18.06.2001

BRASILIENReproduktive Bäuche

Schaurige Enthüllung aus der Kolonialgeschichte: Weiße Gutsbesitzer züchteten Elitesklaven und verkauften sie weiter.
Wie die Kulisse für einen Hollywood-Film liegt die Kaffeefarm Santa Clara inmitten grüner Hügel, 250 Kilometer westlich von Rio de Janeiro. Ein Uhrenturm erhebt sich über dem imposanten weißen Herrenhaus. Seine 52 Zimmer und 17 Salons sind mit französischen Tapeten ausgeschlagen, 177 Türen und 365 Fenster schmücken das Gebäude. Stühle aus Österreich, ein Klavier aus Frankreich und Toiletten aus England zeugen vom Reichtum des ersten Besitzers Francisco Thereziano de Bustamante. Der ließ das Anwesen im Jahr 1790 errichten.
Doch die 38 Fenster eines Seitenflügels sind Attrappen. Nur durch versteckte Luftschlitze fällt etwas Licht in das Gebäude, in dem sich eines der schaurigsten Geheimnisse aus der Zeit der Sklaverei verbirgt: Hier hielt Bustamante 400 Angolaner zu Zuchtzwecken. "Der Kaffeeanbau war nur Fassade", sagt Adélia Nogueira, 52, eine der Erbinnen des Anwesens. "In Wahrheit verdiente Bustamante sein Geld mit dem Verkauf von Sklavenkindern."
Die Enthüllung wirft ein neues Licht auf Brasiliens Geschichte: "Historisch belegt ist bislang nur, dass die Sklavenhalter ihre Leibeigenen anregten, möglichst viele Nachkommen zu zeugen", sagt der Geschichtsforscher Manolo Florentino, Autor mehrerer Bücher über die Sklaverei.
Schon der Soziologe und Historiker Gilberto Freyre schildert in seinem Klassiker "Herrenhaus und Sklavenhütte", wie den Sklavinnen eingebläut wurde, dass sie "nur reproduktive Bäuche" seien. Sklavenkäufern wurde angeraten, "besonders auf die Sexualorgane der Neger zu achten und keine Stücke zu kaufen, bei denen solche unterentwickelt oder missgestaltet wären".
Die Informationen über die Sklavenzucht auf dem Gut Santa Clara beruhen auf Überlieferungen eines Vertrauten des Sklavenhalters, die dessen Urenkel aufzeichnete. Sie sollen demnächst in einem Buch erscheinen.
Bustamante begann die Sklavenzucht im Jahr 1824, weil es immer schwieriger wurde, Schwarze aus Afrika zu importieren. England bedrängte Brasiliens Herrscher Dom Pedro I., den Verkauf von Sklaven zu untersagen, doch erst 1850 wurde der Handel gesetzlich verboten. Der Plantagenbesitzer kaufte 40 Männer und 360 Frauen aus Angola. Er wollte Elitesklaven züchten, die auf dem Markt einen besseren Preis erzielten als die "Crioulos", wie die in Brasilien geborenen Mischlinge genannt wurden.
"Die Angolaner galten als besonders intelligent, arbeitsam und wertvoll", sagt Adélia Nogueira. Die Sklaven brachten den weißen Herren Errungenschaften ihrer eigenen Kultur bei. Sie bauten das ausgeklügelte natürliche Abwassersystem der Fazenda und lehrten, wie man Fleisch räuchert. Die Dachziegel für die Gebäude formten sie auf ihren Oberschenkeln.
Bustamante hielt die 400 Zuchtsklaven getrennt von den 2400 Arbeitssklaven, die auf seinen Plantagen schufteten. 23 Cagatazes (Aufseher) bewachten sie. Jede Frau brachte bis zu 15 Kinder zur Welt, die in einer speziellen Krippe von schwarzen Kindermädchen versorgt wurden. Die Jungen wurden im Alter von drei Jahren an befreundete Sklavenbesitzer verkauft. Die Mädchen blieben bis zur Pubertät im Haus. Nach der ersten Menstruation wurden sie zu den anderen Frauen in die Senzala, die Sklavenhütte, gebracht und geschwängert.
Aufsässige Sklaven ließ der Gutsbesitzer mit Füßen und Händen an einen Balken ketten. Blutflecken und die Schürfspuren von Fingernägeln in der Folterkammer unter dem Esszimmer zeugen von ihrem Martyrium. Die Aufseher peitschten sie aus, oft erhielten sie tagelang kein Essen.
Bustamante betrieb die Sklavenzucht bis zu seinem Tod im Jahr 1860. Seine Frau ließ die Angolaner frei: Das so genannte "Gesetz des freien Bauchs" (lei do ventre livre) gewährte neu geborenen Sklavenkindern die Freiheit. Abgeschafft wurde die Sklaverei in Brasilien erst im Jahr 1888.
Das befreite Brasiliens Leibeigene zwar von der Zwangsherrschaft, ihre wirtschaftliche Lage besserte sich jedoch kaum: Viele blieben auf den Fazendas, weil es keine andere Arbeit für sie gab. Die Plantagenwirtschaft war nicht für den modernen Kapitalismus gerüstet, viele Großgrundbesitzer gingen Bankrott. Das Gut Santa Clara wurde 1923 zwangsversteigert.
Heute verfällt das Anwesen. Die französischen Tapeten blättern von den Wänden, die Perserteppiche sind zerfasert, in den importierten Möbeln nagt der Holzwurm. Adélia wohnt allein in dem gespenstischen Gemäuer, für seine Instandhaltung hat sie kein Geld. Sie lebt von spärlichen Einnahmen aus dem Tourismus, gelegentlich vermietet sie das Haus für Filmaufnahmen. Jüngst drehte der Fernsehsender Globo eine Seifenoper auf dem Gut. Ihr Titel: "Unsere Heimat".
JENS GLÜSING
* Lithografie von 1834.
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 25/2001
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