15.09.2001

„Ein herber Schlag“

Der Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer über die Terrorangriffe, die US-Mitarbeiter der Bank und die Folgen für die Weltwirtschaft
SPIEGEL: Die Deutsche Bank ist in den USA nach der Übernahme von Bankers Trust eines der großen Geldhäuser mit insgesamt 16 000 Mitarbeitern in Amerika. Wie viele waren am Ort der Katastrophe?
Breuer: Wir hatten im World Trade Center, dem unmittelbaren Ort des Geschehens, 400 Beschäftigte. Und wir haben eine noch größere Operation im alten Gebäude von Bankers Trust in der Liberty Street - in unmittelbarer Nähe des World Trade Center und des World Financial Center. Da waren 1200 beschäftigt.
SPIEGEL: Die Mitarbeiter waren zu der frühen Uhrzeit auch alle anwesend?
Breuer: Die Mehrzahl ja.
SPIEGEL: Wann und wo haben Sie von dem Desaster in Manhattan erfahren?
Breuer: Wir hatten eine Vorstandssitzung im Haus und sind von unseren amerikanischen Mitarbeitern sowie von deutschen Kollegen, die die News in den Medien verfolgt hatten, informiert worden. Und dann hatten wir auch schon CNN und n-tv auf dem Bildschirm.
SPIEGEL: Im Vorstandszimmer?
Breuer: Ja.
SPIEGEL: Und dann war die Vorstandssitzung beendet?
Breuer: Ziemlich schnell. Wir sind an die Telefone und haben versucht, Kontakt aufzunehmen mit unseren Kolleginnen und Kollegen, vor allem natürlich mit denen am Unglücksort.
SPIEGEL: War das auf Grund der teilweise gestörten Telefonleitungen möglich?
Breuer: Zunächst nur sehr schwer. Es schien besser, dass die versuchten, uns zu erreichen, was in vielfacher Form geschehen ist, auch per E-Mail.
SPIEGEL: In welchen Stockwerken waren Ihre Leute untergebracht?
Breuer: Die arbeiteten im World Trade Center in den unteren Stockwerken. Das machte es auch möglich, dass sie nach dem Attentat, nach dem Aufprall des Fliegers, noch rechtzeitig evakuiert werden konnten. In der Liberty Street ist die Evakuierung ebenfalls gelungen. Ob danach jemand auf der Straße oder auf dem Heimweg Opfer geworden ist, vermögen wir noch nicht mit letzter Sicherheit zu beantworten.
SPIEGEL: Die Investmentbank Morgan Stanley hatte beispielsweise 21 Stockwerke im World Trade Center angemietet, auch viele andere Geldinstitute waren dort ansässig. Wurde Ihrer Einschätzung nach ein nennenswerter Teil der Finanzindustrie ausgelöscht?
Breuer: Das würde ich bei allem Respekt vor den Talenten, die da sinnlos vernichtet worden sind, in dieser Dramatik nicht sagen. Natürlich ist das ein herber Schlag für den Finanzplatz New York; aber es ist auch Nachwuchs vorhanden.
SPIEGEL: Die beiden zerstörten Türme sind viel mehr als nur bloße Bürotrakte, sie waren Symbol für den freien Welthandel und ein globales Finanzsystem. Handelt es sich auch um eine Attacke auf die internationalen Banken?
Breuer: Ich halte das, was geschehen ist - zusammen mit dem zweiten Anschlag auf das Pentagon -, für einen Angriff auf Amerika.
SPIEGEL: Welche Auswirkungen befürchten Sie auf die Börsen und Banksysteme?
Breuer: Da haben wir festzustellen, dass sie erstaunlich gut funktionieren. Also trotz der Tatsache, dass einige bedeutende Marktteilnehmer handlungsunfähig waren und es auch lange bleiben werden.
SPIEGEL: Welche Banken waren das?
Breuer: Die Bank of New York zum Beispiel war insbesondere betroffen. Unsere Ausweichsysteme haben dagegen prima gearbeitet, sie waren sofort funktionstüchtig; andere Banken haben etwas länger gebraucht. Man muss wirklich festhalten, dass kein Chaos an den Finanzmärkten ausbrach. Die US-Notenbank Federal Reserve hat hervorragend mitgewirkt. Sie ist auch in ihren Räumen in Manhattan geblieben, hat nur das Datenzentrum ausgelagert nach Philadelphia. Beispielhaft.
SPIEGEL: Auch die Europäische Zentralbank hat richtig reagiert?
Breuer: Absolut.
SPIEGEL: Welche Bedeutung haben denn die Zentralbanken und insbesondere der US-Notenbankchef Alan Greenspan in solch einer Situation?
Breuer: Eine ganz entscheidende. Denn schließlich kann es unter solchen - unverschuldeten - Umständen immer dazu kommen, dass einer der Marktteilnehmer nicht rechtzeitig Geld überweisen kann, so dass es zu Liquiditätsengpässen kommt - und damit womöglich zu Kettenreaktionen. Die Zentralbanken haben den in Not Gekommenen sofort Hilfe zugesichert.
SPIEGEL: An den deutschen Aktienmärkten, wo die Deutsche Börse AG den Handel nicht ausgesetzt hat, sind zugleich Milliarden von Mark vernichtet worden. Hätte man nicht wie an der Wall Street den Handel beenden müssen?
Breuer: Ich glaube nein, und ich befinde mich mit diesem Urteil in guter Gesellschaft - auch das Bundesfinanzministerium und die Hessische Börsenaufsicht sehen das so. Ich glaube, dass ein Marktplatz, der von einer plötzlichen Katastrophe getroffen wird, bei den Marktteilnehmern eine Fülle von offenen Positionen vorfindet. Und die müssen in Anbetracht des Ereignisses geschlossen werden, damit nicht jemand in eine Schieflage gerät und am nächsten Morgen nicht mehr da ist. Das klappt aber nur, wenn der Markt offen bleibt. Deshalb haben wir so entschieden, auch wenn es vielleicht nicht pietätvoll wirkt.
SPIEGEL: Mit diesem Argument hätte man auch in New York weitermachen müssen.
Breuer: Die Dimension für Amerika war von derartiger nationaler Bedeutung, dass man da in der Tat gut beraten war zu sagen, wir helfen allen, auch denen, die offene Positionen haben, aber gehandelt wird nicht. Das hätte in New York kein Mensch verstanden.
SPIEGEL: Und die Deutschen haben - trotz der Katastrophe - als Finanzprofis reagiert und Geschäfte gemacht?
Breuer: Richtig. Auch im Interesse der Amerikaner war es nicht unglücklich, dass die europäischen Marktplätze offen blieben.
SPIEGEL: Haben Ihre eigenen Leute in New York weiter gehandelt, etwa mit den offen gebliebenen europäischen Börsen?
Breuer: Zum Teil.
SPIEGEL: Von den rauchumhüllten Arbeitsplätzen aus?
Breuer: Ja.
SPIEGEL: Der Aktienmarkt hat in Amerika wegen der Absicherung der Renten eine ganz andere Bedeutung. Wie schätzen Sie die Psychologie auf der Kundenseite ein?
Breuer: Wir haben keinen Anlass, von irgendwelchen panikartigen Reaktionen zu berichten. Weder Institutionen, Pensionsfonds noch Versicherungen haben sich gemeldet und gefragt: "Ist unser Geld noch sicher?" Auch die private Kundschaft verhält sich ausgesprochen vernünftig. Allerdings müssen wir schon davon ausgehen, dass die Unsicherheit Einflüsse auf das Konsumentenverhalten hat.
SPIEGEL: Das bisher der tragende Pfeiler der US-Konjunktur ist.
Breuer: Ich glaube, wenn diese Verunsicherung weiter anhält und man nicht sehr schnell herausfindet, wer die Täter sind und was dahinter steckt, könnte es zu einer Eintrübung des Konsumentenverhaltens führen. Das könnte durch zweierlei Dinge etwas ausgeglichen werden. Erstens durch den Stimulus des erforderlichen riesigen Wiederaufbaus, die Volkswirte kennen das aus der Erfahrung nach den Erdbeben im japanischen Kobe.
SPIEGEL: Im Silicon Valley melden sich schon die Ersten, die Katastrophe täte ihnen zwar Leid, aber man rechne jetzt mit Milliardeninvestitionen in Sicherheitssoftware.
Breuer: Das ist der zweite Punkt. Ganz bestimmt ist dieses Ereignis ein Anlass, Sicherheitsmaßnahmen nicht nur zu überdenken, sondern zu verstärken.
SPIEGEL: Ihre Schlussfolgerung aus beiden Faktoren?
Breuer: Es steht keine große Krise vor der Tür, es könnte allenfalls zu einer gewissen Verlangsamung der Wirtschaftserholung kommen, die ja ohnehin verletzlich ist.
SPIEGEL: Was können aus Ihrer Sicht die Wirtschafts- und Finanzpolitiker tun?
Breuer: Beruhigend wirkt, Liquidität in der Hinterhand zu halten, für den Fall, dass sie nötig werden sollte. Ich fand es außerordentlich positiv, dass die Ölproduzenten spontan sagten, sie würden auf das Preisniveau stabilisierend einwirken wollen.
SPIEGEL: Droht der Handel mit der islamischen Welt Schaden zu nehmen - und folgen daraus starke Exporteinbußen? Immerhin geht es um Staaten wie Saudi-Arabien und die Türkei.
Breuer: Die ersten Reaktionen aus Saudi-Arabien und den Golfstaaten gehen alle in die gleiche Richtung: Sie lehnen den Anschlag absolut ab und wollen mitwirken an der Haftbarmachung der Täter. Diejenigen, mit denen ich sprach, stehen voll auf der Seite der Vereinigten Staaten.
SPIEGEL: Die Deutsche Bank ist in den islamischen Ländern mit Hunderten Mitarbeitern vertreten. Merken Sie etwas von den stärker gewordenen Antiglobalisierungstendenzen in diesen Ländern?
Breuer: Nein. Das liegt vielleicht auch daran, dass unsere Kunden keine Globalisierungsgegner sind, sondern eher die guten Seiten der Globalisierung erfahren.
INTERVIEW: GABOR STEINGART
Von Gabor Steingart

DER SPIEGEL 38/2001
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