23.07.2001

„Für uns kein Vorgang“

Die Stasi-Akte des Hans Meyer
Hans Meyer ist zu DDR-Zeiten "nie als Widerstandskämpfer" aufgetreten. Das sagt er selbst. Er hat "über gute marxistisch-leninistische Grundkenntnisse" verfügt und "ständig" versucht, "diese auch in seiner Arbeit anzuwenden". Das sagt seine Stasi-Akte.
Im Dezember 1971 wurde Meyer von der Kreisdienststelle Jena geworben. Er erhielt den Decknamen Hans Schaxel und wurde über 16 Jahre lang geführt als "Gesellschaftlicher Mitarbeiter Sicherheit" (GMS) - eine untere Kategorie des ostdeutschen Spitzelwesens. Schriftlich verpflichtet hat sich Meyer nie.
Nach eigenen Angaben widerstand er hartnäckigen Bemühungen hauptamtlicher Stasi-Leute, ihn als Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) zu gewinnen. Eine Darstellung, die sich mit dem Inhalt der Akte nicht in Einklang bringen lässt, die ihn als IM ausweist. Einmal habe ihn ein Stasi-Unterleutnant zu den Dornburger Schlössern bei Jena geschleppt und gemeinsam mit einem Vorgesetzten eineinhalb Stunden vergebens zu überzeugen versucht. 300 Mark monatlich hätten sie ihm geboten.
In der GMS-Akte steht von solcher Resistenz nichts; jedoch, dass Meyer "zuverlässige und objektive Informationen" über die von ihm trainierten Spieler geliefert und Wert auf "strengste Konspiration" gelegt habe.
Sein Arbeitgeber erfuhr von Meyers Akte am 6. März durch einen Brief der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. In seiner Ratlosigkeit sandte der Club Christoph Schickhardt, seinen branchenbekannten Sportanwalt, der "keine Erfahrungen mit Stasi-Geschichten" hat, in die ehemalige Gauck-Behörde. Der Jurist, praktischerweise auch Rechtsberater von Meyer, prüfte die Aktenlage und verfasste einen Report, der den Vorstand zu dem Urteil kommen ließ, dass "die Angelegenheit", so Vizepräsident Rolf Königs, "für uns kein Vorgang" sei.
Mit der Originalakte hat die anwaltliche Expertise jedoch in Teilen nicht so viel gemein. Dass er für seine Mandanten Borussia Mönchengladbach und Meyer dessen Stasi-Rolle schönt, mag Schickhardt auch gar nicht bestreiten: Sein Dossier könne in Teilen "eine Mischung sein aus dem, was ich gelesen habe, und dem, was mir Meyer vorher erläutert hat". Er sei "natürlich kein objektiver Gutachter" und habe die Akte "eher unter freundlichem Aspekt" geprüft. Das hielt den Club aber nicht davon ab, das Papier auf Anfrage zu Meyers Vergangenheit wie ein Gutachten aus den Händen zu geben.
Meyer, der mit seinen DDR-Mannschaften 65 Europapokalspiele bestritt, war keine Spitzenquelle für die Stasi. Die Akte umfasst gerade mal 127 Seiten, enthält keinen einzigen schriftlichen Bericht des Trainers. Nachweislich geschadet hat der "Verdiente Meister des Sports" niemandem. "Bei keinem Thema", sagt er, "kann ich ruhiger schlafen als beim Thema Stasi." Allerdings hat er über den Trainerkollegen Jörg Berger Informationen weitergegeben, die unappetitlich anmuten.
Berger, früher Meyers Assistent in Jena und dann Coach der DDR-Juniorenauswahl, war 1979 über Jugoslawien in den Westen geflohen. Meyer wurde daraufhin von einem Stasi-Offizier befragt: Er berichtete vom "wenig mannhaften Charakter" des Geflohenen und ließ sich dann laut Akte über das Sexualleben und die gescheiterte Ehe seines geflohenen Kollegen aus.
Berger kennt den entsprechenden Bericht aus seiner Opferakte. Er findet Meyers Einlassungen "billig" und "völlig aus der Luft gegriffen".
Dem Fußballlehrer Meyer wurde inzwischen geraten, den Kollegen Berger wenigstens mal anzurufen. Er hat sich nicht gemeldet. Berger bewertet das als "für solche Fälle typisch".
WOLFGANG KRACH
Von Wolfgang Krach

DER SPIEGEL 30/2001
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