15.09.2001

„Es ist die Atombombe!“

Sie liefen um ihr Leben, sie sprangen in den Tod - der Tag, an dem in Manhattan die Welt unterging. Von Thomas Hüetlin
Es war ein Morgen wie viele, die ich in New York erlebt habe. Ein leichter Kater von einer Party am Abend zuvor; eine gepackte Tasche und ein Flugticket nach Los Angeles für drei Uhr nachmittags; vor mir meine zwei Töchter, die ich in die Schule bringen wollte. Wir trugen Sommersachen, der Himmel war blau, die Luft frisch und durchsichtig wie eine Flasche Evian, und als wir um 8.30 Uhr von unserer Straße, der 12., auf die 6th Avenue stießen, strahlte das World Trade Center in der Sonne wie ein riesiger Eiswürfel.
Es war ein Morgen, so bezaubernd, als hätte ihn der Country-Sänger Willie Nelson besungen: "On a clear day you can see forever."
Ich brachte meine Tochter Josephine in ihr Klassenzimmer, und als ich das Schulhaus mit meiner anderen Tochter Linda an der Hand Richtung Kindergarten verließ, war auf einmal alles anders. Die Gesichter der Leute verzerrt vor Entsetzen, ein Vater rief: "Ein Flugzeug ist ins World Trade Center geflogen." Nichts davon wollte ich glauben, ich rannte trotzdem Richtung 6th Avenue. Ein Loch. Feuer. Ich brachte Linda zurück nach Hause, rief meiner Frau zu, sie solle den Fernseher einschalten. Aber der lief längst. New York ist eine enge Stadt, es ist unmöglich, eine Panik, wie sie jetzt losbrach, nicht mitzukriegen.
Im Fernsehen faselten sie etwas von einem Sportflugzeug und einem Unfall, ich dachte an diesen durchsichtigen Tag und daran, dass es keinen Piloten auf unserem Planeten gibt, der aus Versehen ins World Trade Center fliegt, und sagte zu meiner Frau: "Ich nehme jetzt das Fahrrad und fahre da runter. Ich will wissen, was da wirklich los ist."
Rüber zum Hudson River und runter den West Side Highway, dann die zweite Explosion, wieder Feuer, das Glas fiel wie in Superslowmotion auf die Straße; es war die Realität, aber es sah aus wie ein 200-Millionen-Dollar-Spielfilm des Hollywood-Action-Spezialisten Jerry Bruckheimer. Ich fuhr weiter, vorbei an Feuerwehrautos und Notarztwagen, die sich auf der Straße stauten. Die Helfer sprangen aus den Autos, Feuerwehrschläuche in den Händen oder Tragen, gut einen Kilometer vor dem World Trade Center. Alles rannte, jeder wollte helfen. Und eine Armee von Büroangestellten kam mir entgegen. Okay, dachte ich, beide Türme des World Trade Center brennen. Aber ist das ein Grund, den gesamten Finanzdistrikt zu evakuieren? Warum müssen Amerikaner aus einem Feuer sofort ein Action-Movie machen?
Ich kettete mein Fahrrad an einen Bauzaun, rannte zu Fuß weiter, am West Side High-way, Höhe World Trade Center machte ich Halt. Ich war noch 300 Meter entfernt vom Haupteingang. Ich wollte noch näher ran, aber brennende Teile platzten auf die Straße.
Ich blickte nach oben und schämte mich, denn ich begriff: Dies ist die größte Katastrophe, die ich in meinem Leben erlebt habe. Natürlich war es richtig, den gesamten Distrikt zu evakuieren. Dann schaute ich wieder nach oben. Und sah noch mehr Teile zu Boden rasen. Und, weil sich die Teile bewegten und Hemden und Hosen trugen, erkannte ich, was ich zuerst nicht hatte wahrhaben wollen: dass diese Teile Menschen waren.
Es ist schwer zu beschreiben, was man fühlt, wenn man zusieht, wie Leute um ihr Leben kämpfen, ohne dass sie den Hauch einer Chance haben. Ohnmacht, natürlich, aber diese Ohnmacht mischt sich mit Schuld, und diese Schuld lässt es einem kotzübel werden.
Ich begriff, dass ich hier überflüssig bin, dass diese Veranstaltung mit Journalismus nichts mehr zu tun hat. Aber ich war wie gelähmt. Leute schubsten mich herum, mutige Leute, die mit ihren Feuerwehrschläuchen und Tragen den Anschein erweckten, sie wüssten, was sie taten. Profis und Helden, von denen ich erwartete, sie würden die Katastrophe in den Griff bekommen. Gibt es nicht sogar in Hollywoods Desaster-Filmen irgendwann ein Happy End? Ist Amerika nicht das Land, in dem das Unmögliche möglich gemacht wird - mit Common Sense und einem kräftigen "Let's Go"? Aber was sich hier abspielte, gehorchte nicht der Drei-Akt-Dramaturgie. Und Bruce Willis hatte anscheinend seinen freien Tag.
Dann krachte es, und die Feuerwehrleute, Polizisten und Sanitäter rannten. Mich riss die Druckwelle fast um, und dort, wo vorher noch der South Tower stand, war jetzt nur noch eine gewaltige braune Wolke, die pilzförmig in den Himmel wuchs. "Es ist die Atombombe!", schrie einer. Ein anderer rief: "Diese Tiere, das ist der Dritte Weltkrieg." Ich tastete nach meinen Armen und Beinen, alles noch dran, und mein Kopf sagte mir, dass dies keine Atombombe sein kann, weil ich sonst längst verglüht wäre. Aber die Sache mit dem Dritten Weltkrieg schien mir durchaus plausibel. Ich hatte es hier mit Gewalten zu tun, die ich nicht kannte.
Nie, nie, nie hätte ich geglaubt, dass einer der World-Trade-Center-Türme einstürzen würde. Die Erde bebte, das Böse war wirklich, es war hungrig, es drohte mich zu verschlingen. Alles war jetzt möglich. Was kam als Nächstes? Killerbakterien? Giftgas?
Ich wollte noch nicht sterben. Ich wollte auch kein Journalist mehr sein. Ich wollte nach Hause, zu meiner Frau, zu meinen Töchtern, und deshalb fing ich an zu rennen, immer den Fluss entlang, und als ich einmal langsamer wurde, rief mir so ein Typ mit blauen Alkoholikeraugen und Kampfhund an der Leine entgegen: "Wir sind im Krieg. Sie haben auch das Pentagon und das Weiße Haus zerstört."
Na herrlich, dachte ich, wenn eine Katastrophe passiert, braucht man auf die Irren nicht lange zu warten. Vielleicht hatte der Irre aber auch Recht. Ich rannte weiter. Schneller.
Ich holte meine Tochter Josephine aus der Schule, und als ich auf die 6th Avenue bog, sah ich massenhaft Leute, die sich weinend in den Armen lagen. Es war still wie bei einem Schachspiel, die Sonne schien immer noch, aber Leben war in diesem Augenblick tausendfach ausgelöscht worden. Der zweite Tower war gefallen.
Zu Hause, alles in Ordnung, Gott sei Dank. Aber, bei einem Krieg, der nicht nur gegen die Symbole der amerikanischen Macht, sondern gegen jeden Einzelnen von uns geführt wurde, konnte man nicht sicher sein, wann er zu Ende ist. Was ist mit dem Wasser?
New York ist eine Stadt, in deren Chaos Paranoia und Euphorie oft nahe beieinander liegen, und zu den großen Katastrophen-Szenarien dieses Molochs gehört die Vorstellung, dass Terroristen das Trinkwasser vergiften könnten. Also schnell in den Laden: Wasser kaufen. Und danach? Abhauen? Geht nicht - alle Brücken sind gesperrt, heißt es. Wir sind eingekerkert in der Stadt.
Im Lebensmittelladen treffe ich eine Frau, deren Mann sie am Handy davon überzeugen möchte, dass es die beste Idee sei, mit seinem Boot den Hudson River aufwärts zu fahren. Die Frau, Jeanne mit Namen, überlegt kurz. Dann sagt sie entschieden und ohne einen Widerspruch zuzulassen: "Auf gar keinen Fall. Ich habe hier meinen 89-jährigen Vater in einem Rollstuhl, ich habe meine Schwester, und ich habe meine Freunde. Ich bleibe hier bei denen, die mich brauchen. New York braucht mich, jetzt."
Ich habe einen verdammt großen Respekt vor Jeanne, genauso wie vor all den anderen, die hier geblieben sind, obwohl sie zum Teil Dinge erlebt haben, die viel schlimmer sind als das, was ich in meinem Leichtsinn fast mit dem Leben bezahlt hätte. Da sind Männer wie der Fotograf Spragne Hollander, der sich freiwillig für ein Aufräumkommando meldete und der einen Tag und eine Nacht lang zusammen mit sechs schwarzen Bauarbeitern Dutzende von Leichen aus dem Schutt zog, um dann doch noch eine lebende Frau zu finden.
Und da sind Männer wie Josuah, der Freund einer Freundin, der an jenem Morgen des 11. September sein Telefon abnahm, um die Stimme seines Sohnes zu hören, der mit seinen Töchtern, ein und drei Jahre alt, in einem Flugzeug an die Westküste saß. "Vater", sagte der Sohn, "sie haben eine Stewardess umgebracht, und wir rasen auf das World Trade Center zu. Ich glaube, das war's. Lebe wohl."
All diese Leute, die unendlich viel verloren haben oder auch nur gespürt haben, was sie verlieren könnten, wissen, dass an jenem 11. September weniger Amerika der Krieg erklärt wurde, sondern unserer Art zu leben.
Deshalb New York. Eine Stadt, die wie keine andere dank ihrer Toleranz, Aufgeklärtheit und ihrer Modernität funktioniert; in der Juden, Italiener, Chinesen und über 100 weitere Nationen und Religionen miteinander lachen, weinen, Geschäfte machen, essen, plaudern, streiten, sich verlieben und all die anderen Dinge tun, zu denen Menschen nun mal im Stande sind.
Wir werden unsere Art zu leben nicht ändern. Und erst recht nicht, wenn uns ein paar mittelalterliche Fundamentalisten, die ihre Frauen verschleiern und zu Hause einsperren und die auf ihren Videorecordern zu viele Schwarzenegger-Filme gesehen haben, dazu zwingen wollen. Wir bleiben. Denn New York ist eine Idee, die sich zu verteidigen lohnt. Auch wenn wir uns die nächsten Jahre mit Mineralwasser die Zähne putzen müssen.
Von Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 38/2001
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