15.09.2001

Magische Anziehung

Die vierte, am vergangenen Dienstag von Terroristen entführte Zivilmaschine stürzte 130 Kilometer südöstlich von Pittsburgh (US-Staat Pennsylvania) offenbar vorzeitig auf eine Wiese, riss 45 Menschen in den Tod und löste Spekulationen über ihr eigentliches Ziel aus. In Reichweite lagen der Landsitz des Präsidenten, Camp David - und mehrere Kernkraftwerke.
Ein dies- und jenseits des Atlantiks lange verdrängtes Horrorszenario schlich sich schlagartig wieder in viele Köpfe. Auch in Deutschland.
In jedem Land, das Atommeiler betreibt, könnte das Verstrahlungspotenzial der Reaktoren eine geradezu magische Anziehungskraft auf skrupellose Selbstmord-Terroristen ausüben. Die Zerstörung der Reaktorkuppel beispielsweise des Kraftwerks im hessischen Biblis würde mit hoher Wahrscheinlichkeit den Super-GAU auslösen. Die unausweichlichen Folgen, eine langfristige Verstrahlung großer Landstriche und Zigtausende von Toten, würden das entsetzliche Desaster von New York in den Schatten stellen.
Kein Wunder, dass auch hier zu Lande unter den schockierten Fachleuten diese Woche alte Studien hin und her gewälzt wurden, um die Wahrscheinlichkeit eines Versagens der Reaktorhülle nach einem gezielten terroristischen Sturzflug mit einer großen Zivilmaschine abzuschätzen. Erstes ernüchterndes Ergebnis: Ein solches Szenario lag den Sicherheitsberechnungen bisher nie zu Grunde.
Zwar sind die neueren Meiler in Neckarwestheim, Ohu oder Lingen mit ihren 1,8 Meter mächtigen Betonkuppeln gegen den Absturz schnell fliegender Militärmaschinen gesichert. Doch ob sie auch den ungebremsten und gezielten Absturz eines voll getankten Jumbo-Jets überleben würden, bezweifeln etwa die Experten der Kölner Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit.
Altmeiler wie die in Stade, Obrigheim oder Biblis mit Betonhüllen von nur 0,6 Meter hätten gegen einen solchen Luftschlag von vornherein keine Chance. Einem terroristischen oder militärischen Raketenangriff kann kein einziger der heute betriebenen Reaktoren widerstehen.
Umweltminister Jürgen Trittin erwog deshalb Ende dieser Woche eine Empfehlung an die Reaktorbetreiber, ihre Meiler bei Vorliegen spezieller Gefährdungslagen abzuschalten.
"Wir können nicht ausschließen", so ein leitender Beamter des Umweltministeriums, "dass es nach einem gezielten Absturz auf ein Atomkraftwerk zu massiven Radioaktivitätsfreisetzungen kommt." GERD ROSENKRANZ

DER SPIEGEL 38/2001
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