15.09.2001

Düstere Vision

Was der Terroranschlag in Amerika beweist, belegt auch ein wissenschaftliches Gutachten: Die US-Zivilbevölkerung ist miserabel gegen Katastrophen geschützt.
Schon der erste Satz war eine Ohrfeige für die Verantwortlichen. "Wir haben als Nation Glück gehabt." Glück - mehr nicht. Der Report, den eine Gruppe von Wissenschaftlern, Katastrophenschutz- und Anti-Terrorexperten am 15. Dezember des vergangenen Jahres dem Präsidenten der Vereinigten Staaten vorgelegt hat, offenbarte gnadenlos die Schwächen der einzig verbliebenen Weltmacht in puncto Terrorabwehr auf heimischem Boden.
Die Gilmore-Kommission, benannt nach ihrem Vorsitzenden, dem Gouverneur des US-Staats Virginia, James S. Gilmore, beklagte "Probleme in nahezu allen Bereichen, die für die Terrorbekämpfung wichtig sind". Es fehle an einer "kohärenten nationalen Strategie", die Organisation der Bundesprogramme zur Bekämpfung des Terrorismus sei "fragmentarisch und unkoordiniert".
Auch der Kongress, neben George W. Bush zweiter Adressat des Reports, bekam schlechte Noten. In den vergangenen fünf Jahren habe es ein halbes Dutzend Versuche gegeben, die nationale Terrorabwehr neu zu definieren. Doch sie alle seien zerrieben worden - in 11 Senats- und 14 Repräsentantenhaus-Komitees nebst deren Unterausschüssen.
Dabei war nach dem Nervengasanschlag der Aum-Sekte in der U-Bahn von Tokio im März 1995 und dem Bombenanschlag von Oklahoma City nur einen Monat später der Schutz der Zivilbevölkerung vor Terrorakten vom damaligen US-Präsidenten Bill Clinton zur vorrangigen Aufgabe erklärt worden. Es folgte ein Fünf-Jahres-Plan zur behördenübergreifenden Terrorabwehr.
Doch schon bald tat sich eine Kluft auf - zwischen Politikern, Militärs und Geheimdienstlern auf der einen und akademischen Terroranalytikern und Katastrophenschutzpraktikern auf der anderen Seite. Die einen sahen die Hauptgefahr in terroristischen Attacken von geringer Wahrscheinlichkeit mit schwerwiegenden Schäden ("low-probability-but-higher-consequence-threats"), beispielsweise mit nuklearen, chemischen oder biologischen Waffen - die anderen warnten vor Angriffen mit hoher Wahrscheinlichkeit und geringeren Zerstörungen, weniger Opfern ("higher-probabilitybut-lower-consequence-events"). Doch diese Fraktion fand kaum Gehör. Dabei hatte die Gilmore-Kommission schon in ihrem ersten Bericht 1999 klar Stellung bezogen: "Konventionelle Sprengstoffe, traditionell ein bevorzugtes Werkzeug von Terroristen, werden aller Wahrscheinlichkeit nach auch in nächster Zeit die erste Wahl solcher Gruppen bleiben."
Auch Bruce Hoffman, Terrorismus-Experte des angesehenen Forschungsinstituts Rand beklagt die Schieflage der US-Terrorabwehr und fordert eine umfassende Neuanalyse der sich stetig verändernden in- und ausländischen Terrorszene. Die falsche Prioritätensetzung spiegele sich auch in der ungleichen Verteilung der Finanzmittel wider.
So seien die Ausgaben für den Kampf gegen Terrorismus mit so genannten Massenvernichtungswaffen von 645 Millionen Dollar 1998 auf rund 1,6 Milliarden im Haushaltsjahr 2001 gestiegen - der Löwenanteil von fast 90 Prozent, moniert Hoffman, werde für das Management der Folgen eines möglichen Terroranschlags statt für dessen Verhütung aufgewendet. Es sei unwahrscheinlich, so Hoffmans düstervisionäre Ahnung im vergangenen Jahr, "dass die Vereinigten Staaten gegenwärtig besser vorbereitet sind als vor fünf Jahren, um auf einen Anschlag wie den in Oklahoma City zu reagieren".
Geradezu gespenstisch mutet nach der Tragödie vom Dienstag das Beispiel an, mit dem der Rand-Forscher seine These illustrierte: Ein Feuer in der Washingtoner U-Bahn im April 2000 habe gezeigt, dass selbst in einer Stadt, die alle Experten als Terrorziel Nummer eins bewerteten, im Ernstfall keine ausreichenden Kommunikationsmöglichkeiten vorhanden seien. Polizei, Feuerwehr und Rettungskräfte konnten sich nämlich beim U-Bahn-Brand nicht miteinander verständigen. Es fehlte kompatibles Equipment. Schlimmer noch: Das bei den einzelnen Einheiten vorhandene Gerät versagte im Untergrund der Hauptstadt.
Hoffmans Vorschläge ähneln denen der Gilmore-Kommission. Auch er fordert eine kohärente, alle Zuständigkeiten überwölbende Strategie. Und: mehr Geld für Vorbeugung und Aufklärung - sprich: für die Anti-Terror-Abteilungen der Geheimdienste. Ob dies angesichts des offensichtlichen Versagens der US-Agenten und ihrer Gewährsleute geholfen hätte, die jüngsten Anschläge zu verhindern - darüber zu spekulieren ist angesichts des Grauens müßig.
Und fest steht: An einen Anschlag mit einer Zahl von Opfern, die höher sein könnte als selbst die Szenarien einer Chemie- oder Biowaffenattacke, hat niemand zu denken gewagt. GUNTHER LATSCH
Von Gunther Latsch

DER SPIEGEL 38/2001
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