16.07.2001

USADer Gulag von Arizona

„Amerikas härtester Sheriff“ Joseph Arpaio lässt viele seiner 7000 Sträflinge - auch Frauen - in Ketten arbeiten und füttert seine Hunde besser als die Gefangenen. Der Prahlhans und Sadist wird von der Bevölkerung immer wieder gewählt. Von Carlos Widmann
Blackie, der Schäferhund, hört nur auf deutsches Kommando. Zumindest glaubt das sein amerikanischer Betreuer, der sich die Fremdwörter mühsam angeeignet hat. "Pfui!", schreit Sergeant Ramirez, als der importierte Hund einen schwarzen Gefangenen allzu heftig beschnuppert. "Sitz!", ruft er, wenn der Sheriff bei seinem Rundgang kurz innehält. Nur zu dem Befehl "Fass!" gibt es so gut wie nie einen Anlass: Die 944 Frauen und Männer im Häftlingslager Durango sind zahm wie Schafe.
Mittagsruhe bei 102 Grad Fahrenheit (39 Grad Celsius). In den Baracken und den gelben Zelten dämmern die Gefangenen schweißbedeckt auf Bänken und Betten dahin. Rundherum glitzern die Stacheldrahtspiralen in der sengenden Mittagssonne. Dazu die Wachtürme, die gestreifte Sträflingskleidung, die bellenden Lautsprecher, die Hundekommandos in deutscher Sprache: Fordert das nicht ungute historische Vergleiche heraus?
"Ich bin in dem Punkt sensibler, als es den Anschein haben mag", erwidert Sheriff Joe (wie er sich am liebsten nennen lässt) mit feinem Lächeln: "Wir betreiben hier gewiss kein Konzentrationslager." Doch in seinem Hauptquartier im 19. Stock eines Bürogebäudes zwischen den spiegelnden Glaswürfeln von Phoenix hatte Joseph Arpaio zuvor mit schmatzender Befriedigung eine Schlagzeile über seine Person hergezeigt. Sie war ihm aus Europa zugeschickt worden und lautete: "Le petit Führer de l'Arizona."
Es hängt ein fettiger, klebriger Geruch über der Durango Street, wo der Stadtrand von Phoenix allmählich in Wüste übergeht und das Schild "Smart Tents" den Weg zum Freiluft-Knast anzeigt. "Es stinkt hier, nicht wahr?", bemerkt Sheriff Joe mit lauerndem Lächeln. "Ich wollte meine Gefangenen möglichst nahe an der Stelle haben, wo sie in Wirklichkeit hingehören." Augenzwinkernd fügt er hinzu: "Die städtische Müllkippe ist gleich um die Ecke."
Das Lager "Schlaue Zelte", wie er es selbst getauft hat, ist Sheriff Joes ureigenste Erfindung. Und seine Methode gefällt den Wählern so gut, dass er die Gefängnisse seines Amtsbereichs zu einem kleinen Gulag expandieren darf. Das ganz Amerika plagende Dilemma: Entweder gefährlich überquellende Knäste oder kostbare Steuermillionen für Neubauten (wenn nicht gar beide Übelstände zugleich) - im Wüstenstaat Arizona, zumindest im bevölkerungsreichen Maricopa County, ist es glücklich überwunden.
Aus billigen U.-S.-Army-Beständen hat Joseph M. Arpaio, 69 - "Amerikas härtester Sheriff", wie seine Eigenwerbung lautet -, diese Mannschaftszelte zusammengekauft. Sodann hat er sie auf öffentlichen Grundstücken in Reih und Glied aufstellen lassen, mit reichlich Stacheldraht umgeben - und fertig war seine Patentlösung für die notorische Raumnot des US-Strafvollzugs.
"Tue Gutes und rede darüber" könnte eine amerikanische Maxime sein, und bei Sheriff Arpaio führt die Selbstanpreisung zu manischem Redeschwall. "Ich verfügte bei meinem Amtsantritt vor acht Jahren über nur 5600 Gefängnisplätze", erzählt der Sheriff, der eine vergoldete Miniaturpistole als Krawattennadel trägt. "Ohne Gebäude zu errichten, habe ich heute Platz für 2000 Häftlinge mehr. Damit habe ich unseren Steuerzahlern 70 Millionen Dollar erspart. Es gibt massenhaft Zelte auf dem Markt, es gibt massenhaft Land in Arizona! The sky is the limit."
Um potenzielle Knastanwärter mit einer Prise Zynismus auf seine unerschöpflichen Kapazitäten aufmerksam zu machen, hat Arpaio auf einem Wachturm weithin sichtbar eine jener roten Neonleuchtschriften anbringen lassen, die sonst vor den billigen Motels nahe am Highway zu sehen sind: "Vacancy", lautet seine frohe Botschaft - Zimmer frei.
Schäferhund Blackie braucht den Sheriff nicht zu beschützen. Wenn Arpaio sein zebragestreiftes Menschenreich durchschreitet, wirkt er ganz entspannt und unbedroht. Selbst im Männerlager geht offenbar keinerlei Gefahr von den 740 Häftlingen aus, die alle die zünftige Sträflingskluft aus schwarzen und weißen Balken tragen. "Nicht von Armani", ruft Sheriff Joe stolz, "sondern selbst entworfen! Die Brüder sollen nicht aussehen wie Ärzte oder Anwälte, sondern wie gefangene Verbrecher."
Und schon hat der joviale Mann wieder eine seiner unverwüstlichen Anekdoten parat: "Die Frauen hatten mich gebeten, für die Uniformen schmale und senkrechte Streifen zu verwenden, weil man darin schlanker wirkt. Also habe ich besonders dicke Streifen bestellt und sie waagrecht verarbeiten lassen, damit die Gefangenen aussehen wie fette komische Käfer. So werden sie wenigstens nicht mit Krankenschwestern verwechselt wie im so genannten humanen Strafvollzug."
Und damit seine Anbefohlenen auch ohne ihre Kluft sofort als Knastbewohner erkennbar sind, hat der Sheriff sich sogar über die Unterwäsche Gedanken gemacht: Die ist aus rosafarbenem Stoff - ein leuchtendes Pink. "Damit niemand auf die Idee kommt, das Gefängnis in Unterhosen zu verlassen", erläutert Joe Arpaio. Aber er stellt klar, dass auch das Motiv der Häftlingsdemütigung eine Rolle spielte: "In dieser Unterwäsche muss sich der härteste Macho wie eine Schwuchtel fühlen."
Leutselig gibt Sheriff Joe solche Sprüche auch vor den Häftlingen ab. Die scheuen sich ihrerseits nicht, ihm verbittert ihre Beschwerden vorzutragen. "Seit ich ein Kind war, habe ich immer drei Mahlzeiten am Tag erhalten, Frühstück, Mittagessen, Abendbrot", klagt Roger Ellis, 23, der wegen Besitz von ein paar Gramm Marihuana einsitzt. "Jetzt aber gibt es nur noch zweimal am Tag zu essen. Das ist Hungerfolter, das drückt aufs Gemüt."
Sheriff Joe wird durch solche Klagen nur in euphorische Stimmung versetzt. "Hatte ich es euch nicht versprochen? Zwei Mahlzeiten - brunch and dinner - wie an Sonntagen bei den feinsten Familien Amerikas!", ruft er verzückt. Als ob er auf dieses Stichwort nur gewartet hätte, zieht ein anderer Gefangener unterm Bett den Brunch-Beutel hervor, der vormittags verteilt worden war: sechs dünne Scheiben Weißbrot der minderwertigsten Sorte, zwei verschrumpelte Apfelsinen, ein paar brüchige Cracker sowie ein übel riechender "Aufstrich", der aus schimmeliger Erdnussbutter und Marmelade gemischt ist. Kostprobe: ungenießbar.
Doch auch die Enthüllung des Speisebeutels scheint Sheriff Joe nicht im mindesten zu stören. So etwas stachelt nur seinen Hang zum Sarkasmus an: "Ihr habt Anspruch auf 2800 Kalorien pro Tag, ich aber gebe euch 3000. Was wollt ihr mehr? Dass das Essen aus dem Feinschmeckerlokal kommen muss, steht nicht im Gesetzbuch." Die Demütigung durch Schweinefraß betreibt Arpaio ganz methodisch. Das Abendessen besteht im Wesentlichen meist aus einer dicken Scheibe der berüchtigten Gefängniswurst, die als "green Bologna" bereits in die Folklore Arizonas eingegangen ist. Das Grüne an dieser Wurst ist die Schimmelschicht, die sich mit der Zeit über der Fettschicht bildet.
"Selbstverständlich habe ich die Bologna selbst probiert, wenn auch nur einmal", scherzt Sheriff Arpaio. "Und seht her, ich bin immer noch am Leben!" Sein größter Stolz scheint zu sein, dass bei ihm die Tagesverpflegung eines Gefangenen nur 0,40 US-Dollar ausmacht - ein Drittel der Futterkosten für einen Polizeihund.
"Aber Sheriff, wir sind doch keine Hunde sondern Menschen!", ruft ein blutjunger Gefangener dazwischen, Sohn eines College-Professors. Darauf Joe Arpaio mit fast schon dämonischem Zynismus: "Hunde sind prinzipiell unschuldige Wesen, mein Lieber. Menschen jedoch neigen zur Kriminalität. Ich halte es da ganz mit dem Mahatma Gandhi: Die Moral einer Gesellschaft ist daran zu messen, wie sie ihre Tiere behandelt."
Hinterher gibt Sheriff Joe das Geheimnis preis, warum er öffentlich so gern von der widerwärtigen Verpflegung und all den ausgeklügelten Schikanen schwärmt, die er sich für seine Gefangenen immer neu ausdenkt: "Die Leute draußen empfinden Freude bei dem Gedanken, dass es ihren Feinden im Knast dreckig geht."
Womöglich liegt hier der Schlüssel für den persönlichen Erfolg von Sheriff Arpaio, der in Meinungsumfragen über eine beständige Zustimmungsrate von 75 Prozent verfügt. Was er in Maricopa County als seine Philosophie (auch in Buchform) unter die Menschen bringt, könnte mit der Formel Sado-Populismus definiert werden.
Die Leute klatschen sich auf die Schenkel, wenn Sheriff Joe ihnen erklärt, wie er den gesetzlich garantierten Unterhaltungsanspruch bei seinen Gefangenen befriedigt. "Natürlich steht ein Fernsehgerät im Gemeinschaftsraum - aber das Programm bestimme ich", verkündet Arpaio genüsslich: "Gewaltdarstellung kommt für Strafgefangene nicht in Frage, also fallen schon die meisten Sender aus. Den Disney-Kanal habe ich eine Zeit lang laufen lassen, aber dann merkte ich, dass kleine Kinder darin vorkommen. Wir wollen doch nicht den Pädophilen einen Gefallen tun! Jetzt zeige ich halt den Wetter-Kanal."
An diesem Tag hält der Sheriff Ausschau nach neuen Möglichkeiten, das Geld der Steuerzahler zu schonen. Die Kühlgeräte, die mit den Zelten geliefert worden waren, hat er schon am Anfang abgeschafft ("Auch unsere Soldaten mussten im Golfkrieg ohne Klimaanlagen auskommen"). Jetzt aber fällt sein Blick auf die Ventilatoren, die in den Zelten die heiße Luft durcheinander wirbeln. "Laufen die auch nachts?", fragt Arpaio einen Bewacher. Als die Antwort bejahend ausfällt, gleitet ein zufriedenes Lächeln über das Gesicht des Sheriffs: "Das ist Stromverschwendung. Wird sofort abgeschafft. Nachts ist es für Gefangene in Phoenix kühl genug."
Im Warteraum für Gefängnisbesucher wird Arpaios Philosophie in einem ungewöhnlichen Motto zusammengefasst: "Sheriff Joe leistet Dienst am Kunden." Denn als seinen Kunden betrachtet der Sheriff das Volk, "the people of Maricopa County", das ihn gewählt hat. Er sieht sich als Wunschvollstrecker seiner Wählerschaft, der 3,2 Millionen Einwohner von Maricopa - einem explosiv wachsenden Regierungsbezirk, dessen Bevölkerung sich seit 1950 verzehnfacht hat. Zwei Drittel der Einwohner Arizonas leben heute in Maricopa County, das etwas größer ist als Hessen und seinen Aufstieg vor allem drei Faktoren verdankt: Niedrigsteuern, Niedriglöhnen und Hochtechnologie. Weltkonzerne der Elektronik wie Honeywell und Motorola produzieren hier. Die Einwohner des boomenden Phoenix, der Millionärsenklave Scottsdale, der Universitätsstadt Tempe sowie solch luxuriöser Greisen-Ghettos wie Sun City oder Superstition Heights haben nicht viel gemeinsam außer ihrer Obsession - dem Sicherheitsbedürfnis.
Die Menschen wollen sich beschützt fühlen vor den "zugewanderten Gangs der Mexikaner, der Schwarzen und der kalifornischen Asiaten", die Arpaio als Schreckgespenster beschwört. Der Kampf gegen das Verbrechen freilich fällt in die Zuständigkeit der städtischen Polizeikräfte, die nicht dem Sheriff unterstehen, sondern dem jeweiligen Bürgermeister. Also zieht Arpaio eine Show ab, eine Art Exorzismus: Er mobilisiert Bürgerwehren, um die Mauern mancher Viertel von Graffiti zu reinigen. Damit, meint er, würden auch die Geheimzeichen und Hieroglyphen verschwinden, mit denen Bandenmitglieder sich untereinander verständigen.
In Wahrheit landen wohl die wenigsten Bandenverbrecher in den Zeltlagern des Sheriffs. Hinter seinen Stacheldrahtrollen sind vor allem Mitglieder jener Schicht anzutreffen, die Joe Arpaio nie beim Namen nennt, weil sie zu seinen treuesten Wählern gehört: Die meisten der Knastbrüder und -schwestern sind "poor whites", Weiße der Unterschicht.
Es ist "white trash", das von Drogen und Alkohol schwer beschädigte "weiße Gesocks" aus Süd-Phoenix, das die amerikanischen Schwarzen und die zugewanderten Mexikaner (und erst recht die dort kaum vorhandenen Asiaten) in den Zeltlagern des Sheriffs in den Hintergrund drängt. Zahlenmäßig dominiert eindeutig die bleichgesichtige Unterklasse.
"Ich bekomme Drohbriefe, und die Mörder zeigen mir den Stinkefinger", prahlt Arpaio fast jeden Tag vor irgendeiner Kamera. In Wahrheit hat er mit Mördern so gut wie nichts zu schaffen: In seinen Lagern schmachten Untersuchungshäftlinge und Kleinkriminelle, Drogensüchtige und Prostituierte, Trunkenbolde und Ladendiebe. Auf die Kriminalitätsstatistiken von Arizona hat "Amerikas härtester Sheriff" keinen besonderen Einfluss. Er ist kein eiserner Besen wie der New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani, der mit seiner hart durchgreifenden Polizei die Straßen wirklich sicherer gemacht hat.
Arpaio hingegen bietet Gemeinheiten gegen Wehrlose und Showbusiness für Voyeure. Vier Kameras sind ständig auf die Frauen und Männer gerichtet, die eingebuchtet werden. Im Internet kann die Welt beobachten, wie Prostituierte und Drogenabhängige sich verhalten, wenn sie bei Sheriff Joe in Haft genommen werden. Jeder kann hingucken, wenn sich eine Hysterikerin die Kleider vom Leibe reißt oder eine Ladendiebin sich auf die Toilette setzt. Nur die Misshandlung von Häftlingen, Schläge auf die Ohren, Schüsse mit der Betäubungspistole sind im Internet nicht zu sehen. Menschen, die Sadismus mit Effizienz verwechseln, werden Arpaio auch nächstes Mal wählen.
Gemessen an der dumpfen, grausamöden Atmosphäre in den Zeltlagern wirkt die Arbeit in den berüchtigten "chain gangs" beinahe erfrischend. Gewiss, auf den Bildern sieht es furchtbar aus, wie Männer oder Frauen aneinander gekettet marschieren und arbeiten. Aber es sind auf ihre Art Freiwillige, die sich zum Kettendienst melden: bestrafte Gefangene, die es nicht mehr aushalten, 23 Stunden am Tag in eine Zelle gesperrt zu sein.
In Ketten dürfen sie hinaus in die wirkliche Welt, dürfen etwas Nützliches tun - Unkraut jäten oder Straßen reinigen oder auf dem Armenfriedhof die Mittellosen beerdigen. "Ich habe es als eine gute Sache inmitten von all dem Stumpfsinn empfunden", sagt Peri Brown, 42, die wegen Unterschlagung ein Jahr in den "Schlauen Zelten" verbrachte und 30 Tage davon freiwillig in der Kettengang malochte. Es ist eben alles relativ.
"Ich habe den Uhrzeiger der Geschichte zurückgedreht", prahlt Sheriff Joe. Er meint nicht zu Unrecht, dass Hollywood sich vor allem wegen seiner Kettengangs für ihn interessiert. Er weiß sogar schon, von welchem Schauspieler er verkörpert werden möchte: "Robert De Niro wäre der Richtige." Dem gelingen tatsächlich die Psychopathen-Rollen am besten.
Von Carlos Widmann

DER SPIEGEL 29/2001
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