27.08.2001

DIE GEGENWART DER VERGANGENHEIT -- SERIE - TEIL 17 NACHGEHOLTES ERSCHRECKENUND IN DEN HERZEN ASCHE

Aus Sicht der Studenten war noch im Jahr 1968 die Vergangenheit erschreckend gegenwärtig, sie hielten die Nachkriegsrepublik für faschistoid. Woher rührte diese fast wahnhafte Verkennung der Wirklichkeit?
GERD KOENEN
Die Vergangenheit zu bewältigen ist zur deutschen Lebensform geworden. Die Debatten oder Skandale, die sich alljährlich an Revisionen oder Verschärfungen des gültigen Geschichtsbildes entzünden, sind, wie Peter Sloterdijk lakonisch bemerkt, "Rituale der Labilität", in denen die bundesdeutsche Gesellschaft "das stärkste Wir-Gefühl erreicht".
Mit der Fischer-Debatte zu Beginn dieses Jahres ist den unbewältigten deutschen Vergangenheiten Ost und West noch eine dritte hinzugefügt worden. Jetzt soll es also um die Geschichte jener Generation gehen, die mit der ihrer Eltern einst so hart abgerechnet hatte. Auch sie steht plötzlich unter biografischem Rechtfertigungsdruck - wo sie sich gerade so schön in die Rolle eingelebt hatte, die Heldin einer zweiten, wenn nicht gar der eigentlichen Gründung der Republik anno 1968 gewesen zu sein.
Die Fischer-Debatte trug nicht zufällig Züge einer ironischen Reprise. Als Rächerin ihrer verratenen Jugend trat die Tochter Ulrike Meinhofs auf, die - wie einst Beate Klarsfeld gegen Kanzler Kurt-Georg Kiesinger - auf offener Medienbühne einen Privatfeldzug gegen Vizekanzler Joschka Fischer eröffnete, um ihn stellvertretend für die Generation ihrer Eltern zu brandmarken. In Internet-Botschaften, die von Ferne an Kommando-Erklärungen der RAF erinnerten, forderte Bettina Röhl vom Bundespräsidenten, wegen des "Staatsnotstands" tätig zu werden, da mit Fischer der Repräsentant einer "Gewaltgruppe" an die Hebel der Macht gelangt sei.
Der Punkt, an dem ihre Affekte - stellvertretend und rein assoziativ - auf Fischer übergesprungen sind, ist die Frankfurter "Meinhof-Demonstration" vom 10. Mai 1976, einen Tag nach dem Stammheimer Selbstmord Ulrike Meinhofs. In dieser gewaltsamen Straßenaktion, bei der ein Polizist nach einer Molotowcocktail-Attacke ums Haar bei lebendigem Leibe verbrannt wäre, kulminierten alle Zwangsgedanken, von denen die radikalen Linken der siebziger Jahre beherrscht waren.
Auch Joschka Fischer ging in seiner Römerberg-Rede zwei Wochen später, in der er im Namen der Sponti-Militanten die Grenze zu den Terroristen zog und die "Genossen im Untergrund" aufrief, "Schluss zu machen mit ihrem Todestrip", von der fixen Vorstellung aus, dass "Ulrike im Knast von der Reaktion in den Tod getrieben, ja im wahrsten Sinne des Wortes vernichtet" worden sei. Die 10 000 Teilnehmer des "Anti-Repressions-Kongresses" in Frankfurt dürften es genauso gesehen haben.
Die Forderung, sich heute von alldem "zu distanzieren", wie es die schwarz-gelbe Opposition von Fischer, Jürgen Trittin und anderen prominenten "Ex-Militanten" des rotgrünen Lagers verlangt, ist eher allzu billig. Produktiver, auch schmerzhafter ist es, sich noch einmal zu vergegenwärtigen, wie und in welchem Grad ein beträchtliches Segment der Nachkriegsgeneration damals in den Bannkreis der Vorstellung geriet, dass Staat und Gesellschaft der Bundesrepublik einem verhängnisvollen Wiederholungszwang unterlägen: hin zum Faschismus.
Die Passionaria des Widerstands gegen diese "deutschen Verhältnisse" (wie man bedeutungsvoll sagte) war eben Ulrike Meinhof. Wie keine andere schien sie die Kontinuität eines Antifaschismus zu verkörpern, der die Terroristen nach dem Scheitern der Studentenrevolte aus Verzweiflung zu den Waffen greifen ließ. Ihr Tod, mit dem der blutige Showdown des "deutschen Herbstes" 1977 eröffnet wurde, erschien aus dieser Perspektive als die Vollendung ihres Kampfs.
Die vielen Kampagnen und Hungerstreiks gegen "Isolationsfolter und Vernichtungshaft" für die inhaftierten Terroristen beriefen sich auf einen beklemmenden Text aus dem Gefängnistrakt in Köln-Ossendorf, den Ulrike Meinhof nach ihrer Verhaftung 1972 schrieb. Das Stenogramm ihrer Selbstbeobachtungen war, so schien es damals, von unhinterfragbarer Authentizität: "das Gefühl, es explodiert einem der Kopf ... das Gefühl, es würde einem das Rückenmark ins Gehirn gepresst ... das Gefühl, man stünde ununterbrochen, unmerklich, unter Strom, man würde ferngesteuert ..."
Nachher schrieb sie: "Der politische Begriff für toten Trakt, Köln, sage ich ganz klar, ist das Gas. Meine Auschwitzphantasien da drin waren ... realistisch."
Ein beträchtlicher Teil der linken und liberalen Öffentlichkeit war bereit, sich diese suggestive Vorstellung mehr oder weniger zu Eigen zu machen. Das "Kursbuch", das intellektuelle Leitorgan der Neuen Linken, erschien im Mai 1973 unter dem Titel: "Folter in der BRD. Zur Situation der politischen Gefangenen".
Im Vorwort stellte der Herausgeber Karl Markus Michel fest, dass der als Reformismus maskierte "strukturelle Staatsfaschis-
mus" unter den Augen einer manipulierten Öffentlichkeit dabei sei, Methoden einer klinisch "sauberen" Folter durch Isolation als "Modell für die Behandlung von ''Staatsfeinden''" zu erproben. Bei diesen Techniken einer "sensorischen Deprivation" handelte es sich, wie der niederländische Psychiater Sjef Teuns im selben Heft erläuterte, um eine wissenschaftlich ausgeklügelte Methode "der verzögerten Auslöschung von Leben", die die alten, primitiven Methoden von Aushungerung, Erschießung und Vergasung abgelöst habe. Die Behandlung der politischen Gefangenen in den Gefängnissen der Bundesrepublik sei nur die experimentelle Vorbereitung auf einen "tendenziellen Massenmord à la Auschwitz".
Dieser Zwangsgedanke gab den selbstmörderischen Hungerstreik-Aktionen der RAF-Gefangenen die Aura einer sich selbst erfüllenden furchtbaren Wahrheit. Schon bei der ersten Hungerstreik-Erklärung vom Mai 1973 - verfasst von Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin - ging es im Kern nicht um Erleichterungen des Haftregimes, eher um das Gegenteil: "Je liberaler die Schweinerei gehandhabt wird - unaufdringlich, locker, nett - ... kurz: je psychologischer, desto effektiver, tiefer die Vernichtung der Persönlichkeit des Gefangenen."
Diese Argumentation traf sich mit dem Zeit- und Lebensgefühl der politischen Generation, aus der die RAF-Leute selbst kamen. Man kann das nicht außer Kritik stellen, muss es aber als eine psychische Realität anerkennen: Alle noch so erprobten institutionellen Verfassungsregeln, alle noch so tief greifenden sozialen Strukturveränderungen und alle noch so rasanten kulturellen Wandlungsprozesse hatten den harten Kern des Misstrauens nicht auflösen können, den große Teile der bundesdeutschen Nachkriegsgeneration gegen die eigene Gesellschaft und die Bonner Republik hegten.
Die prägende Erfahrung dieser Generation war die massive "Rückkehr der Vergangenheit" Anfang der sechziger Jahre. Man kann den Beginn fast genau datieren: auf die Welle der neonazistischen Synagogen- und Friedhofsschändungen im Winter 1959/60.
In die internationale Empörung mischten sich die systematischen Kampagnen der SED gegen "Bonner Altnazis" (Fälschungen eingeschlossen), mit denen die Errichtung des "antifaschistischen Schutzwalls" in Berlin flankiert wurde. Innen- und Kultusminister der Bundesrepublik beschlossen daraufhin 1962 eine verstärkte "Erziehung zur Demokratie" als Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus, worunter (mit Zustimmung des Kommissionsmitglieds Max Horkheimer) Kommunismus und Nationalsozialismus gleichermaßen verstanden wurden.
Die Erinnerung an die nationalsozialistischen Massenverbrechen, und insbesondere an den Judenmord, wurde durch den Jerusalemer Eichmann-Prozess 1961 drastisch aktualisiert und beschäftigte die jugendliche Phantasie, gerade wegen der von Hannah Arendt so bezeichneten "Banalität des Bösen", verkörpert durch die farblose Allerweltsfigur eines deutschen Spießbürgers. In einer Serie von Strafprozessen wurden zur selben Zeit NS-Täter, vor allem KZ-Schergen, vor die bundesdeutschen Gerichte gebracht. Das wichtigste und spektakulärste Verfahren war der Frankfurter Auschwitz-Prozess von 1963 bis 1965.
Die Diskussion über die "Schuldfrage" kreiste zunächst darum, wie viel Verantwortung die Deutschen für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs trügen. Daraus ergab sich eine fatale, lastende Kontinuität zwischen 1914 und 1939, von Verdun und Brest-Litowsk bis Stalingrad und Auschwitz.
Das alles war, ob wir es wollten oder nicht, unsere Geschichte, aus der es keinen Ausstieg gab. Dieses Bewusstsein bedeutete eine fundamentale Erschütterung dessen, was Norbert Elias die "Wir-Schicht" einer Gesellschaft nannte - den Verlust des kindlichen Urvertrauens in die Gemeinschaft, aus der wir stammten und in der wir aufwuchsen. Für die Heranwachsenden, sofern sie diese historisch-moralische Erblast verspürten, hieß das, dass sie sich in einem Vakuum bewegten und Ideale und Vorbilder erst finden mussten.
Die erste, vitale Reaktion war wütende Distanzierung. "Sie" (die Älteren, die Eltern) hatten uns das schließlich eingebrockt. Ihretwegen waren wir genötigt, uns ewig zu rechtfertigen, standen wir nicht nur als die Verlierer zweier Weltkriege, sondern als die Verbrecher der Weltgeschichte da. Moralische Empörung und narzisstische Kränkung flossen zusammen.
Immerhin zeigte sich früh, dass entschiedene nationale (Selbst-)Kritik für uns Nachgeborene auch narzisstischen Gewinn bedeuten konnte. Alle Besucher, von John F. Kennedy bis zu General de Gaulle, richteten feierliche Appelle an die "deutsche Jugend", von der die Zukunft des freien Europa abhängen werde.
Überhaupt bedurfte es keines besonderen Raffinements, um zu bemerken, dass alle Hypotheken der Vergangenheit auch eine Art moralisches Negativkapital waren. Die "heimatlosen Intellektuellen" aus der Generation der Flakhelfer machten vor, wie sich aus dem Fundus tragischpathetischer Unglücks- und Bedrohungsgefühle ein eigentümlicher neudeutscher Avantgardismus entwickeln ließ.
In seinen Betrachtungen über "Politik und Verbrechen" zog Hans Magnus Enzensberger die Eindrücke des Eichmann-Prozesses und der Kubakrise zusammen und bezeichnete das Arsenal der zeitgenössischen atomaren Vernichtungsmittel, speziell der USA, als "die Gegenwart und die Zukunft von Auschwitz". Hannah Arendt, auf die er sich dabei berief, protestierte in einem Brief gegen diese Gleichsetzung und bemerkte, sie werfe dem Autor nicht vor, dass er die deutsche Verantwortung für Auschwitz bestreite, wohl aber, dass er sich "dafür noch eine Feder an den Hut stecken" wolle. Und mit spitzer Intuition fügte sie hinzu: "Oh, Felix Culpa!" - oh, glückliche Schuld.
Damit war erstmals die Tendenz unter den jüngeren linken, antifaschistischen Deutschen benannt, die sich "Auschwitz" als eines negativen Mythos und einer universellen politischen Formel bemächtigten. Diese Formel wies - und darin lag der Gewinn - einen Ausweg aus der unerträglichen Spannung, in die jeder versetzt wurde, der ernsthaft versuchte, sich die Verbrechensgeschichte des Dritten Reichs "zu Eigen" zu machen. Schließlich handelte es sich um Geschehnisse, die jedes menschliche Maß überstiegen und nur Taubheit, Horror und Scham hinterließen. "Und in den Herzen Asche", wie Wolf Biermann damals sang.
Die generationstypische Reaktion bestand in den sechziger Jahren in der Identifikation mit den Opfern. Auch wir waren im Grunde "Verfolgte des Nazi-Regimes"! Rudi Dutschke, der als Jugendlicher phantasiert hatte, er sei in Wahrheit der Sohn eines versteckten Juden, sprach als Berliner Studentenführer wiederholt davon, dass die Herrschenden die Demonstranten "zu Juden machen" wollten, wobei aber die Studenten nicht die Rolle wehrloser Opfer spielen würden.
Zur Identifikation mit den Opfern gehörte komplementär die scharfe Abgrenzung von den Tätern. "Machen wir Schluss damit ... dass die ganze Nazi-Scheiße von gestern weiterhin ihren Gestank über unsere Generation bringt", hieß es 1967 etwa in einem Berliner Flugblatt, das einen "Aufstand gegen die Nazi-Generation" proklamierte. Damit wurde, fast in Umkehrung der völkischen "Blutsbande", eine quasi biologische Trennlinie gezogen.
Dazu kam die umfassende Politisierung und Ideologisierung im Gefolge der Großen Koalition seit 1966. Schon die Selbstdeklaration der Jugendbewegung 1967/68 als "antiautoritär" bezeichnete ja weniger ein spontanes Lebensgefühl als eine ganze theoretische Weltsicht. Damit war eine radikale politische Opposition gegen einen "autoritären Staat" und eine bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft gemeint, deren Macht- und Ausbeutungsstrukturen sich in der "autoritären Persönlichkeit" ihrer Subjekte verankert habe.
Der Schuss vom 2. Juni 1967 (der Tod des Studenten Benno Ohnesorg durch den außer Kontrolle geratenen Polizisten Karl-Heinz Kurras) vereinte denn auch Zehntausende in dem Gefühl, dass "sie" jetzt begonnen hatten, auf "uns" zu schießen. Von nun an war Bundespräsident Heinrich Lübke ein "KZ-Baumeister" und Kanzler Kurt-Georg Kiesinger ein "Altnazi", waren die Notstandsgesetze ein zweites "Ermächtigungsgesetz" und die Große Koalition unmittelbare Vorstufe für ein "neues 33".
Natürlich war die reale Bundesrepublik unübersehbar anders. Sie befand sich in einem anhaltenden Modernisierungsschub. Schon die Große Koalition baute die staatlichen Sicherungen der "sozialen Marktwirtschaft" weiter aus und überwand mit einer "neuen Ostpolitik" die Rolle des Landes als Frontstaat. Nicht nur die restlichen Vertreter eines "Revanchismus" schienen weitgehend in die Nachkriegsrepublik integriert, sondern eine Mehrheit der Bundesbürger schrieb den anderen deutschen Staat hinter der Mauer als historische Konkursmasse ab, um neuen Ufern zuzustreben.
Gerade in dieser chamäleonhaften Realitätstüchtigkeit konnte man allerdings auch etwas Abgründiges und zugleich Unanständiges sehen. Und nicht nur die 68er Jugend, auch ein Großteil der internationalen Öffentlichkeit misstraute dieser "Demokratie ohne Demokraten", wie es damals noch oft hieß, einem mit schierer Wirtschaftskraft vollgepumpten, undefinierbaren Mutanten, dessen politische Zukunft, so schien es, völlig offen lag.
Dennoch: Der durchschlagende Erfolg der jugendlichen Protestbewegung damals ist damit noch nicht erklärt. Ihre Aktionen waren, wie Walter Jens im Sommer 1967 feststellte, "zum Generalthema des deutschen Fernsehens" geworden. Allein acht SPIEGEL-Titel in den Jahren 1967/68 galten der Studentenbewegung und der Außerparlamentarischen Opposition. Kaum anders hielten es die "Zeit" oder die großen Tageszeitungen, einschließlich der Springer-Presse, die sich (zumal in der Frontstadt West-Berlin) in einen Clinch verwickelte, der letztlich zu ihren Ungunsten ausging. Das "Establishment", die Professoren, die Journalisten, die Politiker, suchte die Diskussion mit den antiauto-
ritären Rebellen, die sich umso mehr in "Großer Verweigerung" übten.
So glich die Revolte jenseits der West-Berliner Frontstadterhitzungen (die einer eigenen Dynamik unterlagen) weithin einer Flucht aus einer fürsorglichen Belagerung. Das wahre Schreckenswort hieß: "Integration". Alle Strategien der "Provokation" zielten darauf ab, die Herrschenden endlich zu zwingen, ihre Maske der "repressiven Toleranz" fallen zu lassen.
Als Anti-Autoritäten zitierte die 68er Generation eine Reihe lebender oder toter Großtheoretiker, aus deren Schriften sie einen ganz eigenen marxistisch-freudianischen Jargon revolutionärer Eigentlichkeit kreierte - ein "jüdisch-intellektuelles Rotwelsch" (so Reimut Reiche), das als Sprache der "Bewusstmachung" und damit als informelles Erkennungszeichen diente.
Dabei waren diese Akte wild entschlossener Aneignung, namentlich im Falle der Väter der "Kritischen Theorie", eher Akte intellektueller Enteignung. Gerade die Texte aus den dreißiger Jahren, die Max Horkheimer und Theodor W. Adorno als Teil ihrer politischen Irrtumsgeschichte nicht wiedergedruckt sehen wollten, fanden sich nun als Raubdrucke auf den Büchertischen der Studentenbuchhandlungen. Gerade diese "Stellen" mussten nun als politische Schlüsselzitate herhalten, vor allem die formelhaft verkürzte Sentenz: "Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, muss vom Faschismus schweigen."
Denn darum ging es eigentlich: Sämtliche Analysen der bürgerlichen Gesellschaft verwandelten sich in den Augen ihrer jugendlichen Nachbeter in Faschismus-Theorien. Der Kapitalismus im Stadium seiner historischen Überfälligkeit, also seit mindestens einem halben Jahrhundert, führte demnach in jeweils neuen, offenen oder verdeckten Formen unweigerlich zur offenen oder kaschierten Diktatur der Bourgeoisie, also zum Faschismus. Die konkrete Auseinandersetzung mit der Verbrechensgeschichte des Nationalsozialismus löste sich damit auf in den Kampf gegen das eigentlich totalitäre System: den Kapitalismus.
Das bedeutete inmitten aller politischen Verschärfungen eine enorme psychische Entlastung. Denn die antikapitalistische Analyse erklärte nicht nur, und nicht einmal in erster Linie, die Verhältnisse in Deutschland (West), sondern in der "freien Welt" im Ganzen, und vor allem in den USA. Denn die waren, wie der mörderische Krieg in Vietnam und die brennenden Ghettos der amerikanischen Großstädte selbst zu beweisen schienen, das Zentrum des modernen Weltfaschismus und Weltimperialismus. Die "alten Nazis" und verräterischen Sozialdemokraten in Bonn waren in dieser Logik die willigen Helfer der falschen Befreier, die jetzt als Beherrscher der freien Welt erschienen.
Der Vietnamkrieg diente 1968 als Kristallisationskern einer "Internationale der Jugend". Die Parole "USA-SA-SS" wurde auch von den hypermilitanten französischen und italienischen Teilnehmern am Interna-
tionalen Vietnam-Kongress in West-Berlin im Februar 1968 skandiert, die trotzkistische oder maoistische Gruppen vertraten. "Weder Frankreich noch Italien, noch Deutschland konnten es den USA verzeihen, dass sie sie vom nationalsozialistischen und faschistischen Joch befreit hatten", schrieb der Philosoph Pascal Bruckner.
Gerade der Vergleich mit Frankreich ist erhellend. Dort speiste sich die Opposition gegen das autoritäre Regime Charles de Gaulles im Besonderen und den westlichen Neokolonialismus im Allgemeinen aus einem Fonds frischer, lebendiger Erfahrungen und Enttäuschungen, aber auch positiver nationaler Traditionen. In Deutschland dagegen fehlte derlei Verbindendes und Verbindliches. Hier dominierte in der Opposition zur eigenen Gesellschaft und Geschichte das Abstrakte und Absolute.
Als archimedischer Punkt, von dem aus die korrumpierte Bourgeoiswelt der Eltern aus den Angeln gehoben werden sollte, diente allen radikalen Jugendbewegungen dieser Zeit neben der mythischen Retterfigur des roten Proletariers die Konstruktion einer revolutionären "Dritten Welt". Der Satz Ché Guevaras, des Märtyrers dieses dritten und aus Sicht seiner Bewunderer gerechten Weltkrieges, wonach keine höhere Ehre denkbar sei, als den Kampf im Leib der Bestie selbst, dem Imperialismus, aufzunehmen, wirkte wie ein Testament.
So ist es kein Zufall, dass gerade nach dem "Machtwechsel" 1969 ein Großteil der außerparlamentarisch Bewegten sich im unüberschaubaren Geflecht linksradikaler Gruppen und Initiativen einigelte. Ein langes "rotes Jahrzehnt" hindurch beherrschten sie in den siebziger Jahren nicht nur die Straßen und Plätze der großen Städte - vor allem in Hamburg, Frankfurt und Berlin -, sondern auch viele intellektuelle und künstlerische Foren der Republik. Daneben bildete sich der "Untergrund" der Terroristen, die mit Gewalt ausagierten, was auch andere "im Prinzip" für notwendig hielten, aber aus taktischen oder praktischen Gründen nicht bereit waren zu tun.
Aber wie der Argentinier Guevara hinter seinem Image eines selbstlosen Menschheitsrevolutionärs den weißen Latino-Chauvinisten und Yankee-Hasser nie verbergen konnte, so hatten auch seine deutschen Jünger ihre allzu deutschen Motive.
Ab Sommer 1969 ergoss sich ein Strom deutscher Revolutionstouristen in die palästinensischen Ausbildungslager. Und der bewaffnete Kampf in Deutschland sollte ausgerechnet am 9. November 1969 mit einem Sprengstoffanschlag auf das Jüdische Gemeindezentrum in West-Berlin eröffnet werden. Die Bombe, deren Zünder jedoch falsch eingestellt war, hätte vermutlich etliche Besucher der Gedenkfeier an das Nazi-Pogrom vom November 1938 zerfetzt. Das begleitende Flugblatt proklamierte das Ende des "hilflosen Antifaschismus", der das "Produkt des deutschen Schuldbewusstseins" sei. Es rief zur klaren und einfachen Solidarisierung mit den Fedayin und zur Gründung "einer revolutionären Befreiungsfront in den Metropolen" auf.
Auf diese Weise begaben sich sämtliche westdeutschen bewaffneten Gruppen - die RAF, der "2. Juni", die "Revolutionären Zellen" - über ein Jahrzehnt hinweg in eine regelrechte Symbiose mit den extremsten palästinensischen Terrorgruppen. Die Programmschrift dazu hatte wiederum Ulrike Meinhof geliefert.
Eine Schlüsselszene dieser Zeit: In Köln-Ossendorf, ihrer imaginären "Gaskammer" also, verfasst sie im Herbst 1972 eine lange Erklärung zur "Aktion des Schwarzen September", bei der ein palästinensisches Kommando israelische Sportler während der Olympischen Spiele in München als Geiseln nahm. Ulrike Meinhof rühmte das als exemplarische revolutionäre Tat, die "gleichzeitig antiimperialistisch, antifaschistisch und internationalistisch" gewesen sei, da sie die enge Komplizenschaft zwischen den "Charaktermasken des ''Rechtsstaats Bundesrepublik''" als Nachfolgestaat des Dritten Reichs und "Israels Nazi-Faschismus" entlarvt habe.
Als Tiefpunkt aller deutsch-palästinensischen Aktionen gilt zu Recht die Entführung einer aus Tel Aviv kommenden Maschine nach Entebbe (Uganda) im Juni 1976, bei der die deutschen Terroristen Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann jüdische Passagiere selektieren halfen, die erschossen werden sollten. Aber Entebbe war nur eins von vielen mörderischen Projekten dieser Art - bis hin zu den Attentatsplänen gegen prominente Vertreter der jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik, die Hans-Joachim Klein bei seinem Ausstieg aus dem bewaffneten Untergrund 1977 publik machte und so womöglich verhinderte.
Aber was führte das Gros der deutschen Terroristen von "Auschwitz" nach Entebbe? Mit der probaten Formel vom "linken Antisemitismus" ist wenig gewonnen. Tatsächlich handelte es sich weniger um eine "Wiederkehr des Verdrängten", als vielmehr um brachiale Versuche der Befreiung von der Last der deutschen Geschichte. Und die neue Freiheit musste sich gerade im Angriff auf diejenigen bewähren, die für die Kränkung des Selbstbildes als Deutsche sorgten: die Juden, die man jetzt nur als "Zionisten" bezeichnete.
Aber nach derselben Logik waren es auch die "alten Nazis" und die "Generation von Auschwitz", von deren lastender Präsenz man sich zu befreien suchte. So kulminiert die Geschichte des deutschen Terrorismus - und mit ihm des Linksradikalismus dieses Jahrzehnts - schließlich in einer Aktion, in deren Zentrum eben nicht Heinz Galinski als Repräsentant der jüdischen Gemeinden stand, sondern Hanns Martin Schleyer als "Boss der Bosse" und "alter Nazi" dazu.
Ob man das mythisch-metaphorische Abbild dieses Vatermords, der mit dem (Selbst-)Opfer der Kinder gesühnt wird, in der antiken Legende von Ödipus finden will oder, wie unlängst Stephan Wackwitz, eher in Shakespeares Hamlet und dem abgründigen Todesspiel im Hause Dänemark: Alles läuft darauf hinaus, dass maßgebliche Teile dieser ersten deutschen Nachkriegsgeneration das Drama der "unbewältigten Vergangenheit" noch einmal in fieberhaften Tagträumen und gewaltsamen Ausbrüchen durchgespielt haben. Ein Generationsbruch nach dem Zivilisationsbruch.
Erst mit dem Fall der Mauer 1989 ist das Gros der Teilnehmer dieses imaginären langen Marsches, wie in einer anderen, zweiten Wiedervereinigung, auf dem Boden dieser Republik angekommen.
* Oben: Plakatdarstellung des im Hungerstreik gestorbenen RAF-Terroristen Holger Meins und eines KZ-Häftlings; unten links: nach Freitod im Gefängnis Stammheim; unten rechts: bei Hausbesetzerdemonstration in Frankfurt. * Oben: 1941 in Peenemünde mit Rüstungsminister Fritz Todt (M.) und Oberstleutnant Walter Dornberger, Leiter des Raketenbauprogramms (r.); unten: nach Beate Klarsfelds Angriff auf dem CDU-Parteitag 1968 in Berlin. * Links: 1939 in Polen beim Einsatz einer deutschen Polizei-Einheit; rechts: Vietcong-Verdächtige mit Angehörigen der südvietnamesischen Armee und US-Soldat 1965. GERD KOENEN befasst sich als freier Publizist mit politikgeschichtlichen Themen in Europa. Historiker Koenen, 56, schrieb über Führerkult und Machtapparate in der UdSSR ("Utopie der Säuberung"). In seinem jüngsten Buch "Das rote Jahrzehnt" lieferte der frühere Links-Aktivist eine Polemik gegen die radikalen Gesellschaftsveränderer von 1968.
Von Gerd Koenen

DER SPIEGEL 35/2001
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DIE GEGENWART DER VERGANGENHEIT -- SERIE - TEIL 17 NACHGEHOLTES ERSCHRECKEN:
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