09.07.2001

„Köpfe aus den Kellerluken“

Das frühere SED-Politbüromitglied Günter Schabowski über die Erklärung der PDS zum Mauerbau vor 40 Jahren
Schabowski, 72, war seit 1984 Mitglied des SED-Politbüros. Im Herbst 1989 drängte er auf den Sturz Erich Honeckers. Auf einer Pressekonferenz am 9. November verkündete er die Öffnung der Mauer. 1997 wurde Schabowski wegen seiner Mitverantwortung für die Mauertoten zu drei Jahren Haft verurteilt. Seit seiner Begnadigung im September 2000 lebt er als Rentner in Berlin. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Herr Schabowski, die PDS hat den Bau der Mauer verurteilt. Sind Sie mit Ihrer ehemaligen Partei zufrieden?
Schabowski: Mir fällt dazu eine Wendung von Honoré de Balzac ein: "Man schiss sich eilfertig und halsbrecherisch ins Hosenfutter."
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Schabowski: Die PDS hat diese gewundene Erklärung abgegeben, weil sie in Berlin zurück an die Macht will. Von der SPD wurde eine solche Geste für wünschenswert gehalten - dann liefern die das. Mit Moral hat das nichts zu tun.
SPIEGEL: Sie glauben der PDS nicht?
Schabowski: Die Feststellungen, die der PDS-Vorstand jetzt getroffen hat, sind so zögerlich, so voller Rückversicherungen, dass ich mich nur wundere, wie schnell einige denen das abnehmen.
SPIEGEL: Sie meinen die SPD und deren Generalsekretär Franz Müntefering?
Schabowski: Die Aussicht auf die PDS als Wahlstimmenfänger mit Blick auf den Osten scheint einigen Politikern die Sicht auf die real existierende PDS zu trüben. Die Mehrheit der Mitglieder kommt aus der SED und ist in Nostalgie gefangen. Das ist die Folie, auf der der vermeintliche Wunderknabe Gregor Gysi herumturnt.
SPIEGEL: Aber die PDS-Spitze bedauert doch jetzt ausdrücklich die Opfer der Mauer.
Schabowski: Dazu war sie in zwölf Jahren zuvor nicht im Stande. Die jetzige Beeilung ist von der neuen Machtchance diktiert. Als ich 1996 im Politbüroprozess erklärt habe, dass ich jedes Opfer des Grenzregimes zutiefst bedaure, dass die Mauer das Scheitern des Sozialismus belegt, hat sich das Fußvolk von Gysi und Hans Modrow über den "Verräter Schabowski" das Maul zerrissen. Und diese Typen stecken jetzt ihre Köpfe aus den Kellerluken des untergegangenen Systems.
SPIEGEL: Im Unterschied zur PDS haben Sie den gesamten Sozialismus für gescheitert erklärt, nicht nur den - wie die PDS es formuliert - "stalinistisch geprägten Sozialismustyp".
Schabowski: Diese Formulierung zeigt die Halbherzigkeit der PDS. Sie will die Phrasen ihrer Ideologie in die neue Zeit retten. Die PDS ist nicht die Nachfolgepartei, sondern die Fortsetzungspartei der SED - nur ohne Moskau.
SPIEGEL: Mit welcher Erklärung wären Sie zufrieden gewesen?
Schabowski: Die müssen endlich kapieren, dass der Sozialismus letztlich ein System ist, das ohne eine Mauer aus Beton und Ideologie gar nicht existieren kann. Der Sozialismus war für die Menschen zum Davonlaufen. Das war nicht erst die Erfahrung des Herbstes 1989. Kaum hatten wir - unter dem Druck der Massen - die Mauer am 9. November geöffnet, war''s aus mit dem Kommunismus. Das Gesellschaftsmodell ist gescheitert. Wie man neuerdings sagt: Und das ist auch gut so.
SPIEGEL: Schreckt Sie die Aussicht auf eine SPD-PDS-Regierung in Berlin?
Schabowski: Das wäre ein äußerst unerfreulicher Treppenwitz der Geschichte. Ich habe jedoch noch einige Hoffnung, dass dies auch in den oberen Etagen der SPD noch bemerkt wird.
* Mit SED-Chef Egon Krenz auf einer Kundgebung am 8. November 1989 in Berlin.

DER SPIEGEL 28/2001
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