15.09.2001

„Wir werden zurückschlagen“

Nach den Terroranschlägen von New York und Washington schwören die USA Rache und fordern von ihren Nato-Partnern Solidarität, auch bei Militärschlägen. Die Jagd nach den Tätern nimmt Osama Bin Laden ins Visier. Eine wichtige Spur führt nach Deutschland.
Es war ein strahlender Spätsommermorgen in Manhattan, als Gary Sarang, 27, um 6.50 Uhr den Fahrstuhl im World Trade Center betrat. Hinter den Bürofenstern der Investmentbank Stanley Morgan im 61. Stock des südlichen der beiden Zwillingstürme konnte er das gestochen scharfe Panorama der Stadt bewundern. So begann der zweite Tag eines Trainingskurses, für den der gläubige Sikh aus Fremont (Kalifornien) am Sonntag in die Ostküstenmetropole eingeflogen war.
"Um 8.45 Uhr machten wir gerade eine Kaffeepause, als wir plötzlich all dieses Papier vor den Fenstern flattern sahen", berichtet Gary und rückt den schwarzen, hochgewickelten Turban zurecht. "Es wirbelte vor unseren Augen durch die Luft wie bei einer Parade. Wir dachten zuerst an einen Scherz, aber dann sahen wir den dicken Qualm, der aus dem anderen Turm quoll."
Seine Seminarkollegen bewahrten die Ruhe. Keiner schrie, keiner brach in Panik aus, alle begannen den Abstieg aus dem 61. Stock über die Nottreppe.
"Wir waren gerade im 39. Stock angekommen, als wir einen gewaltigen Knall hörten. Das ganze Gebäude begann zu schwanken. Nun herrschte Panik, die Menschen schrien, weinten und fielen übereinander. Die Feuerwehrleute liefen aufwärts, und wir abwärts. Wir dachten, das Gebäude bricht auseinander. Als ich endlich draußen war, sah ich, wie Menschen aus dem Tower sprangen. Sie ließen sich einfach fallen. Aus dem Fenster. In den Tod. Überall war Blut. Es war das Schrecklichste, was ich je in meinem Leben gesehen habe."
Wenig später stand Gary Sarang an der Telefonzelle an fünfter Stelle, vor ihm andere Überlebende, die verzweifelt versuchten, ihre Familien zu erreichen und zu beruhigen. "Meine Familie ist in Kalifornien. Ich werde hier so lange stehen bleiben, bis ich sie gesprochen habe."
11. September 2001: die Boeing 767 der United Airlines, die mit einer gewaltigen Stichflamme im südlichen Turm des World Trade Center einschlägt und in Tausende Teile zerbirst. Die Verzweifelten, die lieber hinunter in die Straßenschluchten New Yorks springen, als dort oben den Flammentod zu erleiden oder zu ersticken. Die ascheverklebten Menschen, die aus dem dichten grauen Dunst, der Manhattan nach dem Zusammenbruch der beiden gewaltigen Türme einhüllte, weg vom Ort der Katastrophe rennen. Der strahlend blaue Himmel, der fassungslose Schrecken, die Apathie der Überlebenden, die vielen Toten.
Diese Bilder vom vergangenen Dienstag, immer und immer wieder auf allen Fernsehkanälen zu sehen, haben sich bereits am Tag nach der Katastrophe tief ins kollektive Gedächtnis der Amerikaner eingegraben. So wie sich die Eltern noch heute genau daran erinnern, was sie an jenem 22. November 1963 gemacht haben, an dem John F. Kennedy ermordet wurde, so werden sich ihre Kinder an den 11. September 2001 erinnern, als einige wenige Terroristen vier Passagierflugzeuge mit 266 Menschen an Bord entführten, um mit diesen kerosinbeladenen Bomben zwei Wahrzeichen der letzten verbliebenen Supermacht in Schutt und Asche zu legen: zwischen 8.45 Uhr und 9.03 Uhr das World Trade Center, 40 Minuten später einen Teil des Pentagon in Washington.
Das militärische Zentrum der USA liegt am Potomac River. Hier laufen die Nervenstränge der weltweit operierenden amerikanischen Streitkräfte zusammen, hier wird derzeit über einen neuen, angeblich phantastisch sicheren Raketenschild nachgedacht, der die USA vor schurkischen Terroristenstaaten schützen soll; hier werden völlig neue Weltraumwaffen entworfen.
Das Pentagon ist gesichert wie eine Festung, gegen Autobomben wie auch gegen Raketenangriffe - aber nicht gegen ein Passagierflugzeug, das eine drei viertel Stunde nach dem Start vom Internationalen Flughafen der Hauptstadt abrupt die Richtung ändert und in das riesige Gebäude auf dem weitläufigen Gelände kracht.
In der entführten Maschine, die zum Entsetzen der Fluglotsen direkten Kurs auf das Weiße Haus genommen und erst im letzten Moment abgedreht hatte, saß auch die landesweit bekannte Fernsehjournalistin Barbara Olson, die über Handy noch ihren Mann anrufen konnte. Ihm erzählte sie kurz vor ihrem Tod - und das wird wenig später als weitere Demütigung der stolzen Nation aufgefasst -, dass die Entführer nur Dolche und Teppichmesser bei sich hätten. Doch das eigentliche Höllenfeuer mit offenbar Tausenden Toten entbrannte weiter nördlich in New York. Das glitzernde World Trade Center war, so hoch wie der Gebäudekomplex über der Acht-Millionen-Metropole aufragte, die Ikone des selbstbewussten Kapitalismus, der seinen Reichtum offen und gern zur Schau stellt: Seht her, so groß, so mächtig ist dieses freie Land.
Die Wall Street ein paar Straßenzüge weiter südlich mag das Finanzzentrum des Wirtschaftsgiganten Amerika sein, das nun erschüttert ist und für mindestens drei Tage alle Tätigkeiten einstellte (siehe Seite 108); die Zwillingstürme im südlichen Manhattan aber waren der Spiegel, in dem sich die Vereinigten Staaten am liebsten erkannten. New York ohne das World Trade Center? Ein absurder Gedanke. Bis Dienstag.
Umgehend forderte die zutiefst verwundete Nation Rache. Der Präsident, der offenbar selbst das Ziel der Anschläge hätte sein sollen, erklärte seinen Landsleuten, die USA führten eine neue Art von "Krieg" gegen einen "Feind im Schatten". Der könne sich aber nicht auf immer verbergen.
Als Gegner im Dunkeln ortete Washington ein Netzwerk um den als "Chefterroristen" gesuchten Osama Bin Laden (siehe Seite 132), der bei den islamistischen Gotteskriegern der Taliban in Afghanistan Unterschlupf fand - laut Außenminister Powell ist er der Hauptverdächtige.
Die US-Bundespolizei FBI will eine Gruppe von 50 Männern ausgemacht haben, die in die Planung und Ausführung der Anschläge verwickelt war. 18 davon haben die Ermittler als jene Selbstmordattentäter identifiziert, die in Gruppen von vier und fünf Mann die vier Passagiermaschinen entführt hatten. Die detaillierte FBI-Liste gibt sogar Auskunft darüber, mit welchen Kreditkarten die mutmaßlichen Täter ihre Einweg-Tickets in den Tod erworben haben (siehe Seite 28).
Mindestens drei der Hijacker, womöglich Piloten, hatten zeitweise in Hamburg gelebt. Zwei der Araber waren eingeschrieben als Elektrotechnik-Studenten an der Technischen Universität Hamburg-Harburg, ein vierter Mann wurde Donnerstagnacht noch gesucht - eine krude Spur in die islamisch-fundamentalistische Szene in Deutschland (siehe Seite 26).
Den offenbar deutlichsten Hinweis darauf, dass Bin Laden hinter dem Anschlag steckt, erhielten Amerikas Fahnder von den Deutschen: Der Bundesnachrichtendienst (BND) fing Telefongespräche aus dem Umfeld der Gruppe auf, deren Mitglieder sich stolz mit den Anschlägen brüsteten.
Für Meldungen, Bin Laden sei von seinen afghanischen Gönnern "unter Hausarrest" gestellt worden, gab es zunächst keine Bestätigung. Doch die Dementis aus Kabul klangen flau. Westlichen Geheimdiensten zufolge hatten die Taliban die sofortige Räumung der etwa 20 Ausbildungslager angeordnet, in denen Bin Laden seinen terroristischen Nachwuchs aufzieht.
In eine schwierige Lage manövriert sah sich auch Pakistan, einst Pate der afghanischen Gotteskrieger und für Bin Ladens Truppe eine häufig benutzte Durchgangs- und Versorgungsstation. Präsident Pervez Muscharraf beeilte sich, Bush seine "vollste Kooperation im Kampf gegen Terrorismus" zuzusichern. Bush griff am Donnerstag zu und verlangte von Pakistan, die Grenzen nach Afghanistan zu schließen, den Nachbarn nicht mehr mit Brennstoff zu versorgen und den USA Überflugrechte zu gewähren. Das roch brenzlig. Schon einmal, im Februar 1993, waren die Türme des
World Trade Center Ziel eines Terroranschlags gewesen; damals gab es sechs Opfer. FBI und CIA verschärften daraufhin die Sicherheitsvorkehrungen - genau dort, wo die Attentäter damals zuschlugen: unten in den Tiefgaragen. Außerdem wurden die Kontrollen an der Grenze und auf den Flughäfen für Einreisende aus arabischen Ländern erheblich verschärft.
Beteiligt am Terrorszenario vom letzten Dienstag war auch das vierte entführte Flugzeug, das bei Shanksville in Pennsylvania aufschlug und explodierte. Möglicherweise waren es die Passagiere an Bord der Maschine, die eine schlimmere Katastrophe verhinderten. Kurz nachdem die Entführer die Boeing auf dem Weg nach San Francisco über Cleveland in ihre Gewalt gebracht hatten, nahm die Boeing Kurs auf Washington. Wenig später hörten Fluglotsen aus dem Cockpit die Stimme in gebrochenem Englisch: "Es ist eine Bombe an Bord. Hier spricht der Kapitän. Bleiben Sie ruhig."
Von Panik erfüllte Menschen riefen über Handys ihre Angehörigen an. "Wir sind in den Händen von drei Männern", berichtete Mark Bingham, 31, seiner Mutter. Ein nicht identifizierter Mann schloss sich in der Bordtoilette ein und alarmierte über den Notruf 911 die Polizei: "Das ist eine Flugzeugentführung, das ist kein Witz." Offenbar erfuhren die Passagiere bei diesen Telefonaten, dass in New York eine entführte Boeing in das World Trade Center gerammt worden war - und entschieden sich zu handeln. "Die Männer hier haben beschlossen, die Terroristen zu überwältigen", sagte Jeremy Glick seiner Familie.
"Drei von uns wollen etwas unternehmen", erzählte auch Thomas Burnett seiner Frau Deena, "wir werden alle sterben." Seine letzten Worte Sekunden später: "Schatz, ich liebe dich."
Mitte der Woche verdichteten sich auch die Vermutungen, dass die Piloten in den anderen drei Maschinen umgebracht worden waren - und dass jeweils einer der Selbstmordterroristen die Maschine punktgenau ins Inferno steuerte.
Über die weiteren Dramen, die sich an Bord abspielten, kann nur der aufgezeichnete Funkverkehr zwischen den Flughafen-Towern und den Boeings vom Typ 757 und 767 Aufschluss geben. Dass kein amerikanischer Pilot seine Maschine über einer Millionenstadt zur Explosion bringt, gilt als ausgemacht. Aber auf welche Institution der USA sollte die United Airlines mit der Flugnummer 093, die bei Shanksville niederging, nach dem Willen der Entführer wie eine Bombe fliegen?
In Washington mussten die Senatoren und Abgeordneten fluchtartig das Kapitol räumen. Deswegen? Möglich aber ebenso, dass sich die Attentäter Camp David ausgesucht hatten - ein symbolischer Ort, da sich in diesen Tagen das Friedensabkommen von 1978 zwischen Anwar al-Sadat und Menachem Begin jährt, zu Stande gekommen auf Vermittlung des damaligen Präsidenten Jimmy Carter, draußen auf seinem Sommersitz in den Bergen von Maryland. Einige radikale Palästinenser-Organisationen haben damals blutige Rache geschworen.
Am 11. September 2001 ist eine neue, eine dunklere Zeit auf dem Planeten Erde angebrochen. Die Schlachtfelder, die Feindbilder des 21. Jahrhunderts, gestalten sich, das gestand US-Verteidigungsminister Rumsfeld ein, "völlig neu". Die vermeintliche Stärke des reichen technologisch hoch gerüsteten Westens erweist sich als Schwäche. Die Industriegesellschaften - zumal die offenen Demokratien - mit ihren Kernreaktoren, hochgiftigen Chemiekomplexen und Riesenstädten sind nicht zu schützen gegen einen todesverachtenden Feind, der aus dem Hinterhalt zuschlägt.
Die Reaktionen verrieten das Ausmaß der Ratlosigkeit. Die eiligst vor die Ostküste beorderten US-Flugzeugträger, die Alarmbereitschaft der US-Armee, der - mit einem Stich ins Melodramatische - erstmals erklärte Verteidigungsfall der 19 Nato-Länder, wozu soll das taugen, wenn man den Gegner nicht kennt?
Die Freudentänze der Palästinenser auf den Straßen Ostjerusalems (siehe Seite 154), die Sieges-Partys von Muslimen in Brüssel wie in Berlin, in Kabul oder Islamabad, weisen auf einen neuartigen Ost-West-Konflikt. Die Erfahrung, wie leicht das wohlhabende Abendland mit einfachsten Mitteln schwer zu verwunden ist, stärkt Selbstbewusstsein und Kampfbereitschaft der oft zu lange gedemütigten Underdogs des Orients.
Die Atommacht Amerika erklärt den Krieg gegen ein paar Dutzend Selbstmordattentäter, die voll getankte Passagierflugzeuge kapern und Maschinen an ausgewählten Symbolstätten explodieren lassen. Und sie erklärt den Krieg gegen die Anstifter und die Länder, die den Terroristen eine Heimat und logistische Unterstützung bieten. "Wir werden sie jagen", kündigte Präsident Bush in seiner Fernsehansprache an die Nation an.
Amerikas anfängliche Schreckensstarre erfasste mit der Ausbreitung der Fernsehbilder die ganze Welt. Er sei "geschockt", ließ der chinesische Staats- und Regierungschef Jiang Zemin Bush ausrichten. Sein russischer Kollege Wladimir Putin verlangte ein gemeinsames internationales Vorgehen gegen die Terroristen, jene "Pest des 21. Jahrhunderts".
Auch in London lagen die Nerven blank. Am Tag nach dem Anschlag wurde Downing Street Nr. 10, Amtssitz von Tony Blair, geräumt. Der Luftraum über der britischen Hauptstadt wurde genauso gesperrt wie der über Brüssel, dem Sitz von EU und Nato.
Es sei "die größte Katastrophe" in der Geschichte der Vereinigten Staaten, berichtete der amerikanische Nato-Botschafter Nicholas Burns auf der Ratssitzung des Bündnisses. Und die europäischen Partner gelobten Bündnistreue - unisono hieß es, es handele sich nicht nur um einen Angriff allein auf die USA, sondern "um einen Angriff auf uns alle".
Das Dilemma der Europäer: Sie möchten nicht vom US-Präsidenten aus Texas in einen Krieg hineingezogen werden. Zugleich aber wollen sie nicht den Zusammenhalt und letztlich den Bestand des Nordatlantikpaktes gefährden. Kommissionspräsident Prodi sprach von einer "Wasserscheide in den politischen Beziehungen der Welt. Nichts wird mehr so sein wie bisher".
Am Mittwochabend beschloss der Nato-Rat gegen den Widerstand Belgiens und der Niederlande zum ersten Mal in der 52jährigen Geschichte der Allianz den Verteidigungsfall, allerdings unter Vorbehalt. Die Bündnispflicht soll nur gelten, wenn "feststeht", dass die Attacke vom Ausland aus gegen die Vereinigten Staaten geführt wurde. Nato-Generalsekretär George Robertson machte zudem klar, dass auch dann nicht gleich umfassende Militäreinsätze der Verbündeten fällig wären.
Dass künftig die Falken und nicht die Tauben in der Bush-Administration den Ton angeben, galt als sicher, seitdem sich die Hinweise auf eine Verbindung der Attentäter zu Osama Bin Laden verdichteten. Im Nato-Rat, in der EU-Kommission und unter den europäischen Außenministern ging es deshalb immer nur um ein Thema: Wie lässt sich verhindern, dass der Terroristenangriff auf die USA zum Fanal wird für einen weltweiten Flächenbrand? Der Hohe Repräsentant der Europäischen Union für die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, Javier Solana, forderte, die Konsequenz dürfe nicht Krieg und Zurückschlagen lauten, nicht der Zusammenprall der Zivilisationen sein, sondern Dialog.
Der französische Außenminister Hubert Védrine wurde am deutlichsten: Man gehe davon aus, dass die USA klug genug seien, sich nicht auf eine kriegerische Auseinandersetzung mit der islamischen Welt einzulassen. Doch von der Schlagkraft der eigenen Argumente ist kaum ein Europäer überzeugt. Resignierend erkannte ein hoher Stabsbeamter: "Die Chancen sind nicht gut."
Die Terrorangriffe auf New York und Washington, in vielen Romanen längst vorweggenommen - in seinem Buch "Ehrenschuld" lässt Erfolgsautor Tom Clancy gar ein Flugzeug auf das Kapitol in Washington stürzen -, trafen die Amerikaner dennoch völlig unvorbereitet. "Amerikas segensreiche Isolation ging in Flammen auf", klagte die "International Herald Tribune".
In zwei Weltkriegen stieg Amerika zur Supermacht auf, seit dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums ist es die einzige Weltmacht. Doch die USA, geschützt von zwei Ozeanen, mussten nie Krieg im eigenen Land führen.
Nun aber haben wenige Dutzend Terroristen mit den opferreichsten Anschlägen, die es je gegeben hat, Amerika ins Mark getroffen. Die niederstürzenden Zwillingstürme in New York und das klaffende Loch im Pentagon sind zum Symbol der Hilflosigkeit geworden.
Aber was ist das für ein Krieg? Die Augenzeugen des New Yorker Höllenfeuers sprachen noch vor den Politikern, die sich erst einmal an unbekannten Orten in Sicherheit brachten, von einem "zweiten Pearl Harbor". Am 7. Dezember 1941 hatten japanische Kampfflieger die Pazifikflotte der USA angegriffen und zerstört. Präsident Franklin Delano Roosevelt sprach damals, wie Bush heute, von "einem Tag der Niedertracht".
Doch damals kannte die amerikanische Regierung wenigstens genau ihren Feind. Und der militärische Angriff Japans, der Amerika in den Zweiten Weltkrieg eintreten ließ, galt den gegnerischen Streitkräften - nicht Zivilisten, nicht kleinen Kindern, nicht mittleren Angestellten, die zufällig am Schreibtisch ihres Büros saßen. In Pearl Harbor starben 2403 amerikanische Soldaten. Am Donnerstag verkündete der New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani dagegen, dass die Vermisstenliste bereits auf 4763 Namen angeschwollen sei. 900 Leichensäcke habe er vorrätig, bestätigte der Chef der New Yorker Gesundheitsbehörde, 10 000 weitere habe er bestellt. Am Tag nach dem Anschlag, als die Bergungsarbeiten auf Hochtouren liefen, verhinderte eine sorgsame Regie, dass die Fernsehzuschauer auch nur einen Toten sahen.
Im riesigen Komplex des World Trade Center arbeiteten 50 000 Menschen. Täglich wanderten 200 000 Urlauber und Schaulustige durch die Geschäftszentren, saßen in den Restaurants, parkten in einer der vielen Tiefgaragen unter den beiden 110stöckigen Türmen.
Wie in einem Krieg wurde der Organismus der größten Industrienation heruntergefahren. Die Wall Street machte die Schotten dicht, der nationale Flugverkehr wurde eingestellt, ausländische Maschinen im Anflug auf Amerika nach Kanada umgeleitet - zum ersten Mal in der Geschichte des Landes.
An der südlichen Grenze zu Mexiko und der nördlichen zu Kanada herrschte die höchste Wachsamkeitsstufe, in Washington und New York der Ausnahmezustand. Kaliforniens Atomkraftwerke wurden in höchste Alarmbereitschaft versetzt.
Nur perfekt ausgerüstete Terroristen seien in der Lage, eine derartige Mehrfrontenattacke zu führen, verbreiteten US-Geheimdienste - und versuchen damit ihre Verantwortung für die klaffenden Lücken bei Terroristenverfolgung und Flughafensicherheit herunterzuspielen: Die Hijacker, so die Sprachregelung, waren eine "im höchsten Grad organisierte Truppe".
"Das stimmt bestenfalls zum Teil", sagt Chris Yates, Herausgeber der Fachzeitschrift "Jane''s Aviation Security". Natürlich bedürfe es "ausgefeilter Koordination" und "beachtlichen Aufwands bei der Informationsbeschaffung", so Yates, "aber zugleich waren die Behörden nicht vorbereitet und die Kontrollen auf den Flughäfen lasch".
Es handelt sich um eine gigantische Panne, die einmal mehr belegt, wie nachlässig die Überwachung auf US-Flughäfen ist: Offizielle Tests haben schon in der Vergangenheit entlarvt, dass das Sicherheitspersonal nicht in der Lage ist, auf den Monitoren Waffen zu erkennen - weder Messer noch Pistolen, noch Explosivstoffe.
Noch am Freitag vergangener Woche hatte das Außenministerium eine Routinewarnung herausgegeben, dass Anschläge auf Amerikaner im Ausland bevorstehen könnten. Sie sollten deshalb erhöhte Wachsamkeit walten lassen. Keine Hinweise auf die Gefahr zu Hause, kein einziger Bericht einer der Geheimdienste mit dem Verdacht, eine große, koordinierte Aktion zu Hause könnte bevorstehen. Im Mai hatte der damalige FBI-Direktor Louis Freeh dem Senat einen Vortrag gehalten, dass Cyber-Terrorismus und Anschläge mit chemischen, biologischen oder nuklearen Waffen die größte Herausforderung für die zivilisierte Welt seien. Die Geheimdienste der Supermacht Amerika erschütterten zuletzt Skandale in den eigenen Reihen und waren damit anderweitig beschäftigt.
Im Übrigen, so erkannte der ehemalige Außenminister Henry Kissinger, seien die Aufklärer der Nation noch allzu sehr den Denkmodellen des Kalten Krieges verhaftet und würden den neuen Gefahren zu wenig Aufmerksamkeit widmen. Dass jedoch die aufwendige monatelange Vorbereitungsphase des Anschlags den Informationssammlern entging, gleicht einer Bankrotterklärung des ganzen Systems.
Keiner der bisherigen Bombenangriffe von Terroristen auf amerikanische Einrichtungen im In- oder Ausland lässt sich mit dem Inferno vom vergangenen Dienstag vergleichen. Als 1995 das Bundesgebäude in Oklahoma City 168 Menschen unter sich begrub, stand schon damals Osama Bin Laden unter dem Verdacht, das Unternehmen geplant und finanziert zu haben. Bald aber konnte das FBI Timothy McVeigh der Tat überführen, einen Veteranen des Golf-Kriegs, der ein Fanal gegen "Washington" setzen wollte, für ihn Inbegriff allen Übels.
1998 explodierten kurz hintereinander Autobomben vor den amerikanischen Botschaften in Nairobi und Daressalam, insgesamt 263 Menschen starben. Seit diesen beiden Mordanschlägen steht Osama Bin Laden ganz oben auf der Liste der gesuchten Massenmörder.
Um US-Vergeltungsschläge zu verhindern, meldete sich umgehend Mullah Abdullah Salam Seif, Botschafter der Taliban in Pakistan zu Wort: mit einer Kondolenzadresse an die Kinder der Opfer von New York und Washington.
Amerikanische Politiker, die nicht der Regierung angehören, sagten in aller Offenheit, wen sie für den Hintermann der Anschläge halten. Orrin Hatch, prominenter republikanischer Senator, empfahl, "die Bastarde zu jagen" - dies sei die Handschrift Bin Ladens. John McCain, Senator aus Arizona, meinte zornbebend: "Unser Lebensstil wird nicht so schnell wieder so sein wie bisher."
Richard Holbrooke, früher Bill Clintons Sonderbotschafter auf dem Balkan, sagte mit Blick auf Afghanistan: Dies sei ein kriegerischer Akt, und jedes Land, das Terroristen eine sichere Heimstatt biete, sei "funktionell verantwortlich" dafür.
In Zeiten nationaler Krisen scharen sich die Amerikaner traditionell um ihren Präsidenten. Der übliche Parteienstreit zwischen Demokraten und Republikanern verstummt. Vom Präsidenten wird erwartet, dass er Trost spendet, die Tragödie mit angemessenem Pathos benennt und Maßnahmen trifft. Er soll führen, soll zeigen, dass er Nerven hat, soll Kontrolle über das herrschende Chaos gewinnen.
Präsident Bush war am Dienstagmorgen in Florida, als Manhattan brannte. Er wirkte gehemmt und rang um Fassung, als er bei einer improvisierten Pressekonferenz in einer Grundschule in Sarasota sagte, dass dies "ein schwieriger Augenblick für Amerika" sei. Er werde daher sofort nach Washington zurückfliegen.
Doch davon nahm er Abstand, als die Nachricht eintraf, dass noch immer eines der entführten Flugzeuge in der Luft sei. Niemand wusste, ob das Selbstmordkommando nicht Kurs auf das Weiße Haus oder auf den Luftwaffenstützpunkt Andrews Air Force Base nehmen werde, um dort die ankommende Präsidenten-Maschine zu zerstören.
Deshalb trafen sich erst am Dienstagabend die wichtigsten Mitglieder der Regierung zur förmlichen Krisensitzung; zuvor hatten sie in Konferenzschaltungen miteinander telefoniert. Vizepräsident Cheney war in einem atombombensicheren Trakt des Weißen Hauses untergebracht worden, Verteidigungsminister Rumsfeld, der nach der Explosion zur Unglücksstelle gelaufen war, um Verwundeten zu helfen, wurde von Leibwächtern ins Kommandozentrum des Pentagon gebracht. Außenminister Colin Powell flog von einem Besuch in Peru ein.
Auch wenn das ganze Ausmaß des Anschlags auf Amerika noch nicht zu ermessen ist und der Schock, unter dem das Land steht, noch lange nachwirken dürfte: Schon jetzt ist kaum zu glauben, dass die Regierung Bush so behäbig weitermachen kann wie bisher, und es gibt Anzeichen, dass die Krise ihm Profil verleiht.
Bush nahm sein Amt bislang wie ein Teilzeit-Präsident wahr, zog sich, sooft es ging, auf seine Ranch in Crawford zurück - ein Rekordinhaber, was die Abwesenheit vom Weißen Haus anbelangt. Das Regieren überliess er vorwiegend seinem Stellvertreter Cheney, den er "den besten Vize in der Geschichte der Vereinigten Staaten" nennt. Er machte keinen Hehl aus seiner Abneigung, in den immer bittereren Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern einzugreifen. Lieber riskierte er den Zorn der ganzen arabischen Welt. Bush nahm nur wählerischen Anteil an den Amtsgeschäften und interessierte sich in besonderem Maße für die Modernisierung des Waffenarsenals der Streitkräfte.
Am Tag vor den mörderischen Anschlägen auf New York und Washington nahm einer der Bush-Gegner, Joseph Biden, Vorsitzender des einflussreichen Außenpolitischen Ausschusses im Senat, in einer Rede in Washington eine Generalabrechnung mit der Regierung vor. Tenor: Sie nehme derzeit fiktive Gefahren - etwa Raketenangriffe aus Nordkorea - ernst und vernachlässige die realen Gefahren, zum Beispiel Rucksack-Terroristen, die per Schiff in New York ankommen oder von Vancouver hinunter nach Seattle fahren. Im Nachhinein klingen Bidens Worte wie eine Vorahnung.
Auf dem Präsidenten liegt jetzt gewaltiger Druck. Die Mehrzahl aller Amerikaner - ob Republikaner oder Demokraten, Bush-Gegner wie Bush-Freunde - erwartet von ihm, dass er sein Versprechen einlöst: die Verantwortlichen für die Anschläge in New York und Washington zu jagen und zu bestrafen.
Das freilich war das Mindeste, was die Nation von ihrem Präsidenten erhoffen durfte. Außenminister Powell sprach zwar bedeutungsschwer von einer "weltweiten Schlacht gegen den Terrorismus", doch der einstige General und Golfkriegs-Stratege mochte den Feind nicht offen benennen. Stattdessen wies der Pentagon-Berater Richard Perle die Richtung und verkündete mit alarmierendem Unterton, solche Terroranschläge wie gegen das World Trade Center und das Pentagon wären nicht möglich gewesen "ohne die Hilfe von Regierungen, die Terroristen unterstützen". Und solche Regierungen, so Perle, "müssen wissen, dass die Macht der USA sie als verantwortlich behandeln wird, auch wenn die Beweislast im Detail nicht ausreichen sollte, um vor einem normalen Gericht eine Verurteilung zu erzielen".
Mit anderen Worten: Auch auf bloßen Verdacht hin müsse womöglich massiv eingegriffen werden. Am Tag nach dem Attentat wandte sich Bush erneut an den unsichtbaren Feind. Diesmal klang seine Drohung schon präziser: "Wir werden zurückschlagen." Schon zum Wochenende, wollten Geheimdienste wissen, könnte dieser Schlag erfolgen.
Manche New Yorker versuchten freilich, das Recht in die eigene Hand zu nehmen. Dienstagabend stürzte ein aufgebrachter junger Mann am West-Broadway in einen Falafel-Laden. Er hielt die nahöstliche Imbissbude für einen kleinen Ausschnitt jener arabischen Welt, die er für den tausendfachen Tod seiner Landsleute verantwortlich machte. Doch Passanten und Kunden kamen den Angestellten zu Hilfe und bändigten den Tobenden: "Das ist nur ein Laden mit Essen für Menschen, die Hunger haben. Das sind nicht mal Palästinenser." Dann führten sie ihn wieder nach draußen und zeigten auf die Namenstafel für den Laden. Dort stand: "Israeli Falafel".
CAROLIN EMCKE, HANS HOYNG,
DIRK KOCH, STEFAN SIMONS, GERHARD SPÖRL
* Am 11. September.
Von Carolin Emcke, Hans Hoyng, Dirk Koch, Stefan Simons und Gerhard Spörl

DER SPIEGEL 38/2001
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