13.08.2001

POLENFreie Geisterstadt am Meer

Werftarbeiter in Danzig waren die Ersten, die sich im Ostblock die Freiheit erkämpften. Zwei Jahrzehnte nach der Revolte ist die Siegerfront zersplittert, verschwindet der Geist der Solidarnosc.
Die baltische Abendsonne taucht die Westerplatte in dramatisches Licht; wie Pfeile fallen Strahlen durch die Wolken und beleuchten die Ruinen, als seien Scheinwerferspots eingesetzt worden. Seit das deutsche Kadettenschulschiff "Schleswig-Holstein" am 1. September 1939 ohne Vorwarnung das Feuer auf das polnische Munitionsdepot eröffnete, ist dieser Ort verwünscht, sagen die Leute.
Die letzten Spaziergänger verschwinden von der mit knorrigen Eichen und mächtigen Fichten zugewachsenen Halbinsel; sie schieben ihre Kinderwagen vom Strand zum Auto. Wenn es dunkel wird, will hier niemand mehr alleine sein.
Gäbe es noch Gespenster in Europa, sie würden sich auf der Westerplatte bei Danzig versammeln. Eine Geisterarmee aus vielen Jahrhunderten könnte hier unter dem Ostseemond auf dem Exerzierplatz antreten: Preußen und Kaschuben, Ordensritter und schwedische Kaufleute, Holländer und Juden, Deutsche und Polen. Zum Abmarsch beim Morgengrauen rührt wahrscheinlich ein kleiner Kerl aus einem großen Roman seine Blechtrommel.
Danzigs Schicksal ist der Schwund. Wer immer diese Stadt bisher bevölkerte, wurde vom Strudel der Geschichte verschlungen. Zuletzt die Deutschen, weil sie Polen und Juden auszulöschen versuchten.
An ihre Stelle traten nach dem Krieg jene Polen, die von den Russen aus Litauen vertrieben worden waren. Wer muss nun als Nächstes aus Danzig verschwinden? Eine Antwort auf diese Frage versucht der Autor Pawel Huelle. Er hat Danzigs Dauerverlust an Menschen in einer auch in Deutschland verlegten Nachkriegsparabel mit dem Titel "Weiser Dawidek" beklagt.
Der Romancier, dessen Familie nach dem Krieg aus dem Süden nach Danzig kam, sitzt zum späten Frühstück in einem Café an der Mottlau und trinkt Tee. Er trägt einen hellen Sommeranzug und eine Sonnenbrille. "Ständig tun sich schwarze Löcher auf in dieser Stadt", warnt Huelle, "man muss aufpassen, dass man nicht hineinfällt."
Als diese Stadt zum vorerst letzten Mal Weltgeschichte schrieb, war Huelle Mitarbeiter in der Pressestelle der Gewerkschaft Solidarnosc. Lech Walesa, Adam Michnik - die Helden der Revolution kennt er so gut wie seine Eltern. An ihrer Seite hat Huelle vor 20 Jahren gegen das kommunistische Regime gekämpft - und auf diese Weise mitgeholfen, den Untergang eines Imperiums und das Ende einer Epoche einzuleiten.
Zwei Jahrzehnte nach den Erschütterungen auf der Danziger Werft wünscht sich Huelle vor allem ein normales Leben in Polen und baldmöglichst den Anschluss an Europa. "Ich bin Sozialdemokrat", bekennt er, doch eine Partei, die zu ihm passt, gibt es in ganz Polen nicht. Dort, wo Sozialdemokratie draufsteht, sind noch zu viele alte kommunistische Bonzen drin. Und die Solidarnosc? Der Dichter rollt mit den Augen.
Das Parteienbündnis, das heute den Namen Wahlaktion Solidarnosc trägt, hat sich in ein Sammelsurium schrulliger Konservativer und Nationalisten verwandelt, das der Lust am politischen Untergang frönt. "Die haben nicht das Recht, sich als Alleinerben der Gewerkschaft aufzuspielen", schimpft Huelle.
"Vielleicht verschwindet als Nächstes der Geist der Solidarnosc aus Danzig", sagt er. Denn die freiheitliche Bewegung der Solidarnosc ist "in tausend Scherben zersprungen wie ein Spiegel" - genauere Auskünfte hierüber erteile man am Langen Markt, Hausnummer 24, ungefähr 300 Meter die Promenade hinauf. So spricht der Schriftsteller, nimmt seinen Strohhut und taucht unter im Danziger Sommergewimmel von Touristen, Bauarbeitern, jungen Mädchen und Geschäftsleuten.
Mittags sind am Langen Markt amerikanische und deutsche Reisegruppen aufgelaufen. Sie folgen plappernd ihren polnischen Touristenführern. Auf dem architektonischen Kleinod hanseatischer Baukunst blinzeln die Besucher die Fassaden des Rathauses an, bewundern die Fresken der Kapitänshäuser, rühmen den wundersamen Wiederaufbau der schwer zerstörten Stadt.
Vom vierten Stock im Haus Nummer 24 am linken Marktende schaut ein Mann im besten Alter durchs Fenster auf dieses Treiben hinunter. Dann tigert er ruhelos durch sein riesiges Arbeitszimmer, setzt sich kurz an den Schreibtisch, wirft den Computer an, dreht die Nachrichten im Radio laut und wieder leiser, prüft seine E-Mails. Noch immer keine Nachricht aus Warschau? Lech Walesa ist verärgert.
Das großzügige Büro des Friedensnobelpreisträgers, Revolutionshelden und ehemaligen polnischen Präsidenten wird gerade mit Vivaldis "Vier Jahreszeiten" beschallt. Walesa ist nervös. Denn im 260 Kilometer entfernten Warschau hat sich die konservative Regierung selbst versenkt. Erst hat der Premier den Justizminister gefeuert, dann trat der Kulturminister zurück. Die große Flut an der Weichsel hat der Regierung auch nicht geholfen. "Die nächste Wahl werden die Postkommunisten gewinnen", sagt Walesa. "Das ist in demokratischer Hinsicht in Ordnung, aber historisch unfair."
Unfair ist es überhaupt, dass er hier sitzen muss, zum Nichtstun verdammt, während sich in Warschau das Schicksal der Nation entscheidet. Wie gern würde er jetzt zum Hörer greifen, den Premier zusammenfalten, die Parteiführer rüffeln, diesen politischen Laiendarstellern in der Hauptstadt sagen, wie man das machen muss. Walesas weltbekannter Schnurrbart mag ja schon grau sein. Aber seine Lust an der Politik ist so frisch wie eh und je.
Und was ist mit dem Geist der Solidarnosc? Muss der jetzt auch auf die Westerplatte, zu den anderen Gespenstern? Walesa grübelt. "Heute sind wir oft unterschiedlicher Meinung, Adam Michnik und ich zum Beispiel. Aber das ist Pluralismus."
Ist Michnik, der liberale Essayist und Chefredakteur aus Warschau, überhaupt noch sein Freund? Schließlich sind die beiden seit dem Ende des Kommunismus kaum je einer Meinung gewesen. Sie haben das alte Regime gestürzt - und sich danach entzweit.
Walesa rutscht unruhig auf dem Ledersessel herum, blickt fragend seine Assistentin und seinen Bodyguard an. Dann richtet er sich auf und sagt stolz: "Wenn ich noch mal kämpfen müsste, würde ich dieselben Leute wählen. Auch meinen Freund Adam Michnik."
Nur ein Prozent der Polen wollte ihn im vergangenen Jahr noch zum Präsidenten wählen. Auch die Werft, wo vor 21 Jahren mit der Streikbewegung alles begann, ist in Gefahr. Sie wurde privatisiert und verkauft - viel zu billig, wie viele Polen meinen. Die Danziger Werft, sagt Walesa, "ist die Mutter der Nation. Und seine Mutter verkauft man nicht".
Die Werft ist eben nicht irgendeine Werft. Und das schiefe Danziger Straßenpflaster ist nicht irgendein renovierungsbedürftiger Straßenbelag. Aus jedem Riss quillt die Geschichte der Stadt.
Ein Stadtpark in Danzig ist nicht einfach bloß ein Stadtpark - sondern ein nach dem Krieg planierter deutscher Friedhof. In der Polnischen Post, zehn Minuten von Walesas Residenz, werden zwar Briefmarken verkauft und Pakete abgeholt. Der rote Klinkerbau ist aber vor allem ein Denkmal.
Hier verteidigten sich am 1. September 1939 polnische Postler gegen deutsche Polizeikräfte und SS-Einheiten, die das Gebäude mit schweren Geschützen unter Beschuss nahmen. Die meisten polnischen Verteidiger wurden, nachdem sie kapituliert hatten, von einem deutschen Exekutionskommando erschossen.
Von ihrer Loftwohnung aus hat Aneta Szylak einen guten Blick auf das haushohe Chromdenkmal, das vor der Post in der Sonne blitzt. Ihr Geschmack ist das nicht: Die griechische Siegesgöttin Nike reicht einem Patrioten aus dem Himmel ein Gewehr herunter. Hohes Pathos.
Die Kunstexpertin würde das Denkmal vielleicht auseinander nehmen und dann anders wieder zusammensetzen lassen. Künstlerische Dekonstruktion sozusagen.
Aneta Szylak, eine anerkannte Kuratorin mit guten Verbindungen ins globale Künstlerdorf, trinkt schon den dritten Espresso an diesem Tag. Mit dem Geist der Solidarnosc - oder dem, was davon übrig geblieben ist im neuen Jahrhundert - hat sie nicht eben gute Erfahrungen gemacht. Die 42-jährige Frau begann sich in der Zeit des Kriegsrechts mit Kunst zu beschäftigen. Bald gehörte sie zu den wichtigen Leuten in der Underground-Szene. Ihr Credo war damals: Kompromiss ist Verrat. Davon lässt sie auch heute nicht ab. Wohl deshalb hat sie gerade ihren Job verloren.
Sechs Jahre war sie Chefin des Danziger "Badehauses", eines Zentrums für zeitgenössische Kunst. Vor einem Jahr noch hat sie die multimediale Ausstellung zum 20-jährigen Bestehen der Solidarnosc auf der Werft organisiert - "ohne Kruzifixe, Nationalfahnen und polnische Adler", wie sie stolz anmerkt. Die Ausstellung läuft noch immer sehr erfolgreich. Doch Aneta Szylak hat man "weggeworfen wie ein gebrauchtes Taschentuch".
Ihre früheren Auftraggeber, Funktionäre und Veteranen der Solidarnosc, sind ihre Gegner von heute. "Die benutzen inzwischen dieselben Methoden wie früher die Kommunisten", sagt sie bitter. Zu oft hat Aneta Szylak mit Ausstellungen provoziert - etwa, als eine Künstlerin ein Pferd, einen Hund, eine Katze und einen Hahn ausstopfen und als Stadtmusikanten ausstellen ließ. Jetzt wurde die vitale Intellektuelle unter fadenscheinigen Gründen gefeuert - angeblich soll sie Geld veruntreut haben. Das kann sie widerlegen.
Als Mitarbeiter des Kunstzentrums nach ihrer Entlassung ein Solidaritätsplakat aus dem Gebäude hängten, wurden die Angestellten einzeln und der Reihe nach zum Verhör ins Rathaus bestellt.
Was darf die Kunst dem Volk heute in der Stadt zumuten, wo die Freiheit als Erste im Ostblock erkämpft worden ist? Jan Stoppa, Danziger Vizebürgermeister und verantwortlich für Szylaks Rausschmiss, will nicht in die Nähe eines Zensors gerückt werden. Denn auch er hat einmal für die Ideale der Solidarnosc gekämpft.
Aber er will lieber "vertrauenswürdige Leute" in der Leitung des Kunstzentrums sehen als eine couragierte Frau, die den französischen Philosophen Foucault mehr schätzt als so manchen Granden der Werftrevolte, dem ein Ölschinken in polnischen Nationalfarben das höchste Kulturgut bedeutet. Stoppa stöhnt. "Ich will doch keine künstlerische Kontrolle. Ich will bloß eine gute Zusammenarbeit zwischen dem Zentrum und der Stadt."
Und dann erzählt Bürgermeister Stoppa von seinem Plan, einen Tunnel zwischen altem und neuem Hafen bauen zu lassen. Er breitet aus, wie man den Tourismus an der Küste fördern und die Züge nach Warschau schneller machen könnte. Er klagt über zu wenig Parkplätze in der Altstadt und fordert: "Straßen, Straßen Straßen."
Je länger Stoppa so redet in seiner Verwaltungszentrale, desto mehr Gespenster verlassen frustriert diesen magischen Platz am Meer. Vielleicht siedeln sie 100 Kilometer über die Ostsee, in die Stadt, die früher Königsberg hieß. Was sollen die Geister auch an einem Ort, wo der Bürgermeister sich mehr um pünktliche Müllabfuhr, Subventionen aus Brüssel und volksverträgliche Kunst sorgt als um den ungeheuren Spuk seiner tausendjährigen Geschichte? CLAUS CHRISTIAN MALZAHN
Von Claus Christian Malzahn

DER SPIEGEL 33/2001
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