15.09.2001

„Kräfte des Bösen“

In Nahost reagierten die Menschen mit aufrichtiger Trauer oder blankem Hass: Moderat äußerten sich Teheran und Tripolis, Bagdad verbreitete Golfkriegsparolen.
Am Morgen nach der Terrorkatastrophe gingen die Israelis mit bedrückten Gesichtern zur Arbeit.
Vom "Ende der Welt" und einer "Apokalypse" sprachen selbst abgebrühte Kriegsreporter. "Das ist Amerikas Jom Kippur", befand die Tageszeitung "Haaretz" in Anspielung auf den Nahost-Krieg 1973, bei dem Israel an seinem höchsten Feiertag vom Angriff der arabischen Armeen überrascht worden war. Andere Kommentatoren erinnerten an den Holocaust: "Wer, wenn nicht das israelische Volk, weiß aus eigener Erfahrung, dass alles, aber auch alles möglich ist."
Auf seitenlangen Bildstrecken berichteten die Tageszeitungen der kriegs- und terrorgeplagten Nation über das Grauen in den Vereinigten Staaten. Der Nahost-Konflikt, angesichts der US-Katastrophe auf die Größe eines lokalen Scharmützels geschrumpft, verschwand auf die hinteren Seiten. Was sind schon ein paar tote Grenzpolizisten, Siedler oder Palästinenser gegen Tausende von Terroropfern in New York und Washington?
Es geht um den "internationalen Kampf der freien Welt gegen die Mächte der Finsternis", erklärte Ministerpräsident Ariel Scharon. Mit steinernem Gesicht las er eine Erklärung ab, in der er das tiefe Mitgefühl Israels mit den USA erklärte: "In dieser schwersten Stunde stehen wir an der Seite unserer Freunde."
Der Premier nannte keine Namen, als er die "Kräfte des Bösen" verdammte. Doch es war klar, dass er damit auch Palästinenserpräsident Jassir Arafat meinte. Minister und Abgeordnete der israelischen Rechten forderten, die Stunde der internationalen Empörung zu nutzen, um die palästinensische Autonomiebehörde zu zerschlagen. In der Nacht zum Mittwoch drangen israelische Panzer in die Stadt Jenin ein, sieben Palästinenser wurden getötet. Am Tag darauf startete die Armee eine weitere Operation rund um Jericho.
Israel sieht sich in seinem Kampf gegen den Terror bestätigt, nachdem es sich jahrelang weitgehend allein gelassen fühlte mit seinen Warnungen vor dem "extremistischen islamischen Terror": Dieser sei "die größte Bedrohung der freien Welt", warnte Verteidigungsminister Benjamin Ben-Elieser.
Trauer und Entsetzen weltweit, doch Jubel in Ost-Jerusalem, im Westjordanland und in den palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon: Mit Maschinengewehren feuerten Milizen Salut-Schüsse in die Luft, wie sie sonst blutige Anschläge gegen Israel feiern. Nun drückten sie ihre Freude darüber aus, dass die mächtigen "imperialistischen USA" in die Knie gezwungen wurden. Frauen und Kinder schwenkten palästinensische Fahnen, klatschten, sangen und stießen Freudentriller aus. "Die Leute sind voll hämischer Genugtuung über den Schmerz der Amerikaner", so Sahi Abu Hadid, 29, ein Busfahrer aus dem Gaza-Streifen.
Auch wenn sich insgesamt nur eine Minderheit der Palästinenser an den Freudendemonstrationen beteiligte - es waren die einzigen Jubelaufnahmen, die die Fernsehstationen nach dem Attentat verbreiten konnten.
Die offiziellen Vertreter der Palästinensischen Autonomiebehörde beeilten sich, den verheerenden Eindruck der TV-Bilder zu relativieren. In Berlin sprach der Generaldelegierte der PLO, Abdallah Frangi, von einer "kleinen Anzahl" seiner Landsleute, die vom "primitiven Empfinden der Rache" geleitet seien. In Nablus setzten Polizisten Kameraleute fest, die frohlockende Palästinenser filmten, und konfiszierten ihre Bänder.
Vor seinem Büro in Gaza-Stadt, wo er gerade mit EU-Sonderbotschafter Miguel Moratinos über Wege aus der Eskalation beraten hatte, zeigte sich Palästinenserchef Jassir Arafat sichtlich betroffen - ganz im Gegensatz zum Golfkrieg 1991, als er eine überschwängliche Sympathieerklärung für Saddam Hussein abgab, während Scud-Raketen auf Israel fielen. Diesmal ließ er keinerlei Unklarheiten aufkommen und verurteilte den "furchtbaren Akt" in ungewöhnlich scharfer Form: "Wir sind völlig geschockt. Es ist unglaublich."
Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, begab sich der Palästinenserchef am Mitt- wochabend in Gaza-Stadt ins Schifa-Krankenhaus und meldete sich zum Blutspenden.
Dass sich Israel, die Türkei, Ägypten und Jordanien, die Verbündeten und Freunde Washingtons im Nahen Osten, binnen weniger Stunden auf die Seite der Amerikaner stellten, war keine Überraschung. Doch selbst manche der schlimmsten Feinde der USA, die Führer der von Washington so genannten Schurkenstaaten, zeigten sich fassungslos:
Die Angriffe auf New York und Washington seien "erschütternd", so Libyens Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi. Alle islamischen Hilfsorganisationen seien aufgerufen, den USA ihre Hilfe anzubieten - "jenseits aller politischen Erwägungen und Differenzen zwischen Amerika und den Völkern der Welt".
Als einen gefährlichen Störfaktor empfindet Syrien den Terroranschlag auf die Vereinigten Staaten. Damaskus ist um gute Beziehungen mit den USA bemüht, um mit Israel wieder Verhandlungen über die Rückgabe der Golanhöhen aufzunehmen. Ein einflussreicher Jungpolitiker aus der Umgebung Präsident Baschar al-Assads: "Wir wollen Frieden und keinen Krieg. Wahrscheinlich wird Amerika uns zwingen, militärisch gegen die Hamas-Kämpfer im Südlibanon vorzugehen, die den Israelis ein Dorn im Auge sind."
Syrien reagierte schon mal mit vorauseilender Unterwerfung und setzte bei einem nächtlichen Handstreich alle palästinensischen Extremisten fest, die in dem Verdacht standen, Terroraktionen gegen die USA auszuhecken.
Am späten Dienstagabend meldete sich Irans Staatspräsident Mohammed Chatami zu Wort - mit einer überraschend deutlichen Beileidsbekundung. Der Staatschef sprach dem amerikanischen Volk sein Mitgefühl aus und verdammte die Anschläge.
Die staatlich gelenkte Presse in Teheran hielt sich an den von Chatami vorgegebenen Kurs. Obgleich die USA in dem von Revolutionsführer Chomeini errichteten Gottesstaat immer noch als der "große Satan" gegeißelt werden, berichteten die Blätter sachlich: "Es wäre eine große Untertreibung", kommentierte die Tageszeitung "Iran News", "wenn wir nur sagen würden, dass wir eine solche Unmenschlichkeit nicht billigen."
Allein das publizistische Sprachrohr der Ultrarechten, die "Tehran Times", kehrte alten Anti-Amerikanismus hervor. Die USA, so das Blatt auf seiner Titelseite, müssten nun "den Preis zahlen für ihre blinde Unterstützung des rassistischen Regimes" in Israel. Wer die "zionistische Lobby" unterstütze, habe mit solchen Reaktionen zu rechnen.
Während im Basar von Teheran ruhiger Alltag herrschte, feierten Irakis in Bagdad die Tragödie mit Freudentänzen und Hupkonzerten: "Die amerikanischen Cowboys ernten jetzt die Früchte ihrer Verbrechen gegen die Menschlichkeit", so ein Sprecher des Diktators Saddam Hussein. Am Mittwochmorgen legte die Tageszeitung "al-Irak" nach: "Was in den USA passiert ist, ist eine Lektion für alle Tyrannen, Unterdrücker und Kriminellen. Die US-Führer hatten seit langem mit dieser Lektion zu rechnen, denn sie haben untragbare Grausamkeit gegen die Völker gezeigt. Nun weinen sie bittere Tränen."
Auch im Westbeiruter Viertel Sukak al-Balat demonstrierten libanesische und palästinensische Frauen gegen Israel und Amerika. "Gott hat die Feinde der Muslime und der Araber bestraft", rief eine Mittfünfzigerin in unmittelbarer Nähe des Deutschen Orientinstituts in ein Megafon, Jubelaufmärsche gab es auch im mehrheitlich von schiitischen Flüchtlingen aus dem Südlibanon bewohnten Viertel Burdsch al-Baradschina. Auf Spruchbändern verhießen jugendliche Hisbollah-Kämpfer den Amerikanern und Israelis "Gottes Strafe" und ihren eigenen Gefallenen "Allahs Belohnung".
Libanons Ministerpräsident Rafik al-Hariri distanzierte sich prompt von der Häme und bezeichnete die Feiernden als nur "eine Hand voll Menschen", deren Verhalten nicht repräsentativ sei für die Gefühle der arabischen Welt. "Wir können solch einen Akt nicht unterstützen", so der aufgebrachte Premierminister, "weil er unseren Prinzipien und unserer Religion widerspricht."
Zwischen blankem Hass und aufrichtiger Betroffenheit blühen die ersten Verschwörungstheorien: Ein prominentes Mitglied der islamistischen Muslimbruderschaft erklärte, seine in Ägypten verbotene, weil "staatsgefährdende" Organisation lehne die "Wahnsinnsaktionen gegen Amerika" nicht nur aus Überzeugung ab, sondern sei der Ansicht, dass eine Gruppe fanatischer Mitglieder des israelischen Geheimdienstes Mossad die Anschläge durchgeführt habe: "Kein Staat der Welt ist so blöd, sich die schreckliche Rache der Supermacht USA ins Haus zu holen, und sei es nur durch die Duldung oder gar Unterstützung solcher Gruppen."
DIETER BEDNARZ, ANNETTE GROSSBONGARDT,
VOLKHARD WINDFUHR, BERNHARD ZAND
Von Dieter Bednarz, Annette Grossbongardt, Volkhard Windfuhr und Bernhard Zand

DER SPIEGEL 38/2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


Video 00:53

Safari-Video Leopard schnappt Vogel aus der Luft

  • Video "Extreme Trockenheit: Autofahrer filmt Sandstürme in Polen" Video 00:50
    Extreme Trockenheit: Autofahrer filmt Sandstürme in Polen
  • Video "Propaganda-Parade: China präsentiert neuen Lenkwaffenzerstörer" Video 01:02
    Propaganda-Parade: China präsentiert neuen Lenkwaffenzerstörer
  • Video "Videoanalyse: Irre Ziele gehören zum Prinzip Tesla dazu" Video 02:35
    Videoanalyse: "Irre Ziele gehören zum Prinzip Tesla dazu"
  • Video "Amateurvideo: Weichenstellung auf der Einschienenbahn" Video 01:38
    Amateurvideo: Weichenstellung auf der Einschienenbahn
  • Video "Amal Clooney vor der Uno: Dies ist Ihr Nürnberg-Moment" Video 01:29
    Amal Clooney vor der Uno: "Dies ist Ihr Nürnberg-Moment"
  • Video "Anschläge in Sri Lanka: Videos zeigen mutmaßlichen Attentäter" Video 02:21
    Anschläge in Sri Lanka: Videos zeigen mutmaßlichen Attentäter
  • Video "Erdbeben auf den Philippinen: Wasser stürzt aus Hochhaus-Swimmingpool" Video 00:51
    Erdbeben auf den Philippinen: Wasser stürzt aus Hochhaus-Swimmingpool
  • Video "Istanbul: Wohnhaus stürzt Abhang hinunter" Video 00:48
    Istanbul: Wohnhaus stürzt Abhang hinunter
  • Video "Illegales Haus auf dem Meer: US-Investor droht in Thailand Todesstrafe" Video 01:51
    Illegales Haus auf dem Meer: US-Investor droht in Thailand Todesstrafe
  • Video "Fotograf trifft Felsenpython: Die tut nix, die will nur beißen" Video 50:00
    Fotograf trifft Felsenpython: Die tut nix, die will nur beißen
  • Video "Wir drehen eine Runde - Suzuki Jimny: Klare Kante" Video 06:24
    Wir drehen eine Runde - Suzuki Jimny: Klare Kante
  • Video "Weltuntergangsstimmung: Die Böenwalze über der Stadt" Video 01:09
    Weltuntergangsstimmung: Die Böenwalze über der Stadt
  • Video "Mobilitäts-Konzept: Der Innercity-Intercity-Airport" Video 03:45
    Mobilitäts-Konzept: Der Innercity-Intercity-Airport
  • Video "Weg in die USA: Die tödliche Flucht der 7-jährigen Jakelin" Video 10:11
    Weg in die USA: Die tödliche Flucht der 7-jährigen Jakelin
  • Video "Safari-Video: Leopard schnappt Vogel aus der Luft" Video 00:53
    Safari-Video: Leopard schnappt Vogel aus der Luft