27.08.2001

MOBBINGTod eines geschätzten Mitarbeiters

Weil er sich von seinen Kollegen verstoßen fühlte, verbrannte sich ein Angestellter des Bundeskriminalamts selbst mit fünf Liter Benzin. Hintergrund des Suizids: Der BKA-Mann war homosexuell. Von
Bruno Schrep
Nachts um 3.50 Uhr hören Bewohner des Wiesbadener Ortsteils Gräselberg gellende Schreie. Knapp zwei Stunden später entdeckt eine junge Frau, die frühmorgens ihre Hunde spazieren führt, am Rande eines Bolzplatzes, direkt unter einem Holunderbusch, ein kleines Feuer.
Erst beim genaueren Hinsehen erkennt die Frau, dass das verkohlte Bündel, an dem noch schwache Flammen züngeln, ein Mensch gewesen ist.
Tage später erscheint in den Lokalzeitungen eine Todesanzeige, unterschrieben von Ulrich Kersten, dem Präsidenten des Wiesbadener Bundeskriminalamts (BKA). Der BKA-Angestellte Peter Zimmermann, heißt es darin, sei im Alter von 40 Jahren unerwartet verstorben. "Mit ihm ging ein aufrichtiger und geschätzter Mitarbeiter und Kollege von uns, dessen Andenken wir in Ehren halten werden."
Schöne Worte für ein grausames Ende: Peter Zimmermann, homosexuell und beim BKA, hat sich mit Benzin übergossen und bei lebendigem Leibe verbrannt. "Einige Kollegen behandelten mich wie den letzten Dreck", klagte er in einem Abschiedsbrief, fügte hinzu: "Leider bin ich in einer Abteilung, in der Homosexuelle größtenteils als Menschen zweiter Klasse behandelt werden."
Während sich Politiker unter dem Jubel mancher Anhänger outen, während Zehntausende bei karnevalistisch anmutenden Umzügen ihre sexuelle Befreiung feiern und vielerorts Homo-Ehen geschlossen werden, wird die Arbeitswelt auch im Jahre 2001 noch häufig von einer Mischung aus Vorurteilen, Ängsten, Unwissenheit und Unverständnis geprägt. Diese Mischung bestimmt den ganz normalen Alltag in vielen Büros, Amtsstuben, Kaufhallen, Werkstätten, bestimmt den Alltag auf Sportplätzen, Baustellen, Flughäfen.
Peter Zimmermann konnte diesen Alltag nicht mehr aushalten.
Der Junge aus einfachen Verhältnissen, der ohne Vater aufwächst, spürt erstmals während der Pubertät, dass er sich zu Jungen hingezogen fühlt - und versucht, diese Impulse zu unterdrücken. Er beginnt Freundschaften mit Mädchen, will unbedingt sein wie alle anderen.
Eine Freundin, die ihn sympathisch und attraktiv findet, möchte ihm auch körperlich nahe kommen; der Versuch scheitert kläglich. Das Mädchen ist gekränkt, der junge Mann fühlt sich als Versager, ausgestoßen, nicht vollwertig, unglücklich.
Um sich zu betäuben, flüchtet er sich nach dem Ende der Schulzeit in hektische Betriebsamkeit. Neben einer Anstellung im Büro jobbt er bei der Post und in Supermärkten, lernt Englisch, belegt mehrere Volkshochschulkurse, packt noch vor dem 18. Lebensjahr den Führerschein. Seine sexuelle Vorliebe verbirgt er selbst vor der Familie.
Auch bei der Bundeswehr tarnt er sich, fürchtet den Spott der Kameraden. Zoten über "warme Brüder", über "schwule Säue" verraten ihm, was er zu erwarten hätte.
Als er dort Anfang der achtziger Jahre entlassen wird, ist draußen jedoch vieles anders geworden, hat eine Welle neuer sexueller Offenheit auch Deutschland erreicht. Peter Zimmermann profitiert davon. Er mietet in Wiesbaden eine eigene Wohnung, traut sich erstmals, seine Neigung zu leben. Das Versteckspielen hat er satt.
Die Mutter, der die Veränderung auffällt, stellt Fragen, die er schon lange fürchtet: "Bist du andersrum, Peter? Bist du homosexuell?" Der Sohn nickt, erwartet Ablehnung. "Ist doch nicht schlimm", beruhigt ihn die Mutter. "Ich bin zwar schon alt, aber nicht von gestern."
Die Immunschwächekrankheit Aids, die sich ab 1982 auch in Europa ausbreitet, beendet jedoch schlagartig die Träume von freizügiger Liebe, die nicht mehr unter Vorurteilen leiden muss. Weil homosexuelle Praktiken die Ansteckungsgefahr erhöhen, gilt Sex unter Männern plötzlich als Spiel mit dem Tod. Peter Zimmermann ist zwar nicht betroffen, gehört aber wieder einer beargwöhnten Minderheit an.
Als er 1992 im Wiesbadener Bundeskriminalamt anfangen kann, ist er deshalb riesig stolz. "Stell dir vor, die haben mich genommen", verkündet er noch am Tag der Zusage seiner Nichte Liane Pieper, seiner engsten Vertrauten. Um bei einer der größten Polizeibehörden Europas zu arbeiten, hat er sich umschulen lassen, hat mehrere Computerkurse absolviert, oft bis spät nachts gebüffelt.
Eingesetzt wird er im Fernmeldebetriebsdienst, einer technischen Abteilung, in der Tag und Nacht Informationen aus aller Welt eingehen oder abgesandt werden. Fahndungsfotos international gesuchter Straftäter kommen hier an, Fingerabdrücke, geheime Funksprüche, verschlüsselte Nachrichten.
Während seines Schichtdienstes, meistens nachts, muss Peter Zimmermann mehrere Computer überwachen, Fax-, Telebild- und Funkgeräte bedienen.
Der Neue erregt schnell Misstrauen. Er kleidet sich schicker als die meisten Kollegen, spricht besser Englisch, wirkt gewandter, weltoffener. Ist irgendwie anders.
In der Abteilung, in der vorwiegend Männer beschäftigt sind, darunter mehrere ehemalige Berufssoldaten, kommt Gerede auf. Wie sieht der überhaupt aus? Was bildet der sich ein? Hat der überhaupt 'ne Freundin? Ist der womöglich schwul?
Zunächst versucht Peter Zimmermann, die Anspielungen zu überhören. Sticheleien, kleine Witze auf seine Kosten ist er längst gewohnt. Doch es wird schlimmer.
Einmal, als er neben einer Kollegin am Computer sitzt, wird die Frau aus dem Hintergrund aufgefordert: "Schieb doch mal 'ne Nummer mit dem. Vielleicht wird er dann wieder normal."
Weil er argwöhnt, sein Schichtleiter dulde, ja fördere die Schikanen, lässt sich Zimmermann 1995 in eine andere Schicht versetzen. Er ist jetzt 35 Jahre alt, will beim BKA weiterkommen, sehnt ein Ende der Diffamierungen herbei.
Nachdem der Aids-Schock abgeklungen ist, die Krankheit einen Teil ihres Schreckens verloren zu haben scheint, wagen sich Homosexuelle wieder aus ihrer Isolation. In der Szene wird wieder fröhlicher gefeiert, offener agiert, mehr riskiert.
Doch der schnelle Sex, die flüchtigen Begegnungen in einschlägigen Kneipen haben Peter Zimmermann ohnehin nie so fasziniert wie andere. Er leidet eher an der Unverbindlichkeit der Szene, dem Jagen nach Abenteuern. "Eigentlich wünsche ich mir eine feste Beziehung", gesteht er der Nichte.
In seiner neuen Schicht fühlt sich der BKA-Mann erstmals anerkannt, akzeptiert. Er arbeitet mehr, als er müsste, wirkt trotzdem hoch zufrieden, manchmal fast euphorisch. Er freundet sich mit einem Kollegen an, der ihm das Du anbietet, ihm Kniffe auf dem PC beibringt, ihm sogar hilft, befördert zu werden.
Die kollegiale Freundschaft zu diesem Mann wird für Peter Zimmermann zum Fixpunkt, bedeutender als alle anderen Beziehungen. Als die Freundschaft kaputtgeht, bahnt sich die Katastrophe an.
Warum sich der Kollege plötzlich von ihm distanziert, bleibt Peter Zimmermann verborgen. Sind es die Gerüchte, die wieder kursieren, die kleinen Scherze, die Tuscheleien? Hat er was Falsches gesagt, den anderen unabsichtlich gekränkt? Oder war er einfach nicht offen genug?
"Du weißt ja wahrscheinlich, ich bin schwul", eröffnet er dem Kollegen, "aber das hat schließlich nichts mit uns zu tun" - eine Flucht nach vorn, die alles verschlimmert.
Der Kollege fürchtet jetzt, ebenfalls mit Homosexualität in Verbindung gebracht zu werden, zumal die Legende kursiert, Peter Zimmermann sei scharf auf ihn. Er meidet fortan jeglichen Kontakt, will nicht mehr mit dem Ex-Freund gesehen werden.
Auch die anderen Kollegen reagieren. "Wenn ich ins Zimmer komme, laufen sie weg", berichtet der Außenseiter seiner Nichte. "Wenn ich etwas frage, antworten sie nicht. Wenn ich mich darüber beschwere, lachen sie." Er hat sogar den Eindruck, einige Kollegen würden vor ihm zurückweichen, ganz so, als müssten sie eine unerwünschte Berührung fürchten.
Zermürbt vom Arbeitsalltag, reagiert er hoch sensibel auf jede noch so kleine Geste, jede Bemerkung, jeden Gesichtsausdruck der Kollegen. Alle, da ist er sicher, haben sich gegen ihn verbündet.
"Übertreibst du nicht?", argwöhnt ein Freund, versucht, ihn zu beschwichtigen: "Bezieh doch nicht alles auf dein Schwulsein." Niemand, glaubt der BKA-Angestellte daraufhin, kann ihn verstehen, will ihm wirklich helfen.
Zwar gibt es für die rund 4500 BKA-Bediensteten ein halbes Dutzend Beratungsstellen und sogar einen Pfarrer. Doch die Personalräte, die Zimmermann zum Eingreifen auffordert, können seine Probleme ebenso wenig kurzfristig lösen wie die gerade neu eingesetzte Beauftragte für gleichgeschlechtliche Lebensformen. Sie hören ihm zu, beruhigen, bitten um Geduld. Doch die ist dem Sachbearbeiter in neun Jahren kleiner Nadelstiche und Gemeinheiten verloren gegangen. Er kündigt:
Da einige Kollegen mit meiner Homosexualität nicht in Verbindung gebracht werden möchten bzw. mit mir nichts mehr zu tun haben wollen, möchte ich hiermit mein Arbeitsverhältnis mit sofortiger Wirkung auflösen. Ich hatte hier auf Akzeptanz gehofft, aber schon nach wenigen Wochen war den Leuten klar, dass so jemand wie ich nur "schwul" sein kann, und das hat man mir deutlich durch versteckte Andeutungen klargemacht. Um aber nicht mehr länger diesen Druck auszuhalten, blieb mir nur noch dieser Weg, der für alle Beteiligten das Beste ist.
Tage später nimmt er die Kündigung zurück. Er hat sich kurz zuvor Möbel und zwei Computer gekauft, weiß nicht, wie er den dafür aufgenommenen Kredit ohne Job zurückzahlen soll, kann nicht mehr rational denken, entscheiden, handeln.
Den Posten im Tagesdienst, den das Amt ihm anbietet und der mit monatlich 500 Mark weniger dotiert ist, lehnt er ab, wird daraufhin beurlaubt. Zu Hause, allein, während tagelangen Grübelns, fasst er einen heimlichen Entschluss, der unbegreiflich ist, der in keinem Verhältnis mehr zu dem zu stehen scheint, was ihm angetan wurde. Von diesem Entschluss lässt er sich durch nichts mehr abbringen.
Nicht durch die Mitarbeit im Arbeitskreis homosexueller Polizisten und Polizistinnen, die er erst vor kurzem begonnen hat. Nicht durch die vielen Freunde im schwulen Wanderverein, mit denen er zu Ausflügen startet. Noch nicht einmal durch die Bekanntschaft zu einem anderen Mann, mit dem er vor ein paar Monaten eine feste Beziehung eingegangen ist.
Er glaubt, eine Mission zu erfüllen. Er will aufrütteln, erschüttern, ein loderndes Fanal setzen. "Ich muss ein Opfer bringen", schreibt er. Und obwohl er zeitlebens äußerst schmerzempfindlich ist, soll es ein Opfer sein, das schrecklich wehtut.
Er schreibt drei Abschiedsbriefe, einen davon an den Kollegen, der ihn so enttäuscht hat: "Dein Verhalten mir gegenüber hat mich total deprimiert." Ein zweites Schreiben - "Betreff: Mobbing-Tod" - beginnt mit der Ankündigung: "Wenn Sie dieses Schreiben erhalten, werde ich entweder nicht mehr am Leben sein oder total entstellt." Die Briefe schickt er nie ab.
Er kauft einen Benzinkanister, füllt ihn und deponiert ihn dann in der Abstellkammer seiner Zweizimmerwohnung.
Fünf Tage vor seinem 41. Geburtstag läuft er nachts quer durch Wiesbaden zu dem Bolzplatz im Stadtteil Gräselberg, auf dem er schon als Kind gespielt hat. Die Nacht, in der er stirbt, ist sternenklar.
Im BKA, wo jetzt viele Mitarbeiter bestürzt sind, ruft die Amtsleitung nach Bekanntwerden der Selbstverbrennung die Sozialbeauftragten und die Leiter der betroffenen Abteilung zusammen. Thema der Krisensitzung: "Wie können solche Vorfälle in Zukunft verhindert werden?"
In der Wohnung von Peter Zimmermann findet eine Schwester beim Ausräumen eine Rechnung über fünf Liter Superbenzin.
Von Bruno Schrep

DER SPIEGEL 35/2001
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