10.09.2001

„Ich finde Farben scheußlich“

Bob Dylan über seine Vorliebe für Schwarz und Weiß, die verhängnisvolle Macht der Medien und sein neues Album „Love And Theft“
SPIEGEL: Mr. Dylan, vier Jahre nach Ihrem letzten Studioalbum präsentieren Sie nun Ihr neues Werk "Love And Theft": Liebe und Diebstahl - ist das für Sie ein Gegensatz?
Dylan: Nein. Ich finde, diese beiden Dinge passen wie Finger in einen Handschuh.
SPIEGEL: Musikalisch ist die neue Platte eine mitreißende Huldigung an historische Musikstile wie Country-Swing, Blues und Rockabilly: Fühlen Sie sich in der Gegenwart wohl, oder sehnen Sie sich in vergangene Zeiten zurück?
Dylan: Ich bin kein nostalgischer Mensch. Gut, Sie haben Recht, die meisten der Songs haben traditionelle Wurzeln, obwohl ich sie alle selber geschrieben habe. Aber ich vermisse nichts von früher. Ich lebe gern in der Gegenwart.
SPIEGEL: Tatsächlich klingen Sie auf Ihrem Album so gut gelaunt wie lange nicht mehr. Haben Sie zurzeit Spaß am Leben?
Dylan: Spaß? Wie meinen Sie das? Soll ich einen Fußball in die Luft treten? Nein, ich bin einfach nur da. Und ich glaube, ich habe auch keine andere Wahl.
SPIEGEL: Sie haben mal gesagt, alle Produzenten, mit denen Sie je arbeiteten, waren Gefangene des Bob-Dylan-Mythos. Stimmt es, dass Sie für "Love And Theft" den Produzentenjob selber übernommen haben?
Dylan: Ja, so ist es. Wer auch immer die Aufnahmen zu meinen bisherigen Platten kontrollierte, sagte sich: Okay, dies ist eine Bob-Dylan-Platte, und das sind Bob-Dylan-Lieder. Das heißt, sie reagierten nie darauf, wie meine Stimme zu dem Zeitpunkt tatsächlich klang oder die Songs - sondern sie verwirklichten nur ihre Idee, wie Bob Dylans Stimme zu klingen hat. Viele meiner Platten endeten deshalb als Kompromisse.
SPIEGEL: Welche?
Dylan: Die meisten. Die Studio-Versionen entsprachen eigentlich nie meinen ursprünglichen Vorstellungen. Mir fällt das immer auf, wenn ein Song, den wir auf der Bühne live spielen, ganz anders klingt als auf Platte.
SPIEGEL: Könnte es auch an Ihrer Stimme liegen, dass fast alle Produzenten das Bedürfnis hatten, sie nachträglich zu verschönern?
Dylan: Keine Ahnung. Ich glaube, wenn man alte Geräte benutzt, je simpler, desto besser, dann geht das schon mit meiner Stimme. Aber bis zu dieser Platte hat es noch nie jemand verstanden, mich anständig aufzunehmen.
SPIEGEL: Dieses Gespräch findet in Rom statt. Hat es Sie erschreckt, dass bei einer Demonstration während des G-8-Gipfeltreffens in Genua ein junger Globalisierungsgegner von einem Polizisten erschossen wurde?
Dylan: Erschossen? Hier in Italien? Wow, da habe ich wohl gerade gearbeitet. Keine Ahnung. Klingt wie ein Krimi von Raymond Chandler.
SPIEGEL: Sie wurden in den sechziger Jahren als politischer Protestsänger verehrt. Hätte es die Globalisierungsgegner schon damals gegeben, wären Sie dann mit ihnen auf der Straße gewesen?
Dylan: Damals gab es kein Bewusstsein für so etwas wie Globalisierung. Aber wenn Sie heute der Medienberichterstattung glauben, müssen Sie fürchten, dass uns der ganze Planet jeden Augenblick um die Ohren fliegt. Ich glaube, das ist Blödsinn. Die Realität ist längst nicht so hoffnungslos und finster, wie uns die moderne Medienindustrie vorgaukelt.
SPIEGEL: Welchen Zweck soll die Katastrophenbeschwörung der Medien haben?
Dylan: Das ist doch offensichtlich. Irgendwo zieht irgendwer einen Vorteil daraus, Gewalt und Brutalität zu vermarkten. In den Medien wird nichts präsentiert, ohne dass jemand hinter den Kulissen Geld damit macht.
SPIEGEL: Wie nutzen Sie die Medien?
Dylan: Überhaupt nicht. Ich meide sie, wo ich nur kann.
SPIEGEL: Und wie informieren Sie sich?
Dylan: Informationen sind eine Frage des Lebenswandels. Es gibt Menschen, die wohnen in einem Haus mit Garten und einer Haustür. Vor dieser Tür landet jeden Morgen die Tageszeitung, und wenn die Menschen abends von der Arbeit nach Hause kommen, lassen sie sich in ihren Sessel fallen und werfen erst mal den Fernseher an, um zu sehen, was so in der Welt passiert. Mir ist das alles fremd. Ich bin ein Reisender, immer unterwegs, da hat man so viele Quellen und sammelt so viele Eindrücke, dass man sich sehr gut sein eigenes Bild machen kann.
SPIEGEL: Nicht jeder Mensch kann dauernd durch die Welt reisen.
Dylan: Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin nicht grundsätzlich gegen Medien. Aber sie verfehlen ihre Aufgabe, die in der Erziehung ihres Publikums bestehen sollte. Stattdessen präsentieren sie nur Show, Spektakel und Brutalität.
SPIEGEL: Wäre es nicht Zensur, die Brutalität von Genua nicht zu zeigen?
Dylan: Da haben Sie Recht. Das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung ist wertvoll, in den USA ist es sogar in der Verfassung festgeschrieben. Aber wenn die freie Rede zur Industrie wird, ist es keine freie Rede mehr, sondern ein Geschäft.
SPIEGEL: Sie fordern mehr Idealismus in der Medienwelt?
Dylan: Ich glaube an Idealismus und Idealisten. Aber ich habe lange keine mehr getroffen. Und Sie?
SPIEGEL: Es kommt vor.
Dylan: Sagen Sie mir das nächste Mal Bescheid und stellen mich vor. Das wäre nett.
SPIEGEL: Ein schlauer Exeget hat mal gesagt: Elvis befreite den Körper, Bob Dylan den Verstand. Was sagen Sie dazu?
Dylan: Es ist ein wunderbares Gefühl, befreit zu sein. Von was auch immer. Kann ich nur allen weiterempfehlen.
SPIEGEL: Als Sie im Mai 60 Jahre alt wurden, gab es weltweiten Medienrummel. Wie sah Ihre Party aus?
Dylan: Ach, nichts Besonderes. Ich habe ein paar Kerzen gekauft und die Familie eingeladen.
SPIEGEL: Sie wurden in letzter Zeit mit dem Oscar ausgezeichnet und mit Ehrungen überhäuft. Was halten Sie davon, dass Sie seit Jahren für den Literatur-Nobelpreis im Gespräch sind?
Dylan: Ich habe davon gehört. Aber in welche Gesellschaft bringt mich das bloß? In die von Leuten wie Hemingway und Steinbeck? Ich weiß nicht, ob ich in dieser Kategorie richtig aufgehoben bin.
SPIEGEL: Interessieren Sie sich für neuere, jüngere Literatur?
Dylan: Unbedingt. Nur kann ich da nichts Interessantes entdecken. Die Zeiten haben sich geändert. Worüber soll ein Autor heute auch schreiben, was nicht jeden Tag im Fernsehen oder in der Zeitung stattfindet?
SPIEGEL: Wie wäre es mit Emotionen?
Dylan: Aber kein Schriftsteller kann so stark mit Gefühlen arbeiten, wie es die Medien tun. Verglichen mit der heutigen Situation genossen Literaten wie Shelley, Rimbaud oder Byron eine geradezu luxuriöse Freiheit.
SPIEGEL: Sie glauben, dass die Medien Literatur und Poesie ruiniert haben?
Dylan: Oh, absolut. Jeder Literat, wenn er nicht gerade Kafka ist, schreibt für ein Publikum - und das wird heute von den Medien in Beschlag genommen. Speziell die Nachrichtensendungen bieten dem Publikum mehr, als sich die wildesten Dichter erträumen können. Was bleibt da noch für Literaten und Poeten? Wir leben in einer Welt, in der Science-Fiction längst Realität geworden ist. Sie wird beherrscht von Disney. Überall künstliche Shopping-Paradiese und Themenparks.
SPIEGEL: Bedeutet Ihre Absage an die Poesie, dass Sie sich überhaupt aller zeitgenössischen Kultur verweigern?
Dylan: Okay, Sie werden es nicht glauben, aber ich liebe das Ballett. Jedes Jahr besuche ich mindestens drei oder vier Aufführungen. Ich liebe Ballett seit meiner Kindheit. Ich mag die Stimmung, die geschmeidigen Bewegungen der Tänzer und den umwerfenden Klang eines Orchesters.
SPIEGEL: Aber mit Literatur sind Sie durch?
Dylan: Literatur ist überholt. Filme sind die neue Literatur. Wer heute etwas zu sagen hat, macht einen Film.
SPIEGEL: Welcher Film ist für Sie große Literatur?
Dylan: Da genau liegt das Problem, denn Filme können keine große Literatur sein.
SPIEGEL: Warum?
Dylan: Weil sie nur eine zweitrangige Kunstform sind. Literatur führt dich in den Kopf und ins Herz einer fiktiven Figur. Das schafft kein Drehbuch und kein Regisseur. Filmfiguren bleiben immer auf Distanz, immer weit weg und flach auf der Leinwand. Ich habe noch keinen Film gesehen, der besser wäre als das schlechteste Buch, das ich gelesen habe.
SPIEGEL: Sie übertreiben.
Dylan: Ich schwöre, dass es mir ernst ist.
SPIEGEL: Wann hat Ihnen zuletzt ein Film gefallen?
Dylan: Ich bevorzuge die Zeit, deren Musik mir gefiel, die zwanziger, dreißiger und vierziger Jahre. Und ich sehe mir lieber einen Film von 1948 an als einen aus diesem Sommer.
SPIEGEL: Was war damals besser?
Dylan: Es wurde nicht so viel Wind um nichts gemacht und nicht so viel sinnlos gefaselt; man kam damals einfach schneller auf den Punkt. Deshalb kann ich mich, was Filme betrifft, auch eher mit den Gedanken und Charakteren von damals identifizieren. Und außerdem bevorzuge ich Schwarzweiß. Ich finde Farben scheußlich.
SPIEGEL: Sie mögen keine Farben?
Dylan: Manchmal sind Farben okay. Aber wenn ich die Wahl habe, bevorzuge ich Schwarz und Weiß. In meinen Augen harmoniert das besser.
SPIEGEL: Und in den letzten 50 Jahren gab es also keinen bemerkenswerten Film?
Dylan: Lassen Sie mich mal nachdenken. Nein, mir fallen nur abschreckende Beispiele ein.
SPIEGEL: Zum Beispiel?
Dylan: Nehmen wir "Der Pate", ein Film über den Abschaum der Erde. Menschlichen Dreck wie die Mafia derart zu glorifizieren entsetzt mich sehr. Solche Kriminellen sind keine Helden - sie sind Dreck.
SPIEGEL: Die Vorlage war ein Roman.
Dylan: Sicher, aber in dem Roman wird man schnell erkennen, dass diese Figuren Abschaum sind. Dem Film gelingt es, sie als Helden zu porträtieren, weil er nie unter die Oberfläche geht. Nur ein Buch kann die negativen und eventuell auch die positiven Seiten solcher Charaktere ausloten.
SPIEGEL: Immerhin gibt es auch Filme wie "O Brother, Where Art Thou?" von den Coen-Brüdern - ein Werk, das gerade erst die von Ihnen so geliebte traditionelle amerikanische Country- und Blues-Musik wieder populär gemacht hat; der Soundtrack mit alten und neuen Aufnahmen war in den USA ein überraschender Millionenerfolg.
Dylan: Ich war begeistert von dem Album und hab mir sogar den Film dazu angesehen.
SPIEGEL: Moment mal - der ist doch modern und zudem in Farbe?
Dylan: Ich liebe George Clooney. Ein sehr sympathischer Typ. Die Szenen, in denen er als Sänger auftritt, sind einfach unglaublich gut.
SPIEGEL: Also doch ein moderner Film, den Sie mögen?
Dylan: Falsch, ich mag nur die George-Clooney-Momente. Ohne ihn wäre das auch nur Mist geworden. Aber ich würde mir jeden Film mit George Clooney anschauen, der Junge hat Herz. Und er hat es geschafft, für eine Musik, die von den Medien gemeinhin als unkommerziell abgestempelt wird, ein gewaltiges Publikum zu erobern - und dadurch bewiesen, wie sehr die Medien uns betrügen. Soll ich Ihnen verraten, was die beste Werbung ist?
SPIEGEL: Bitte.
Dylan: Mund-zu-Mund-Propaganda. Nur durch sie schlüpft manchmal etwas durch das Netz und beweist, dass man auch mit Qualität Erfolg haben kann. Zum Glück gibt es noch Menschen, die sich für etwas begeistern, weil sie kapieren, dass es gut ist, ohne dass es ihnen von den Medien aufgedrängt wurde.
SPIEGEL: Sie haben einst mit dem Griff zur elektrischen Gitarre die Musikwelt revolutioniert. Halten Sie den exzessiven Einsatz moderner Technik in der gegenwärtigen Musikwelt für gut?
Dylan: Es gibt heute zu viel Musik, die ohne Technik gar nichts wäre. Eigentlich alles, was zurzeit populär ist. Aber das ist kein Vorwurf, denn diese Generation ist so aufgewachsen und hat nichts anderes erlebt.
SPIEGEL: Gibt es zeitgenössische Popmusik, die Ihnen zusagt?
Dylan: Sie fragen den Falschen. Ich kenne nichts davon. Bloß weil ich Teil der Amüsierindustrie bin, bedeutet das noch lange nicht, dass ich mich mehr als notwendig damit beschäftige. Ich höre Musik nicht, um unterhalten zu werden. Ich suche nach Substanz. Und wenn Sie nun wissen wollen, ob ich da in letzter Zeit etwas bemerkt habe, muss ich leider mit Nein antworten.
SPIEGEL: Wie steht es mit HipHop?
Dylan: Da höre ich nur Maschinen.
SPIEGEL: Sind HipHopper, die Geschichten zu Musik erzählen, nicht die Folksänger von heute?
Dylan: Ich kenne keine Namen, nennen Sie mir welche.
SPIEGEL: Eminem? Dr. Dre?
Dylan: Keine Ahnung. Nie gehört.
SPIEGEL: Aber Sie haben vor langer Zeit mal mit dem Rap-Pionier Kurtis Blow zusammengearbeitet. Wie konnte das passieren?
Dylan: Wissen Sie was? Ich habe absolut keinen Schimmer. War ich gut? Ich weiß es nicht mehr.
SPIEGEL: Sie befinden sich seit Ende der achtziger Jahre auf einer so genannten "Never Ending Tour" und gaben allein in den vergangenen vier Jahren rund 450 Konzerte. Was treibt Sie?
Dylan: Dieses ganze "Never Ending Tour"- Geschwätz ist doch Blödsinn. Wenn irgendwas in unserer Welt klar ist, dann ist es die Erkenntnis, dass alles eines Tages zu Ende geht. Unsere Sterblichkeit ist die eine Sache, die uns alle verbindet, und nichts als das Wissen darüber schafft eine größere Nähe zwischen Menschen. Ich glaube nicht mal, dass ich besonders viele Konzerte gebe. In Ihrer Welt mag das viel sein, in meiner ist es normal.
SPIEGEL: Was ist Ihre Welt?
Dylan: Vielleicht ist das der Unterschied zwischen Europa und Amerika: zwischen sesshaften Bürgern und einem Tramp wie mir. Da, wo ich herkomme, sind die Provinzstädte voll von Menschen, die ihre Musik jeden Tag irgendwo anders präsentieren.
SPIEGEL: Sie sagten vorher, wie wenig Sie mit dem aktuellen Kino und der neueren Literatur anfangen können: Lesen Sie wenigstens die Bücher, die über Sie geschrieben werden?
Dylan: Ich habe nur Robert Sheltons Biografie gelesen, und die auch nur, weil ich den Autor kannte. Es ist doch bizarr, Bücher über das eigene Leben zu lesen. In der eigenen Erinnerung stellen sich die Dinge immer anders dar, als andere es erlebt haben. Für mich sind diese Bücher pure Fiktion.
SPIEGEL: Haben Sie mal daran gedacht, Ihre Autobiografie zu schreiben?
Dylan: Habe ich, und zurzeit arbeite ich daran. Meine Memoiren werden mehr eine Artikelserie sein, die in einem Buch erscheinen soll. Mehr kann ich dazu im Augenblick nicht sagen.
SPIEGEL: Stört Sie die Besessenheit, mit der Ihre Verehrer Ihre Songs und Ihre Äußerungen analysieren?
Dylan: Es ist seltsam, was die Leute alles in meinem Werk entdecken. Was für Analysen sind das überhaupt? Freudsche? Oder vielleicht marxistisch-freudsche? Ich habe von all dem keine Ahnung.
SPIEGEL: Irritieren Sie Fanatiker, die zu jedem Ihrer Konzerte kommen?
Dylan: Die sind eben da. Ich spiele nur für die Leute, die hinten stehen. Die in den ersten Reihen kommen sowieso wieder. Den hinteren Teil des Publikums, der nur für eine Nacht gekommen ist, den muss man erreichen.
SPIEGEL: Aber gerade die Hardcore-Fans verehren Sie mit nahezu religiösem Eifer.
Dylan: Hardcore-Fans ist eine unangenehme Bezeichnung. Es sind Menschen, die alle meine Platten kaufen und in viele meiner Konzerte kommen, und das ist doch wunderbar. Aber welche Religion meinen Sie? Und was opfern sie ihrem Gott, diese religiösen Hardcore-Superfans?
SPIEGEL: Unter anderem eine Menge Geld.
Dylan: Sehr schön, dann wüsste ich gern, wann und wo sie das nächste Mal opfern gehen. Dann komme ich auch.
SPIEGEL: Wie stark wirkt sich der Dylan-Mythos auf Ihr Privatleben aus?
Dylan: Zu 95 Prozent überhaupt nicht. Die übrigen 5 Prozent muss jeder, der mit Ruhm konfrontiert wird, bewältigen lernen.
SPIEGEL: Welche Strategie wenden Sie an, um mit Ihrem Ruhm fertig zu werden?
Dylan: Keine Strategie. Höflichkeit wirkt Wunder.
SPIEGEL: Fragen Sie sich manchmal: Warum gerade ich?
Dylan: Bislang noch nicht. Ich weiß ja, was ich geleistet habe, um so berühmt zu werden.
SPIEGEL: Sind Sie Ihrem Schicksal dankbar, ein berühmter Künstler geworden zu sein?
Dylan: Ich habe mir die Musik nicht ausgesucht. Sie hat mich gewählt. Hätte ich die freie Wahl gehabt, wäre ich lieber Arzt, Wissenschaftler oder Ingenieur geworden. Das sind Berufe, zu denen ich aufsehe und die ich respektiere. Entertainer sind nichts Besonderes. Sie bedeuten mir nichts.
SPIEGEL: Sie waren vor ein paar Jahren schwer krank. Wie lange werden Sie noch weitermachen?
Dylan: Schwer zu sagen. Es könnte der Tag kommen, an dem ich beschließe, dass es mir reicht. Wenn das Publikum sich zurückziehen würde, wäre das ganz sicher ein Grund, aber davon ist nichts zu merken.
SPIEGEL: Haben Sie das Gefühl, dass Sie mit den Jahren immer besser werden?
Dylan: Ich könnte, wenn ich mich darauf konzentrieren würde.
SPIEGEL: Ist es wahr, dass Sie boxen, um sich fit zu halten?
Dylan: Ich? Wer behauptet das?
SPIEGEL: Die Schauspielerin Gina Gershon sagt, dass Sie ihr beim Training eine verpasst hätten.
Dylan: Wenn die weiter so plaudert, kriegt sie noch was auf die Mütze.
SPIEGEL: Mr. Dylan, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
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Bob Dylan
wurde als Heilsbringer angebetet und als Verräter verdammt, zum genialen Erneuerer verklärt und als gerissener Nachäffer verhöhnt. Seine Stimme sei grässlich, hieß es, und doch die eines großen Verführers; seine Lyrik glatt unverständlich, aber reif für den Literatur-Nobelpreis sei sie auch: "Wenn ich's nicht jedem recht machen kann, dann vielleicht besser gar keinem" - dieses schöne, trotzige Motto stellte Bob Dylan schon 1973 einem Buch mit "Texten und Zeichnungen" voran.
Heute, mit 60 Jahren, scheint es der Musiker Dylan, der als Robert Allen Zimmerman geboren wurde, verdammt vielen fast schon verdächtig recht zu machen. Er durfte beim Papst und vor einem leibhaftigen amerikanischen Präsidenten zum Kratzfuß antreten, man hat ihn mit Doktorhüten, einem Oscar und dem französischen "Ordre des Arts et Lettres" dekoriert, sie huldigen ihm auf MTV und - mit einem Geburtstagsgruß des Industriellenchefs Hans-Olaf Henkel - in der "Financial Times Deutschland". Und auch mit seiner Musik findet Dylan plötzlich wieder Gnade vor den Ohren der Welt.
Sein 1997 veröffentlichtes Studioalbum "Time out of Mind" war ein Überraschungserfolg bei Kritikern und CD-Käufern, und auch das in dieser Woche erscheinende Werk "Love And Theft" wird bereits als großer Alterswurf gerühmt: In karg arrangierten, wunderbar lässigen und allesamt selbst verfassten Songs huldigt Dylan dem Country-Swing und anderen traditionellen amerikanischen Musikformen aus der ersten Hälfte des 20 Jahrhunderts.
Seit dem Beginn seiner Karriere Anfang der Sechziger mag sich der Sänger äußerlich gewandelt haben von einem bleichen, strahlend schönen, existenzialistisch dreinblickenden Jüngling zu einem Zausel mit merkwürdiger Unfrisur und einem "Kenn-ich-nicht-waschich-nicht-Gesicht", wie es ein Kritiker mal ausdrückte: In seiner nicht bloß künstlerischen Eigenbrötelei jedoch scheint er sich ebenso treu geblieben zu sein wie mit seinem Sinn für absurde Komik. In Rom jedenfalls präsentierte sich Dylan vor einigen Wochen gut gelaunt und zu allerlei Späßen aufgelegt vor rund einem Dutzend europäischer Journalisten. Als sich im Gruppengespräch einer der Interviewer heillos in einer Frage nach dem Wesen des neuen Albums verhedderte und mit der Formulierung endete "Was war zuerst da, das Huhn oder das Ei oder das Subjekt oder die Worte?", antwortete Dylan mit schelmischem Gesichtsausdruck: "Was wollen Sie? Bin ich hier der Idiot oder Sie? Ich bemühe mich ja, Ihnen zu folgen, aber worum geht es?"
SPIEGEL-Mitarbeiter Christoph Dallach fragte zunächst in der Runde mit, in der Dylan zum Beispiel über sein Verhältnis zum Internet Auskunft gab ("Ich habe Angst davor. Da weiß man nie, ob einem nicht ein Perverser auflauert und einen irgendwo hinlockt."). Danach gewährte Dylan eine rare Gunst: Dallach durfte den Meister im Einzelgespräch befragen.
Von Christoph Dallach

DER SPIEGEL 37/2001
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