01.10.2001

TV-STARSAlbern und geschwätzig

Eine interne Moderatoren-Studie des SWR enthüllt Schwächen dutzendfach: Einige Fernseh-Vorturner sind unbeliebt, andere fast unbekannt.
Der Mann ist auch im hohen Alter erstaunlich rüstig. Er dirigiert noch immer die nach ihm benannten 13 Volksmusik-Chöre und zappelt jährlich auf der Love Parade.
Das kommt an. Besonders zwischen Konstanz und Koblenz erfreut sich der Spät-Raver Gotthilf Fischer, 73, inzwischen so großer Popularität, dass er auf einer internen Hitliste des Südwestrundfunks (SWR) ganz vorn landete: 83 Prozent von 800 befragten Zuschauern kannten den Oldie, der Sendungen wie "Straße der Lieder" präsentiert.
Diesen Spitzenwert schaffte von den Eigengewächsen des Senders nur Bernd Schröder. Der moderiert beim SWR die "Landesschau" und im Ersten Programm der ARD die Mittagssendung "Buffet".
Über die Folgerungen solcher Statistik gibt es derzeit in der Stuttgarter Zentrale der zweitgrößten ARD-Anstalt große interne Debatten. Denn: Die als "vertraulich" deklarierte Fleißarbeit der hauseigenen Medienforschung gilt als Basis für einen radikalen Umbau des Programms. Erklärtes Ziel ist ein Mehr an Klarheit - durch weniger Gesichter. Von derzeit rund 130 Moderatoren soll künftig jeder dritte seinen bisherigen Einsatzplatz verlieren.
Bei der Auslese könnte die Marktforschung behilflich sein, dachte sich das Management. In einer knapp 300-seitigen repräsentativen Moderatoren-Studie, die von sechs SWR-Direktoren als Verschlusssache streng gehütet wird und die dem SPIEGEL vorliegt, werden die Einschätzungen der interviewten Zuschauer zusammengefasst.
Den Auserwählten wurden Videos oder Fotos der Moderatoren gezeigt. Sie durften nach Kräften loben, schimpfen und lästern.
Das Ergebnis ist akribisch in Tabellen festgehalten, unterteilt in Bekanntheit und Wirkung. Dabei werden die Namen der SWR-Fernsehstars in einem Vier-Quadranten-Schema festgehalten - wer sich im unteren linken Viereck wiederfindet, gilt als eher überflüssig. Er ist zumindest den Befragten kaum bekannt und wenig sympathisch.
Würden die Ergebnisse der Medienforschung radikal umgesetzt, hätten womöglich wichtige Funktionsträger demnächst Sendepause. So wurde ausgerechnet Bernhard Nellessen, ein politischer Kopf und außerdem Chefredakteur des SWR in Rheinland-Pfalz, von 61 Prozent der Befragten einer "Musik/Schlagersendung" zugeordnet. Dabei moderiert er das ARD-Politmagazin "Report aus Mainz".
Zwar hat der Freund des Intendanten Peter Voß insgesamt eine positive Ausstrahlung, aber offenbar verströmt er eher den Charme eines alternden Musikus. Nur 32 Prozent der Befragten fanden, dass Nellessen "Dinge gut rüberbringt". 38 Prozent meinten, er sei altbacken.
Ebenfalls schlechte Werte erreichte SWR-Auslandschef Immo Vogel. 12 Prozent urteilten sogar explizit, ihm fehle der Pepp. 24 Prozent meinten, seine Gestik sei "übertrieben" und "hektisch". Auch dieser Leistungsträger des öffentlich-rechtlichen Betriebs ist lediglich 16 Prozent des Publikums bekannt - obwohl er sonntags beim "Weltspiegel" im Ersten auftritt und gern bei den "Tagesthemen" kommentiert.
Unliebsame Überraschungen erlebten die SWR-Strategen auf dem Feld der Unterhaltung. Hier schaffte es Turnschuhträger Cherno Jobatey mit einem Bekanntheitsgrad von 45 Prozent nur auf den zehnten Platz in der Hitliste der bekannten Haus-Moderatoren.
Dabei ist der Mann aus dem ZDF-Frühstücksfernsehen und dem ARD-Klamauk "Verstehen Sie Spaß?" im deutschen TV-Geschäft eigentlich gut vertreten. Nur 42 Prozent halten den Mann für "nett" und "angenehm", 14 Prozent finden ihn "albern, unseriös, zu salopp, geschwätzig".
Und auch die attraktive Ex-Eisschnellläuferin Franziska Schenk, die die Sportsendung "Flutlicht" moderiert, kommt nicht so gut an, wie viele dachten. Nur 48 Prozent der Befragten gefiel die Arbeit der TV-Kraft, die nebenbei als Werbemodel arbeitet. Zudem ist sie im Kreis der SWR-Zuschauer nicht sehr bekannt (18 Prozent).
Aber es gibt auch Hoffnungsvolles zu berichten. Sportchef Michael Antwerpes etwa wartet mit respektablen Resultaten auf, er ist bekannt und populär - eine im SWR nicht allzu häufig vertretene Mischung. Talkmaster Wieland Backes, der durch das "Nachtcafé" führt, erreicht ebenfalls Idealwerte und wird bald weitere Sendungen moderieren.
Und dann ist da noch "Tagesschau"-Sprecher Jens Riewa, der im Südwesten mit der "Deutschen Schlagerparade" seine Karriere startete. Er gilt als sehr sympathisch und übertrifft dabei sogar den TV-Koch Johann Lafer. Der Name des Maître ist andererseits vielen geläufiger als der nette Herr Riewa.
Nur einer taucht in dem Dossier nicht auf: Intendant Voß. Obwohl er doch seit längerem in der Reihe "Bühler Begegnungen" Prominente ausfragt und neuerdings den "ARD-Presseclub" moderiert, wurde der Mann nicht abgefragt. Schade, sagt Voß, er sei selbst neugierig, wie er im Test wegkäme. HANS-JÜRGEN JAKOBS
Von Hans-Jürgen Jakobs

DER SPIEGEL 40/2001
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