24.09.2001

MUSEEN„Es ist vergeblich“

Das neue Jüdische Museum in Berlin will mit der Geschichte versöhnen und die Bundesrepublik als moralische Weltmacht etablieren. Es könnte zu viel des Guten sein. Von Henryk M. Broder
Das erste Objekt, das der Besucher zu sehen bekommt, ist eine etwa zwei mal vier Meter große Glastafel im Eingangsbereich mit den Namen der "Sponsoren und Förderer": Große Banken, Industriebetriebe, Handelshäuser und Medienunternehmen, aber auch private Geldgeber, die sich an dem Projekt mit Spenden beteiligt haben. Es sind Firmen darunter, die im Dritten Reich jüdische Sklavenarbeiter beschäftigt haben, und Nachkommen von Juden, die in Konzentrationslagern schuften mussten. Sobald der Besucher die Glastafel wahrgenommen hat, könnte er kehrtmachen und heimgehen, denn er hat das wichtigste Stück der Ausstellung gesehen. Staatsminister Julian Nida-Rümelin nennt das Jüdische Museum dementsprechend eine "Begegnungsstätte", die "das Seine zu zukunftsgewandter Erinnerung beitragen" soll.
Mit der ihm eigenen Wolkigkeit setzt er sich nicht nur über die Grammatik hinweg, er postuliert auch, was "die Menschen brauchen", nämlich "Orte, Gelegenheiten und Chancen, um aus Erfahrungen der Vergangenheit für die Gegenwart zu lernen und um Zukünftiges zu gestalten".
Der Beauftragte der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und der Medien war selbstredend dabei, als vor zwei Wochen "das größte jüdische Museum Europas", "das bedeutendste Museum für jüdische Kultur und Geschichte" (Nida-Rümelin) in Berlin eröffnet wurde, einer von 850 Ehrengästen, die das Grand Opening zum wichtigsten gesellschaftlichen Event des Jahres machten, einem "Weltereignis" ("SZ") von "Weltgeltung" ("Tagesspiegel"), bei dem "nicht nur die Wiederkehr der toten Juden als Gespenster im Museum" gefeiert wurde, sondern "auch ihre Rückkehr als Paten einer neuen, zentralisierten Republik" ("SZ").
Als dann Iris Berben im Ballkleid durch die "Achse des Holocaust" schwebte, Michel Friedman sich da positionierte, wo die TV-Teams waren, und der Bundespräsident davon sprach, "wie schwer der Verlust wiegt, den wir uns auch selber durch den Holocaust zugefügt haben", da war allen klar: Hier wurde "eine Normalität von so gigantischem Ausmaß" inszeniert, "wie sie dem neuen Deutschland angemessen ist" ("FAZ"). Die Direktorin des Potsdamer Einstein Forums, Professorin Susan Neiman, Amerikanerin, Jüdin und Philosophin, sprach angesichts des Society-Auftriebs und des Aufmarschs der Superlative vom "Witz des Jahrzehnts".
Aber sie hatte zu kurz gegriffen. Denn das Jüdische Museum Berlin präsentiert "Zwei Jahrtausende deutsch-jüdische Geschichte". Nur: Vor zweitausend Jahren gab es zwar schon Juden, aber noch keine Deutschen, und eine deutsch-jüdische "Beziehungsgeschichte" fängt bestenfalls im 16. Jahrhundert an. Deswegen sprach Museumsdirektor Michael Blumenthal auch lieber von einer "Metapher", die man nicht ganz wörtlich nehmen dürfe. Worauf ein Radioreporter eine andere Metapher ins Spiel brachte: "Die Berliner Republik schenkt den Juden ein Museum."
So rum oder andersrum: Man könnte von einer kleinen Mogelpackung sprechen. Das erste Ausstellungsstück ist eine Leihgabe des Vatikans, ein Erlass von Kaiser Konstantin aus dem Jahre 321, in dem von Juden in Köln die Rede ist. Dann geht es, aus Mangel an Dokumenten, mit Speyer, Worms und Mainz im 10. und 11. Jahrhundert weiter. Die Geschichte der Juden "in Deutschland" kann über rund 1000 Jahre dokumentiert werden. Aber wie hätte sich das angehört: "Eintausend Jahre deutschjüdische Geschichte"?
Außerdem lässt sich das Leben der Juden auf deutschem Boden aus zwei Perspektiven erzählen: als Geschichte der Verfolgung, der missglückten Anpassung und des Leidens mit kurzen Epochen der Hoffnung oder als langer, allmählicher Verschmelzungsprozess mit ein paar desaströsen Zwischenspielen wie dem Holocaust. Blumenthal und seine Leute haben sich für die zweite Option entschieden, die optimistische Variante. Denn das Jüdische Museum, sagt Blumenthal, sollte "kein Holocaust-Museum" werden, sondern ein "deutsches Nationalmuseum" - weswegen es kurz vor der Eröffnung aus der Zuständigkeit des Landes Berlin in die des Bundes übergegangen ist. Die kleine Feier fand im Beisein der Presse "zwischen Exilgarten und Holocaust-Turm" statt.
Natürlich kann man nicht erwarten, dass der deutsche Steuerzahler 130 Millionen Mark für den Bau eines Museums ausgibt und es mit 24 Millionen jährlich finanziert, in dem die deutsch-jüdische Geschichte wie ein einziger monumentaler Katastrophenfilm dargestellt wird. Es gab ungeschriebene Vorgaben, die Blumenthal in die Tat umgesetzt hat. Es sollte "eine unterhaltsame Schau für die ganze Familie" werden, "in der sich niemand langweilen" werde, versprachen seine Mitarbeiter Thomas Friedrich und Ken Gorbey, und: "Wir wollen frohe Besucher."
Wer bis jetzt "Juden gucken" wollte, der musste ins ehemalige Berliner Scheunenviertel und hatte da die Auswahl zwischen "gefillte Fisch" im Café Oren und einem Klezmer-Konzert in den Hackeschen Höfen. Im Jüdischen Museum wird ihm in der Tat mehr geboten: die Kauffrau Glückel von Hameln, der berühmte "Jud Süß" Oppenheimer, Finanzrat am Hofe Karl Alexanders von Württemberg, Meno Burg, der erste jüdische Offizier in Berlin, Regina Jonas, die erste Frau, die zur Rabbinerin geweiht wurde, der Denker Moses Mendelssohn, "ein deutscher Sokrates", der "durch seine Schriften erheblich dazu beitrug, die Schranken zwischen Judentum und europäischer Kultur niederzureißen".
Es sind durchweg brave Juden, die in der Ausstellung präsentiert werden: der Jurist Eduard Lasker, Mitbegründer der Nationalliberalen Partei, der Verleger Rudolf Mosse und der Hamburger Reeder und Kaiserverehrer Albert Ballin, der aus Verzweiflung über die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg Selbstmord beging. Andere kommen zu kurz oder gar nicht vor.
Gefragt, warum Rosa Luxemburg nicht einmal erwähnt werde, antwortete Blumenthal, sie habe ihr Judentum "nie thematisiert". Dafür habe man den Sozialdemokraten Eduard Bernstein aufgenommen. Der leugnete zwar nie seine jüdische Herkunft, verabschiedete sich aber 1877 vom Judentum.
Noch mehr Mut gehört dazu, Karl Marx vollkommen zu ignorieren. Er hat mit seinen Schriften die halbe Welt verändert, war ein jüdischer Antisemit und ist bis heute der meistgehasste Jude. An einer solchen Gestalt hätte man die ganze Tragik des aufgeklärten Judentums vorführen können - wenn man es sich nicht zur Aufgabe gemacht hätte, die Besucher vor allem froh zu stimmen. Das Gleiche gilt für Jakob Wassermann ("Der Fall Maurizius"), den Simmel der zwanziger Jahre. Er hat sich ausgiebig mit der deutsch-jüdischen Identität beschäftigt und in seiner Schrift "Mein Weg als Deutscher und Jude" schon früh, 1921, bittere Bilanz gezogen: "Es ist vergeblich, die Verborgenheit zu suchen. Sie sagen: der Feigling, er verkriecht sich. Es ist vergeblich, unter sie zu gehen. Sie sagen: Was nimmt er sich heraus mit seiner jüdischen Aufdringlichkeit? Es ist vergeblich, das Gift zu entgiften. Sie brauen frisches. Es ist vergeblich, für sie zu leben und zu sterben. Sie sagen: Er ist ein Jude."
Auch für Gershom Scholem ("Von Berlin nach Jerusalem") war in der Ausstellung
kein Platz. Der Philosoph und Religionshistoriker hat 1962 mit dem "Mythos vom deutsch-jüdischen Gespräch" abgerechnet. Das sei "nie zu Stande gekommen", die Juden hätten zwar "ein Gespräch mit den Deutschen versucht, fordernd, flehend und beschwörend, kriecherisch und auftrotzend, in allen Tonarten ergreifender Würde und gottverlassener Würdelosigkeit", aber als die Juden dachten, zu den Deutschen zu sprechen, da "sprachen sie zu sich selber, um nicht zu sagen: sie überschrien sich selber", und die Einzigen, die reagierten, waren die Antisemiten, "die zwar den Juden etwas erwiderten, aber nichts Förderliches".
In einer deutsch-jüdischen "Begegnungsstätte", die der "zukunftsgewandten Erinnerung" dienen will, sind solche Ketzereien unerwünscht. Keine Ausstellung kann alles zeigen, aber hier sind die Auslassungen Programm. Dafür steht plötzlich mitten im Raum ein bunt geschmückter Weihnachtsbaum, dermaßen die Illusion nährend, Juden hätten, wie ihre christlichen Nachbarn auch, Weihnachten gefeiert. "Der Dekonstruktion der Architektur folgt die Dekonstruktion der Geschichte", sagt der Historiker Julius Schoeps.
Und das bedeutet auch: die Historisierung des Holocaust. Ausgerechnet das Jüdische Museum schafft, womit Ernst Nolte gescheitert ist. Der Holocaust wird auf ein Ereignis unter vielen reduziert; seine Darstellung in der Ausstellung ist so dezent, dass sie weder einen Eindruck noch einen Schrecken hinterlässt. Auch das ist Absicht. Es gehe darum, sagt Blumenthal, "zu verhindern, dass heute Deutsche, wenn sie von Juden hören oder Juden treffen, sofort immer nur an Auschwitz denken".
Die Wiedergutmachung an den Juden war immer schon mit einer "Wiedergutwerdung der Deutschen" (Eike Geisel) verbunden. Im Jüdischen Museum kommt es zu einer Symbiose beider Motive. Die Juden freuen sich, weil sie endlich wieder wer sind in der deutschen Gesellschaft, und die Deutschen ergreifen die Chance, sich von einer schweren Last zu befreien. Der Holocaust dürfe nicht "die Summe der deutsch-jüdischen Geschichte" sein, sagte Präsident Rau bei der Eröffnung. Blumenthal ging in seiner Rede noch weiter.
Über 50 Jahre nach dem Ende des Krieges sei "bescheidene Zurückhaltung nicht mehr am Platz", Deutschland, "die größte und stärkste Wirtschaftsmacht in Europa", habe mit dem Museum "ein Zeichen gesetzt und ein moralisches Recht erworben, zu den Wortführern im weltweiten Kampf gegen Rassismus und für die Menschenrechte zu gehören".
So wird Deutschland wieder Weltmacht. Und während die Juden in aller Welt letzte Woche den Beginn des Neuen Jahres 5762 feierten, fing für die jüdischen Mitbürger in Deutschland die Zeitrechnung wieder mal bei null an.
* Oben: Iris Berben mit Lebensgefährte Gabriel Lewy; unten: in Betrachtung der Kunstinstallation "Fallen Leaves" von Menashe Kadishman.
Von Henryk M. Broder

DER SPIEGEL 39/2001
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