15.09.2001

Die deutsche Spur

US-Fahnder haben deutsche Kollegen alarmiert: Spuren ihrer Hauptverdächtigen führen ins Bundesgebiet, vor allem nach Hamburg. Deutschland ist offenbar nicht mehr nur Ruheraum islamistischer Terroristen - es ist Operationsbasis geworden.
Der Mann aus Deutschland, der Tausende von New Yorkern ins Inferno schicken wollte, wusste, dass es auch für ihn kein Zurück aus der Hölle geben würde: Als Marwan Jussuf Mohammed al-Schahi, 23, am 28. August für rund 1600 Dollar ein elektronisches Ticket zog, Sitz 6c für den Flug United Airlines 175 von Boston nach Los Angeles, buchte er seinen Höllenritt ohne Rückfahrschein: "1 Way Ticket" notierte das amerikanische FBI hinterher im Ermittlungsersuchen an Behörden in aller Welt, dahinter zwei Ausrufezeichen.
Der zweite Mann aus Deutschland mit der selben Mission buchte bequem und zynisch: Als Mohammed Mohammed al-Amir Awad al-Sajjid Atta, 33, am 28. August seinen Platz 8 D für den Flug American Airlines 011 reservierte, ging er über die Website der Fluggesellschaft und nutzte ausgerechnet das Vielfliegerprogramm AAdvantage der Fluggesellschaft. AAdvantage Nummer 6H26L04 (Atta, Mohammed), ausgestellt am 25. August, vermerkte das FBI - es sollte Attas letzter Flug werden.
Zwei Namen, zwei Wege zum unfassbarsten und ungeheuerlichsten Attentat in der Geschichte der Menschheit. Und zum Schock für ganz Deutschland: mindestens zwei Wege, die nach Hamburg zurückführen.
Die Attacken auf New York und Washington lagen erst Stunden zurück, da stießen Ermittler am Bostoner Logan-Airport in einem abgestellten Auto, in einem verlassenen Hotelzimmer und in einem Gepäckstück auf heiße Spuren: Flugunterlagen auf Arabisch wurden sichergestellt; die Fahnder fanden nicht nur eine Treibstofftabelle, einen Koran und einen Videofilm über das Fliegen, sondern auch einen Zettel mit einer Hamburger Adresse: Sie führte in den Hamburger Stadtteil Harburg, zu den beiden ehemaligen Studenten der Technischen Universität, Atta und al-Schahi. Und sie führte zu der bisher völlig offenen Frage, ob deutsche Sicherheitsbehörden möglicherweise fatale Fehler gemacht haben.
Von dem Wagen in Boston kamen die amerikanischen Ermittler schnell zu einer Flugschule in Venice (Florida) und deren seltsamer Kundschaft. Hier hatten die beiden aus Deutschland eingereisten Araber das Fliegen gelernt. Ganz fleißig, mehrere Monate lang. In der Flugschule hatten sie sich als Deutsche bezeichnet, Cousins seien sie.
Seit dem vergangenen Mittwoch weiß auch die Bundesregierung, was aus den Piloten geworden ist - sie stehen im dringenden Verdacht, zwei jener Maschinen gekidnappt zu haben, die das World Trade Center in Schutt und Asche legten.
Dass es an der Täterschaft von Atta und einem zweiten Araber namens Abd al-Asis al-Umari für die Amerikaner kaum noch Zweifel geben kann, geht aus einem Fahndungsersuchen des FBI vom Mittwoch dieser Woche hervor, das auch an die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe ging: Das FBI Boston, heißt es dort, berichte, dass Mohammed Atta und al-Umari von Portland, Maine, nach Boston gereist sind. Eine der Taschen, die Atta gehörten, war nicht auf dem Flug Nummer 011. Sie blieb auf dem Boden. Darin fanden sich Airline-Uniformen, ein Videoband von einem Passagierflugzeug und ein Abschiedsbrief.
Atta und al-Umari gelten als 2 von 18 Verdächtigen an Bord der vier Todesmaschinen, deren Identität und Verbindungen das FBI nun weltweit mit dem Ermittlungsgesuch nachspürt. Als weitere mutmaßliche Attentäter mit arabischem Namen an Bord der Maschinen nennt das FBI unter anderem Walid al-S., Wail A., Mohald al-S., Hamsa al-G., Ahmed F., Madschid M., Nawaf al-H. und Salim al-H.
Gefahndet wird auch nach einem Deutschen marokkanischer Herkunft. Der 26jährige Said B. stand offenbar im Kontakt zu den Hijackern aus Hamburg. Aber alle Versuche der Bundesanwaltschaft und des BKA, ihn in Harburg aufzuspüren, blieben erfolglos. Seine türkische Frau Nasche weiß, warum - ihr Mann ist seit dem 2. September in Pakistan. Angeblich macht der streng religiöse Informatikstudent dort ein Praktikum bei einer Computerfirma.
Er habe sich seitdem erst einmal telefonisch gemeldet und sei sonst nicht erreichbar. Allerdings habe er vor seiner Abreise noch erzählt, dass einer seiner Freunde, ein Flugzeugmechaniker, vor kurzem nach Amerika ausgewandert sei.
Man müsse jetzt die Ermittlungen mit den USA "koordinieren und dann sehen, wie sich dieses Netzwerk aufgebaut hat", sagt Generalbundesanwalt Kay Nehm. Untersucht würden jetzt vor allem auch "Handy-Gespräche" der mutmaßlichen Terroristen.
Die Amerikaner haben blitzschnelle Vorarbeit geleistet: Nur einen Tag nach dem Schlag, der das Land entsetzte, haben sie nicht nur Namen herausgefunden, sondern auch eindeutige Beziehungen zwischen den verdächtigen Passagieren der unterschiedlichen Maschinen herstellen können: Das FBI Miami hat einen Führerschein für Marwan al-Schahi entdeckt, der an der Sheridan Street 3389 wohnte - der gleichen Adresse, die auch für Atta und al-Umari registriert sei, heißt es in dem FBI-Papier.
An anderer Stelle vermerken die amerikanischen Ermittler, dass der Passagier Madschid M. auf der Vielflieger-Kundennummer des Passagiers Calid al-M. gebucht hat. Die deutlichste Sprache aber spricht eine US-Telefonnummer, die bei Reservierungen genannt wurde: 954/815-3004. Ahmed F. gab die gleiche Telefonnummer an wie Marwan al-Schahi. Dies ist dieselbe Nummer wie bei Atta, al-Umari, Walid al-S. und Wail al-S. - obwohl sich die sechs auf beide Bostoner Maschinen verteilten. Außerdem, so stellt das FBI fest, nannten Hamsa und Ahmed al-G. denselben Straßennamen.
Noch stehen die Ermittlungen am Anfang, aber die Amerikaner haben mittlerweile noch einen zweiten Verdacht gemeldet, der deutsche Ermittler ins Mark trifft: Es könne noch weitere unbekannte Hintermänner in Deutschland geben, man bitte um umfassende Ermittlungen.
Im Zentrum der Ermittlungen aber steht Hamburg: Bei den 18 Namen mutmaßlicher Terroristen, die das FBI durchgekabelt hat, wurden die Behörden allein in Hamburg bei dreien fündig - die zwei Toten Atta, al-Schahi sowie ein dritter, dessen Identität geheim gehalten wurde, um die Fahndung nicht zu gefährden.
Die ganze Nacht von Mittwoch auf Donnerstag hatte der Innensenator Olaf Scholz (SPD) im Lagezentrum der Polizei ausgeharrt, um die Ermittlungen voranzutreiben. Am nächsten Tag nahm die Polizei der Hansestadt einen Mann fest, der nach Angaben des Landeskriminalamt-Leiters Gerhard Müller an einem Flughafen arbeitet und legal in Deutschland lebt.
Auf den Mann sei die Polizei bei der Suche nach dem verdächtigen Marokkaner Said B. gestoßen, der möglicherweise in die Anschläge verwickelt sei, hieß es.
Nur wenige in der Bundesregierung waren bereits kurz nach den Attentaten über Indizien informiert, die eine deutsche Spur erkennen ließen. Dann aber ließ das Bundeskriminalamt in einer Schaltkonferenz Sicherheitsexperten kryptisch wissen, Hamburg und Hessen müssten sich wohl noch einmal um Bin-Laden-Verbindungen in ihren Ländern kümmern.
Noch am selben Abend stürmte die Hamburger Polizei al-Schahis Ex-Wohnung an der Harburger Marienstraße. Doch auch der mitgebrachte Sprengstoffhund konnte nichts mehr finden - schon seit Februar steht die Wohnung leer, besenrein und frisch gestrichen. Nasche B., die Frau von Said B., nahmen die Beamten bei ihrer Aktion immerhin als Zeugin mit.
Auch ein Studentenwohnheim in Hamburg-Harburg wurde durchsucht. Noch die ganze Nacht über durchstöberten Sondereinsatzkommandos die Wohnungen verdächtiger Glaubensbrüder und Mitmieter, darunter eine Wohnung in der Bunatwiete in Harburg. Zumindest jetzt wollten es die deutschen Behörden gründlich machen.
Denn eines scheint nun klar: Die Zeiten, in denen Deutschland islamistischen Terroristen allenfalls nur als Ruheraum gedient hat, sind vorbei. Die Bundesrepublik fungiert mittlerweile als Operationsbasis für die Vorbereitung von Anschlägen.
Um sechs Uhr morgens des vergangenen Donnerstag übernahm der Generalbundesanwalt in Karlsruhe die Ermittlungen - die Hamburger Polizei übergab ihm ihren Bericht. Verdacht: Bildung einer terroristischen Vereinigung.
Auch wenn die genauen Umstände noch unklar sind - dass einige der Hauptverdächtigen aus Deutschland einreisten, steht für die US-Behörden unumstößlich fest. Alle Namen aus den Passagierlisten der entführten Linienmaschinen haben sie mit dem riesigen Datenbestand der amerikanischen Einwanderungsbehörde verglichen.
Mehrere Treffer landeten sie, darunter bei Atta, der in Hamburg gemeldet war, und zwar in der Marienstraße 54. Sein Freund al-Schahi war in der Wilhelmstraße registriert. Die beiden Männer, geboren in den Vereinigten Arabischen Emiraten - eines der drei Länder, die das Taliban-Regime in Afghanistan anerkannt haben, hatten lange in Hamburg gelebt und waren als Studenten für Elektrotechnik an der Technischen Universität Hamburg-Harburg eingeschrieben. Sie besuchten auch brav Seminare und Vorlesungen, sagen Nachbarn. Doch im Geheimen schlossen sie sich offenbar zu einem Terrortrupp zusammen. Im Vorlesungsverzeichnis der TU Harburg wird Atta unter dem Namen El-Amirals Ansprechpartner der islamischen AG der Uni geführt.
Atta und al-Schahi kamen nachweislich aus Deutschland, mit Visa, die sie im Hamburger Generalkonsulat beantragt hatten, um in Florida das Fliegen zu lernen. Bei den amerikanischen Einwanderungsbehörden ist als al-Schahis Herkunftsland Deutschland verzeichnet, sein Visum trägt das Datum des 18. Januar 2000. Es sei erwähnenswert, dass al-Schahi Deutschland als Aufenthaltsort angab und Atta früher in Deutschland lebte, kombiniert das FBI im Ermittlungsersuchen.
Als radikaler Islamist sei allerdings weder Atta noch al-Schahi Behörden hier zu Lande aufgefallen, beteuern Hamburger Offizielle. "Sie haben ein völlig unauffälliges Leben geführt, sind nie polizeilich aufgefallen, haben keine falschen Namen benutzt", sagt Hamburgs Wissenschaftssenatorin Krista Sager, zuständig für die Harburger Uni.
Doch zumindest al-Schahi war offenbar ein Meister des doppelten Gesichts. Wie er aus dem Emirat Ras al-Chaima an der Grenze zu Oman nach Deutschland kam, bleibt unklar: Auffällig ist allerdings, dass er in den vergangenen Jahren häufiger seinen Aufenthaltsort wechselte. Zunächst wohnte er in Hamburg, in einem Mietshaus an der Harburger Chaussee, bis es ihn 1996 plötzlich nach Bonn zog, in ein Studentenwohnheim an der Kirschallee, nur um sich wenige Monate später wieder in Hamburg zurückzumelden, diesmal an der Wilhelmstraße. In Florida benutzte der mutmaßliche Hijacker gleich vier Adressen: in Venice, Hollywood, Nokomis und Coral Springs.
Nachbarn galt al-Schahi trotzdem als das Gegenteil von sprunghaft und unzuverlässig: Sie zeichnen das Bild eines ordentlichen Menschen, der stets reinlich seine Schuhe vor die Tür stellte. Ebenso hielten es seine Gäste, und Besuch hatte er reichlich. Etwa fünf Araber hätten zeitweise in einer Wohnung gelebt, so ein Nachbar - für 916,75 Mark warm in drei Zimmern mit Gas-Etagenheizung. Wohnungsverwalter Torsten Albrecht erinnert sich an pünktliche Mietzahlungen und "angenehme Mieter". Hausgenossen gegenüber sei al-Schahi allerdings verschlossen gewesen, heißt es in Harburg: Sogar an Silvester habe er trotz Einladung ein Gläschen abgelehnt.
Das Gleiche an der Universität: "Nicht weiter aufgefallen" seien die arabischen Kommilitonen, erinnert sich ein Student, und das, obwohl laut TU-Präsident Christian Nedeß einer der seltsamen Studenten, offenbar Atta, acht Jahre lang an der kleinen Hochschule war und gar sein Diplom erwarb. Al-Schahi soll dagegen nur ein Jahr in Harburg studiert haben.
In Florida gilt al-Schahi für die Behörden als verschollen - weil er ständig mit Atta zusammen war, gehen sie aber fest davon aus, dass auch er zu den Hijackern gehörte.
Gebucht war al-Schahi für United Airlines, Flug 175, jenes Flugzeug, das als zweites in das World Trade Center stürzte. Atta stand auf der Passagierliste des American-Airline-Flugs 011, mit dem der Horror in New York begann.
Während man noch der Frage nachgeht, ob die beiden den deutschen Behörden früher hätten auffallen können, könnte andererseits ein entscheidender Hinweis, dass Bin Laden hinter dem Terroranschlag stecken dürfte, von den Deutschen stammen.
Als sich die Amerikaner noch ziemlich zurückhaltend zu einer Verantwortung des saudischen Millionärs äußerten, wusste Kanzleramtsminister Frank-Walter Steinmeier in der Bundespressekonferenz schon mit einer ziemlich eindeutigen Aussage zum Hintermann des Anschlags zu überraschen: Alles deute auf Bin Laden hin.
Die erstaunlich frühe Feststellung hatte einen einfachen Grund - der Bundesnachrichtendienst (BND) hatte einen Treffer gelandet. Bei der Überwachung waren ihm Telefongespräche aus dem mutmaßlichen Umfeld der Bin-Laden-Organisation ins Netz gegangen, in denen sich diese stolz mit den Anschlägen brüsteten. Jubel herrschte.
Der Fang war umso erstaunlicher, als die Bin-Laden-Gruppe sich seit Jahren um strikte Disziplin am Telefon bemüht - natürlich wissen die Terroristen, dass alle westlichen Dienste sich bemühen, sie zu kontrollieren. Das war in den vergangenen Jahren nach Auskunft von Experten immer schwerer geworden. "Die Bin-Laden-Leute haben viel gelernt", sagt ein Sicherheitsexperte. Nur konnten sie der Versuchung, nach der aus Sicht der Drahtzieher so erfolgreichen Attacke ihr Glück mit anderen zu teilen, offenbar nicht widerstehen.
So waren auch die jetzt gewonnenen Informationen nur mit der Bitte um strengste Diskretion an die US-Behörden weitergeleitet worden - um weitere mögliche Erfolge nicht zu gefährden. Aber geheim blieb es dennoch nicht. Der US-Senator Orrin Hatch brüstete sich, "der Geheimdienst" habe ein Gespräch zwischen zwei Anhängern Bin Ladens abgehört, in dem von den gelungenen Angriffen gesprochen wurde.
Noch zeichnen sich nur Umrisse der mutmaßlichen Verschwörung ab, müssen Ermittler auch hier zu Lande das Geflecht der Hintermänner mühsam aufknüpfen. Aber es wäre keineswegs das erste Mal, dass Gefolgsleute des Top-Terroristen Bin Laden sich hier organisieren. Den bislang härtesten Schlag gegen die Truppe hatten europäische Sicherheitsbehörden am 16. September 1998 im beschaulichen Grüneck gelandet, nicht weit vom Flughafen München: Der türkische Gebrauchtwagenhändler Aslan C. hatte sein Geschäft am späten Nachmittag gerade wieder geöffnet, da fuhr ein silberfarbener Mercedes 500 SE mit Münchner Kennzeichen vor. Am Steuer saß ein in Deutschland lebender Araber, auf dem Beifahrersitz sein Besucher aus dem Sudan.
Kaum hatte der Mercedes gestoppt, rasten mehrere Kombis und ein VW-Bus auf den Hof des Autohändlers. Rund 20 schwer bewaffnete, teils vermummte Beamte einer Spezialeinheit der bayerischen Polizei stürmten auf den Mercedes zu und nahmen die beiden verdutzten Insassen fest. Einer von ihnen wies sich später als Mamduh Mahmud Salim aus - ein von den USA gesuchter mutmaßlicher islamistischer Top-Terrorist. Salim galt den Amerikanern bis heute als einer der zeitweise engsten Vertrauten Bin Ladens. Bis zu seiner Verhaftung soll er als Finanzchef von Bin Ladens Terrororganisation "al-Qaida" (Die Basis) fungiert haben (SPIEGEL 40/1998).

"Es gibt so genannte Schläfer, die als Kämpfer ausgebildet sind und bei Bedarf aktiviert werden"

Doch Salim war nicht die einzige Bin-Laden-Spur, die nach Deutschland führte. Erst "in letzter Minute" habe man einen "terroristischen Anschlag" auf den Weihnachtsmarkt im französischen Straßburg verhindern können, befand SPD-Bundesinnenminister Otto Schily, nachdem im Dezember vergangenen Jahres ein Kommando der GSG 9 in Frankfurt am Main vier mutmaßliche Anhänger des Top-Terroristen verhaftet hatte.
Während es die deutschen Behörden - trotz rechtlicher Bedenken gegen die Auslieferung - vor drei Jahren bei Salim noch ganz eilig hatten, den als hochgefährlich geltenden Gefangenen in die USA abzuschieben, bereitet die Bundesrepublik nun als erstes europäisches Land sogar eine Anklage gegen Anhänger Bin Ladens vor - wegen des geplanten Anschlags in Straßburg. Gemeinsam mit einem fünften Gesinnungsgenossen, der Anfang April ebenfalls in Frankfurt festgenommen wurde, sowie dem Ende Juni in Spanien verhafteten Mohammed Bensakhria (Deckname "Meliani") will die Bundesanwaltschaft das Islamisten-Quartett jetzt möglichst schnell vor Gericht bringen. Vorwurf: Bildung einer terroristischen Vereinigung sowie Vorbereitung eines Explosionsanschlags.
Darüber hinaus wird mittlerweile gegen etliche weitere Verdächtige ermittelt, die die Terroristen unterstützt haben sollen. Wie ernst die Bedrohung durch die islamistischen Gotteskrieger auch für die Bundesrepublik schon bald werden könnte, zeigt sich an dem Arsenal, das in Frankfurt gebunkert war: Maschinenpistolen, Gewehre mit Zielfernrohr, Handfeuerwaffen mit Schalldämpfern, eine Handgranate, große Mengen Chemikalien zur Sprengstoffherstellung, darunter 20 Kilogramm Kaliumpermanganat sowie Anleitungen zum Bombenbau - verfasst in arabischer Schönschrift. "Das ist unsere größte terroristische Herausforderung", prophezeite schon unmittelbar nach den Festnahmen der Geheimdienstkoordinator der Bundesregierung, Ernst Uhrlau.
Zusammengekauft hatten die Mitglieder der Frankfurter Gruppe das Kaliumpermanganat bei Apotheken in ganz Deutschland. Mit gefälschten und gestohlenen Kreditkarten hatten sie sich bei Peek & Cloppenburg zunächst feine Anzüge zugelegt und waren dann mit zwei Mietwagen nach Berlin, Hamburg, Karlsruhe und Stuttgart gereist. Gegenüber den Apothekern benutzten sie die Legende, das Kaliumpermanganat für einen befreundeten Arzt oder ein Krankenhaus in Afrika zu benötigen.
Inzwischen steht fest, dass die Frankfurter Gruppe Kontakte zu Bin-Laden-Anhängern in London und Mailand hatte. Von Italien aus gab es wiederum Verbindungen nach München. Im Februar nahm die Londoner Polizei neun islamistische Extremisten fest. Zeitgleich mit den deutschen Behörden schlugen die italienischen im April zu und inhaftierten fünf Araber, darunter den mutmaßlichen Anführer, den Tunesier Sami Ibn Chamais Essid, genannt "Saber". In München wurde ein Iraker verhaftet, in Freising - wo vor drei Jahren auch Salim Station gemacht hatte - die Wohnung eines Libyers durchsucht.
Für alarmierend halten die deutschen Behörden, dass Bin Ladens Krieger unter den in Deutschland lebenden Muslimen Unterstützer zu rekrutieren suchen. Auch auf Asylbewerber, die sich im kriminellen Milieu von Drogenhändlern oder Kreditkartenfälschern bewegen, gehen die Extremisten zu. Manch potenzieller Attentäter werde sogar mit dem Ziel nach Deutschland geschickt, hier zu Lande Asyl zu beantragen und unter dem Schutz des Flüchtlingsstatus Anschläge vorzubereiten, behauptet Bayerns Innenminister Günther Beckstein: "Es gibt so genannte Schläfer, die als Kämpfer ausgebildet sind und bei Bedarf aktiviert werden."
Trotz der jüngsten Fahndungserfolge wissen die deutschen Behörden über die Struktur der Gotteskrieger allerdings nicht viel. Wie viele es tatsächlich sind, woher sie ihre Befehle bekommen, was sie planen - bei alldem sind Geheimdienste und Polizei weitgehend auf Mutmaßungen angewiesen. Spitzel in die Szene der arabischen Fundamentalisten einzuschleusen ist so gut wie unmöglich.

Euphorisch jubelten militante Islamisten in Deutschland über die Massaker

Geschätzt wird, dass in Deutschland mittlerweile 150 bis 200 fanatische Bin-Laden-Anhänger leben, die auch zu Gewalttaten bereit sind. Neben der nur zum Teil aufgeflogenen Terrorzelle in Frankfurt soll es noch zwei weitere geben. Dass Bin Ladens Rückhalt in Deutschland unter den hier lebenden Radikalen möglicherweise noch stärker werden könnte, registrierte das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) unmittelbar nach dem Anschlag in Amerika: "Freudig erregt" und geradezu "euphorisch" hätten militante Islamisten in Deutschland den Anschlag aufgenommen.
Die fünf in Frankfurt Verhafteten haben bislang konsequent zu den Vorwürfen der Ermittler geschwiegen. Erkenntnisse, die deutsche Behörden nicht von ausländischen Geheimdiensten erhalten, sondern selbst über Bin Laden und seine Organisation gewonnen haben, stammen deshalb vor allem aus den Vernehmungen Salims durch das Bayerische Landeskriminalamt. Dessen Staatsschutzbeamte hatten Salim, der derzeit in New York auf seinen Prozess wegen "Verschwörung zur Ermordung von Staatsangehörigen der Vereinigten Staaten sowie zum Einsatz von Massenvernichtungswaffen" wartet, zwischen dem 16. und 28. September 1998 an acht Tagen insgesamt über 35 Stunden lang befragt - teils im Beisein von Vertretern des Bundeskriminalamts oder von "Special Agents" der US-Bundespolizei FBI.
Natürlich, räumte Salim alias "Abu Hajer al-Iraki" bei dem Vernehmungsmarathon ein, kenne er Bin Laden persönlich. Mitte der achtziger Jahre habe er, Salim, in Pakistan ein Gästehaus für afghanische Kämpfer geleitet, die Krieg gegen die Besatzer aus Moskau führten. In dieser Funktion habe er 1986 erstmals auch Bin Laden getroffen, der die Mudschahidin finanziell unterstützte. In einem Lager Bin Ladens habe er auch eine "Kalaschnikow-Ausbildung" erhalten.
Die "Einladung" Bin Ladens, Mitglied von al-Qaida zu werden, will Salim, wie er den Ermittlern sagte, ausgeschlagen haben. Mit "terroristischen Aktionen" habe er "niemals zu tun gehabt". Er sei auch nicht Finanzchef der Terrorgruppe gewesen, sondern habe lediglich die "finanzielle Verantwortung" für zwei Firmen Bin Ladens gehabt. 1994 habe er den Kontakt weitgehend abgebrochen, da ihm Bin Laden "zu politisch" geworden sei.
Salim, Vater von sechs Kindern, war für die deutschen Behörden noch bis wenige Tage vor seiner Verhaftung ein unbeschriebenes Blatt. Immer wieder war der Mann mit einem am 14. November 1992 ausgestellten sudanesischen Reisepass nach Deutschland eingereist - zwischen März 1995 und Oktober 1997 viermal. Erst wenige Stunden vor der Verhaftung, behaupten die deutschen Behörden, seien sie von den USA auf den mutmaßlichen terroristischen Hintergrund des Mannes aufmerksam gemacht worden.
Über Jahre hinweg unterhielt Salim in der Bundesrepublik sogar eine Bankverbindung. Das Konto mit der Nummer 4007217 hatte der Sudanese am 6. März 1995 bei der Deutschen Bank in Hamburg eröffnet. Dabei hatte er sich als "Händler im Sudan" ausgegeben. Als"Kontaktperson" für das Kreditinstitut benannte er einen in Hamburg lebenden Syrer, der mit einer Deutschen verheiratet ist.
Wie hoch die Gefahr von Terrorakten durch Bin Ladens Kämpfer in der Bundesrepublik tatsächlich ist, vermögen weder Bundeskriminalamtschef Ulrich Kersten noch Bundesinnenminister Otto Schily zu sagen. Immerhin wollten die bayerischen Verfassungsschützer bereits vor den Angriffen auf das World Trade Center in New York und das US-Verteidigungsministerium in Washington "Anschläge auch in Deutschland künftig nicht mehr ausschließen", wie es in ihrem Anfang September fertig gestellten Halbjahresbericht heißt.
Die Gefahr, sagt Innenminister Beckstein, könne sich erhöhen, sobald die USA - vielleicht sogar gemeinsam mit dem Nato-Partner Bundesrepublik - gegen Bin Laden zurückschlügen. "Dann", so der CSU-Mann, "werden die USA ihre Sicherheitsmaßnahmen extrem hochfahren, um sich vor einem möglichen neuen Angriff zu schützen." Bin Laden seinerseits würde "möglicherweise nach Ersatzzielen suchen".
Was das genau bedeuten könnte, mag Beckstein nicht öffentlich erörtern. Eines aber ist für ihn klar: "Es gibt dann auch in Deutschland ein eindeutig erhöhtes abstraktes Gefährdungsszenario."
WOLFGANG KRACH, GEORG MASCOLO, CORDULA MEYER, SVEN RÖBEL, ANDREAS ULRICH
Osama Bin Laden
soll Anhänger in ganz Europa haben. Bis zu 1000 Gotteskrieger sind nach Einschätzung des Bundesnachrichtendienstes nach einer Terrorausbildung in afghanischen Lagern bislang in Europa eingesickert. Rund 150 bis 200 Anhänger soll Bin Laden in Deutschland haben. Wie viele von ihnen das Terrortraining durchliefen, ist unbekannt. Erkenntnissen des Verfassungsschutzes zufolge gibt es in der Bundesrepublik vermutlich drei militante Bin-Laden-Zellen. Eine davon, in Frankfurt am Main, wurde vor wenigen Monaten ausgehoben.
Von Wolfgang Krach, Georg Mascolo, Cordula Meyer, Sven Röbel und Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 38/2001
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