23.07.2001

AUTORENIm Reich der dunklen Materie

In England und den USA ein Bestseller-Autor, in Deutschland noch ein Geheimtipp: der britische Fantasy-Romancier Philip Pullman. Von Urs Jenny
Es wäre vielleicht keine schlechte Idee, wenn unsere Seele eine körperhafte Präsenz hätte, zum Beispiel in Gestalt eines Tieres, das uns durchs Leben begleitete, eines verstand- und sprachbegabten Tieres natürlich: Es säße uns etwa als Luchs, Eichhörnchen oder Kauz bei Fuß, im Schoß oder auf der Schulter, wenn wir uns vor einem Café sonnten und die Passanten mit deren tiergestaltigen Seelen vorbeispazieren ließen. Und wenn wir im Büro mit einem Kollegen aneinander gerieten, würden vielleicht zwischen unseren Füßen die Seelen ausspielen, was die Köpfe für sich behielten - mal wie Hund und Katze, mal wie das Kaninchen vor der Schlange oder auch mal von Krähe zu Krähe aufeinander einhackend.
Ob Frosch, ob Schaf, ob Schmetterling: Die Vorstellung liegt nahe, dass sich in der jeweiligen Tiergestalt das Wesen eines Menschen spiegelt: "Du kannst dir nicht vorstellen, wie viele sich einen Löwen wünschen und mit einem Pudel vorlieb nehmen müssen!" Sicher ist: Wenn man sein Seelentier - Maskottchen, Totem, Schutzengel - als Lebenspartner stets zur Seite hätte, wäre man nie ganz allein.
Es gibt diese Welt, in der jedem Menschen sein individuelles, auch mit Namen und Kosenamen versehenes Seelentier eigen ist, im Übrigen aber fast alles der unseren bemerkenswert ähnlich sieht. Diese andere Welt hat naturgemäß einen anderen Schöpfer, sie ist eine literarische Phantasie. Ihr Urheber, der Brite Philip Pullman, findet allmählich auch hier zu Lande Leser, doch noch immer so wenig publizistische Aufmerksamkeit, dass Buchhändler ihn als "Geheimtipp" empfehlen.
In England und den USA ist das anders: Da hat Pullman, 54, ein ehemaliger Lehrer, der mit seiner Familie in Oxford lebt, nicht erst mit seinem jüngsten Roman "The Amber Spyglass" den Spitzenplatz der Bestsellerlisten erobert. In der reichen, buntscheckigen Schar der angelsächsischen Fantasy-Autoren von heute halten Kenner ihn für den bildmächtigsten Weltenerfinder und virtuosesten Abenteuer-Anzettler, der auch Schwindel erregende Abgründe nicht scheut, für den eigenständigsten Nachfahren und Erben des großen "Herr der Ringe"-Schöpfers J. R. R. Tolkien.
Pullman selbst vermeidet den Begriff "Seele"; er redet von "Dæmon" und legt dabei Wert auf diese spezifische Typografie, um das Seelentier von irgendwelchen Wald-, Feld- oder Wiesen-Dämonen zu unterscheiden. Der Dæmon à la Pullman besitzt die Greifbarkeit und Gestalt eines Tieres, ist aber doch eine Erscheinung von anderer Substanz: Er hat in der Regel das seinem Menschen entgegengesetzte Geschlecht (rare Ausnahmen werden erwähnt, doch nicht erläutert); er braucht weder Speise noch Trank, und er löst sich, wenn der Mensch stirbt, spurlos in nichts auf.
Wie einst Tolkien in England oder Michael Ende in Deutschland mit seiner "Unendlichen Geschichte" ist Philip Pullman ein Jugendbuchautor, der sich stärker und überzeugender, als ihm selbst bewusst geworden sein mag, über das junge Publikum hinaus zu einem Märchenerzähler von universalem Anspruch und Format entwickelt hat.
Dass es sich bei "Der goldene Kompass", dem ersten Band der Dæmonen-Trilogie, dennoch um ein Jugendbuch handelt, zeigt sich schon daran, dass die Hauptfigur ein Kind ist, ein zwölfjähriges Mädchen, das ohne Mutter und Vater in einem altehrwürdigen College in Oxford heranwächst - in einem "anderen" Oxford in jener "anderen" Welt, die gleichermaßen von Menschen wie von der bunten Menagerie ihrer Dæmonen bevölkert ist.
Die Kleine heißt Lyra Belacqua, und sie ist, wie sich das für mythische Helden und Heldinnen gehört, von ebenso hoher wie zwielichtiger Herkunft: Frucht eines mit Mord gewürzten Ehebruchs zwischen einem sagenhaft reichen Naturforscher faustischen Zuschnitts und einer sagenhaft schönen, doch fundamentalistisch bigotten Dame, die es in der Hierarchie der Kirche so hoch hinauf gebracht hat wie nie eine Dame zuvor: fast bis an die Spitze der Heiligen Inquisition. Für den Mann wie für die Frau ist Gott die zentrale Lebensobsession; das macht sie zu Todfeinden.
Auf dem Kind von so rarer Provenienz ruht, wie das in Mythen zu sein pflegt, ein Fluch oder eine Verheißung von weltenbewegendem Gewicht. Lyra, zu ihrem Glück, ahnt davon nichts, da sie (auch dies ein vertrautes Sagenmotiv) bei einer Amme aufwuchs, ohne von Vater und Mutter zu wissen. So begegnet Lyra dem Leser zuerst in Gesellschaft ihrer Spielgefährten und deren Dæmonen als eine der unbändigsten Gören, die man seit Pippi Langstrumpf kennen gelernt hat, eine so durchtriebene Draufgängerin und Lügengeschichten-Erfinderin, dass sie sich einen Spitznamen erwirbt, von dem man geglaubt hatte, er sei ein für alle Mal an Odysseus vergeben: Lyra Listenreich.
Die Zeit der Spiele endet, als immer öfter ein Kind verschwindet, offenbar von einer Kidnapper-Bande entführt, der das Gerücht alles an Niedertracht bis zum Kannibalismus zutraut. Als auch Lyras treuester Freund Roger den Räubern zur Beute wird, nimmt sie die Verfolgung auf. Ihre Irrfahrten führen sie von Oxford erst einmal - per Schiff, per Hundeschlitten und per Ballon - dem Nordpol entgegen.
Später lernt sie auch unser irdisches Oxford kennen und mancherlei außerirdische Welten, die mal Italien, mal Tibet ähneln. Die Hauptverbündeten, die sie unterwegs gewinnt, sind Eisbären, Hexen und zuletzt auch Engel. Der Himmel verdüstert sich, und jene obskuren Prophezeiungen, die Lyra bald einen messianischen Auftrag, bald die Rolle einer neuen Menschheitsmutter Eva zuschreiben, sind nur in einem Punkt klar: Durch Lyra - man möchte sie sich wie auf dem Gemälde von Henri Rousseau vorstellen - gibt es Krieg.
Eine Besonderheit, was die Gestalt der Dæmonen betrifft, ist wichtig: Die Dæmonen von Kindern sind polymorph, sie können im Sprung nach Lust und Bedarf ihren Tierkörper wechseln, und ihre Spannweite dabei reicht halbwegs von der Mücke bis zum Elefanten - nur halbwegs, da die Masse eines Dæmons doch niemals die seines Menschen zu überschreiten scheint. An der spielerisch-abenteuerlichen Fülle von Lyras Abenteuern haben die Metamorphosen ihres Dæmons beträchtlichen Anteil, und dabei ist ihnen beiden stets bewusst: Das Ende der Kindheit kommt näher. Das ist der Augenblick der "Erstarrung"; der Tag, an dem jeder Dæmon sein Verwandlungsvermögen verliert und ein für alle Mal eine Gestalt behält; der Tag, an dem der Mensch unwiderruflich erwachsen wird. Nur Adam und Eva im Paradies (in der Version, die man sich in Lyras Welt erzählt) hatten Dæmonen, die sich immerdar verwandeln konnten.
In allen Welten, durch die sich Philip Pullmans Helden bewegen, ist die "Schattenlinie" - fein wie ein Haarriss und tief wie ein Abgrund -, die das Kindsein vom Erwachsensein trennt, von zentraler Bedeutung: Ende der Unschuld, Vertreibung aus dem Paradies, Entdeckung von Scham, Sünde, Sterblichkeit. Der Schritt über diese Grenze ist auch, für den Autor Pullman, der Schritt vom Jugendroman hinüber in die kosmisch-phantastische Mythentravestie.
In Pullmans literarischem Kosmos mit dem Titel "His Dark Materials" (den die deutsche Ausgabe der drei Bände nicht übernommen hat) ist die höchste Neugier von Naturwissenschaftlern wie Theologen auf ein noch unergründetes Phänomen gerichtet, das die Experten in Lyras Oxford mit dem unauffälligen Codewort "Staub" bezeichnen. Es geht um Folgendes: Hinter den farbigen Schleiern des Nordlichts meint man greifbar nah die phantastischen Szenerien einer anderen Welt zu erkennen, im Schimmern und Flimmern des Nordlichts selbst aber diesen höchst flüchtigen "Staub". Die experimentelle Naturwissenschaft, für die Lyras Vater Lord Asriel kämpft, vermutet in dem "Staub" eine Art kosmischer Ur-Energie, die religiöse Dogmatik jedoch, wie sie Lyras Mutter Mrs. Coulter vertritt, betrachtet diesen "Staub" als Manifestation der Erbsünde und also als Ur-Übel schlechthin.
In der Konfrontation dieser Thesen kehrt die Idee der Tierseelen, die anfangs nur ihre possierlich-spielerische Seite zeigte, ihren diabolischen Aspekt hervor und gibt dem Treiben der Kinderräuber eine entsetzliche Erklärung: In der Abgeschiedenheit eines lappländischen oder sibirischen Gulags führt Mrs. Coulter Experimente durch, bei denen Kinder durch eine Art Guillotine von ihrem Dæmon getrennt werden - die so grausam Verstümmelten sind, wenn sie überleben, von einer zombiehaften Apathie, doch ein für alle Mal frei von Sünde, was Mrs. Coulter als einen Triumph des Glaubens preist.
Auch Lyras Vater hat im hohen Norden ein Laboratorium für Menschenversuche aufgebaut, wo er auf seine Weise mit einer Dæmonen-Guillotine experimentiert: Er will beweisen, dass sich in dem Augenblick, wo man die innere Bindung zwischen einem Kind und seiner Seele durchtrennt, explosionsartig eine gewaltige Energie entlädt. Der Versuch gelingt, und Lord Asriel löst (am Ende des ersten Bandes, der im Original "Northern Lights" heißt) durch ein Menschenopfer eine Sprengung aus, die durch den Nordlicht-Schleier hindurch einen Durchgang in eine jenseitige Welt reißt. Lyra, deren Freund Roger dafür sterben musste, wagt sich als eine der Ersten in diese neue Welt hinüber.
Wie alle großen Märchenerzähler bedient Philip Pullman sich ohne Scheu aus anderen Märchen. Nach der Maxime "Lies wie ein Schmetterling und schreib wie eine Biene!" hat er, wie er selbst sagt, "Ideen aus jedem Buch gestohlen, das ich gelesen habe". Drei inspirierende Vorbilder jedoch hebt er besonders hervor: Erstens Heinrich von Kleist mit seinem Aufsatz "Über das Marionettentheater"; zweitens den britischen Barock-Epiker John Milton, der in "Paradise Lost" von Satanssturz und Sündenfall erzählt; und drittens den britischen Romantiker William Blake, der in Versen und Bildern Schöpfungsszenen wie apokalyptische Schlachten schildert.
Kleists Aufsatz "Über das Marionettentheater" ist ein etwas "zerstreuter" Dialog zwischen zwei Männern, der um Begriffe wie Unschuld und Bewusstsein, bewegliche Seelen und die Sehnsucht nach dem Paradies kreist. "Das Paradies ist verriegelt", stellt der eine der Männer fest, "wir müssen die Reise um die Welt machen und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist." Es könnte diese Hintertür sein, die der Weltreisende Lord Asriel aufzusprengen versucht.
Die elementare Voraussetzung dafür, wie Pullman seine Weltenphantasie auffächert, ist die (der neuen Physik nicht unbekannte) Vorstellung, dass man alle möglichen Welten als gleichermaßen wirkliche betrachten könne. Denkbar wäre, dass es Millionen von Welten gibt, die sich nur um je einen Lidschlag unterscheiden. Die Abenteuer von Pullmans Figuren führen durch Welten, die benachbart und einander etwa so ähnlich sind wie verschiedene Übersetzungen oder Inszenierungen eines originalen Textes.
Wären diese Welten zweidimensional, so könnte man sich vorstellen, dass sie dicht an dicht wie die Seiten einer Dünndruckbibel aufeinander lägen. Genauso dicht ineinander geschoben und geschachtelt müsste man sie sich im mehrdimensionalen Raum vorstellen (wenn man sie sich so vorstellen könnte). Und weil keine Schöpfung vollkommen, sondern jede auch etwas "verrückt" ist, müsste man sich zudem vorstellen (was nicht wirklich phantastischer klingt als die Theorie der "cosmic strings"), dass all diese Welten "nicht ganz dicht" sind. Dass es also irgendwo in unserer Welt ein Schlupfloch gibt, das in eine andere führt, und zwar nicht in die Welt der Frau Holle, der Herzkönigin aus Alices Wunderland oder des Zauberers von Oz und auch nicht zurück ins Paradies (wie in Kleists Gedankenspiel), sondern zum Beispiel in Lyras Welt.
Mitte der achtziger Jahre, so berichtet Pullman, hat ein Forschungsreisender namens John Parry aus Oxford, also gewissermaßen aus Pullmans Nachbarschaft, auf einer Alaska-Expedition ein solches Loch entdeckt, von dessen Existenz er durch Eskimo-Schamanen gehört hatte. In einem Schneesturm ist er neugierig hindurch geschlüpft und hat nie wieder den Rückweg gefunden. Er ist durch weitere Welten geirrt und hat in Lyras Welt erneut als Forschungsreisender (unter dem Namen Dr. Stanislaus Grumman) Karriere gemacht, bis er sich für immer einem sibirischen Tatarenstamm anschloss: Er ließ sich den Schädel trepanieren und reifte zu einem berühmten Schamanen heran.
Vielleicht das Erstaunlichste an Pullmans epischem Kosmos ist, dass die immer weiter ausgreifenden Unternehmungen, die sein Werk zu einer prallen Abenteuerroman-Trilogie machen, auf keine greifbare Beute gerichtet sind - auf kein Goldenes Vlies und keinen Heiligen Gral, vielmehr auf "Staub", also auf ein Phänomen von so diffuser Art, dass sich nicht einmal sagen lässt, ob dieser "Staub" nicht nur als Vorstellung existiere. Für eine Astrophysikerin im irdischen Oxford scheint evident, dass es sich um jene "dunkle Materie" handelt, ohne die ihr Weltmodell nicht in Balance zu bringen wäre; in einer anderen Welt wiederum versucht man den "Staub" als eine Art kollektives Bewusstsein oder kollektives Gedächtnis zu verstehen, und an einem dritten Ort taucht die Idee auf, es könnte sich um eine andere Erscheinungsform von "Liebe" handeln.
Romane, die man einem Genre zurechnet, für das es nicht einmal einen ordentlichen deutschen Namen gibt (nämlich "Fantasy"), werden von der deutschen Kritik auf Grund einer prinzipiellen Betriebsblindheit übersehen. Solche Bücher mögen ihre Leser gefälligst aus eigener Kraft finden. Und sie tun es. Pullmans erster Dæmonen-Roman "Der goldene Kompass" ist in den fünf Jahren seit seinem Erscheinen auf Deutsch mehr als 100 000-mal verkauft worden, die Fortsetzung "Das magische Messer" ebenfalls, und "Das Bernstein-Teleskop"*, der im Januar herausgekommene Schlussband der Trilogie, strebt einer Auflage von 50 000 Stück entgegen. "Fantasy" ist ein Zauberwort. "Kindgerecht" allerdings kann man Pullmans Phantasie in keinem Kapitel nennen, denn unaufhaltsam nähert er sich der Schicksalsgrenze zwischen Kindsein und Erwachsensein.
In einer Welt, die man als italienischmediterran anmutendes Städtchen namens Cittàgazze kennen lernt, scheint die Evolution in der Zeit der Renaissance erschlafft zu sein, weil dort Alchimisten fahrlässig mit der Herstellung von "Staub" experimentierten. Seither ist dort eine Art von Vampiren an der Macht, die den Kindern in dem Augenblick, wo sie erwachsen werden, die Seele aussaugen und nur willen-
lose Menschenhülsen leben lassen: "Durch ihre Augen sieht man die Rückseite ihrer Köpfe von innen."
In diesem gespenstischen Cittàgazze findet Lyra (im zweiten Band mit dem Titel "Das magische Messer") einen gleichaltrigen Gefährten. Es ist Will Parry, der auf der Suche nach seinem verschollenen Vater John Parry in einer Grünanlage mitten im irdischen Oxford auf ein Schlupfloch in eine andere Welt gestoßen ist. Er kommt in den Besitz eines magischen Messers, das Durchgänge von Welt zu Welt öffnen kann, und steht fortan Lyra bei.
Im dritten Band "Das Bernstein-Teleskop" gibt Pullman seiner Heldin das Schwerste auf, was Mythenhelden seit Gilgamesch und Herakles zu bestehen hatten: den Gang ins Totenreich. Es ist eine düstere Reise durch qualmende, stinkende Müllhalden und über einen ölig schillernden Giftsee in eine nebelverhangene Schattenwelt, die vom Aasgeiergeschrei der Harpyien erfüllt ist. Lyra, zusammen mit Will, unternimmt diese Hadesfahrt, um ihren Kindheitsfreund Roger, an dessen Tod sie sich schuldig fühlt, um Verzeihung zu bitten. Dann kehrt sie in den hohen Norden zurück, zu ihrem Vater Lord Asriel, der inzwischen eine gigantische Streitmacht gerüstet hat, um den Himmel herauszufordern: Der Krieg, den Prophezeiungen mit Lyras Erscheinen verknüpft hatten, richtet sich gegen den Allmächtigen selbst.
Schon William Blake hat ketzerisch behauptet, der Held und heimliche Sieger in Miltons Epos "Das verlorene Paradies" sei Satan, und Pullman spinnt diese Idee dramatisch fort: Der so genannte "Allmächtige" (so sagt er mit Berufung auf angebliche apokryphe Quellen) sei gar nicht der Schöpfer, sondern ein Rebell, ein Usurpator namens Enoch, genannt Metatron, der durch einen Putsch den Herrn in Gewahrsam genommen und die himmlische Macht an sich gerissen habe.
Gegen den Tugendterror dieses Himmelstyrannen mobilisiert Lord Asriel Hubschrauber, Luftschiffe und Raketen, auch Riesenlibellen, Hexen, Heerscharen von Engeln und zuletzt gar die Geister der Toten: Armageddon ist nah, und Pullman lässt in diesem Schlachtengewühl seiner erzählerischen Gigantomanie Lauf, bis der geschlagene Metatron sowohl Asriel als auch Mrs. Coulter mit sich in den Tod reißt.
Eine Episode am Rand: Lyra entdeckt im Unwetter der Schlacht eine vom Himmel gestürzte, geborstene Sänfte aus Kristall und darin einen uralten, hilflos wimmernden, weinenden Mann. Sie versucht ihm auf die Füße zu helfen, doch unversehens ist er mit einem "unendlich müden, zutiefst erleichterten Seufzer" verschwunden: "ein Rätsel, das sich in einem Rätsel aufgelöst hat". So zart und rührend erzählt Pullman Gottes Tod.
Natürlich führen die Abenteuer von Lyra und Will in den Reichen der dunklen Materie auf den Augenblick zu, wo sie mit der Entdeckung ihrer Sexualität die Grenze zum Erwachsensein überschreiten: "Natur und Gelegenheit werden zueinander finden wie Funke und Zunder", hat Lyras Mutter vorausgesehen, die das für eine unabwendbare "Katastrophe" hielt.
Aber ebenso natürlich erweist sich dann dieser zündende Augenblick als das lösende, die "Staub"-Wolken lichtende, friedensstiftende Ereignis, auf das längst insgeheim alle Lesererwartung gerichtet war.
Es ist jener zweite Sündenfall, der den ersten außer Kraft setzt, wie ihn Kleist sich als "letztes Kapitel von der Geschichte der Welt" am Schluss seines Marionettentheater-Aufsatzes erträumt. Wir müssten, sagt er da, "wieder von dem Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen".
* Philip Pullman: "Das Bernstein-Teleskop". Aus dem Englischen von Wolfram Ströle und Reinhard Tiffert. Carlsen Verlag, Hamburg; 596 Seiten; 39,90 Mark.
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 30/2001
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