20.08.2001

TIERFILMBestes Affentheater

Primaten sind auch nur Menschen: In ihren Dokumentationen präsentiert die Tierforscherin Charlotte Uhlenbroek den Alltag der Affen als Soap-Opera. Die ARD zeigt nun ihre neueste Reihe.
Sie ging die Anhöhe hinauf, es war viertel vor fünf am Morgen, die Sonne noch ein fernes Gestirn. Flecken des ersten Lichts flatterten über den Baumkronen wie Schmetterlinge; der gewaltige Tanganjikasee, groß wie der Ozean, lag vor ihr, als gäbe es nichts sonst. Charlotte stapfte durchs Unterholz, schwere Stiefel bis zu den Knöcheln, fester Tritt auf steiniger Erde. Dachte an alles Mögliche, daran, dass die Stille des Urwalds bloß ein Mythos war, mit all den Zikaden, Buschbabys, raschelnden Schlangen. Dachte an Freud und Frodo und an deren Mutter Fifi, die große alte Dame der Kasakela-Dynastie.
Nur ein Gedanke schoss Charlotte nicht durch den Kopf: dass sie und ihre Schimpansen Jahre später im Fernsehen enden würden - als Soap in BBC 2 und Anfang dieses Jahres auch im deutschen Fernsehsender Vox, Titel "Die Affenbande". Und ab Donnerstag dieser Woche zeigt die ARD die drei Folgen ihres neuen Programms "Unsere haarigen Vettern"*.
Das Komische daran ist, dass Charlotte Uhlenbroek während ihrer Zeit im Gombe Nationalpark in Tansania immer das Gefühl hatte, einer Seifenoper zuzuschauen. Hatte sie zwischendurch mal keine Gelegenheit, das Schicksal von Freud und Frodo und Fifi mit eigenen Augen zu verfolgen, dann quälte sie die Frage: What happened? "Es kam mir jedes Mal vor, als hätte ich eine wichtige Episode verpasst", sagt die Britin, noch immer darüber verwundert, wie andere sich wundern können, dass auch ein Affe nur ein Mensch ist, beziehungsweise der Darsteller in seiner eigenen Serie.
Oder umgekehrt, dass auch der Mensch nur ein Affe ist.
Diese Erkenntnis ist für Charlotte essenziell, für sie ist sie vier Jahre lang im Dunkeln aufgestanden, hat zum Frühstück kalten Reis in sich hineingestopft, sich Malaria eingefangen, in ihrer Wellblechhütte auf Kühlschrank, Telefon und Freunde verzichtet.
Für ihre Doktorarbeit in Biologie studierte sie die Kommunikation der Schim-
pansen. Diese verständigen sich über Rufe, so genannte Pant-Hoots, die vor allem den Zweck haben, im undurchsichtigen Dschungel herauszufinden: "Where are you, folks?" Wo steckt ihr, Kumpels? Wenn sie davon erzählt, belässt sie es nicht dabei, davon zu schwärmen, dass diese Signalschreie klingen wie schöne Melodien. Sie zögert auch nicht, einen Pant-Hoot zum Besten zu geben: "Hoo hoo hoo hee ha." Sie jauchzt und stöhnt, und presst Töne aus den Tiefen ihres Bauchs, grinst danach bloß knapp und erwähnt bescheiden, dass kein Schimpansenkerl darauf reinfallen würde, zumindest über ihren sonderbaren Dialekt staunen würde.
Charlotte Uhlenbroek ist besser als jede Schauspielerin. Weil sie keine ist. Bei ihr ist es echte Liebe, Affenliebe. Ihre Begeisterung verführt sie dazu, nachzuäffen, welche Show Frodo, das Alpha-Männchen, abzieht oder wie sich Galahad umsonst müht, mit den coolen Jungs mitzuhalten. Sie gibt ihnen Namen wie Gremlin oder Beethoven, und ihr romantisches Glühen für diese Primaten ist so einzigartig, dass man sich sofort in den Urwald aufmachen will. Deshalb war es auch die natürlichste Sache der Welt, dass Jonathan Scott, ein BBC-Produzent, von Charlottes Fieber angesteckt wurde. Als er mit einem Team in Gombe eine Tierdokumentation drehte, entdeckte er sie fürs Fernsehen.
Sie bekam kein festes Skript in die Hand. Kommentierte zwölf Monate hindurch das Geschehen, wie es ihr gerade einfiel, unerschrocken, das Wissen etlicher Jahre im Hinterkopf. Nie zuvor hatte sie vor einer Kamera gestanden, trotzdem sprach sie derart selbstverständlich kluge Sätze direkt in die schwarze Box hinein, als blubberten diese einfach so an die Oberfläche ihres Bewusstseins.
"Es war kein bisschen anders als sonst", sagt sie, "genau das Gleiche, als ob ich einem Forscher an meiner Seite eine aufregende Beobachtung zuflüsterte." Das gab dem Affentheater eine Unmittelbarkeit, die man aus dem Fernsehen höchstens von den Live-Aufsagern der Fußballreporter kennt, von Typen wie Marcel Reif, immer souverän am Rand des Spielfelds und unentwegt am Ball.
In Großbritannien haben sie andere Helden; dort wurde Charlotte als sehr weibliche und sehr sexy Nachfolgerin von Sir David Attenborough gerühmt, dem Urvater der Wildlife-Dokumentation. Der "Guardian" schrieb, Charlotte sehe wie ein Supermodel aus, die "Daily Mail" nannte sie "Queen of the Jungle". Das ist alles richtig, wenn man von ihren frech abstehenden Ohren absieht, die eher den schalen Witz bestätigen, dass sich Hundehalter und ihre Schützlinge über die Jahre äußerlich angleichen. Und in Charlottes Fall sind die Hunde eben Schimpansen.
In der neuen Serie, die nun die ARD zeigt, reist Charlotte durch 16 Länder - und unser aller Vergangenheit. Im Trailer sieht man sie Rücken an Rücken mit einem Schimpansen; was beweist, dass es mehr Gemeinsamkeiten gibt als nur ein paar Ohren. Später geht sie mit ihren nahen Verwandten baden, in Japan hockt sie mit Rotgesichtsmakaken im Dunst einer heißen Quelle.
Es mag an jenem schneeweißen Bikini liegen oder an dem lose zusammengebundenen langen Haar, das im Rhythmus ihres Eifers schwingt - ihre Verehrer haben im Internet extra eine "Unofficial Charlotte-Uhlenbroek-Fan-Site" eingerichtet. Ja, natürlich habe sie Liebesbriefe von Zuschauern bekommen, sagt sie, aber die kriegt ja jeder, der irgendwann mal in der Glotze auftaucht, oder? Das alles sei doch nichts als ein großer Zufall.
Charlotte hatte gerade ihren Bachelor in Zoologie und Psychologie in der Tasche und hockte mit Freunden in einem Pub, zu Hause in Bristol. Einer erwähnte, dass Jane Goodall, die berühmte Schimpansenexpertin, nach ehrenamtlichen Helfern suche, für den Aufbau eines Primatenprojekts in Burundi. Das war außergewöhnlich, weil Goodall keine Assistenten mehr angenommen hatte, seitdem dort 1975 vier ihrer Studenten entführt worden waren.
Abrupt knallte Charlotte ihr Bierglas auf den Tisch und schoss zum Münztelefon in der Ecke der Kneipe. Hastig wählte sie Goodalls Nummer. "Ich fragte ''Darf ich mitkommen?'', sie antwortete ''Schick mir deinen Lebenslauf'' - und damit war die Sache entschieden."
Jane Goodall konnte sich tatsächlich noch an Charlotte erinnern, obwohl sie sich über ein Jahrzehnt nicht mehr gesehen hatten. Charlottes Familie und die Verhaltensforscherin hatten sich über gemeinsame Bekannte kennen gelernt; damals war Charlotte 15 und lebte mit ihren Eltern in Katmandu. Ihr holländischer Vater reiste als Agrarexperte für die Uno durch die Welt, von London über Tansania nach Nepal, ihre englische Mutter und zwei ältere Schwestern folgten ihm.
Ihre ortlose Kindheit hat Charlotte gelehrt, immer die Augen offen zu halten. Sie guckt sich schnell ein in fremde Gesichter, auch wenn diese tierische Züge tragen. Ihre Affen, sagt sie, erkenne sie inzwischen im Schlaf - an ihrem Ausdruck, ihrem Gang, der Art, wie sie sich kratzen. Für sie hat sie auch die Sprachen des Busches erlernt, die Pant-Hoots und Suaheli. "Es ist wirklich lustig: Ich kann in Suaheli über nichts Alltägliches reden. Gib mir stattdessen die Themen Angeln, Affen, Regenwald - und mein Wortschatz ist perfekt!"
Jeder Schimpanse, hat die Biologin festgestellt, ist eine Persönlichkeit, und wie bei Menschen zeige sich bereits in der Kindheit, wer verwegen wird und wer schüchtern, wer gelassen aufs Leben schaut und wer sich gern aus der Ruhe bringen lässt. Frodo zum Beispiel verwandelte bereits als Bürschchen jedes Spiel in einen wütenden Kampf; er biss und fegte halbe Bäume über den Boden, und später als Heranwachsender, bulliger als die Gleichaltrigen, verdrosch er die hochrangigen Weibchen.
Charlottes Gabe ist die Beobachtung, und weil sie beobachtet hat, wie Schimpansen streiten und lieben, hat sie Demut gelernt. Sie benutzt tatsächlich dieses gewichtige Wort, das ihrer äußeren Leichtlebigkeit entgegenhallt wie ein Schreckschuss. Doch es stimmt: Sie hat verstanden, wen sie vor sich hat - Geschöpfe statt Karikaturen. "Wir Menschen sind nicht so einzigartig, wie wir glauben", sagt die 34-Jährige, "Affen haben Gefühle wie wir."
Die Schimpansen bescherten ihr ein unentwegtes Déjà-vu. Je mehr Gemeinsamkeiten sie entdeckte, desto mehr versuchte sie, selbst außen vor zu bleiben und den Tieren ihre Eigenart zu lassen. Sie zwang sich, Abstand zu halten. Zum einen, um ihr Verhalten nicht zu beeinflussen oder Krankheiten zu übertragen, zum anderen um ihrer selbst willen: Auch sie musste sich schützen. Etwa als sie Zeugin einer Attacke wurde; Schimpansen griffen brutal eine Nachbargruppe an. Wie leicht wäre es da gewesen, entsetzt den Kopf zu schütteln und zu sagen: "Oh, wie können sie nur?" Stattdessen mühte sie sich, die eigene Moral zu verscheuchen, die in ihrem Hirn wie eine sprungbereite Katze lauerte.
Das ganze Leben ist ein Quiz, und deshalb rätselt Charlotte ständig, was das ein oder andere wohl zu bedeuten hat. Dann kommt ihr in den Sinn, wie viele Bedeutungen allein ein "Hello" haben kann, je nachdem, wie man es betont. Und sie sagt, dass auch bei ihren Affen alles so oder so gemeint sein könne. Meist begnügt sie sich daher, die komischen Seiten des Lebens zu sehen - oder seine verschiedenen Seiten komisch. Sie bezeichnet es als "einen der schönsten Momente meines Lebens", als ihr ein Gorilla, sechs Fuß groß, schwer wie drei erwachsene Männer, während der Dreharbeiten einen Kick in die Seite verabreichte. "Das war bloß ein höllischer Angeber, der die anderen Teenager beeindrucken wollte." Das Adrenalin, das ihr dabei durchs Blut strömte, genoss sie wie einen Rausch. "Ich bin sicher, dass er dachte, da habe ich einer von der BBC wieder ein Erlebnis fürs Leben geliefert."
Es war nur eine von vielen Szenen, die nicht im Drehbuch standen. "Die Chimps erfinden die Story ständig neu", sagt Charlotte und schaut so zufrieden wie jemand, der sich nichts Besseres vorstellen kann, als Teil dieser unendlichen Geschichte zu sein. ANUSCHKA ROSHANI
* Begleitbuch zur Serie: Robin Dunbar und Louise Barrett: "Affen - Unsere haarigen Vettern". VGS Verlagsgesellschaft, Köln; 240 Seiten; 68 Mark.
Von Anuschka Roshani

DER SPIEGEL 34/2001
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