15.09.2001

Das Loch in der Welt

Alexander Osang über die Menschen, die vor den Türmen und dem Tod flüchteten - und im Keller ein neues Leben fanden
Das erste Loch in der Welt sah ich im Fernsehen. Es war klein, unwirklich und wirkte, als könnte man es flicken. Ein Reporter des Lokalsenders NY1 stotterte irgendwas von einer einmotorigen Maschine. Niemand redete von einem Terroranschlag. Als ich auf meine kleine Straße in Brooklyn trat, flog das zweite Flugzeug in den South Tower. Es donnerte, aber der Himmel war noch strahlendblau. Ich sah nach oben, hinter der katholischen Kirche am Ende unseres Blocks wuchs eine kleine schwarze Wolke. Es war kurz nach neun.
"Es ist ein Flugzeug ins World Trade Center gekracht", sagte ich zu meiner Nachbarin Kate, die zum Yoga aufbrach.
"Oh, mein Gott", sagte sie. "Dann fährt die Subway nicht nach Manhattan."
Sie hatte vielleicht Recht, ich nahm das Auto. Ich wollte nicht zu spät kommen, wozu auch immer. Auf dem Weg zur Brooklyn Bridge wuchs die Wolke, das lustige, frühe Brooklyn begann zu begreifen, dass dort drüben in Manhattan irgendwas passierte. Die Händler versammelten sich vor den koreanischen Lebensmittelläden, die Passanten vor den Cafés. In Brooklyn Heights waren die Straßen bereits verstopft. Büromenschen kamen aus den Subway-Eingängen zurück und warteten erst mal, auf was, wussten sie nicht. Die Brücke war für Autos gesperrt, der Himmel wurde dunkler, aber die Polizisten achteten noch auf Falschparker. Ich stellte das Auto vor einen Parkautomaten und warf 50 Cent ein, was für eine halbe Stunde reichte. Die Luft roch jetzt verbrannt, doch die schattigen Häuser von Brooklyn Heights, an denen ich vorbeirannte, schienen noch zu schlafen. Der Verkehr vor der Brooklyn Bridge stand jetzt still, aber niemand hupte. Die Stadt begann ihr Tempo zu verlieren.
Und ihre Richtung.
Von der Fußgängerbrücke strömten Menschen in Anzügen zurück. Es sah wie ein Marsch von Versicherungsvertretern aus, es gab keine Panik, und dennoch wirkten die Leute erleichtert, die das Festland Brooklyn betraten. Die letzten Schritte setzten sie schneller. Zwei Polizisten sperrten die Brücke in Richtung Manhattan. Sie sagten mir dreimal, dass die Insel geschlossen sei, dann lief ich einfach an ihnen vorbei. Niemand hielt mich auf. Ich schien der Einzige zu sein, der zu den Türmen wollte. Einige Menschen hatten Ascheflocken auf ihren Anzugschultern und Frisuren. Ein paar Frauen trugen ihre Schuhe in der Hand. Als ich die Mitte der Brücke erreichte, stürzte der erste Turm ein und veränderte die Welt.
Die Leute blieben stehen, drehten sich um. Alles schien in Zeitlupe zu passieren. Es war, als hätte jemand mit einem glühenden Stift eine Linie durch den Turm gezogen. Er wackelte einen Augenblick. Dann fiel er einfach so zusammen und riss alles, was feststand in diesem Land, mit sich. Bis dahin dachte ich, man könnte es heilen, irgendwie reparieren. Bis dahin war es so was wie der Anschlag auf das World Trade Center in 1993. Aber jetzt war alles anders. Es war, als würde die Insel vor unseren Augen im Meer versinken.
Es gab kein Zurück mehr.
Viele begannen zu weinen, sie liefen jetzt schneller an mir vorbei, aber nicht panisch, eher verzweifelt. Ich ging weiter in die verkehrte Richtung, ich dachte, es ist jetzt vorbei, es kann nicht schlimmer kommen. Es wurden weniger Menschen, je näher ich Manhattan kam, und sie schienen immer ruhiger zu werden. Vielleicht waren sie glücklich zu leben. Wer weiß. Der Platz vorm Rathaus war weiß wie im Winter, ein Schneesturm in der Hitze. Alles war ganz still und langsam. Ich versuchte, mit meinem Handy zu telefonieren, aber es ging nicht. Es fuhren keine Autos. Ich fragte einen Mann, der gegenüber vom Rathaus in seiner Ladentür stand, ob ich in seinem Lebensmittelladen telefonieren dürfe. Er habe kein Telefon, sagte er und verrammelte sein Geschäft. Es war sicher eine Lüge, aber was sollte man dazu sagen. Ich lief weiter auf den zweiten Turm zu, der noch stand. Es gab noch ein paar Fotografen und Kameramänner, die durch die Aschelandschaft stapften, um unglaubliche Bilder zu machen. Das Zentrum der Welt hatte sich in eine versunkene Stadt verwandelt.

Ein Haus verfolgte uns durch die Straßen des Finanz-Distrikts, ein Wolkenkratzer

Kurz vor 10.30 Uhr lief ich über den Broadway in die Fulton Street. Der Turm war noch einen Block entfernt, vielleicht 250 Meter. Er stand da für die Ewigkeit, groß und fest. Neben mir war die St. Paul's Chapel von Asche bedeckt. Ein Feuerwehrmann sagte, ich solle hier verschwinden. Es klang eher wie eine Bitte. Ein Polizist sagte: "Geh, Junge". Auch an anderen Ecken versuchten sie irgendwie Ordnung zu schaffen. Womöglich ahnten sie, dass es nicht für lange war. Die Stadt war jetzt so schwach.
Ich ging ein Stück zurück, drehte mich noch mal, um nach einem anderen Weg zu suchen. Der Feuerwehrmann starrte mich an, er war nicht mehr müde, er schrie: "Weg hier! Weg! Wir verlieren den zweiten Turm."
Ich warf einen letzten Blick auf das riesige Haus. Es stand immer noch da, als stünde es für immer. Nur die Außenwand zitterte. Ich rannte. Alle rannten.
In unserem Rücken polterte irgendwas. Ein Haus verfolgte uns durch die schmalen Straßen des Finanzdistrikts, ein Wolkenkratzer. Die Welt flog uns um die Ohren.
Ich habe später auf der Karte gesucht, wo ich eigentlich langrannte. Ein Stück Broadway, dann die Ann Street entlang und schließlich in eine kleine Nebenstraße, was sicher ein Fehler war. Von links und rechts kamen schwarze Wände aus Staub heran. Es war eine Falle, es gab keine richtigen Türen, nur Rückwände von Bürogebäuden. Neben mir waren noch zwei Bauarbeiter, alles war schwarz, einer der Bauarbeiter hebelte mit einer Stange einen Eisenverschlag auf, der in einen kleinen Keller führte. Niemand von uns wusste, was dort unten war und passieren konnte. Die Luft war schwarz und dick, keiner redete. Wir atmeten langsam. Zwei der Bauleute machten ihre Feuerzeuge an. Es war nichts zu sehen. Ich fragte mich, was ich hier eigentlich wollte. Was ich ursprünglich hier gewollt hatte.
Zwei, drei Minuten später kam ein Polizist mit einer Taschenlampe und stieß uns die Treppe hinunter. Wir liefen ein paar Gänge entlang und fanden einen Lichtschein unter einer Tür. Der Polizist öffnete die Tür. Es war das Hausmeisterzimmer vom Temple Court Building, Beekman Street Nummer 5. An der Wand über der kleinen Werkbank hing ein Fluchtplan.
Es war kein Hausmeister da, aber ungefähr 15 Leute hockten beieinander.
Sie sahen uns teilnahmslos an.
Eine Frau in einem beigen Kostüm weinte ununterbrochen. Eine dicke, schwarze Polizistin übergab sich. Ein Mann mit einem Aktenkoffer saß aufrecht in der Ecke, mit einem Tuch vorm Mund. Er hat Asthma, flüsterte jemand. Ein Polizist, der seine Marke über einem Shirt der Green Bay Packers trug, brachte zwei Wasserkanister. Er hieß Sammy Fontanec, er wusch den beiden Bauarbeitern und mir die Augen aus. Wir sollten am besten kotzen, bevor wir trinken, sagte David Liebman, ein Immobilienkaufmann aus der Chambers Street, der hierher geflüchtet war, nachdem der erste Turm zusammenbrach. Ein Junge namens Steven Weiss wollte raus und helfen. Er stammt aus Staten Island, studiert an der Penn State und war heute hier, um für den demokratischen Bürgermeisterkandidaten Mark Green zu werben. Die beiden Polizisten ließen ihn nicht aus dem Keller. Steven beruhigte die kranke Polizistin.
Die Frau im beigen Kostüm heißt Eileen McGuire und arbeitet als Vice President für die Firma Marsh Technology and Information Services im 97. Stock des World Trade Center Nummer 1 (North Tower). Ihre Arbeitszeit beginnt um 9 Uhr. Sie sah das Haus brennen, als sie aus der Subway stieg, und flüchtete vor der Staubwolke des ersten Turms in den Keller. Ihr Mann arbeitet für dieselbe Firma im 99. Stock. Sein Arbeitstag beginnt um 8 Uhr. "Ich weiß nicht, was mit ihm ist", sagte sie, als müsste sie sich entschuldigen. Stefan Garrin hieß der asthmakranke Mann mit dem Koffer. Er ist Anwalt am Broadway. Auch er sah den Qualm, als er aus der Subway stieg. Er war gar nicht erst zu seinem Büro gegangen, sondern klopfte an verschiedene Türen, um sich zu erkundigen, wo er telefonieren könne. Er wollte seine Frau in der Upper West Side anrufen. Der Portier von Beekman Nummer 5 habe ihn dann reingelassen und in den Keller geschickt. Amy Lindsey erzählte, dass ihr ein Polizist namens Nick das Leben rettete. Sie sei unter einer Bank in der Cortland Street eingeklemmt gewesen. Nick habe sie befreit.
"Er hieß Nick", schrie sie zu Sammy Fontanec herüber. "Nick, verstehst du?"
Fontanec nickte, als würde er ihn kennen. Amy Lindsey lächelte. Sie arbeitet als Beraterin an der Wall Street, sie ist hübsch.
Jemand schaltete das Radio des Hausmeisters ein. Es war 10.50 Uhr, als ich zum ersten Mal hörte, was eigentlich passiert war. Sie redeten von Pennsylvania und Washington D. C., von vier entführten Flugzeugen, die Leute im Keller schwiegen. Es war Krieg in Manhattan. Wir saßen hier im Luftschutzkeller. Garrin, der Asthmakranke, erzählte, dass er gerade in Jerusalem war, als die Bomben fielen. Dann drückte er sich wieder das Tuch vor den Mund. Fontanec zuckte mit den Achseln. Es kamen immer mal ein paar Polizisten und verschwanden wieder. Einer brachte eine Kiste mit verschließbaren Air-Force-Trinkbechern. Steven Weiss konnte endlich helfen, er verteilte die Becher.
Die Polizisten sahen ihn mit leeren Augen an.
Aus ihren Walkie Talkies quollen Zahlen von toten Körpern. Vier Leichen Church Street. Zwei Leichen, sechs Leichen. Eine Leiche. Es gab keine Meldung über Verletzte. Eileen McGuire weinte. Steven Weiss tröstete sie. Es war das Ende der Welt.

Vielleicht war es vorbei, wir lebten - im Foyer erschraken wir vor unserem Spiegelbild

Das Loch war nicht mehr zu flicken.
Um 11.10 Uhr erreichte Eileen McGuire, die Vize-Präsidentin, über das Hausmeistertelefon ihren Mann. Er war zu Hause in der Upper East Side, er hatte einen Arzttermin, den sie vergessen hatte, und war danach nicht mehr ins Büro gefahren. Sie weinte jetzt mehr als vorher.
"He, Leute, Eileens Mann ist am Leben", rief Sammy Fontanec. Alle klatschten und umarmten Eileen, die dabei staubte. Für einen Moment stimmte die kleine Welt der Überlebenden wieder. Vielleicht war es doch kein Krieg, vielleicht war es vorbei. Wir lebten. Dann sagte Minarva Latmer, eine schweigsame alte Dame, dass ihre Tochter tot sei. "Sie war im Turm 1", sagte sie. Dann schwieg sie wieder.
Um 11.20 Uhr kamen zwei Polizisten aus dem Foyer, die den asthmakranken Stefan Garrin ins nahe Beekman Hospital brachten. Fünf Minuten später brachte uns Sammy Fontanec raus. Es war ein wunderschöner heller Tag. Wir erschraken vor unserem Spiegelbild im Foyer. Wir standen noch ein bisschen herum, bis David Liebman nach draußen ging. Vor dem Haupteingang des Temple Court Building lag ein schwarzer hochhackiger Frauenschuh. Trucks und Krankenwagen wirbelten den Staub auf, der nicht mehr aussah wie Schnee. Eileen McGuire verteilte ihre Visitenkarten an uns. Die Adresse ihrer Firma, die Telefonnummern, die daraufstanden, gibt es nicht mehr. Ich steckte sie ein.
Und ging mit den anderen langsam nach Norden. Die Gegend würde nicht wiederzuerkennen sein. Es war, als kämen wir aus der Wüste.
"Niemand dieser Feiglinge kann uns wirklich besiegen", sagte Rudolph Giuliani im Fernsehen, während wir das Gebiet verließen, das jetzt als Ground Zero gilt. Die Stadt wird gestärkt aus diesem Kampf hervorkommen, sagt Giuliani. Ökonomisch, politisch und auch emotional.
Aber die Leute in ganz Manhattan liefen langsamer, so als hätten sie ihr Ziel verloren. Als die Subway, die mich nach Brooklyn Heights brachte, unterm East River für einen Moment stehen blieb, sahen die Leute auf, anders als sonst. Es ist jetzt mehr möglich, eigentlich alles.
Am Abend ging ich noch mal auf die Promenade in Brooklyn Heigths, bevor ich mein Auto abholte, und sah auf die Insel hinüber. Sie sah aus, als hätte man ihr die Frontzähne ausgeschlagen. Ein paar Spaziergänger fotografierten, wie die Abendsonne mit dem Rauch spielte. Es sind Bilder für die Ewigkeit. Historische Fotos. Und-wir-waren-dabei-Fotos.
Um diese Zeit kehrte Stefan Garrin, der Asthmatiker, in die Upper West Side zurück, er hatte anderthalb Stunden im Beekman Hospital gelegen. Die Krankenschwestern seien sehr nett gewesen, sagt er, als ich mit ihm telefonierte, obwohl es ja viel schlimmere Fälle als ihn gab. Es war ihm fast ein bisschen unangenehm. Er war vier Stunden lang nach Hause gelaufen. Ganz langsam.
Steven Weiss, der Student aus Staten Island, rannte bis nachts durch die Stadt, um zu helfen. Er schläft vorerst bei einem Freund in Manhattan, er will da sein, wenn er gebraucht wird, sagt er.
Eileen McGuire war um 3 Uhr nachmittags zu Hause in der Upper East Side. Sie traf ihren Mann, dem sein Arzttermin das Leben gerettet hatte. Sie gingen in die Kirche. Den ganzen Abend saßen sie am Telefon, versuchten Kollegen zu erreichen. Ihre Firma habe sieben Etagen im World Trade Center, sagt Eileen McGuire, die Büros reichten vom 94. bis zum 100. Stockwerk. 1700 Menschen arbeiten dort, arbeiteten dort.
Am Abend weiß sie, dass 60 überlebt haben.

DER SPIEGEL 38/2001
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