15.09.2001

SPEKULATIONGeschäfte mit dem Chaos

Keine Krise ohne Profiteure: Spekulanten nutzen die Anschläge in den USA für waghalsige Finanzaktionen.
Zum ersten Mal in seiner Karriere als Aktienhändler überkamen den Mann Zweifel an seinem Job. "Das ist doch makaber, was wir hier tun", sagte der 33-jährige Broker zu seinem Kollegen in einer Frankfurter Bank. Der Angesprochene schaute ihn irritiert an.
"Wir werden doch nicht bezahlt, um zu trauern", antwortete der, "sondern um Geld zu verdienen." Dann orderte er 25 000 Aktien der Deutschen Telekom. Die Papiere, so glauben die Börsianer, werden nach der Katastrophe in den USA zulegen, weil die Menschen künftig aus Angst weniger fliegen, folglich also mehr telefonieren und Datennetze in Anspruch nehmen.
Die Finanzwelt liegt im Chaos - und schon machen einige wieder glänzende Geschäfte. Sekundenschnell hinterfragen die Krisenprofiteure selbst die schrecklichsten Meldungen und überlegen sich kühl: Was heißt das für Aktien, Anleihen oder Währungen? Wer jetzt die Situation richtig analysiert und schnell handelt, kann im Handumdrehen Millionen gewinnen.
Schon beim Atomunglück in Tschernobyl im April 1986 hatten gewiefte Trader unmittelbar nach den ersten Tickermeldungen eine erstaunliche Idee: Sie kauften Kartoffeln auf dem Spotmarkt. Dadurch konnten sie sicher sein, dass die Knollenfrüchte nicht noch auf den Feldern lagern und möglicherweise radioaktiv verseucht würden. Der Preis schoss in die Höhe, und die Börsianer verkauften ihre Ware an all jene, die nicht so schnell reagiert hatten, beispielsweise die Lebensmittelkonzerne.
Am Dienstag war die Zeit der schnellen Krisengewinnler erneut gekommen. Die brutale Logik der Spekulanten: Der Anschlag könnte zu einer Nahostkrise führen, die Versorgung mit Öl würde sich dadurch verknappen. Entsprechend stiegen die Preise für Rohstoffe und damit letztlich die Gewinne der Energiekonzerne.
Also investierten sie massiv in Unternehmen aus der Energiewirtschaft. BP legte 4,9 Prozent zu, Shell 2,1 Prozent, Repsol 4,6 Prozent. Auch die internationalen Rohölhändler reagierten blitzschnell. Dass die New York Mercantile Exchange geschlossen werden musste, konnte ihren Kaufdrang dabei nicht mildern. Sofort leiteten sie ihre Aufträge nach London um.
Mehr als 110 000 Orders nahm dort die International Petroleum Exchange an, bis rund eine Stunde nach der Katastrophennachricht, um 15.50 Uhr, auch hier der Handel ausgesetzt wurde; am gesamten Vortag waren lediglich rund 70 000 Aufträge eingegangen.
Diese Stunde aber genügte, um den Preis für ein Barrel (159 Liter) auf gut 31 Dollar zu katapultieren. "Die Spekulanten feiern sogar während der schlimmsten Tragödie", bemerkte der Opec-Generalsekretär Alí Rodríguez zerknirscht.
Die wirklich kaltblütigen Zocker freilich setzten auf fallende Kurse. Sie liehen sich Aktien von Versicherern oder - noch besser - Rückversicherern, um sie binnen Sekunden zu verkaufen. Schließlich müssen diese Gesellschaften den Schaden begleichen.
Ihre Rechnung ging auf. So lag die Allianz am Dienstag über 17 Prozent im Minus, die Münchener Rückversicherung zeitweise sogar mehr als 25 Prozent. Als die Kurse tief genug waren, kauften sie die Stücke billig zurück, um sie dem Verleiher wieder liefern zu können. Was da für ein Spiel gespielt wurde, zeigte sich in den extrem schwankenden Kursen und den hohen Volumen im Handel dieser Aktien.
Dass die New Yorker Börse gar nicht öffnete, interessierte die Trader dabei nicht. Längst sind die wichtigsten Papiere an fast allen Börsen handelbar - die Profiteure suchten sich ihren Weg. Er führte nach Europa, vor allem nach Frankfurt.
Hier hatte die Börse entschieden, den Handel fortzuführen. Die Folgen waren verheerend: Der Dax brach allein am Dienstagnachmittag um über 10 Prozent ein, der Nemax 50 sackte um 8,5 Prozent ab. "Jeder Amerikaner, der seinen Schrott loswerden wollte, hat das bei uns getan", klagte ein entnervter Banker. Die Spekulanten hatten ihre Nische gefunden - die Deutsche Börse.
Auch Rentenpapiere legten kräftig zu, schließlich erwarten die Börsianer, dass die Notenbanken der Finanzgemeinschaft mit Zinssenkungen über den Schaden hinweghelfen werden. Fallen aber die Zinsen, steigen die Preise der Wertpapiere. Auch hiermit ließe sich ein hübscher Profit machen.
Zudem war vielen Brokern klar, dass Anleger nach dem Anschlag ins Herz des Kapitalismus risikoscheuer würden und so genannte sichere Häfen ansteuern, also kauften auch sie Anleihen - oder Gold.
Tatsächlich sprang der Preis des Edelmetalls am Dienstag um 16 Dollar auf 287 Dollar pro Unze. Die Bank of England ließ sich am Folgetag nicht davon abhalten, eine Auktion von 20 Tonnen ihres Goldbestandes wie geplant abzuhalten und so vom hohen Preisniveau zu profitieren.
Doch es gab nicht nur die großen Krisengewinnler. An der New Yorker Bahnstation Grand Central boten Straßenverkäufer Postkarten des World Trade Center zum Kauf an - als nostalgische Erinnerung.
Und auf dem Internet-Flohmarkt EBay wurden wenige Stunden nach der Tragödie die ersten Trümmerteile des eingestürzten Wahrzeichens des Kapitalismus angeboten. Ein Stück Apokalypse sollte 100 Dollar kosten. ALEXANDER JUNG, WOLFGANG REUTER
Von Alexander Jung und Wolfgang Reuter

DER SPIEGEL 38/2001
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