16.07.2001

SICHERHEITDas Geisterhaus

Ein leer stehender Büroturm im Hamburger Skandal-Stadtteil St. Georg wird zum Fanal im Wahlkampf: Huren, Junkies und Obdachlose bevölkern die Ruine und sind zum Spielball der Parteien geworden. Von Uwe Buse und Andreas Ulrich
Das Haus ist ein Klotz aus Beton, der sich acht Stockwerke hoch in den Himmel türmt. Das Haus umschließt 720 Zimmer und schätzungsweise drei Kilometer Flur. Und überall stinkt es nach Scheiße. Sie liegt in der Eingangshalle, im Treppenhaus, in den Fluren, den Zimmern und auf dem Parkett der Säle.
Vor acht Jahren entleerten sich die Menschen hier auf Toiletten. Vor acht Jahren gab es hier Licht, Wasser und Wärme. Vor acht Jahren arbeiteten hier fast 1000 Männer und Frauen. Sie kamen morgens gegen acht, gingen gegen fünf, grüßten einander mit "Morgen", "Mahlzeit", "Schönen Feierabend" und katalogisierten die kleinen und großen Schicksalsschläge von 2,6 Millionen Deutschen. In diesem Haus in Hamburg-St. Georg, Steindamm 98-106, befand sich bis zum Jahr 1993 die Deutschland-Zentrale der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK).
Heute hocken hier Männer und Frauen auf dem Fußboden, reißen Tapeten von den Wänden, zerren Heizkörper durch den Raum und scheißen auf den Teppich. Sie spritzen Heroin, rauchen Crack, sie fluchen, sie beten, und manchmal schreiben sie unbeholfene Abschiedsbriefe. Manchmal schlagen Türen, manchmal kniet in einem dunklen Raum ein Junge mit runtergezogenen Hosen, dahinter hockt ein Mann und stößt hart mit dem Becken. Der Mann und der Junge starren erschrocken in das Licht einer Taschenlampe. Manchmal liegt ein einzelner Mensch, zum Fötus gekrümmt, in einem riesigen Saal und schläft. Und einmal fand sich eine Leiche.
Feuerwehrmänner entdeckten die Frau am 8. Juni, nachdem ein besoffener Obdachloser im achten Stock eine Schrankwand angezündet hatte. Die Leiche lag auf braunem Teppichboden. Der Gerichtsmediziner fand Würgemale am Hals. Die Tote hieß Melanie Rottmann. Sie war drogenabhängig. Sie arbeitete als Prostituierte. Sie hatte blaue Augen. Sie wurde 22 Jahre alt.
Drei Tage später suchte "Bild" den "Würger von St. Georg", der Fundort der Leiche wurde bekannt als "das Haus der Schande", und Hamburgs Politiker meldeten sich zu Wort. Für sie ist das Haus und der Mord an Melanie Rottmann nicht nur ein Grund zur Empörung, es ist auch eine Gelegenheit.
Drei Männer sitzen im Saal A des Hamburger Rathauses vor rund 20 Journalisten. Die Stühle sind knapp, und es wäre sinnvoller gewesen, sich einen Stock tiefer zu treffen, in einem größeren Raum. Aber der besitzt statt einer Kuppel nur eine Decke, dort hängen keine alten Ölgemälde, und den Wänden fehlt auch das bedeutungsschwere Rot. Einen Stock tiefer liegt nur ein Konferenzraum, und der wäre der Situation nicht angemessen. Schließlich geht es an diesem Tag um die Zukunft der Stadt, die Zukunft ihrer Bewohner und um die Zukunft der Hamburger Christdemokraten. Am 23. September wird in Hamburg gewählt, und nach 44 Jahren Opposition hat die Hamburger CDU endlich eine gute Chance, die herrschenden Sozialdemokraten von der Macht zu vertreiben.
Die drei Männer an der Stirnseite des Saales repräsentieren heute die Hamburger CDU, und sie haben zu dieser Pressekonferenz eingeladen, um der Macht wieder einen kleinen Schritt näher zu kommen.
Am ausführlichsten spricht "der Sheriff", so wird Dr. Roger Kusch genannt, und wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass er rechts außen sitzt. Kusch ist Jurist, und sein offizieller Titel lautet "Sicherheitsberater des CDU-Bürgermeisterkandidaten Ole von Beust".
Bis zum Oktober vergangenen Jahres arbeitete Kusch als Oberstaatsanwalt beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe, wohin es nur die wirklich guten und wirklich ehrgeizigen Strafverfolger verschlägt. Dann lockte Beust ihn ins Wahlkampfteam der Hamburger CDU, und seitdem bemüht sich Kusch um die Wähler, die glauben, die Probleme der Stadt ließen sich mit mehr Polizisten, mehr Staatsanwälten, mehr Richtern, mehr Verurteilungen und mehr Gefängnissen lösen. Es gibt viele Hamburger, die so denken, seit sie vor wenigen Wochen erfuhren, dass sie in der gefährlichsten Stadt Deutschlands leben. Auf 100 000 Einwohner kommen in Hamburg 16 675 Straftaten. Fast doppelt so viele wie in München.
Spätestens seit der Veröffentlichung dieser Zahlen ist klar: Die "Innere Sicherheit" ist das Thema, das die Wahl im September entscheiden wird. Zurzeit liegt Rot-Grün mit einem Prozentpunkt hinter CDU, FDP und der Partei PRO. Chef der Partei PRO ist Ronald Schill. Schill wurde bundesweit bekannt als "Richter Gnadenlos", weil er einen Inder und eine psychisch kranke Frau für jeweils zweieinhalb Jahre ins Gefängnis schicken wollte. Der Inder besaß einen falschen EU-Pass, die Kranke hatte ein paar Autos zerkratzt. Der Politiker Schill fordert die Auflösung "des Kartells" strafunwilliger Jugendrichter, den Einsatz von Brechmitteln, um Drogen aus den Mägen von Dealern zu holen, und mehr Polizisten. In einer Umfrage zur bevorstehenden Wahl erreicht Schill zehn Prozent. Sehr wahrscheinlich kann die CDU nach der Wahl nur zusammen mit Schill regieren. Lieber wäre es Hamburgs Christdemokraten natürlich, nicht auf Schill angewiesen zu sein.
Aus diesem Grund findet "Sheriff" Kusch immer neue Feinde der öffentlichen Ordnung und Moral. Ende vergangenen Jahres bezichtigte er Hamburgs Justizsenatorin der Lüge, im Januar behauptete er, Hamburgs Gefängnisse seien "zu den größten Fixerstuben der Stadt verkommen", im März erklärte er den Graffiti-Sprayern den Krieg, und im Juni warf Kusch dem Hamburger Bürgermeister Ortwin Runde vor, den Todestag von Volkan, einem Jungen, der vor einem Jahr von einem Hund getötet worden war, für politische Zwecke zu missbrauchen. Runde besuchte eine Woche vor dem Todestag des Kindes die Polizei und informierte sich über die Hundeverordnung. Kusch nannte den Besuch eine "geschmacklose Veranstaltung", denn die SPD trage die politische Verantwortung für den Tod des Jungen. Kuschs Botschaft lautet: Das Verbrechen lauert überall in der Stadt. Und er, der Sheriff, ist in die Stadt gekommen, um das zu ändern.
Kusch verspricht der Polizei 400 neue Stellen, der Justiz zehn Prozent mehr Staatsanwälte und Richter, den Wählern ein geschlossenes Heim für jugendliche Dealer und den Drogenhändlern den Einsatz von Brechmitteln, wenn sie ihre Ware verschlucken, statt sie den Polizisten auszuhändigen. Am Ende seiner Liste stehen auch noch 100 neue Therapieplätze für Drogensüchtige. Kuschs Gegner behaupten, das sei unredlich, weil nicht die Bürgerschaft, sondern die Krankenversicherungen neue Therapieplätze bezahlen.
Kusch präsentiert seine Liste als Hilfsplan für St. Georg, dem Viertel der Stadt, das Hilfe am nötigsten habe, weil hier "das Verbrechen offen sichtbar rund um die Uhr über Recht und Gesetz triumphiert".
St. Georg ist der schmuddelige Bruder von St. Pauli. Hier arbeiten die Prostituierten, die für die Reeperbahn zu alt oder zu jung sind, zu krank oder zu mager. Hier kostet Sex 50 Mark oder weniger. Hier gibt es kaum Zuhälter, weil sich das Geschäft für sie nicht lohnt. Offiziell ist St. Georg Sperrgebiet. Eigentlich dürfte hier keine Prostituierte stehen.
Sex ist in St. Georg so billig, weil es ein Überangebot an Frauen und Mädchen gibt. Sie kommen aus dem ganzen Bundesgebiet hierher, weil es an kaum einem anderen Ort in Deutschland so einfach ist, Heroin und Crack zu kaufen. Zwischen dem Hamburger Hauptbahnhof und der Alster existiert der größte offene Drogenmarkt Europas. In der deutschen Kriminalitätsstatistik steht St. Georg auf Platz eins.
Direkt am Hauptbahnhof kann man Heroin kaufen, am Steindamm und am Hansaplatz gibt es Crack. Um Kokain zu finden, muss man ein wenig suchen im Viertel, denn die Nachfrage nach der Edel-Droge ist nicht hoch in St. Georg.
Der Kauf von Drogen ist unkompliziert. Man steht vor dem Blumenladen am Bahnhof, guckt suchend, und schon wird man von der Seite angenuschelt: "Eh, brauchst du Schore?" Man nickt, zeigt 20 Mark und hat dann statt des Scheins ein Tütchen mit Heroin in der Hand. Manchmal stehen Polizisten in der Nähe und sehen nichts.
Um sich darüber nicht zu wundern, muss man wissen, dass die Polizei seit Jahren erfolglos versucht, den Drogenmarkt St. Georg zu schließen. 150 Polizisten, drei Züge Bereitschaftspolizei und die Drogenfahnder des Landeskriminalamts ermitteln in dem 1,8 Quadratkilometer großen Viertel gegen rund 120 professionelle Drogendealer und etwa 800 Drogenabhängige, die Heroin und Crack verkaufen, um ihre Sucht zu finanzieren. Seit Jahren führen Polizei und Dealer eine Art Katz-und-Maus-Spiel, bei dem die Dealer meist gewinnen. "Tunnelflitzer" werden sie von den Beamten genannt. Die Dealer kennen fast alle Fahnder, sie kennen deren Autos. Werden Polizisten abgeordnet, um Castor-Transporte zu bewachen, steigt die Dealer-Dichte in St. Georg innerhalb weniger Stunden.
Einen mutmaßlichen Crack-Händler zu erkennen ist einfach. Der Mann pendelt während der Verhandlungen zwischen mehreren Käufergruppen, er nimmt Bargeld von seinen Kunden, manchmal hat er Backen wie ein Hamster, weil Crack als Kugel gehandelt und im Mund transportiert wird. Der professionelle, nicht süchtige Crack-Händler ist oft schwarz. "Ich weiß, das klingt rassistisch", sagt Thorsten Seeland, Chef der Polizei in St. Georg, "aber es ist eine Tatsache: Das Crack-Geschäft ist fest in der Hand von afrikanischen Banden, die sich nach allem, was wir wissen, ihren Nachschub von den Asylbewerber-Schiffen im Hafen besorgen." Viel mehr weiß die Polizei nicht, denn "das ist eine abgeschlossene Gesellschaft, in die wir nur sehr schwer eindringen können", sagt Seeland.
Einen mutmaßlichen Crack-Händler ins Gefängnis zu bringen ist schwer. Es ist den Polizisten verboten, den Mund eines Verdächtigen gewaltsam zu öffnen, es war untersagt, dem Verdächtigen Brechmittel einzuflößen, wenn er die Kugeln verschluckt. Seit vergangener Woche ist das Einflößen des Brechmittels erlaubt, notfalls mit einer Sonde durch die Nase. Der Senat änderte das Landespolizeigesetz. Noch stört das veränderte Gesetz die Dealer nicht. Noch wird diskutiert, ob ein Notarzt das Brechmittel verabreichen muss.
Meist läuft es so wie an einem Freitag Ende Juni am Deutschen Schauspielhaus: Eine Prostituierte torkelt auf einen Dealer zu, der vor dem Schauspielhaus auf Kunden wartet, sie drückt dem Händler 50 Mark in die Hand, der spuckt fünf Crack-Kugeln aus. Die Polizisten sehen es, legen dem Dealer Handschellen an.
Der Mann kennt das. Er nörgelt nur ein wenig, weil ihm die Handschellen zu eng sind. Die Beamten fragen nach seinem Namen und erfahren von der Polizeiwache: 13-mal festgenommen wegen des Verdachts auf Drogenhandel, 30-mal über Nacht eingesperrt, nie vor Gericht. Angeblich ist er 16 Jahre alt, angeblich kommt er aus Burkina Faso oder Sierra Leone. Dorthin schiebt Deutschland niemanden ab. Bei der Einreise nach Deutschland besaß er keine Papiere.
Die Prostituierte hat gestanden. Sie habe den Stoff für einen anderen gekauft und nur eine Kugel als Provision behalten. Der Käufer ist ein selbständiger Handwerksmeister. Er ist noch in der Nähe und wird festgenommen. Er beschwert sich: "Ich wollte heute einen drauf machen, und ihr nehmt mir das Zeug jetzt weg. Das ist doch Scheiße."
Der Crack-Dealer wird zur Polizeiwache gebracht und in eine Zelle gesperrt, bis ein Wagen des Arbeiter-Samariter-Bundes den angeblichen Jugendlichen abholt und in seine Unterkunft bringt. Vorher versucht ein Beamter ein letztes Mal, an die Crack-Kugeln zu kommen, die im Mund des Mannes lagern. Der Polizist erzählt dem Dealer Witze. Er hofft, dass der Mann lacht und ein paar Kugeln aus dem Mund fallen. Aber der Dealer schmunzelt nur.
Der Christdemokrat Kusch verspricht, "die Zustände in St. Georg innerhalb eines Jahres merklich zu ändern". Als er das sagt, sitzt er im Büro von Ole von Beust auf einem schwarzen Ledersofa, sein Stirnhaar ist steil nach oben gekämmt; er sieht aus, als kämpfe er selbst in geschlossenen Räumen mit hartem Gegenwind.
Für Kusch ist St. Georg ein Terrain wie die Hafenstraße in den Achtzigern. Ein rechtsfreier Raum, der vom Gesetz wieder eingenommen werden muss. Alle Dealer müssen aus St. Georg verschwinden. Aus ganz St. Georg. Auch aus dem Haus am Steindamm 98-106, das die CDU am liebsten abreißen würde.
Für Michael Joho ist St. Georg der Ort, an dem er lebt. Joho ist Sprecher des Einwohnervereins St. Georg, und er glaubt an die Lernfähigkeit des Menschen. Joho arbeitet in der Erwachsenenbildung. Er wehrt sich gegen das Urteil, St. Georg sei ein einziger Drogensupermarkt, um den man am besten einen Stacheldrahtzaun zieht. "Denkt man sich die importierte Kriminalität der Drogenszene in St. Georg weg, hat man ein Viertel, in dem es nicht mehr Straftaten gibt als in anderen Stadtteilen", sagt er. Für Joho ist St. Georg der Beweis für eine multikulturelle Gemeinschaft. Hier leben Menschen aus über 100 Nationen meist friedlich nebeneinander her und sind den Drogensüchtigen und Dealern gegenüber "erstaunlich tolerant". "Was würde passieren, wenn in Blankenese plötzlich 100 Crack-Abhängige auftauchen?"
Die Einwohner von St. Georg leben seit über einem Jahrzehnt mit dem offenen Drogenmarkt. 1989 trafen sich Mitglieder des Bürgervereins zum ersten Mal auf einem Kinderspielplatz, um gebrauchte Heroin-Spritzen aus dem Sand zu graben. Heute hat Crack das Heroin verdrängt, und Joho glaubt, dass die Polizei das Problem nicht lösen kann.
Mitte der Neunziger vertrieb die Polizei die kurdischen Heroin-Dealer und viele Abhängige aus dem Viertel. Die Süchtigen tauchten wenige Kilometer entfernt im Schanzenviertel wieder auf, die Einwohner des Viertels beschwerten sich, Politiker und Polizisten reagierten, die Süchtigen konnten nach St. Georg zurückkehren. Seitdem begnügt sich die Polizei damit, Dealer und Abhängige von drei Uhr nachmittags bis drei Uhr morgens in St. Georg hin und her zu schieben, hinausgedrängt in andere Stadtteile werden sie nicht mehr. Vielleicht steckt hinter dieser Taktik nicht nur politische Ratlosigkeit, sondern auch wahlökonomisches Kalkül: In St. Georg sind etwa 10 000 Menschen gemeldet; in anderen Vierteln könnten Sozialdemokraten und Grüne mehr Wähler verärgern.
St. Georg ist heute zweigeteilt. Zwischen der Langen Reihe und der Alster wohnen wohlhabende Singles und Paare in sanierten Eigentumswohnungen. Der Süden des Bezirks mit seinen Sex-Shops, Spielhallen und Stundenhotels taucht fast täglich in den Berichten der Hamburger Polizei auf. Drei Millionen Mark hat die Stadt ausgegeben, um dem Straßenstrich Steindamm einen "Flaniermeilencharakter" zu geben. Aber Ende Juni eröffnete ein neuer Sex-Shop, das Hansa-Theater wird Ende des Jahres sehr wahrscheinlich schließen, das Cabaret "Pulverfass" wird St. Georg verlassen.
Vor fünf Jahren wurde der Stadt ein Sanierungskonzept für den Steindamm vorgelegt. Der Plan sah vor, Billighotels in Pensionen und Wohnungen zu verwandeln. Doch die Stadt überlies das Viertel dem Markt, der mehr Stundenhotels produzierte und leer stehende Bürogebäude. Neubauten in dieser Ecke der Stadt sind kaum zu finanzieren. Viele Banken beenden die Kreditverhandlungen, sobald sie die Adresse Steindamm hören.
Miteigentümer des ehemaligen DAK-Hauses am Steindamm ist der Immobilienmakler Eduard Kynder. Kynder wohnt wahlweise an der Alster in Hamburg oder in seiner Villa in der Schweiz. Der Makler ist ein Mensch, der sich gern vor schweren Vorhängen und dunklem Holz fotografieren lässt.
Das Haus am Steindamm kaufte Kynder Ende der Achtziger und plante zusammen mit seinem Partner, das Bürogebäude in ein Hotel mit Arztpraxen umzubauen. "Das ist auch jetzt noch so gedacht", sagt Kynder am Telefon. Aber das Bezirksamt Hamburg-Mitte verzögere den Bau. Ein Sprecher des Bezirksamts bestreitet das.
Bis Anfang des Jahres bewachte eine Verwaltungsfirma das Haus. Dann lief der Vertrag zwischen der Firma und den Eigentümern aus. Obdachlose, Prostituierte und Junkies besetzten den Bau. Seitdem haben die Eigentümer des Hauses nach Auskunft des Bezirksamts nur die Türen mit Brettern vernageln lassen. Die Besetzer gelangen durch eingeschlagene Fensterscheiben ins Haus, und der Mord an Melanie Rottmann lockt immer wieder Schaulustige vor die Eingänge.
Neben einer zugenagelten Tür steht Herr Fischer und drückt seine Stirn an die Scheibe. Herr Fischer trägt eine Tüte vom Spar-Markt mit jungem Gouda, fettarmer Milch und zwei Dosen Bier und fragt: "Ist das Mädchen hier umgebracht worden oder auf der anderen Seite?" Seine Stimme zittert ein wenig. Vielleicht aus Angst vor einem Überfall im Schlagschatten des Hauses, vielleicht auch vor Erregung, weil er sich der Stelle nahe weiß, an der eine Frau langsam starb. Als Herr Fischer seine Stirn hebt, hinterlässt er einen feuchten Fleck auf der Scheibe. Dann geht er, denn es wird dunkel.
Will man in diesem Haus übernachten, braucht man einen Besen, zwei Schreibtischplatten und ein Zimmer mit zwei Türen. Eine Tür sollte auf den Flur führen, die andere in ein Nachbarzimmer. Unter die Klinken der Flurtür klemmt man den Besen. Den kann man leicht entfernen, wenn Besuch kommt. Die erste Schreibtischplatte klemmt man unter die Klinke der Tür, die in den Nachbarraum führt. Randalieren ungebetene Gäste an der Flurtür, kann man sie mit der Schreibtischplatte Nummer zwei verbarrikadieren. Wird die Flurtür trotzdem eingetreten, kann man durch die andere Tür in den Nachbarraum fliehen. So wohnen Alex und Dani. Vor dem Glas der Flurtür hängt eine Iso-Matte, das einzige Möbelstück ist ein Mülleimer. "Wir sind keine Asozialen", sagt Alex, "und unser Klo steht bei McDonald's."
Alex ist Kranführer und hat gerade "eine schlechte Phase". Er hat "keine Wohnung, einen Haufen Schulden", dann ist da noch ein Kind, für das er eigentlich Unterhalt zahlen müsste. Aber immerhin sei er vom Heroin runter und im Methadon-Programm, und in ein paar Wochen bekommt er auch drei neue Schneidezähne. Die alten Zähne hat er verloren, als er sich mit drei Skinheads im Regional-Express von Uelzen nach Hamburg prügelte. "Einer von denen hat meiner Freundin am Hintern rumgefummelt", sagt Alex, "und manchmal muss man sich im Leben gerade machen." Dani hat er hier im Haus kennen gelernt.
Hin und wieder übernachtet Jenny bei Alex und Dani. Alex hatte mal was mit Jenny, aber dann lernte er Melanie kennen, die hier im Haus umgebracht wurde, und weil Alex mit Melanie im Bett landete, machte Jenny Schluss mit Alex. Jetzt ist Alex mit Dani zusammen, Melanie ist beerdigt, und Jenny ist froh, ab und zu hier liegen zu dürfen, "denn allein ist es in diesem Haus ganz schön einsam".
Wenn Jenny nicht gerade bei Alex und Dani sitzt, wohnt sie rechts hinten in der Ecke eines Großraumbüros im zweiten Stock. Dort liegt ihr roter Schlafsack. Außerdem besitzt sie ein Paar rote Socken, ein Paar schwarze Socken, ein Paar Turnschuhe, eine Jeans, ein T-Shirt, einen Pullover, eine Jacke, ein Gummiband für ihre Haare. Ihr Klo ist ein Zimmer weiter. Dort arbeiteten früher die Netzwerkspezialisten der DAK. Seit elf Jahren schafft Jenny auf dem Straßenstrich in St. Georg an. Genau so lange spritzt sie Heroin.
An guten Tagen hat sie drei oder vier Freier und kann sich Droge und Essen leisten. An schlechten Tagen hat sie einen Freier und kauft nur Drogen. An ganz schlechten Tagen hat sie keinen Freier und Krämpfe. In der letzten Zeit überwiegen die ganz schlechten und schlechten Tage. Jenny ist 1,80 Meter groß, wiegt noch "um die 50 Kilo" und geht wie eine 80-Jährige. Sie sagt, sie sei 35.
Im Moment fühlt sie sich ganz gut, trotz leichter Krämpfe. Sie hofft auf einen Stammfreier, "meinen Onkel", der sie übers Wochenende mitnehmen will in sein Haus außerhalb von Hamburg "und der sich ein bisschen um mich kümmert". Der Onkel kommt nicht. Es wird ein unangenehmes Wochenende für Jenny.
Aber es könnte schlimmer sein, sagt sie, immerhin sei sie nicht auf Crack.
Crack tauchte vor drei Jahren in großem Umfang in St. Georg auf, und die Milieuaufklärer der Polizei erinnern sich, dass sie das Wort in ihren Berichten nicht verwenden durften. Crack beherrschte die Slums amerikanischer Großstädte, Crack war ein Synonym für überforderte Polizei, überforderte Justiz und menschenleere Innenstädte. Crack durfte es in Hamburg nicht geben.
Heute nehmen fast alle Drogensüchtigen in St. Georg den Stoff, der aus Kokain gebacken wird, weil er billiger ist als Kokain und schneller wirkt. Crack schlägt im Hirn ein wie ein Blitz. Verglichen mit Crack ist Heroin ein Beruhigungsmittel. Kiki und Steffi spitzen sich Heroin, wenn sie nach 50 Stunden Daueranschaffen und Crack-Rauchen "mal wieder runterkommen wollen, um ein bisschen zu schlafen".
Die beiden Frauen hocken in der verlassenen Kantine des DAK-Hauses, es ist kurz nach Mitternacht, ein paar vertrocknete Scheißhaufen liegen auf dem Teppich, irgendwo im Haus schlägt wieder eine Tür, ein Mann schreit, und Kiki erzählt von dem 27-Jährigen, den sie hier bedient hat. "Französisch, er war ein netter Kerl, er war sauber, und er kam wirklich schnell." Die beiden nehmen regelmäßig Männer mit ins Haus, die keine 20 Mark für ein Zimmer in einem Stundenhotel ausgeben wollen, die kein Auto haben und die sich nicht in einen Park verdrücken wollen.
Die Milieuaufklärer der Polizei sagen, "die Süchtigen werden immer jünger". 13-Jährige befriedigen einen Freier für zehn Mark, den Preis eines Crack-Steins. Freier sind sich des Überangebots an Frauen bewusst, drücken die Preise oder fordern "wirklich putzige Dinge". In Kikis Jacke liegen Pfefferspray und ein Butterfly-Messer. "Aber das Spray bringt kaum was", sagt Kiki, "ich habe die Dose mal falsch rum gehalten und draufgedrückt. Ist gar nicht so schlimm."
Im Haus versuchen die Frauen, in einem der unteren Stockwerke zu bleiben. Oben sei es zu gefährlich, "da hört dich niemand, wenn der Mann komisch wird", sagt Kiki. An ihrer Hand sind runde Brandmale zu sehen. Sie haben den Durchmesser einer Zigarette. Es ist unwahrscheinlich, das Kiki und Steffi elf Jahre durchhalten werden wie die heroinsüchtige Jenny. Die Milieuaufklärer sagen: "Die Verelendungsgeschwindigkeit von Crack-Konsumenten übertrifft die von Heroin-Abhängigen um ein Vielfaches."
Aber was soll man machen?
Michael Joho, der gute Mensch aus St. Georg, fordert einen zweiten Fixerraum, in dem sich Süchtige in Ruhe einen Schuss setzen können. "So kommen die Leute wenigstens von der Straße."
Der Christdemokrat Kusch nennt so etwas "das Verwalten des Drogenproblems und die Kapitulation des Staates vor dem Unrecht". Er will Frauen wie Kiki und Steffi wegsperren, weil sie Crack nicht nur konsumieren, sondern auch damit handeln.
Die Grünen wehren sich gegen den Einsatz von Brechmitteln, weil das gegen "die Menschenwürde" verstößt. Und Hamburgs Innensenator, der Sozialdemokrat Olaf Scholz, bastelte sich schnell ein neues sicherheitspolitisches Konzept. Die SPD der Hansestadt glaubte zu lange, die Wahl mit sozialpolitischen Themen gewinnen zu können. 150 Millionen Mark wollte der Bürgermeister Ortwin Runde nach dem Sieg ausgeben für die ganztägige Betreuung von Kindern, Brechmittel waren tabu, 61 Polizei-Planstellen sollten gestrichen werden. Nun verspricht Scholz, die Stellen doch nicht zu streichen, Brechmittel werden eingesetzt, jugendliche Drogendealer sollen einen Vormund bekommen. Und das Haus am Steindamm würde Scholz am liebsten zwangsenteignen. Übrig geblieben vom alten SPD-Konzept ist nur der zweite Fixerraum für St. Georg.
Während der Einweihung des renovierten Polizeikommissariats 12 sagt Scholz: "Nach der Wahl werden wir die Probleme lösen, nicht die CDU."
Es klingt wie eine Beschwörung.
Von Uwe Buse und Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 29/2001
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