen Gedankenaustausches zu verstehen, behauptet Bohndorf.
Von Strohmann-Theorien will er nichts wissen. Stattdessen verweist Bohndorf auf sein offizielles Motiv für seinen juristischen Guerrillakrieg: Onkel Dr. Arthur Cohn aus New York. Der soll vor geraumer Zeit auf Anraten einer Schweizer Bank für 3,2 Millionen Mark Refugium-Aktien gekauft haben. Das Geld stammte angeblich aus Entschädigungsleistungen anlässlich von Enteignungen während des Nazi-Regimes.
Anfang des Jahres war das Paket noch rund 400 000 Mark wert, ein Verlust von 2,8 Millionen Mark. Grund genug für Dr. Cohn, Bohndorf "bei einem seiner letzten Aufenthalte in New York" zu bitten, sich der Angelegenheit anzunehmen. Kurz nach der turbulenten Hauptversammlung bei Refugium Ende Januar unterbreitete Bohndorf diese Geschichte Walthers Anwalt.
Es folgten verschiedene Schriftwechsel. Ende Februar reichte Gold-Zack in Hamburg eine Strafanzeige wegen Erpressung ein. Bohndorf hingegen bestreitet, für den Verzicht auf eine Anfechtungsklage 2,8 Millionen Mark verlangt zu haben.
Aber gibt es Arthur Cohn und seine Aktiengeschäfte wirklich? Bohndorf bittet um Verständnis, dass sein "88-jähriger Onkel, der gesundheitlich sehr angegriffen ist, sich nicht der Presse stellen möchte (und auch nicht kann)". Den Namen der Schweizer Bank will der Mann aus Ibiza nicht nennen. BEAT BALZLI
Von Beat Balzli

DER SPIEGEL 24/2001
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