15.09.2001

„Meine Seele ist müde“

Der Hisbollah-Attentäter Hussein Mikdad über Motiv und Hintergründe seiner Mission
Es war eine präzis geplante Bluttat - doch in diesem Fall blieb das einzige Opfer der Hisbollah-Attentäter selbst: Bei den Vorbereitungen zu einem Anschlag in Jerusalem wurde der Libanese Hussein Mikdad im April 1996 lebensgefährlich verletzt. Dank israelischer Ärzte überlebte er, nach der Amputation einer Hand und beider Beine und im Gesicht entstellt. Dem israelischen Dokumentarfilmer Dan Setton erzählte er seine Geschichte, die der in Kooperation mit SPIEGEL-TV verfilmte. 1998 wurde Mikdad mit Dutzenden Hisbollah-Gefangenen gegen die Leiche eines im Libanon gefallenen israelischen Soldaten ausgetauscht. -------------------------------------------------------------------
Setton: Wer hat Sie auf diese Mission geschickt?
Mikdad: Die Hisbollah.
Setton: Warum gerade Sie? Sind Sie eine Art James Bond?
Mikdad: Wahrscheinlich, weil ich den Erfordernissen dieser Mission entsprach: Ich spreche Englisch, bin groß, hellhäutig und gebildet.
Setton: Bereuen Sie, was Sie taten?
Mikdad: Darüber will ich nicht sprechen.
Setton: Weil Ihnen klar ist, dass durch Ihre Tat Kinder und Unschuldige hätten sterben können?
Mikdad: Manchmal macht man etwas, was nicht gut ist. Aber man muss wissen, was die Ursache ist und warum man es macht.
Setton: Sie sind in einem Dorf außerhalb von Beirut aufgewachsen, der Älteste in einer Familie von sechs Kindern.
Mikdad: Stimmt. Ich wuchs dort auf, ging in Beirut zur Schule, lernte Englisch und studierte an der Amerikanischen Universität Naturwissenschaften und Management.
Setton: Sie wurden Buchhalter, bevor Sie 1994 der Hisbollah beitraten. Für diese selbst ernannte Partei Gottes ist Israel ein erklärter Todfeind.
Mikdad: Wegen des Kriegs lebten wir im Libanon in einer riskanten Situation. Jeden Tag fühlte man die Gefahr für Leib und Leben. Was konnten wir tun? Wir mussten für die Befreiung unseres Landes kämpfen. Deshalb trat ich der Widerstandsbewegung bei.
Setton: Und deswegen waren Sie bereit, diese Mission auszuführen?
Mikdad: Richtig, ich wollte meinem Volk helfen. An der Universität war ich mit Vorstellungen von Revolution, von Veränderung, Demokratie und Gerechtigkeit in Kontakt gekommen. Wir wuchsen ja auf in Zeiten des Kriegs; Krieg wurde zum Teil unseres Lebens.
Setton: Angelernt wurden Sie in einem Trainingscamp im Bekaa-Tal. Wie lange dauerte die Ausbildung durch iranische Sprengstoffexperten?
Mikdad: Knapp zwei Monate.
Setton: Als man Ihnen anbot, die Mission zu übernehmen, sagten Sie zu.
Mikdad: Nein, nicht sofort. Aber am Ende erklärte ich mich dazu bereit.
Setton: Was war der Grund?
Mikdad: Der Grund war die Besatzung meines Landes.
Setton: Was war der schwierigste Moment?
Mikdad: Der kam, als ich schließlich das Haus verließ. Ich verließ Frau und Tochter. Das fiel mir sehr schwer.
Setton: Was haben Sie erzählt?
Mikdad: Ich habe gesagt, ich ginge auf eine Geschäftsreise. Zum Einkauf von Textilien in die Türkei.
Setton: Sie flogen nach Wien, fuhren nach Zürich und nahmen dann - dank eines gestohlenen Passes - die Identität eines Briten an. Damit reisten Sie nach Tel Aviv. Hatten Sie Angst?
Mikdad: Nein, Angst empfand ich nicht. Ich bin zur Kontrolle gegangen, gab der Frau meine Papiere. Sie stempelte mir das Visum in den Pass.
Setton: Keine Fragen? Der Bombenzünder, in einem kleinen Radio versteckt, blieb unentdeckt?
Mikdad: Genau. Ich holte mein Gepäck, ging raus und nahm mir ein Taxi nach Tel Aviv. Es war aufregend, neu. Ich wollte die Stadt kennen lernen.
Setton: Der Anschlag sollte in Jerusalem erfolgen. Dort erhielten Sie den Plastiksprengstoff. Kannten Sie den Kurier?
Mikdad: Nein, ich hatte ihn noch nie zuvor gesehen. Er kam ins Hotel und übergab mir das Material.
Setton: Und dort explodierte der Sprengstoff - am Vorabend des geplanten Anschlags.
Mikdad: Ich kam ins Hotel zurück und legte mich ins Bett. Ich schlief ein. Was dann passierte, weiß ich nicht.
Setton: Wie fühlen Sie sich heute?
Mikdad: Bei Gott, meine Seele ist müde.
Setton: Was meinen Sie damit?
Mikdad: Jedes Mal, wenn ich mich an die Ereignisse von damals erinnere, wünsche ich mir, ich wäre tot.
Setton: Warum das?
Mikdad: Ich habe Frau und Tochter. Werde ich die beiden je wieder sehen? Ich habe keine Arme und Beine mehr. Sehen Sie, ich habe bezahlt. Ich habe einen Preis bezahlt.

DER SPIEGEL 38/2001
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