15.09.2001

Wrack im 80. Stock

Wie die Hitze zum Verhängnis des World Trade Center wurde
Als am Dienstag um 8.45 Uhr eine Boeing 767 auf die aluminiumverkleidete Fassade des World Trade Center (WTC) prallte, war das Schicksal des Nordturms besiegelt. Noch 102 Minuten stand das 417 Meter hohe Wahrzeichen New Yorks. "Doch vom ersten Moment an war es todgeweiht", erklärt der Stuttgarter Bauingenieur Holger Svensson.
Den Ausschlag gab nicht der Aufprall des Flugzeugs selbst: Die entführte Maschine war mit gefülltem Tank in Boston gestartet und wog weit mehr als 100 Tonnen. Die Wucht reichte zwar aus, um etwa 20 Stahlträger des Außenskeletts zu zerschlagen und mindestens drei Stockwerke zu verwüsten. Der Statik des Tower jedoch hätte die Kollision allein nichts anhaben können.
Denn die Türme waren gewappnet, gewaltigen Kräften zu trotzen. Die beim Aufprall der Boeing frei werdende kinetische Energie von rund 750 Millionen Joule war nicht größer als die Last, die bei Sturm auf der WTC-Fassade lastete.
In dem 63 Meter tiefen Gebäude, so Svensson, müssen dann Stahlstreben, Holme und Röhren, möglicherweise auch eine der zentralen Fahrstuhlsäulen, den Passagierjet gestoppt haben. "Zu diesem Zeitpunkt waren höchstens ein Viertel der Träger durchtrennt", erklärt Svensson. "Es hätten sogar die Hälfte sein können, ohne dass das Haus eingestürzt wäre."
Dann folgte die Explosion der Flugzeugtanks. Geschätzte 50 Tonnen Kerosin verwandelten sich in einen Feuerball, der durch die zersplitternden Fenster der Außenfassaden loderte. Eine Druckwelle raste durch das Gebäude.
Doch auch die Energie dieser Detonation ließ den 900 000 Tonnen schweren Nordturm nur kurz erzittern. Es schien, als sollten die Architekten Recht behalten, die einst beteuert hatten, nur eine Atombombe könne das Symbol westlicher Wirtschaftskraft umhauen.
Zum endgültigen Verhängnis wurde dem Hochhaus erst die Hitze, ausgelöst durch das brennende Wrack, das etwa auf Höhe der 80. Etage steckte. Bereits bei 400 Grad Celsius verliert Baustahl an Festigkeit; bei 800 Grad wird er weich wie Knetgummi, er "plastifiziert", wie die Experten sagen. Kerosinbrände aber erzeugen Temperaturen von mehr als 1000 Grad.
Um ein Mindestmaß an Schutz zu bieten, waren die Metallträger des World Trade Center von der Baufirma Tishman Construction mit Beton und dem Baumineral Vermiculit ummantelt worden.
Derartige Stoffe sind erprobt an Normbränden, wie sie durch Kabelbrände oder entzündete Möbel entstehen. Gegen die vom Kerosin entfachte Höllenhitze sind solche Feuer hemmenden Materialien jedoch machtlos. Ergebnis: Die Gestänge begannen zu glühen, die Streben verformten sich.
Der Nordtower, als erster gerammt, hielt den Flammen exakt 102 Minuten stand. Sein südlicher Zwilling, 18 Minuten später etwa im 60. Stockwerk getroffen, stürzte noch schneller ein. Denn hier lastete das Gewicht von rund 50 Etagen auf den unter der Gluthitze erweichenden Stahlstreben.
Was dann passierte, erinnert an einen Dominoeffekt: Der gesamte oben liegende Gebäudeteil fiel ruckartig um wenige Meter abwärts. Dabei rumste er mit solcher Wucht auf die darunterliegende Etage, dass diese ihrerseits einfiel. So ging es weiter bis in die unteren Stockwerke. MATTHIAS SCHULZ
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 38/2001
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