30.07.2001

SPORTARTIKELVon der Rolle

Der Boom hielt nur einen Sommer: Nun liegen Kickboards millionenfach auf Halde. Der Fachhandel gibt vor allem den Trittbrettfahrern die Schuld.
Der Hamburger Großmarkt "1000 Töpfe" steht nicht in dem Ruf, modisch sonderlich tonangebend zu sein. Was in und aus den Lagerhallen verkauft wird, hat jeden Trend bestenfalls hinter sich. Im Sonderangebot liegen dort neuerdings stapelweise Alu-Tretroller herum. Für nur 49 Mark.
Die Hysterie der letzten Saison ist vorbei, als die "Bunte" noch eruierte, dass "die ganze Welt rollt und rollt": Von der Ex-Milliardärsgattin Ivana Trump, die auf dem teuren Kickboard die Côte d'Azur entlangjuckelte, bis zu Schumi, der nach Formel-1-Rennen gern eine Ehrenrunde per pedes drehte. Vom Schulkind bis zum Bankmanager - alle wollten umsteigen. Das Kickboard wurde so eine Art Füßy zum Handy, adäquates Fortbewegungsmittel für alle, die auch Ciabatta essen und die Zahnbürste von Philippe Starck kaufen: als mobile Dekoration der New Economy.
Die Helden der neuen Bewegung gab's gratis obendrauf: Mal ließ sich der Berliner Ingenieur Sieghard Straka als Erfinder feiern, mal der Schweizer Wim Ouboter, der natürlich auch bald von einem Börsengang seiner Firma träumte.
Seither ist eine Menge schief gelaufen. Nicht nur mit dem Neuen Markt, sondern auch mit den Stahlgeschossen. Börse wie Bonsai-Roller taugen nur noch als Ramsch- oder Scherzartikel, wenngleich den Fachhändlern nicht so richtig nach Lachen zu Mute ist. Auf der Sportartikelmesse Ispo in München jammerten sie jedem, der es nicht hören wollte, in der vergangenen Woche die Ohren voll, wie schlimm alles sei.
Das Geschäft mit Athletik-Accessoires läuft ohnehin schlecht. Die Margen sind knapp. Da brachten die archaischen Rollis den Kick. Nach Schätzung der Penzberger Firma K2 wurden im Jahr 2000 allein in Deutschland zwischen drei und fünf Millionen Scooter (mit zwei Rollen) und Kickboards (mit drei) verkauft. Probleme bereitete allenfalls der Nachschub aus China, wo ein Großteil der Bretter, die das Geld bedeuten, zusammengeschraubt werden.
Nun liegt der teure Alu-Schrott millionenfach in den Lagern und muss schon deshalb zu Tiefstpreisen auf die Grabbeltische geschmissen werden, wo ihn aber auch niemand mehr haben will. Schon im Herbst bot Aldi Billigstversionen an, was eigentlich eine Art Totenschein für jede Art von Trend ist. Mittlerweile gibt's die Tret-Mühlen an jeder Tankstelle und in jedem Baumarkt. Die Branche sei überrannt worden von einer Menge "Trittbrettfahrern", sagt Siegfried Paßreiter vom Bundesverband der Deutschen Sportartikel-Industrie, dem heute nicht mal mehr das Wortspiel ein Lächeln entlocken kann.
Die Branche ist von der Rolle. Der Konsument sowieso. Kickboards wirken nach nur einem Sommer im Niedrigst-Geschwindigkeitsrausch so schick wie ein Ostsee-Grillabend in Tennissocken. Jugendliche winken ab, weil selbst Opa auf dem Roller seinen dritten Frühling erleben wollte. Und Opa winkt ab, weil das Brett doch weit weniger praktisch ist als erhofft.
Der silbrige Bewegungs-Apparat mag in der Boxengasse von Ferrari rund laufen. Wer damit je über einen Bordstein gekachelt ist, weiß: Gerade männlichen Probanden kann der Steuerknüppel empfindliche Schneisen nicht nur ins fahrerische Selbstvertrauen reißen, wenn das Ding plötzlich in einer Pflasterritze stecken bleibt, während man selbst weiterfliegt.
"Der Markt", bilanziert K2-Vertriebsleiter Bernd Wagner vorsichtig, "wird das Niveau des vergangenen Jahres sicher nicht mehr erreichen." Welcher Markt?
Auf der Ispo änderte ein Dutzend Produzenten das eigene Rollen-Verhalten und bot als Rettung aus der Krise eine bizarre Innovation an: elektrisch motorisierte Kleinstroller. Dass man diesen Hit auf den Straßen noch so gar nicht bemerkt, hat mehrere Gründe.
Die Zulassung ist schwierig, denn was schneller als sechs Stundenkilometer unterwegs ist, muss nach strenger Norm einen Sitz haben. "Das kaufen Sie sich ja nicht, wenn Sie damit nur durch den Garten fahren dürfen", sagt K2-Mann Wagner. Außerdem kann so ein Ding leicht ein paar tausend Mark kosten und hat mit Sport auch im weitesten Sinne nur noch so viel zu tun wie ein Wimbledon-Nachmittag vor der Glotze. Das Dümmste aber ist: Es gibt die Neuheit längst. Sie heißt Mofa.
Macht aber weiter nix, denn Laufen heißt neuerdings auch nicht mehr Jogging oder Walking, sondern Running. Soll ein Riesentrend werden. Sagen die Händler. Ganz ehrlich. THOMAS TUMA
Von Thomas Tuma

DER SPIEGEL 31/2001
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