15.09.2001

--- S.207 SERIE - TEIL 20 SPUREN BEI DEN NACHBARNTABU VICHY

Das sorgsam inszenierte Geschichtsbild der Franzosen, die sich heldenhaft den Nazis widersetzten, ist geklittert. Nirgendwo sonst funktionierte die Zusammenarbeit von Besetzern und Besetzten so reibungslos wie unter dem von Hitler abhängigen Vichy-Regime. / VON ROMAIN LEICK
Der Greis mit den eingefallenen Zügen und den zusammengepressten Lippen wirkt wie ein Gespenst aus der Vergangenheit. Maurice Papon, 91, erster und einziger hochrangiger Franzose, der wegen Beihilfe zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit während der Nazi-Zeit verurteilt wurde, ist der am besten behütete Häftling des Landes. Ärzte wachen sorgfältig über seinen gesundheitlichen Zustand.
Der alte Mann verlässt seine zwölf Quadratmeter große Einzelzelle im Prominenten-Block des Pariser Gefängnisses La
Santé nur selten. Die zwei Stockwerke hinab in den Hof zu steigen, um frische Luft zu schnappen und einen Spaziergang zu machen, ist ihm zu beschwerlich.
Er liest viel, hält sich auf dem Laufenden, schaut gern fern, am liebsten Sportsendungen. Mehrmals wöchentlich empfängt er Besuch von Angehörigen und Anwälten. Sein Verhalten gilt als musterhaft, der Häftling mit der Nummer 887758 hat sich der Gefängnisdisziplin perfekt angepasst.
Aber Papon will seine letzten Tage, seine "Annäherung an die Ewigkeit", wie er sagt, nicht hinter Schloss und Riegel verbringen. Er möchte in Freiheit sterben, stolz und ungebrochen. Zum dritten Mal in zwei Jahren haben seine Anwälte jetzt ein Gnadengesuch an Präsident Jacques Chirac gerichtet.
Der Staatschef wird es wohl wieder abschlägig bescheiden. Er kann kaum anders, denn Milde für den Mann, den dessen Verteidiger Maître Jean-Marc Varaut den "ältesten Gefangenen Frankreichs" nennt, würde eine Welle der Entrüstung auslösen und die ganze Nation spalten. Eine emotionsgeladene Debatte über den Fall Papon kann Chirac nicht gebrauchen - er möchte schließlich in acht Monaten als Präsident wiedergewählt werden.
Maurice Papon ist der letzte bedeutende Vertreter eines Regimes, das der schwärzeste Fleck in der 1500-jährigen staatlichen Geschichte Frankreichs ist: "Vichy", jene autoritäre, antisemitische Regierung von Hitlers Gnaden, die unter Marschall Philippe Pétain, dem Sieger von Verdun im Ersten Weltkrieg, von 1940 bis 1944 in der Kurstadt residierte.
Bis heute ist Vichy ein "Syndrom", so der Historiker Henry Rousso, "eine Vergangenheit, die nicht vergeht". Denn Vichy steht für einen politischen, militärischen und moralischen Zusammenbruch, der beispiellos ist in der Geschichte moderner westlicher Staaten. Es bezeichnet ein Trauma, das ins kollektive Unterbewusstsein eingegangen ist und jederzeit aus dem Schlummer der Verdrängung erwachen kann - auch noch nach über einem halben Jahrhundert.
Vichy, das ist das Symbol der Kollaboration. Sie begann am 24. Oktober 1940, als sich Pétain und der deutsche Führer Adolf Hitler in Montoire zu einer Unterredung über die künftige Zusammenarbeit beider Länder trafen. Wenige Tage später erklärte Pétain im Rundfunk: "Eine Kollaboration wurde ins Auge gefasst. Ich habe im Prinzip zugestimmt."
In kaum einem anderen Land funktionierte die Zusammenarbeit von Besetzern und Besetzten so reibungslos wie in Frankreich. Dieser Einsicht widersetzte sich nach der Befreiung 1944 der Stolz der großen Kulturnation - und so entstand ein politisches und gesellschaftliches Tabu, das sich jahrzehntelang hielt und auch heute noch besteht.
Papon verkörpert in seiner Person beides: die Schuld und ihre Verleugnung, den Verrat und die Loyalität. Gerade das macht ihn so repräsentativ für eine Kaste hoher Funktionäre, die verschiedenen Herren und verschiedenen Republiken dienten, ohne jemals an ihrer Legitimität zu zweifeln.
Mit 31 Jahren war Papon Generalsekretär in der Präfektur des Departements Gironde in Bordeaux geworden. Dort tat er sich als beflissener Helfer der Gestapo im besetzten Frankreich hervor. Zwischen dem 20. Juni 1942 und dem 16. Mai 1944 schickte er mit Hilfe ihm unterstellter französischer Polizisten 1690 Juden, darunter 223 Kinder, in zwölf Konvois in die deutschen Todeslager. Nur 8 kehrten aus Auschwitz zurück.
Papon war während des Kriegs lediglich ein Rädchen im mörderischen Getriebe, aber eines, das sich präzise drehte. Insgesamt wurden 73 853 Juden aus Frankreich deportiert. Ganze 2600 entgingen der ihnen zugedachten Endlösung.
Der penible Vichy-Beamte, so hieß es 1997 in der Anklageschrift, habe die Verschleppungen "in voller Kenntnis der vorgesehenen Vernichtung" dieser Menschen "ausschließlich auf Grund rassischer und religiöser Kriterien" organisiert.
Wie so viele andere Diener des Vichy-Staats stritt Papon jede Schuld ab. Obwohl er 1945 vom französischen Kriegsminister als "Agent des Feindes" geführt wurde, blieb er lange unbehelligt. Von Auschwitz will er nichts gewusst haben, was möglich ist; er habe sogar das "Menschenmögliche" getan, um Juden zu retten, etwa indem er jüdische Namen von den Einwohnerlisten strich.
Dass es darum gegangen sei, "Schlimmeres zu verhindern", ist freilich die Standardausrede vieler, die sich in die Kollaboration verstrickten. Sie verschweigen, dass ohne die bereitwillige Hilfe der französischen Verwaltung die Deutschen gar nicht in der Lage gewesen wären, die Juden systematisch ausfindig zu machen - in ganz Frankreich waren nur 2500 deutsche Polizisten im Einsatz.
Vor Gericht sah sich Papon in einem "abgekarteten politischen Prozess" als Opfer von "Kommunisten", der "linken Lobby" sowie "ausländischer Organisationen" - womit er wohl jüdische meinte.
Auch nach inzwischen knapp zwei Jahren Haft zeigt der Selbstgerechte mit dem scharfen Verstand und dem kalten Herzen keinerlei Zeichen von Reue. "Ich werde den Kopf nicht senken und bis zum letzten Atemzug jede vorgebliche Schuld bestreiten. Ich zweifle nicht, dass die Geschichte mir Gerechtigkeit erweisen wird", sagt der schreckliche Monsieur Papon - eitel, von Selbstmitleid erfüllt und uneinsichtig bis zum Schluss.
Dass die Strafe - zehn Jahre Haft - ihn erst über ein halbes Jahrhundert nach den Taten ereilte, bestärkte zweifellos Papon in seinem Unvermögen, sich zu seinen Verfehlungen zu bekennen. Dem Vichy-Funktionär gelang nach dem Krieg, begünstigt durch den allgemeinen Wunsch nach Verdrängung und Vergeben, eine glänzende Karriere. Er brachte es zum Präfekten in Algerien, zum Polizeichef von Paris, zum gaullistischen Abgeordneten und schließlich sogar zum Budgetminister unter Präsident Valéry Giscard d''Estaing.
Im Verfahren gegen Papon vor dem Schwurgericht in Bordeaux sei auch Frankreich nachträglich verurteilt worden, meint deshalb der Anwalt und Nazi-Jäger Serge
Klarsfeld, Autor einer vierbändigen Dokumentation über den "Holocaust in Frankreich", denn ebenso schlagartig wie schmerzlich habe sich die Frage gestellt: "Wie konnte ein solcher Mann nach dem Krieg bei uns eine derartige Karriere machen?" Nur weil viele vieles wussten und alle schwiegen.
Hinter dieser allgemeinen Vertuschung verbirgt sich eine weitere, freilich nur noch historische Anklage, die auf die Leitfigur der Fünften Republik zielt: auf den Helden des freien Frankreich, General Charles de Gaulle. Denn de Gaulle, der hehre Widerstandskämpfer, der Pétains Ersuchen um Waffenstillstand mit den Deutschen in seinem berühmten Appell von London aus ablehnte, steht am Anfang einer Geschichtsklitterung, mit der Frankreich die Illusion seiner verlorenen Größe aufrechterhalten wollte.
Anders als der von einer Mehrheit von Franzosen verehrte und unterstützte Pétain hatte de Gaulle sich im entscheidenden Augenblick richtig entschieden: für die scheinbar aussichtslose Fortsetzung des Kriegs im Bund mit dem britischen und später auch amerikanischen Verbündeten. "Frankreich hat eine Schlacht verloren, aber nicht den Krieg", donnerte er in seiner legendären, wenn auch damals kaum gehörten Rundfunkansprache, "denn Frankreich ist nicht allein, es ist nicht allein!"
Da er, anfangs fast nur auf sich gestellt, sich politisch nicht geirrt hatte, besaß der General nach Kriegsende die unumstrittene Autorität, seine Wahrheit im Dienst der Staatsräson zu verkünden. Er war von der ersten Stunde an der wortreichste, beharrlichste und politisch mächtigste Verbreiter des modernen französischen Geschichtsmythos.
Um das in den Grundfesten seines Selbstbewusstseins getroffene Volk nicht auf ewig in verräterische Kollaborateure (eine Mehrheit) und patriotische Widerständler (eine Minderheit) zu spalten, verkündete de Gaulle nach seinem triumphalen Zug durch Paris am 26. August 1944, das ganze französische Volk habe sich gemeinsam vom Nazi-Joch befreit. Begierig und dankbar griffen die Gedemütigten und Verunsicherten die Legende auf. Über Nacht verwandelten die Franzosen sich in ein einig Volk von heroischen Widerstandskämpfern. Die Zahl der selbst ernannten "résistants" multiplizierte sich ins Unermessliche.
Der angelsächsische Romanist und Historiker Colin Nettelbeck hat diesen gaullistischen Geschichtsmythos in etwa wie folgt skizziert:
Nachdem Frankreich in den dreißiger Jahren durch eine unfähige Führung und durch parteipolitische Flügelkämpfe demoralisiert war, unterlag es 1940 den besseren deutschen Waffen. Selbst als das Land von der Wehrmacht, die es vier Jahre lang besetzt hielt, ausgeblutet wurde, leistete es tapfer Widerstand - von außen durch de Gaulles "Freies Frankreich", von innen durch mehrere Geheimorganisationen der Résistance. Frankreich erhielt seine Freiheit und Ehre zurück, als es die Deutschen vertrieb - natürlich ein bisschen von den Alliierten unterstützt.
Für dieses sorgsam inszenierte Geschichtsbild mussten in der Woche vor der Befreiung von Paris im August 1944 mehr als tausend Bewohner der Hauptstadt ihr Leben lassen - in einem befohlenen Aufstand gegen die ohnehin abrückenden deutschen Truppen. Kleine Gedenktafeln an den Hausfassaden halten die Erinnerung an die Gefallenen wach. Jedes Mal zum Jahrestag lässt das Rathaus die Plaketten mit einem Blumenstrauß schmücken.
Eine heldenhafte Nation: Die wenigen Schufte, eine kleine Clique, die nach dieser Legende Deutschland geholfen hatte, wurden bei der "Säuberung" von 1944 bis 1947 eliminiert. Marschall Pétain, zum Tode verurteilt und von de Gaulle sofort zu "lebenslänglich" begnadigt, musste in die Verban-
nung auf die Ile d''Yeu, sein schändlicher Premier Pierre Laval wurde erschossen.
Verräterische Intellektuelle und Ideologen, wie der Journalist und Romancier Robert Brasillach oder sein Kollege Pierre Drieu La Rochelle, kamen vor Erschießungskommandos oder begingen Selbstmord.
De Gaulles Kalkül ging auf, Frankreich konnte wieder selbstbewusst als geeinte Nation auftreten. Dieses in den Augen des Generals vom Schicksal ausersehene Land, das "ewige Frankreich", sah seine Rolle darin, Führungsmacht einer neuen europäischen Gemeinschaft zu werden. Es sollte stark genug sein, um sowohl der Gefahr aus dem Osten als auch der amerikanischen Hegemonie zu widerstehen - mit dem besiegten, schuldbeladenen und deshalb willfährigen Deutschland als zauderndem Juniorpartner.
Der schöne Schein ist längst zerbrochen, zertrümmert von Historikern, die sich allerdings erst spät - ab 1978 - an eine klare und genaue Darstellung der Zeit von 1938 bis 1944 machten. Nicht zufällig ließen zuerst die Arbeiten nichtfranzösischer Forscher das Vichy-Regime und die deutschfranzösische Kollaboration in neuem Licht erscheinen, darunter besonders das Werk von Robert O. Paxton: "Vichy France. Old Guard and New Order 1940 - 1944".
Und erst seit 1983 lernen französische Schüler im Geschichtsunterricht der Abschlussklassen, dass nicht allein die Gestapo Juden in Frankreich festnahm. In Wirklichkeit sympathisierte fast die gesamte Beamten- und Richterschaft sowie die übergroße Mehrheit der Bevölkerung nicht mit dem in London agierenden und parlierenden de Gaulle, sondern mit Pétain. Noch Ende April 1944 jubelten ihm bei seinem Besuch in Paris die Massen zu.
Aber die Sehnsucht nach einer Versöhnung der beiden historischen Gegengestalten existiert in vielen Köpfen und Herzen ungebrochen fort. Während de Gaulle demnach das "Schwert" Frankreichs gewesen sei, wäre Pétain sein "Schild" gewesen, ein gutwilliger und beschützender Landesvater, der die Leiden seines Volkes teilen und nach Möglichkeit mildern wollte.
De Gaulles früherer Bürochef Olivier Guichard, 81, der heute für die Freilassung Papons plädiert, erinnert kühl daran, dass die drei Premierminister des Generals unter Vichy im Öffentlichen Dienst tätig waren: Michel De-
bré, Georges Pompidou und Maurice Couve de Murville.
Viele Altgaullisten, so der Ex-Premier Pierre Messmer und das Mitglied der ehrwürdigen Académie française, Maurice Druon, haben eine Petition unterzeichnet, in der Präsident Chirac um die Begnadigung Papons gebeten wird. Denn der sei eben nicht nur Kollaborateur, sondern auch Teilnehmer des Widerstands gewesen.
Tatsächlich hatte es Papon mit seinen guten Beziehungen geschafft, in die Ehrenlegion aufgenommen zu werden und obendrein auch noch eine Medaille als Widerstandskämpfer zu bekommen. Ein Ehrengericht der Résistance hatte Papon noch 1981 gegen Vorwürfe in Schutz genommen.
Nirgendwo wird die Zweideutigkeit menschlichen Verhaltens besser sichtbar als auf dem Prüfstand der Geschichte. Kann es möglich sein, dass jemand, der Juden an die Nazis auslieferte, gleichzeitig der Widerstandsbewegung angehörte?
Moralisch gewiss nicht, in der Praxis aber durchaus - man konnte sehr wohl erst Karrierist und Kollaborateur in Vichy sein und später, vor allem von 1943 an, als die Kriegswende sich erkennbar abzeichnete, auf die andere Seite wechseln - und sich dabei immer als Patriot empfinden. Insofern darf Papon als ein Musterbeispiel für die Ambiguität und die Ambivalenz der Kollaborateure im Staatsauftrag gelten.
Zu diesen schillernden und changierenden Figuren der alten politischen und bürokratischen Elite Frankreichs gehörte auch der 1996 verstorbene Präsident François Mitterrand. Wenige Monate vor dem Ende seiner 14 Jahre währenden Amtszeit, der längsten seit Napoleon III., enthüllte ein Buch des Journalisten Pierre Péan die rechtsradikale Vergangenheit des sozialistischen Idols ("Eine französische Jugend - François Mitterrand 1934 - 1947").
Als Student hatte sich Mitterrand, der 1981 im Namen einer neuen, moralisch sauberen Politik in den Elysée-Palast gekommen war, der ultrarechten Bewegung "Croix-de-Feu" (Feuerkreuz) angeschlossen. Im Pariser Quartier Latin demonstrierte der Jüngling gegen die Invasion von "métèques" - unerwünschten Ausländern, die aus Osteuropa oder vor Hitler, Mussolini und Franco in das Heimatland der Menschenrechte flohen.
Ein bis dahin unbekanntes Foto zeigte Mitterrand 1942 im Gespräch mit Pétain. Der Marschall verlieh ihm den höchsten Orden des Vichy-Regimes, die "Francisque", für seine Verdienste als Beamter im Kommissariat für die Wiedereingliederung Kriegsgefangener. Die Auszeichnung, so Mitterrands Erklärung, habe er nur angenommen, um seine Tätigkeit im Untergrund gegen die Deutschen seit 1943 (Deckname "Morland") zu tarnen.
Noch als Präsident, bis 1986, pflegte der Erneuerer des französischen Sozialismus freundschaftlichen Umgang mit René Bousquet, dem Polizeichef von Vichy, der direkte Verantwortung für die Deportation Tausender von Juden trug. Auch Bousquet hatte nach dem Krieg Karriere in der Wirtschaft gemacht. Erst 1993 sollte er zur Rechenschaft gezogen werden, doch kurz vor Prozessbeginn erschoss ihn ein psychisch gestörter Attentäter.
Mitterrand, der bis zu seinem Tod jede Verantwortung des französischen Staats für Verbrechen der Vichy-Regierung ablehnte, hatte persönlich dafür gesorgt, dass 1987 ein erstes Verfahren gegen Papon eingestellt wurde. Der Publizist Georges-Marc Benamou, in den letzten Lebensjahren François Mitterrands einer von dessen intimsten Gesprächspartnern, wurde 1994 Zeuge einer gespenstischen Begegnung: Mitterrand und Papon trafen sich zufällig im Pariser Restaurant "La Marée" - und grüßten einander schweigend wie alte Verschwörer mit einem komplizenhaften Augenaufschlag.
"Vichy ... Vichy ... sie wissen nicht, wovon sie reden, diese Hirnlosen", fertigte Mitterrand verächtlich alle Kritiker ab, die sich durch seinen krummen Lebenswandel und seine vielen Verstellungen abgestoßen fühlten. "In Vichy war ja fast jeder dabei. Aber es gibt diejenigen, die bei Kriegsende gut rauskamen, und die anderen, die schlecht rauskamen." Er gehörte nach seiner Überzeugung zu den Ersteren, und Papon, wie er meinte, ganz genauso.
De Gaulle hatte Mitterrand 1944 für wenige Tage in seine provisorische Regierung als Generalsekretär aufgenommen: War dieser Persilschein nicht gut genug, um einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen? Wie sein großer Widerpart wollte Mitterrand die Spaltung Frankreichs in Pétainisten und Gaullisten, in Kollaborateure und Widerständler überwinden. Es sei an der Zeit, so beschwor er seine Landsleute, diese "ewigen Bürgerkriege zwischen den Franzosen" zu beenden und sie miteinander zu "versöhnen".
Doch er konnte den Riss nur zudecken, nicht wirklich kitten, der "psychohistorische Abszess", so der Historiker Nettelbeck, eiterte weiter. Denn worüber man nicht sprechen kann, das lässt einem keine Ruhe.
Erst Mitterrands Nachfolger Jacques Chirac, ein selbst ernannter Gralshüter des Gaullismus, stellte sich 1995 als erster Staatschef seit 50 Jahren der historischen Wahrheit. Am 16. Juli 1995 brach er öffentlich mit der Tradition seiner Vorgänger, als er während einer Gedenkfeier für die große Judenrazzia in Paris 53 Jahre zuvor an "jene schwarzen Stunden" erinnerte, "die auf immer unsere Geschichte beschmutzen. Ja, der verbrecherische Wahn des Besetzers wurde unterstützt von Franzosen, vom französischen Staat".
Nicht Hitlers Schergen, sondern 4500 französische Polizisten und Gendarmen (genannt "agents capteurs", Greifagenten) nahmen auf Befehl ihrer Chefs in Paris und den Vororten der Hauptstadt am 16. und 17. Juli 1942 exakt 13 152 Juden fest, um sie den Nazis auszuliefern. Familien wurden auseinander gerissen, Mütter von ihren Kindern getrennt, Greise - darunter Veteranen des Ersten Weltkriegs - brutal in die Transportfahrzeuge gestoßen.
Im inzwischen abgerissenen Radsportstadion Vélodrome d''hiver ("Vél d''hiv") am Boulevard de Grenelle, nicht weit vom Eiffelturm, trieben die Pariser Flics im Vichy-Auftrag 4115 Kinder, 2916 Frauen und 1129 Männer zusammen. Fünf Tage mussten sie dort im Freien unter unmenschlichen Bedingungen ausharren. Die Kinder wurden den Deutschen von der französischen Verwaltung geradezu aufgedrängt - die Gestapo wollte Juden, die jünger als 16 waren, ursprünglich gar nicht übernehmen.
Mit der "grande rafle du Vél d''hiv" hatte Frankreich, wie Chirac bekannte, das "nicht wieder Gutzumachende" vollbracht und "untilgbare Schuld" auf sich geladen.
Das Vichy-Regime verschickte auch 10 000 ausländische Juden aus der unbesetzten Zone nach Auschwitz, mithin aus einem Gebiet, in dem es bis Ende 1942 keine Deutschen gab. "Die einzigen Juden Europas, die aus unbesetzten Gebieten deportiert wurden, kamen aus Frankreich", sagt Serge Klarsfeld bitter. Aber in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg seien "neun von zehn Franzosen" überzeugt gewesen, dass allein die Gestapo Juden festgenommen habe. Dabei hatte es in Paris viele Augenzeugen der großen Razzia gegeben.
Die Zusammenarbeit der französischen Polizei mit den Nazis bei der Judenverschleppung blieb lange der verborgenste, der am meisten geleugnete Aspekt der französischen Kriegsgeschichte. Die Archive blieben verschlossen, für die Fachhistoriker an den Universitäten waren Judenverfolgung und Vichy bis 1980 kein Thema.
Unermüdlichen Mahnern wie Klarsfeld ist es zu verdanken, dass Frankreichs Mitwirkung am Holocaust inzwischen nahezu lückenlos dokumentiert ist. Für Klarsfeld war Chiracs Bekenntnis ein Höhepunkt. Altgediente Gaullisten dagegen sehen noch heute darin Verrat am Erbe des großen Generals. Der Ex-Premier Messmer, einer der historischen "Barone" des Gaullismus, empörte sich während des Papon-Prozesses über die Erklärung des "Inhabers der höchsten Staatsgewalt", wonach alle Franzosen mit verantwortlich seien für die Vichy-Verbrechen: "Falsch und eine Beleidigung der Widerstandskämpfer." De Gaulle selbst hat in seinen Kriegserinnerungen den Holocaust so gut wie gar nicht erwähnt.
Ist es unmenschlich, den alten Mann, der nun als Einziger für französische Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Pariser Santé-Gefängnis büßt, in Haft zu behalten, womöglich bis zu seinem Tod? Irgendwann sei der Zeitpunkt gekommen, an dem "die Menschlichkeit über das Verbrechen siegen" müsse, sagt der ehemalige Justizminister Robert Badinter und plädiert für Begnadigung. Sein Wort hat Gewicht, denn der Sozialist Badinter schaffte nach dem Machtantritt der Linken 1981 die Todesstrafe in Frankreich ab.
Sogar eine frühere Deportierte, die bekannte Ethnologin Germaine Tillion, 94, die drei Jahre im Frauen-KZ Ravensbrück verbrachte, ist dagegen, "einen Mann von über 90 Jahren, der keinen Schaden mehr stiften kann, im Gefängnis zu lassen".
Das ist gewiss nobel gedacht, und doch irrt die ehemalige Widerstandskämpferin Tillion. Denn Papon richtet sehr wohl weiter Schaden an, er wühlt auf, immer noch. "Er hält sich für Hauptmann Dreyfus", sagt Klarsfeld. Papon hat seine Handlungen nie bedauert, für seine Opfer zeigte er nur Verachtung. Sein unerträgliches Verhalten hat seinen Fall ins Symbolische gerückt: Seine Freilassung würde wie eine Desavouierung des Urteilsspruchs wirken, sie käme einer Art Geschichtsrevisionismus aus humanitären Gründen gleich.
Und deshalb ist sich Klarsfeld ganz sicher: Papon muss im Gefängnis bleiben, drei, vier Jahre noch. Und notfalls darin sterben. Alles andere wäre eine abermalige Beleidigung der Opfer, ihrer Angehörigen und ihrer Nachkommen.
Patrick Devedjian, einer der engsten politischen Berater Chiracs und bis vor kurzem Sprecher der Gaullistenpartei RPR, hat schon angedeutet, wie der Staatschef denkt: "Es hat Menschen über 90 gegeben, die nach Auschwitz verfrachtet wurden. Niemand hat jemals ein Gnadengesuch für sie unterzeichnet."
Romain Leick ist SPIEGEL-Redakteur in Paris.
"Der Einmarsch der deutschen Truppen in Paris besiegelte das Ende Frankreichs als große Macht."
Jean-Paul Cointet, französischer Historiker
"Es gibt im Leben einer Nation Augenblicke, welche die Erinnerung verletzen."
Staatspräsident Jacques Chirac
"Das französische Volk bestand 1940 aus 40 Millionen Pétainisten."
Henri Amouroux, Publizist und Historiker
* Georg von Küchler (2. v. l.), Fedor von Bock (3. v. l.). * Während seines Prozesses in Bordeaux 1998. * Oben: Eröffnung einer Propagandaausstellung, auf dem Wandbild: Hitler, Pétain; unten: mit US-Generalstabschef George C. Marshall 1945 in Washington. * In der Nähe der italienischen Grenze, um 1943.
Von Romain Leick

DER SPIEGEL 38/2001
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--- S.207 SERIE - TEIL 20 SPUREN BEI DEN NACHBARN:
TABU VICHY

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