01.10.2001

SAUDI-ARABIENDie Stiefkinder des Terrors

Heimat der heiligsten Stätten des Islam, Reich des Erdöls: Saudi-Arabien gilt als Partner des Westens und jagt seinen verlorenen Sohn Osama Bin Laden. Doch bei der Bekämpfung des Islamismus ist das Königreich nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems.
Einmal im Leben zum Allerheiligsten pilgern, den Schwarzen Stein küssen, in zwei blütenweiße Tücher gehüllt die Kaaba umrunden, mit 49 Würfen den Satan steinigen! Einmal im Leben zur Wallfahrt nach Mekka, zur Hadsch! Die Reise ist allen Gläubigen als religiöse Pflicht auferlegt, und jedes Jahr kommen sie aus allen Ecken der Welt und aus allen Bevölkerungsschichten: Bauern aus Bangladesch, Studenten aus dem Sudan, Geschäftsleute vom Golf. Mit altersschwachen Booten, mit baufälligen Tupolews oder mit den Flüsterjets der Saudia, Wallfahrt de luxe.
Im Gebiet des heutigen Saudi-Arabien predigte Mohammed, gründete er das erste islamische Staatswesen, liegen mit Mekka und Medina die wichtigsten islamischen Heiligtümer. Wenn diese Religion, zu der sich weltweit über 1,2 Milliarden Menschen bekennen, einen Mittelpunkt hat, dann ist er hier. Regiert wird das Wüstenreich mit seinen 21 Millionen Einwohnern (darunter 6 Millionen Gastarbeiter, die schmutzige Arbeiten erledigen) von König Fahd, 78. Er nennt sich auch "Hüter der beiden heiligen Stätten", was den Anspruch des Königshauses betonen und seine religiöse Legitimierung festigen soll.
Und nun das: Es stellt sich heraus, dass dort, wo der Glauben sein Zentrum hat, auch der Terrorismus zu Hause ist. Osama Bin Laden, in Dschidda geboren und bis zu seiner Ausbürgerung 1994 saudi-arabischer Staatsbürger, erweist sich als hochgradig verdächtig, Drahtzieher des Terrors zu sein. Den konnte man noch als verlorenen Sohn abtun, er wurde auch von den Behörden in Riad gesucht.
Aber wirklich verheerend für das Prestige des Staates, der Washington wie London, Paris wie Berlin zu seinen Freunden zählt: Mindestens 12 der bis jetzt identifizierten 15 Selbstmordattentäter, die am 11. September die vier Flugzeuge in ihre Gewalt gebracht hatten, stammen nach neuesten Erkenntnissen der amerikanischen Ermittler aus Saudi-Arabien (und kein einziger aus Palästina oder Afghanistan). Sie besaßen Pässe des Königreichs, eingefärbt in das Grün des Islam, verziert mit einem Koranspruch und dem Schwert des Propheten.
Sie lebten in der Mitte der Gesellschaft - gebürtig alle aus einer Region. Das eigentliche Terrornest liegt in der südlichen Provinz Asir, an der Grenze zum Jemen (woher Bin Ladens Familie stammt). Diese gebirgige Provinz war eine der letzten, die Anfang der dreißiger Jahre von den Truppen des saudi-arabischen Königshauses erobert und in den Staatsverband eingegliedert wurde.
Bis heute steht Asir nicht gerade im Zentrum des königlichen Interesses. Die Provinz hat wenig von dem sagenhaften Reichtum des Landes profitiert, obwohl auch hier Schulen und Krankenhäuser kostenlos sind. Viele Prediger in den Moscheen und Religionslehrer in den Madrassen der Region stammen aus Ägypten, oft mit Kontakten zu militanten Gruppen in ihrer Heimat. Die Regierung, die über ihre Geheimdienste alle größeren Städte und die Schaltzentralen der Macht streng überwacht, ließ die Männer im südlichen Hinterhof des Wüstenreichs weitgehend gewähren - keine unmittelbare Gefahr, dachte man wohl in Riad.
Doch jetzt ist man im Königshaus mit seinen über 5000 Prinzen und Prinzesprinzen hochgradig nervös geworden. Die Monarchie sieht sich im Zentrum eines kommenden Sturms und fürchtet jede weitere Enthüllung der weltweiten Terrorfahnder. Die Panik zeigt sich auch im politischen Kurs.
Die Herrscher in Riad schwankten in den letzten beiden Wochen zwischen scharfen Worten gegenüber den Taliban samt deren "Gast" Bin Laden und deutlichen Warnungen gegenüber dem Westen vor Angriffen gegen ein islamisches Land. Letzten Dienstag brach die saudische Regierung dann die diplomatischen Beziehungen zu Kabuls Terror-Regime ab. Sie konnte sich aber bis zum Ende der Woche nicht dazu durchringen, den USA die Benutzung des wichtigen und von den Amerikanern mitgebauten Luftwaffenstützpunkts "Prinz Sultan" für Militäraktionen freizugeben - eine ungeheuerliche Brüskierung Washingtons.
Was für ein merkwürdiger Verbündeter, auch schon ohne diesen Eklat: Saudi-Arabien kennt keine politischen Parteien, keine Gewerkschaften, keine freie Presse - das Zugeständnis an westliche Demokratievorstellungen erschöpft sich in einer "Beratenden Versammlung" ("Madschlis al-Schura"), deren 90 Mitglieder der König ernennt und deren Beschlüsse von ihm abgesegnet werden müssen. Frauen haben weit weniger Rechte als etwa in Iran und dürfen nicht einmal ein Auto steuern. Die Strafen für Verbrechen sind mittelalterlich-fundamentalistisch, nach der rigidesten Auslegung der Scharia-Gesetzgebung: Hand-Amputation bei Dieben, öffentliches Köpfen, Peitschenschläge und für Ehebruch auch Steinigen.
Das Praktizieren anderer Religionen neben dem Islam wird nicht geduldet, selbst nicht der verwandten monotheistischen wie Christentum und Judaismus. Wer auch nur privat einen katholischen Gottesdienst organisiert, wird verhaftet. Und einem, der zu missionieren wagte, drohte hier die Todesstrafe - wie in Afghanistan.
Wäre Saudi-Arabien nicht das Land mit den größten Erdölreserven (rund 25 Prozent), würde es wohl vom Westen wegen seiner Menschenrechtsverletzungen geächtet. Und wären diese Ressourcen für den Westen nicht so wichtig, müsste Saudi-Arabien im Licht der neuesten Ermittler-Erkenntnisse fürchten, in die Liste der geächteten "Schurkenstaaten" aufgenommen zu werden: als Brutstätte des Terrors. Denn die Legitimation des Königshauses ist durch den Wahhabismus begründet, eine fundamentalistisch-islamische Strömung. Sie ist de facto Saudi-Arabiens Staatsdoktrin - und Wurzel vieler Gewalttaten.
Natürlich "sind nicht alle Muslime Selbstmordattentäter. Aber praktisch alle muslimischen Selbstmordattentäter sind Wahhabiten", schreibt der Islam-Experte Stephen Schwartz im britischen "Spectator", "die Mörder in Israel wie ihre ägyptischen Gesinnungsgenossen, die jubelnd Touristen in Luxor niederstachen, die algerischen genauso wie die in Kaschmir operierenden Guerrilleros. (Auch) die Taliban praktizieren eine Variante des Wahhabismus".
Wer ist der Mann, den heute Prinzen wie Terroristen als geistigen Wegbereiter akzeptieren, ja verehren?
Mohammed Ibn Abd al-Wahhab (1703 bis 1792) lebte in der Nähe des heutigen Riad ein Dasein in strengster Askese. Er predigte eine "Rückkehr zur ursprünglichen Strenge" des Islam: keine Musik (außer Trommeln), keine Gebetsketten und keine dekorativen Elemente an Moscheen, drakonisches Vorgehen gegen Alkoholkonsum und andere "modernistische" Einflüsse.
Ibn Abd al-Wahhab tat sich bei seinem Kampf mit dem einflussreichen Clan der Sauds zusammen, den Blutsverwandten der späteren Königsfamilie. Die gnadenlosen Puritaner scheuten nicht einmal vor Massenmord zurück: Im Jahr 1801 töteten sie in Kerbela wegen religiöser Differenzen mit den dort lebenden Schiiten über 2000 Menschen auf den Märkten und Straßen.
1932 konnte Abd al-Asis Ibn Saud nach Kompromissen mit der britischen Kolonialmacht das Königreich in seinen heutigen Grenzen proklamieren. Den Islam in seiner wahhabitischen Ausprägung machte er zur Staatsreligion. 1933 vergab der Monarch für 250 000 Dollar an die Standard Oil Company die erste Ölkonzession; 1939 wurde erstmals gefördert, aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann das Schwarze Gold zu sprudeln und Milliarden in die Staatskasse zu spülen. Die "besondere Beziehung" zu den USA war geboren, 1945 durften die Amerikaner in Dhahran einen ersten Militärstützpunkt auf saudischem Boden errichten.
Mit den Geldern aus der "Öl-Rente" besänftigte das Prinzen-Regiment seine nach Reformen rufenden Untertanen. Auch die islamistischen Religionsgelehrten wurden großzügig versorgt, aber sie gaben sich nicht so leicht zufrieden. Sie begannen den ausschweifenden Lebensstil der Führungsschicht anzuprangern. Die Saud-Familie erkannte die Gefahr einer abbröckelnden Machtbasis: Sie gab zur Beruhigung der Radikalen - und wohl auch als Absicherung gegen Attentate aufs Königshaus - Milliardengelder für die weltweite Ausbreitung des Wahhabismus frei.
Viele Petro-Dollar flossen 1979 nach Afghanistan. Der Einmarsch einer "gottlosen" Macht in ein islamisch geprägtes Land entflammte die Wut junger Aktivisten wie Osama Bin Laden; das Königshaus aber musste die tagelange Besetzung der heiligen Stätten von Mekka durch Terroristen erleben. Die saudischen Herrscher sahen sich noch mehr genötigt, zur weltweiten Speerspitze einer Islamisierung zu avancieren - bis heute. Wenn neue Moscheen in Algerien und in Usbekistan, in Nigeria oder in Pakistan entstehen, stammen die Gelder gewöhnlich aus Riad. Und sehr oft sind die Prediger bei den Einweihungsfeiern feurige Wahhabiten mit ihrem rückwärts gewandten Islam-Verständnis.
Als Osama Bin Laden 1990, nach "seinem Sieg gegen die Supermacht UdSSR", strotzend vor Selbstbewusstsein in die Heimat zurückkehrte, mag ihm die Verwestlichung und Verweichlichung der saudischen Führungsschicht noch schmerzlicher aufgefallen sein. Dass Riads Regierung dann im Golfkrieg Tausende amerikanische Soldaten, sogar Soldatinnen, ins Land rief, schien ihm unverzeihlich. Er agitierte für einen Umsturz. Nicht weil er der Staatsreligion abschwören wollte, sondern weil er das Königshaus für Verräter des Wahhabismus hielt. Die "gottlosen" Amerikaner seien zu den wahren Wächtern Mekkas geworden, proklamierte er (obwohl das Königshaus sicherstellte, dass diese nicht einmal nur in die Nähe der heiligen Stätten kamen).
Bin Laden konnten sie ausbürgern, aber gegen den einsetzenden Terror in Saudi-Arabien erwies sich das Königshaus als hilflos. 1995 und 1996 forderten Anschläge gegen amerikanische Einrichtungen 24 Opfer. Ermittlern aus Washington wurden wichtige Erkenntnisse der Riader Behörden vorenthalten. Die Richter ließen nach hastigen Geständnissen vier Angeklagte köpfen. Selbst jetzt, nach dem Schwarzen Dienstag und angesichts der Bedrohung durch Bin Laden und sein Terrornetz al-Qaida, ist das Königshaus nicht bereit, den frustrierten FBI-Beamten Zugang zur Region Asir im jemenitischen Grenzgebiet zu gewähren.
"Die Politik des Hauses Saud dient der Machterhaltung des Hauses Saud", sagt ein hochrangiger westlicher Politiker kritisch, allerdings nur hinter vorgehaltener Hand: nur Riad nicht verärgern. Washington mag in dieser heiklen Situation nicht zu viel Druck auf den Verbündeten ausüben. Man weiß um dessen Schlüsselrolle, wird aber nicht mehr lange um die Erkenntnis herumkommen, dass Riad Teil des islamistischen Terrorproblems ist, nicht Teil seiner Lösung. "Dies ist die Stunde Saudi-Arabiens", schreibt die "New York Times".
Der De-facto-Regent Kronprinz Abdullah, 77, gilt als skeptischer gegenüber dem Westen als sein sterbenskranker Halbbruder König Fahd, 78. Abdullah soll sich im Golfkrieg gegen die massive Stationierung amerikanischer Truppen auf saudischem Boden ausgesprochen haben, konnte sich damals aber noch nicht durchsetzen. Er hat persönliche Beziehungen zum syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und pflegt - zum Ärger Washingtons - auch gute Kontakte nach Bagdad. Mit Iran hat Saudi-Arabien im Frühjahr nach Jahrzehnten offener Feindschaft ein Sicherheitsabkommen geschlossen und den Ton gegenüber Israel in jüngster Zeit erheblich verschärft.
In seiner geharnischten Kritik am Führungs- und Lebensstil der Saud-Familie hat Bin Laden den Kronprinzen stets auffällig ausgenommen. Daraus umgekehrt auf eine Versöhnungsbereitschaft Abdullahs gegenüber dem Abtrünnigen zu schließen ginge wohl zu weit: Das Königshaus ist von seinen Öl-Einnahmen aus dem Westen abhängig. Der Staatshaushalt wurde nach Jahren der Verschuldung gerade erst wieder ausgeglichen, der Verteidigungshaushalt macht fast 40 Prozent des Etats aus; Tendenz steigend. Sich in einer solchen Situation frontal mit den USA anzulegen wäre für Abdullah fast ebenso selbstmörderisch, wie sich vom rechten Glauben abzuwenden.
Es gibt in der islamischen Welt einen Trend, der dem rigiden Wahhabismus entgegensteht. Der einst so radikale Sudan hat eine amerikanische Vermittlung im Bürgerkrieg akzeptiert und sich der Anti-Terror-Koalition Washingtons angenähert. Libyen befindet sich auf dem Weg zurück in die Völkerfamilie. Und zunehmend bekennen sich intellektuelle Muslime in gemäßigten arabischen Ländern wie Jordanien und Marokko zu Reformen. Sie halten die Gegensätze zwischen den Menschenrechten, wie sie im Westen verstanden werden, und den Vorschriften des Propheten nicht für unüberbrückbar.
"Islam, das heißt doch vor allem Toleranz, Pluralität der religiösen Gruppen und kulturellen Interessen", sagte beschwörend der ägyptische Religionsminister Hamdi Saksuk im SPIEGEL-Gespräch (Heft 23/2001). Er warnte allerdings den Westen auch davor, seine "Demokratiekonzepte" für die einzig möglichen zu halten.
Die Attentäter von New York und Washington sind sicher so wenig "typisch islamisch", wie der israelische Terrorist Baruch Goldstein, der 1994 in der Moschee von Hebron über 29 Betende erschoss, "typisch jüdisch" ist.
Und keiner kennt die Konfessionen der 6000 Opfer, die unter dem World Trade Center begraben liegen. Aber man weiß von libanesischen Bankern, ägyptischen Angestellten, pakistanischen Zeitungsausträgern, indonesischen Touristen. Noch nie starben wohl so viele Muslime bei einem Terroranschlag wie am 11. September. Sie endeten durch die Hand selbst ernannter Jünger Allahs, die nicht nur vier Passagiermaschinen gehijackt hatten - sondern auch eine ganze Weltreligion.
Die Täter sind Stiefkinder des Islam, Kinder der saudi-arabischen Staatsreligion: Wahhabiten. ERICH FOLLATH
Von Erich Follath

DER SPIEGEL 40/2001
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