08.10.2001

8. Oktober 2001 Betr.: Afghanistan

Die "Rote Moschee" ("Lal Masjid") in Islamabad ist Treffpunkt der in Pakistans Hauptstadt lebenden Taliban-Anhänger. Es sind nicht wenige, die mit dem Regime der Koranschüler im benachbarten Afghanistan sympathisieren und den mutmaßlichen Terroristen Osama Bin Laden als Helden verehren. Kaum hatten die SPIEGEL-Redakteure Claus Christian Malzahn, 38, und Carlos Widmann, 63, den Basar vor dem Gebetshaus betreten, wurde ihnen auch schon ein Flugblatt in die Hand gedrückt: "O Allah, gib uns die Kraft, uns Osama Bin Laden anzuschließen." In der weiter nordwestlich gelegenen Millionenstadt Peschawar rekrutieren die Taliban ganz offen Nachwuchs für ihre Gotteskrieger: "Sie laufen durch die Straßen und sprechen junge Männer an", so Malzahn, "die Telefonnummern der Kontaktbüros sind auf Häuserwände gesprüht." An todbringendem Kriegsgerät herrscht in der Region kein Mangel: Auf einem Markt wurde Malzahn ganz offen eine "pen pistol" angeboten, ein Kugelschreiber, den man blitzschnell zu einer Schusswaffe umfunktionieren kann. Kostenpunkt: 500 Rupien, nicht einmal 18 Mark. Auf schwere Waffen aus den USA und Russland hoffen indes die sich im Norden Afghanistans formierenden Gegner der Taliban. Die hier unter erbärmlichen Umständen lebenden Bergbauern und Flüchtlinge beobachten erstaunt, wie Pressevertreter aus aller Welt mit Satellitentelefonen, Laptops und Kameras neben den Militärs in Stellung gehen: "Viele haben von den Terroranschlägen in New York und Washington noch nichts gehört", sagt SPIEGEL-Korrespondent Jörg R. Mettke, 58. Den Kriegern der so genannten Nordallianz zur Hilfe geeilt ist Ahmed Zia Massud, der jüngere Bruder ihres vor vier Wochen ermordeten Anführers Ahmed Schah Massud. "Er gibt sich äußerst siegesgewiss", so SPIEGEL-Redakteur Christian Neef, 49, der Massud auf dem Flug in die usbekische Grenzstadt Termes traf: "Binnen zweier Monate will er mit seinen Truppen die Taliban aus ihren Hochburgen vertrieben haben" (Seite 128).

DER SPIEGEL 41/2001
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