15.09.2001

Der Prinz und die Terror-GmbH

Er gilt als Amerikas Staatsfeind Nummer eins und als Hauptverdächtiger der Anschläge von New York und Washington. Doch der saudi-arabische Multimillionär Osama Bin Laden wurde vom Westen nicht immer als Feind betrachtet - die CIA hätschelte ihn lange als Verbündeten.
Es gab keinen Alkohol, keinen Tanz, und gefeiert wurde getrennt nach Geschlechtern - alles war nach der strengstmöglichen Koran-Auslegung geregelt bei einem der bisher letzten öffentlichen Auftritte des meistgesuchten Mannes der Welt, bei der Hochzeit seines Sohnes. Doch dann ergriff Gastgeber Osama Bin Laden selbst das Wort und lockerte die dröge Feier auf - mit einem Gedicht.
Es waren nicht die Brautleute, die der aus Saudi-Arabien stammende Multimillionär da poetisch pries, sondern die Terroristen, die im letzten Oktober vor der jemenitischen Küste ein Symbol der amerikanischen Supermacht beschädigt hatten, den US-Zerstörer "Cole"; 17 Amerikaner starben bei dem Anschlag. "Arroganz und Hochmut, segelnd in den Untergang", schwärmte Bin Laden, gejagt von "Schlauchbooten, tanzend über den Wellen, auftauchend, dann wieder verschwindend von den Blicken der Welt".
Und dann: "Die Körperteile der Ungläubigen flogen wie Staubkörnchen umher. Hätten wir es mit eigenen Augen gesehen, unsere Herzen wären von Freude erfüllt."
Irgendwo im Süden von Afghanistan fand die Hochzeit statt, bei der Mohammed Bin Laden die Tochter eines ägyptischen "Freiheitskämpfers" ehelichte. Irgendwann im Januar 2001, und ein Kamerateam des arabischen Satellitenfernsehsenders al-Dschasira durfte dabei sein. Als Gäste bei der Feier anwesend: hochrangige Führer der radikal-islamischen Taliban, in deren Reich Amerikas Staatsfeind Nummer eins Gastrecht genießt; bis an die Zähne bewaffnete Bodyguards; arabische Weggefährten aus verschiedenen Ländern. Unter ihnen Aiman al-Sawahiri, den die Behörden Ägyptens als Führer der Untergrundgruppierung "Dschihad" und als Drahtzieher des Attentats gegen Präsident Sadat in Kairo 1981 verdächtigen.
Auch Sawahiri hielt eine Hochzeitsrede - über den Aufstand der Palästinenser gegen den zionistischen Feind und die Verpflichtung des "heiligen Kriegs" gegen Amerika. "Allahu akbar" ("Gott ist groß"), rief die Festgemeinde.
Nichts ist bewiesen: Das Attentat auf das amerikanische Kriegsschiff im Jemen gilt bis heute als nicht vollständig geklärt; eine direkte Verantwortung für die Tat hat Osama Bin Laden, bei aller zur Schau gestellten Genugtuung über die Attentate, bei aller Sympathie für die Mörder, stets geleugnet oder zumindest nicht bestätigt - genauso wie er eine Beteiligung an den verheerenden Anschlägen gegen die US-Botschaften in Kenia und Tansania 1998 bestritt. Und genauso wie seine Leute jetzt von sich weisen, den Terror an diesem schwarzen Dienstag in New York und Washington organisiert zu haben.
Die Indizien gegen Bin Laden und seine Verbindungsleute sind in Sachen "Cole" und Botschaftsbombardierung allerdings erdrückend. Der Hauptverdächtige im Jemen-Fall, Dschamal al-Badawi, hat nach eigenen Angaben seine Ausbildung in einem afghanischen Terroristencamp erhalten und dem saudi-arabischen Drahtzieher seine Gefolgschaft geschworen. Die Verbindungen liefen über Bin Ladens engsten Vertrauten Taufik al-Atasch alias Challad, einen der vielen Veteranen des Afghanistan-Kriegs gegen die Sowjets in dessen Umfeld. Noch ist keine Anklage erhoben, und es bleibt völlig unklar, wie weit die jemenitischen Behörden an einer vollständigen Aufklärung des Falls interessiert sind.
Gegen vier Verdächtige im Fall der Botschaftsanschläge in Afrika aber fand der Prozess schon statt. Die Angeklagten, drei von ihnen nahöstlicher Herkunft und mit Verbindungen zu dem mutmaßlichen Chefterroristen, wurden Ende Mai in New York schuldig gesprochen und zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen, gegen sechs weitere in Haft befindliche Angeklagte wird ermittelt. Zwölf Männer stehen auf der Fahndungsliste - unter anderem der ägyptische Festredner bei der Hochzeit in Afghanistan und natürlich Bin Laden selbst.
Ist es mehr als nur ein ohnmächtiger Reflex, wenn im Zusammenhang mit dem Hor-ror von Manhattan und Washington wieder der Name Osama Bin Laden genannt wird? Mehr als die Sehnsucht nach einem "Gesicht des Terrors", nach einer konkreten Person, an der sich die Wut festmachen lässt, mehr als der Wunsch nach einer Projektionsfläche für Rachegefühle?
Noch vor den rauchenden Trümmern des Pentagon gab der ehemalige Nato-Oberbefehlshaber Wesley Clark zu Protokoll: Die Organisation des saudi-arabischen Terrorchefs sei die einzige auf der Welt, die eine derart komplizierte Operation organisieren und finanzieren könne. Etwas vorsichtiger formulierte der britische Luftfahrtexperte Chris Yates vom Militärinformationsdienst "Jane''s" gegenüber dem SPIEGEL; aber auch für ihn stand "an der Spitze der Verdächtigen" Bin Laden - nicht zuletzt deshalb, weil unter dessen Vertrauten "eine ganze Reihe von ausgebildeten Piloten der zivilen Luftfahrt stehen".
Abd al-Bari Atwan, Chef der arabischen Zeitung "al-Kuds al-Arabi" in London, erhärtete die Spur. Bin Laden habe ihm vor drei Wochen gesagt, dass er einen Anschlag noch nie da gewesenen Ausmaßes auf die USA plane: "Unser Stich wird Amerika ins Herz treffen."
Schwerer als solche Äußerungen dürfte wiegen, dass die Art und Durchführung des am letzten Dienstag erlebten Terrors gegen die Zentren der amerikanischen Macht die planerische Handschrift Osama Bin Ladens und seiner Leute trägt. Erst im vorletzten Jahr flog - von der inter-
nationalen Öffentlichkeit fast unbemerkt - in Indien ein Komplott auf, bei dem Bin Ladens Trupp laut Geheimdienstinformationen ganz ähnlich wie jetzt in Amerika vorgehen wollte: mit gezielten, gleichzeitigen Schlägen gegen die Großstädte Neu-Delhi, Madras, Kalkutta, gegen die "Nervenstränge", Regierungsgebäude, ausländische Botschaften, Börse.
Weitere amerikanische Hinweise deuten "zu 90 Prozent" (so ein hoher Beamter) Richtung Bin Laden. Der republikanische Senator Orrin Hatch, Mitglied des Senatsausschusses für Justiz, wusste zu berichten, auf der Passagierliste eines der entführten amerikanischen Flugzeuge stehe der Name eines bekannten Laden-Sympathisanten.
Untersuchungsbeamte in Boston setzten fünf Araber auf die Liste der Verdächtigen, in deren Leihwagen eine auf Arabisch verfasste Fluganleitung gefunden wurde. In Boston entdeckten Ermittler Hinweise auf die Einreise zweier verdächtiger Araber aus Kanada - schon einmal hatte ein Bin Laden nahe stehender Terrorist die Route über Kanada zu nehmen versucht.
Am furchtbarsten aber ist die Erkenntnis: Wenn der Saudi-Araber wirklich Drahtzieher des Horrors war, dann trägt die westliche Welt ein gerüttelt Maß an Schuld - vor allem die USA müssen sich vorwerfen lassen, die terroristische Schlange genährt zu haben. Washington hat mit seiner Politik in Afghanistan und dem Nahen Osten dem Terroristenboss die Mittel und Möglichkeiten erst in die Hand gegeben, die er nun gegen den verhassten Westen ausspielt: ein Zauberlehrling, den die Meister nicht mehr zu kontrollieren vermögen.
Osama Bin Laden hat die Legenden immer genossen, die sich um seine Person entspannen; an manchen Mythen - und an seiner Dämonisierung als "Feind Nummer eins des Westens" - hat er bei gelegentlichen Fernsehinterviews (auch mit BBC und CNN) fleißig und offensichtlich voller Eitelkeit mitgestrickt. Doch nicht alles ist geheimnisvoll an dem Leben des Mannes, der sich, mal in diesem Versteck, mal in jener Verkleidung, so gern geheimnisvoll gibt.
Er wurde 1955 als 17. von 57 Kindern eines jemenitischen Va-
ters und einer syrischen Mutter im saudiarabischen Dschidda geboren. Sein Vater war ein schwerreicher Mann, der als Bauunternehmer enge persönliche Kontakte zum Königshaus geknüpft hatte und dafür mit lukrativen Großaufträgen auch für den Ausbau der heiligen Stätten von Mekka und Medina belohnt wurde. Osama wuchs streng behütet von Nannies und erzogen von Privatlehrern auf, seine wenigen Spielgefährten stammten fast alle aus adligem Umfeld, weshalb man dem schüchternen und eigenbrötlerischen Jungen bald auch "den Prinzen" rief.
Die Erfolgsfamilie Bin Laden war Teil des feudalen saudischen Systems, gekennzeichnet von Vetternwirtschaft und Verschwendungssucht - und dem anscheinend unaufhaltsamen Anstieg der Ölpreise, manifestiert durch die Macht der in der Opec zusammengeschlossenen Produzenten. Osamas Wochenendausflüge führten ihn im Straßenkreuzer des Vaters zu einem luxuriösen Zelt. Er sollte "die Natur" kennen lernen. Ähnlich verlogen handelte auch die Mutter. In Saudi-Arabien durfte sie sich weder schminken noch Auto fahren oder sich in westlicher Designerkleidung zeigen. Bei den Reisen ins Ausland streifte sie schnell die alles verhüllende Burka ab und flanierte in Chanel.
1968 stürzte Osamas Vater in einem von einem amerikanischen Piloten gesteuerten Helikopter ab. Der 13-Jährige erbte 80 Millionen US-Dollar, zwei Jahre später gönnte er sich einen eigenen Rennstall mit Pferden. Mit 19 schrieb sich der junge Mann an der König-Abd-al-Asis-Universität von Dschidda ein und machte fünf Jahre später sein Diplom als Ingenieur. Über Osamas Studentenzeit ist nicht viel bekannt. Das Magazin "Mideast Mirror" will wissen, dass der "Prinz" bei häufigen Trips das süße Leben im freizügigen Beirut genoss, "gern dem Alkohol zusprach" und sich schon mal "wegen attraktiver Nachtclub-Tänzerinnen auf eine Schlägerei einließ".
Dem bis dahin wenig Religiösen hat dann nach eigenen Aussagen das Wendejahr 1979 entscheidend geprägt. Ägypten und Israel schlossen einen Friedensvertrag, der Schah wurde von einer islamischen Revolution aus dem Amt gejagt, die Sowjets marschierten in Afghanistan ein. "Von Zorn erfüllt" beschloss er, seinem Leben einen neuen Sinn zu geben - im Sinn des islamischen Widerstands gegen die Gottlosen. Nirgendwo schien der so geboten, so gerecht wie in und um Kabul.
Osama Bin Laden griff vorerst nicht selbst zur Waffe. Bis heute ist trotz der von seinem Umfeld verbreiteten Heldengeschichten zweifelhaft, ob er sich überhaupt an entscheidenden afghanischen Gefechten beteiligte. Der Multimillionär sammelte Geld. Er fuhr häufig zu den Treffen der Mudschahidin, wie sich die gegen Moskaus Truppen vereinten, untereinander aber später heillos zerstrittenen Kämpfer nannten. Und 1984 zog er dann ganz in die pakistanische Stadt Peschawar, von der es nur wenige Kilometer zum legendären Khyber-Pass sind, dem Einfallstor nach Afghanistan.
Der "New Yorker"-Autorin Mary Anne Weaver kam der elegante, großgewachsene Bin Laden in seinem aus feinem Zwirn gearbeiteten afghanischen Shalwar-Kameez-Mantel und den handgefertigten Beal-Brother-Boots vor wie ein Möchtegern-Samariter: Er verteilte Süßigkeiten bei den Verwundeten, munterte die erschöpften Kämpfer mit Geschenken auf.
Bin Laden aber muss noch ein zweites Gesicht besessen haben. Er ließ strategische Tunnels graben und Waffendepots anlegen. Und er schrieb Brandreden - gegen die "gottlosen" Kommunisten, aber auch gegen den "dekadenten" Westen. Bin Laden übte für seine kommende Rolle: als Führungspersönlichkeit, als Sachwalter eines die Welt von allen weltlichen Übeln - und anderen, "falschen" Religionen - reinigenden Fundamentalisten-Islam.
Dem Weißen Haus und dem amerikanischen Geheimdienst konnte der unverhüllte Anti-Amerikanismus seiner Verbündeten nicht verborgen bleiben. Aber die USA scherten sich wenig darum, Washington unterstützte mit rund drei Milliarden Dollar den afghanischen Widerstand. Und förderte die Anwerbung islamischer Kämpfer in der ganzen Welt - vor allem im arabischen Raum, aber auch bei den Muslimen in Asien, Europa und sogar den USA. 35 000 Militante aus 40 Ländern kamen schließlich zusammen, die sich in Lagern an der pakistanischen Grenze an Waffen trainieren ließen - die erste multinationale muslimische Truppe, der erste Dschihad mit Dollar-Millionen.
Einer der eifrigsten Bundesgenossen der CIA war Scheich Abdallah Azzam, ein Palästinenser und Weggefährte des "Prinzen" aus Peschawar. Sein US-Hauptquartier war das Kifah-Flüchtlingszentrum im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Der arabische Schriftzug auf den Briefbögen der offiziell "humanitären" Organisation ließ wenig Zweifel am wahren Tätigkeitsbereich der Truppe: "Büro im Dienst der Heiligen Krieger". Tausende Freiwillige weltweit wurden von hier aus für den Kampf rekrutiert. Und es blieb nicht bei dem einen Büro in New York. Die Organisation war schließlich in 38 amerikanischen Städten mit Zweigstellen vertreten.
Auf einer Veranstaltung in Oklahoma machte Azzam 1988 klar, dass der Heilige Krieg mit dem Kampf gegen die Sowjets erst begonnen habe: "Brüder, es gibt keine Supermächte mehr. Was zählt, ist die Kraft des Willens, dem unser Glauben entspringt." Ein Jahr später durfte er in Brooklyn unter den Augen der amerikanischen Sicherheitsbehörden sogar die "Erste Dschihad-Weltkonferenz" abhalten. Spätestens da wurde deutlich, dass auch der Westen als Ziel der Gotteskrieger in Frage kam. "Ihr müsst den Heiligen Krieg wagen, wo immer ihr ihn führen könnt", predigte Azzam. "Auch wenn ihr in Amerika seid."
Dann trafen sich in Kansas City offen radikale Islamisten zu einer Konferenz, an der auch hochrangige Führer der palästinensischen Hamas und der algerischen Islamischen Heilsfront teilnahmen. Und immer noch führte die CIA den inzwischen zu einem der Cheforganisatoren der Mudschahidin aufgestiegenen Bin Laden als einen unterstützungswürdigen Weggefährten.
Als 1989 die Sowjets schmählich geschlagen ihren letzten Soldaten aus Afghanistan abzogen, ging auch Bin Laden zurück in die Heimat: Mission erfüllt. Doch aus dem Finanzier war längst ein anderer Mensch geworden, ein Fanatiker mit einem selbst gestellten, weltweiten Auftrag. Bin Laden begann das Königshaus, das ihn bei seinen Bemühungen für die Mudschahidin mit Hunderten Millionen Dollar unterstützt hatte, offen und in aller Schärfe für seine "korrupten" Praktiken zu kritisieren. Noch hielt Prinz Turki al-Feisal, sein langjähriger Freund und Chef des saudi-arabischen Geheimdienstes Istakhbarat, die schützende Hand über ihn.
Einige Zeit wurde es ruhig um Bin Laden; er schien sich nur mehr um die Vermehrung seines Vermögens zu kümmern und gründete mehr als 60 Firmen, viele davon mit Sitz im Westen. Mit drei verschiedenen Ehefrauen, alle aus politisch wichtigen Familien, zeugte er zehn Kinder.
Viel spricht dafür, dass Bin Laden in diesen Jahren nicht wirklich privatisierte, sondern seine Kontakte weiter ausbaute. Er traf sich regelmäßig mit seinem Vertrauten, Pakistans damaligem Geheimdienstchef und grauer Eminenz, General Hamid Gul; der wusste mehr als jeder andere über kommende Entwicklungen in Afghanistan sowie fundamentalistische Bewegungen in der islamischen Welt. Und er gründete eine "Wohlfahrtsorganisation" für die nach dem Kampf gegen Moskau zurückgebliebenen und entwurzelten "arabischen Afghanen". Etwa 4000 dieser auf neue Aufgaben wartenden Glaubenskämpfer holte er nach Saudi-Arabien, mehr noch betreute er in Pakistan und im Sudan.
1990 war dann wieder so ein Wendejahr im Leben des Osama Bin Laden. Nach dem Einmarsch des Iraks in Kuweit erlebte der "Prinz" zu seinem Entsetzen, dass das saudische Königshaus amerikanische Streitkräfte ins Land bat. Als dann nach dem Golfkrieg klar wurde, dass die Amerikaner als permanente Schutzmacht in Saudi-Arabien bleiben und somit auch über die heiligsten islamischen Stätten Mekka und Medina wachen würden, rief Osama Bin Laden offen zum Widerstand gegen die saudischen Machthaber auf und versuchte mit Hilfe der militanten Geistlichen Scheich Safar Hawali und Salman Auda die "Ungläubigen" durch Fatwas, religiöse Gutachten, aus dem Land zu jagen.
1992 verbannte die Königsfamilie den Aufsässigen. Bin Laden ließ sich im Sudan nieder, mit dessen De-facto-Herrscher er eine enge Freundschaft pflegte. Hassan Turabi (heute unter Hausarrest) war mehr als nur Garant für ein Asyl: ein hochintelligenter feuriger Islamist, der es mit dem Westen aufnehmen, ihn in Schranken weisen wollte. Und der offensichtlich nichts dagegen hatte, dass Bin Laden immer mehr "arabische Afghanen" ins Land holte und sie in geheimen Terrorlagern für neue Aufgaben trainieren ließ.
1994 merkte Saudi-Arabien die aufziehende Gefahr, warnte Osama Bin Laden, entzog ihm dann die Staatsbürgerschaft. Ein Jahr davor dürfte auch den Amerikanern etwas aufgefallen sein: Im World Trade Center in New York explodierte erstmals eine Terroristenbombe. Als Drahtzieher des Anschlags war bald der blinde ägyptische Scheich Umar Abd al-Rahman enttarnt, ein häufiger Gast in den mittelöstlichen Terroristen-Camps.
Bin Laden selbst heizte die Stimmung gegen die USA an, indem er - vermutlich wahrheitswidrig - damit prahlte, "seine Leute" hätten den Amerikanern in Somalia eine "erniedrigende Niederlage" zugefügt. Mehrere US-Militärs waren während einer internationalen Hilfsmission in Mogadischu ums Leben gekommen, die Leiche eines amerikanischen Soldaten war im Triumphzug durch die Straßen geschleift worden.
Killerkommandos gegen Bin Laden, vom saudi-arabischen Geheimdienst mit Wissen der USA losgeschickt, scheiterten kläglich. Politischer Druck aus Washington zwang die sudanesische Regierung schließlich, sich von ihrem "Gast" zu trennen. Die erzwungene Ausreise war wieder ein Fehler der Geheimdienste - konnte man die Aktivitäten des radikalen "Prinzen" im Sudan immerhin einigermaßen überwachen, war das in seinem neuen, noch chaotischeren Zufluchtsland Afghanistan so gut wie unmöglich.
So viel ist bekannt: Im Mai 1996 landete Osama Bin Laden mit 4 Frauen und 13 Kindern und einer Entourage von Dutzenden "arabischen Afghanen" in einem gecharterten Jet auf dem Flughafen der Provinzhauptstadt Jalalabad. Dann zog es ihn nach Kandahar, wo der geheimnisvolle Taliban-Chef Mullah Mohammed Omar sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte (und von wo aus er bis heute regiert). Bin Laden schloss Freundschaft mit dem in internationalen Politikfragen unerfahrenen Führer. Er gab ihm eine seiner Töchter zur Frau, baute ein prächtiges Haus für die Großfamilie, steckte mehrere Millionen in Straßenbau und sanitäre Einrichtungen der Stadt.
Nach der Niederlage der Sowjetunion hatte der Westen Afghanistan sträflich vernachlässigt und dem mörderischen Treiben der verschiedenen ethnischen Fraktionen und lokalen Banden tatenlos zugesehen. Mit aktiver Unterstützung des pakistanischen Geheimdienstes ISI hatten sich an den Koranschulen in Pakistan Studenten aus dem Volk der Paschtunen als neue starke Kraft durchgesetzt: Die "Religionsschüler" eroberten mit ihren Versprechen, Willkür und Korruption skrupellos auszumerzen, überraschend schnell große Teile des Landes.
Omars Leute verfochten von Anfang an einen besonders rigiden Islam: keine Frauenarbeit, keine Schulausbildung für Mädchen, keine Unterhaltungsmusik. Aber sie hatten keinerlei panislamische Ideologie, und die Vorstellung, andere Länder zu "talibanisieren", war ihnen fremd. Ihre neue aggressive Weltsicht stammt von Osama Bin Laden.
Der "Prinz" brachte die Taliban mit den "arabischen Afghanen" zusammen, schuf mit ihnen gemeinsam eine geheime Brigade "O55". Am 23. Februar 1998 veröffentlichte die von Bin Laden initiierte und von Omar abgesegnete "Welt- Islam-Front für den Dschihad gegen die Juden und die Kreuzzügler" im afghanischen Khost ihren Aufruf zum weltweiten Terror. "Es ist die Pflicht jedes Muslim, Amerikaner und ihre Alliierten, sowohl Militärs als auch Zivilisten, wo immer auch möglich, zu töten. Dies gilt so lange, bis die Aksa-Moschee (in Jerusalem) und die Haram-Moschee (in Mekka) aus ihrem Würgegriff befreit sind und bis die amerikanischen Armeen geschlagen von allen Ländern des Islam abziehen, unfähig, einen Muslim zu bedrohen."
Bin Laden erläuterte später, dass er wirklich jeden Amerikaner als Angriffsziel sieht: Ihre Steuerzahlungen machten sie zu System erhaltenden Schuldigen, vogelfrei. Selbst wenn auch Muslime bei einem Angriff auf Amerikaner zu Tode kämen, lohne sich die Sache. Er sei bereit, bei einer solchen Attacke seinen eigenen Sohn zu opfern.
Der Kriegserklärung an Amerika folgen bald Taten: die Terrorschläge im August 1998 gegen die amerikanischen Botschaften von Nairobi und Daressalam mit 263 Toten, die Attacke auf den US-Zerstörer vor Aden im Oktober 2000, mit 17 Toten.Das FBI setzte auf den Kopf des Chefterroristen eine Belohnung von fünf Millionen Dollar; CIA-Direktor George Tenet nennt im Februar 2001 vor dem Senate Intelligence Committee in Washington Osama Bin Ladens globales Terrornetz "die unmittelbarste und ernsteste Bedrohung" für die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten.
Von einer geheimen Basis in Afghanistan aus soll der "Prinz" schon auf verschiedenen Kanälen versucht haben, sich Komponenten für eine Atombombe und eine Bio-Waffe zusammenzukaufen. Über einen befreundeten ägyptischen Fluglehrer ließ er sich einmal für 200 000 Dollar in Tucson, Arizona, eine ausrangierte T-39 besorgen. Und erst im letzten Jahr scheiterte ein Anlauf Bin Ladens, sich auf Umwegen ein hochmodernes Unterseeboot in den USA zu besorgen.
Bin Laden macht sich nicht selbst die Hände schmutzig, seinen Zellen in den einzelnen Ländern lässt er viel Spielraum: Er ist eine Art internationaler "Vorstandsvorsitzender einer Dschihad Inc. mit der Tochtergesellschaft Dschihad.com" ("Newsweek"). Höchst fraglich, ob er beispielsweise den Terminplan von Aktionen seiner weltweit operierenden Filialen kennt oder auch nur deren Treffpunkte und genaue personelle Zusammensetzung. Er finanziert, und er lässt organisieren. Hauptsache, die Ausrichtung der Terror-GmbH stimmt.
Mit Militärschlägen gegen den Chefterroristen und ehemaligen Verbündeten haben die Amerikaner bisher ebenso schlechte Erfahrungen gemacht wie mit Versuchen, ihn von Mann zu Mann auszuschalten. Nachdem sich die Hinweise auf eine Täterschaft Bin Ladens bei den Botschaftsanschlägen verdichtet hatten, ließ der damalige US-Präsident Bill Clinton rund 80 Marschflugkörper gegen Afghanistan und Sudan losschicken. Nur einige trafen Bin Ladens Camps, er selbst war mehr als hundert Kilometer entfernt von den Einschlägen.
Die Pakistaner fühlten sich doppelt gedemütigt. Sie hatten keine Vorinformation über die Raketen erhalten, die über ihr Staatsgebiet flogen; und mehrere Pakistaner verloren ihr Leben, weil ein Geschoss in unmittelbarer Grenznähe einschlug. Übertroffen wurde diese Pleite nur durch den "Schlag" gegen den Sudan. Bis jetzt blieb Washington jeden Beweis dafür schuldig, dass in Khartum irgendetwas anderes als eine harmlose pharmazeutische Fabrik getroffen wurde.
Nach Ansicht des amerikanischen Terrorismus- und Nahost-Experten David Long stehen die westlichen Geheimdienste beim Kampf gegen Osama Bin Laden und seine schattenhafte Al-Qaida-Organisation auf verlorenem Posten. "Das ist keine Terroristenorganisation im traditionellen Sinn. Es ist mehr eine Art Anlaufstelle, in der sich verschiedene Untergruppen Gelder, logistische Unterstützung, auch einmal militärische Ausbildungsmöglichkeiten beschaffen. Es ist ein Chamäleon, eine Amöbe, die ständig Farbe und Form wechselt, die aber einen Führer hat: Osama Bin Laden."
In 15 Ländern sei er aktiv, hat der Boss 1995 einmal freimütig erzählt; die USA nannte er nicht, aber neben den Nahost-Staaten überraschenderweise auch Russland, Großbritannien und die Niederlande. SPIEGEL-Balkan-Korrespondentin Renate Flottau traf den Terroristenchef 1993 in Sarajevo; er stellte sich artig vor und sprach vom bosnischen Befreiungskampf, an dem seine Leute auf der Seite der Muslime mitmachen wollten. Er besaß einen Pass des neuen Staates Bosnien-Herzegowina, ausgestellt von der Botschaft in Wien, und rühmte sich, internationale Kämpfer ins Krisengebiet zu schmuggeln.
Einen besonderen Stützpunkt hat sich der "Prinz" mit dem Irak geschaffen; gleich mehrfach traf er den Saddam-Hussein-Sohn und möglichen zukünftigen Präsidenten Kussai. Auch zu den islamistischen Gruppierungen Hamas und Islamischer Dschihad in den palästinensischen Autonomiegebieten bestehen gute, wenngleich keine allzu engen Verbindungen. Diese werden wegen der aggressiven israelischen Siedlungs- und Liquidierungspolitik allerdings gerade aufgefrischt.
Bin Ladens wichtigste außerafghanische Verbündete sitzen in Islamabad - beim pakistanischen Militär und im Geheimdienst. Bin Laden ist es gelungen, einen Teil seiner "arabischen Afghanen" beim pakistanischen Kampf gegen Indien in Kaschmir "unterzubringen". "Einige Regierungsorganisationen berücksichtigen, Gott sei gepriesen, die islamischen Gefühle der pakistanischen Massen", sagte der "Prinz" im vergangenen Jahr. "Das zeigt sich in ihrer Sympathie uns gegenüber und ihrer Zusammenarbeit. Andere sind vom rechten Weg abgekommen."
Warum hat Osama Bin Laden - wenn er es denn wirklich war - gerade in dieser Woche zugeschlagen? Stärkt die spektakuläre konzertierte Terroraktion in New York und Washington seine Stellung?
Geheimdienstfachleute gehen davon aus, dass die Demütigung der USA den radikalen Gruppen kurzfristig Zulauf bringen wird. Ob Osama Bin Laden langfristig weiterhin mit so großen Freiheiten bei der Planung seiner Aktionen wird rechnen können, ist höchst fraglich.
In Pakistan, wo nach Meinung von Landeskennern immerhin jeder dritte Geheimdienstler und etwa jeder fünfte Militär mit islamistischen Strömungen sympathisiert, hat sich der Präsident und Militärherrscher Pervez Musharraf in den vergangen Wochen weit vorgewagt. Er hat mehrere gewaltbereite Muslim-Gruppierungen wie etwa die Bin Laden nahe stehende Lashkar-i-Jangvi verboten.
Und aus Taliban-Regierungskreisen hört man vorsichtige, neue Töne. Man halte eine Täterschaft Bin Ladens für ausgeschlossen. Sollten die Amerikaner aber "Beweise" für seine Verwicklung in die Terroranschläge vorlegen können, werde man "den Gast" möglicherweise doch ausweisen. Bis jetzt hatten die Bärtigen um Mullah Omar immer auf einem "islamischen" Prozess in Afghanistan bestanden.
Es könnte sein, dass die Zeit für eine juristische Klärung des Falls Osama Bin Laden schon abgelaufen ist. Aus Geheimdienstkreisen verlautet, Washington werde sich für einen entscheidenden militärischen Schlag gegen alle Bin-Laden- und Omar-Positionen in und um Kandahar entscheiden. Oder ersatzweise für ein Kommando-Unternehmen, das den mutmaßlichen Chefterroristen aufgreifen und zum Prozess ins westliche Ausland verschleppen sollte.
Da die CIA sich nach all ihren Pleiten einen solchen Coup nicht mehr zutraut, soll ein - in letzter Zeit allerdings auch von Misserfolgen gebeutelter - befreundeter Geheimdienst einspringen. In der Negev-Wüsten arbeiten Mossad-Agenten, als "arabische Afghanen" getarnt, angeblich schon an einem naturgetreu nachgebauten Modell der Bin-Laden-Festung.
ERICH FOLLATH, GUNTHER LATSCH
* Auf der US-Basis im rheinland-pfälzischen Ramstein am 13. Oktober 2000. * Im Januar.
Von Erich Follath und Gunther Latsch

DER SPIEGEL 38/2001
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