01.10.2001

MALER„Picasso war ein Fluch“

Marina Picasso über die Dominanz ihres berühmten Großvaters Pablo Picasso und ihre Kindheit im Schatten des Genies
SPIEGEL: Madame Picasso, diese Woche erscheint Ihre Biografie, in der Sie Ihren Großvater Pablo Picasso als Scheusal verdammen*. Wollen Sie damit eine neue Debatte über den Jahrhundertkünstler Picasso auslösen - als Mensch und als Maler?
Picasso: Mir geht es darum, einen authentischen Bericht darüber zu hinterlassen, was in der Familie Picasso wirklich geschehen ist. Mein Ziel ist es nicht, Schlechtes über ihn zu verbreiten. Ich will keine Rache üben.
SPIEGEL: Wirklich nicht? Picassos Egomanie ist zwar auch von anderen geschildert worden. Aber Sie gehen viel weiter und nennen ihn einen "Despoten", einen "Vampir" und "Virus", der die ganze Familie zerfressen habe. Und das soll keine Rache sein?
Picasso: Aber nicht nur ich habe ihn so erlebt, sondern auch meine Großmutter Olga, mein Vater Paulo und mein Bruder Pablito. Für sie war er ein Fluch, der sie vernichtet hat.
SPIEGEL: Sie sprechen von Picassos "Würgegriff" und dass Sie und Ihr Bruder Spielzeuge seines Sadismus gewesen seien. Womit hat er Sie gequält?
Picasso: Picasso duldete keine starken Charaktere in seiner Umgebung. Er wollte, dass alle anderen schwächer waren als er. Deshalb hat er alle um sich herum ausgequetscht - wie seine Farbtuben.
SPIEGEL: Auch seine Enkel?
Picasso: Mein Bruder und ich wurden regelrecht benutzt. Wir sollten verfügbar und in der Nähe sein, aber nur, um dann regelmäßig abgewiesen zu werden. Er war gierig nach dieser Art von Macht.
SPIEGEL: Wie häufig haben Sie ihn als Kind überhaupt zu Gesicht bekommen?
Picasso: In den fünfziger Jahren, als mein Bruder und ich klein waren, haben wir ihn oft besucht. Am liebsten hätte mein Vater uns jeden Tag zu ihm geschleift. Dann durften wir ihn eine ganze Weile gar nicht mehr sehen, und als wir Teenager waren, waren wieder Besuche möglich.
SPIEGEL: Wie liefen diese Visiten ab?
Picasso: Wir kamen nie allein, immer mit
unserem Vater. Ob wir eintreten durften
und ob mein Großvater sich dann blicken
ließ, hing auch von dem Willen seiner Frau Jacqueline ab. Wenn wir eingelassen wurden, vermittelte man uns stets das Gefühl, dass wir unerwünschte Eindringlinge waren.
SPIEGEL: Inwiefern?
Picasso: Wir mussten mindestens zwei bis drei Stunden warten. Darauf, dass Jacqueline ihn mit den Worten ankündigte: "Die Sonne wird gleich zu uns herunterkommen." Picassos Atelier lag in der ersten Etage. Wenn er endlich die Stufen zu uns hinabschritt, erschien er uns so groß wie ein Koloss.
SPIEGEL: Nun war Picasso mit seinen knapp 1,60 Meter nicht gerade ein Riese.
Picasso: Aber er wirkte in diesen Momenten sehr mächtig - selbst wenn er mal wieder nur mit einer verwaschenen Unterhose bekleidet war. Wichtig war ihm nur, dass wir seine Bilder nicht berührten ...
SPIEGEL: ... was man angesichts des Werts der Kunstwerke ja verstehen kann.
Picasso: Aber es ist seltsam, gleichzeitig dabei zuzusehen, wie seine Ziege Esméralda durchs ganze Haus springen und ihre Kotkugeln auf seine herumliegenden Bilder und Zeichnungen fallen lassen durfte.
SPIEGEL: Warum geben Sie Ihrem Großvater und nicht Ihren Eltern die Schuld an Ihrer trostlosen Kindheit?
Picasso: Wir alle waren ihm ausgeliefert, und er wusste das. Er sah, wie schwach unsere Eltern waren, dass sie nur seine Marionetten waren. Wahrscheinlich hat uns mein Vater auch deshalb so oft zu Picasso mitgenommen, weil er sich nicht allein zu ihm traute. Aber selbst wenn wir ihn begleiteten, trank er sich mit Whisky Mut an.
SPIEGEL: Sie trugen von Geburt an den Namen Picasso - im Gegensatz zu Picassos jüngsten Kindern, die etwa in Ihrem Alter sind. Haben Sie und Ihr Bruder von dem berühmten Namen profitiert?
Picasso: Wir waren Prominentenkinder, aber keineswegs wohlhabend. Das haben viele andere Kinder in der Schule nicht verstanden. Wir konnten wirklich nicht mit ihnen mithalten. Wir bekamen ja nicht einmal Taschengeld. Es war schwer für uns, Freundschaften zu knüpfen.
SPIEGEL: War Ihr Großvater denn nicht wenigstens in materieller Hinsicht großzügig?
Picasso: Wir lebten an der Armutsgrenze, und er hat nichts dagegen unternommen. Als ich mit neun Jahren an Tuberkulose erkrankte, hat er lange gezögert, bevor er die Kosten für die Behandlung übernahm. Der Arzt musste erst einen Bittbrief schreiben. Ansonsten lebten wir zeitweise wie Straßenkinder. Aber schlimmer war der Mangel an Gefühlen.
SPIEGEL: Ihr Bruder Pablito ist im Alter von 24 Jahren an den Folgen eines Selbstmordversuches gestorben. Auch das lasten Sie Picasso an, aber auch seiner Frau Jacqueline und Ihrem Vater. Warum?
Picasso: Mein Bruder hat am Tag von Picassos Beerdigung im April 1973 versucht, sich umzubringen. Jacqueline hatte ihm verwehrt, sich von seinem toten Großvater zu verabschieden. Pablito war am Boden zerstört und trank Javelle-Lauge, ein Bleichmittel. Ich habe ihn noch lebend gefunden und in die Klinik bringen lassen. Aber seine Verletzungen waren sehr dramatisch, und ich hatte nicht das Geld, um ihn in ein Spezialkrankenhaus nach Paris oder Marseille bringen zu lassen. Mein Vater und Jacqueline hätten als Erben das Geld aufbringen können, aber sie meldeten sich nicht. Sie waren zu ergriffen vom Tod Picassos und suhlten sich in ihrem Leid. Mein Vater starb zwei Jahre danach, und Jacqueline hat sich später erschossen.
SPIEGEL: Fast alle Frauen haben sich Picasso bedingungslos unterworfen. Dabei betrog er sie ständig, ließ sie fallen, und sie liefen ihm dennoch jahrzehntelang hinterher. Wie erklären Sie sich das?
Picasso: Das hat mich schon als Kind schockiert. Ich dachte, diese Frauen könnten ihn doch verlassen - im Gegensatz zu uns Kindern. Aber sie waren so fasziniert von ihm, dass sie sich, bis auf seine Lebensgefährtin Françoise Gilot, davon zerstören ließen. Sie wollten nicht ohne ihn leben. Dabei hat er meine Großmutter Olga nicht mal besucht, als sie im Sterben lag. Picassos Geliebte Marie-Thérèse Walter, die Mutter seiner Tochter Maya, hat sich seinetwegen erhängt, und seine langjährige Lebensgefährtin Dora Maar starb 1997 in großer Armut. Sie besaß zwar viele Picasso-Bilder, wollte sie aber nicht verkaufen und hungerte lieber.
SPIEGEL: Sie waren Mitte 20, als Sie Ihr Erbe antraten. Was war es für ein Gefühl, auf einmal so viel zu besitzen - wertvolle Bilder, Geld, eine große Villa?
Picasso: Ich konnte mich nicht daran erfreuen. In den ersten Jahren habe ich den Besitz kaum angetastet. Es war zu viel, nachdem ich so lange Zeit zu wenig besessen hatte. Später habe ich diese Villa hier in Cannes dreimal zum Verkauf angeboten. Aber dreimal sprangen die Interessenten im letzten Moment ab.
SPIEGEL: Es heißt immer wieder, bei der Aufteilung des Erbes hätten Ihre Verwandten Ihnen den Vortritt bei der Auswahl gelassen. Deshalb hätten Sie besonders wertvolle Stücke geerbt. Stimmt das?
Picasso: Nein, zuerst traf der Staat eine größere Auswahl, als eine Art Erbschaftsteuer. Der Rest wurde wie in einer Lotterie an die einzelnen Erben verlost. Ich verstand auch gar nichts von Kunst. Alles, was ich über Picassos Werke weiß, habe ich erst im Laufe dieser Erbverteilung gelernt.
SPIEGEL: Mögen Sie eigentlich Picassos Werke?
Picasso: Früher konnte ich seine Kunst nicht von seiner Person trennen. Deshalb konnte ich die Bilder nicht leiden. Heute bin ich sicher, dass er ein Genie war.
SPIEGEL: Picasso ist seit fast 30 Jahren tot. Warum erscheint Ihre Familienchronik erst jetzt?
Picasso: Weil ich vorher nicht die Kraft hatte, über meine Familie zu sprechen. Auch meine Kinder werden meine Geschichte erst durch dieses Buch erfahren. Heute bedauere ich, dass ich Picasso nicht mehr als erwachsene, selbstbewusste Frau gegenübertreten konnte. Und zwar allein.
SPIEGEL: Um ihm was zu sagen?
Picasso: Ich hätte mit ihm gestritten. Es wäre sehr laut geworden, aber es hätte ihm gut getan, wenn ihm einmal jemand die Meinung gesagt hätte.
INTERVIEW: ULRIKE KNÖFEL, MARTIN WOLF
* Marina Picasso: "Und trotzdem eine Picasso". Aus dem Französischen von Dora Toblach. List Verlag, München; 200 Seiten; 35,20 Mark.
Von Ulrike Knöfel und Martin Wolf

DER SPIEGEL 40/2001
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