08.10.2001

TV-BIOGRAFIENHinter tausend Stäben

Schon im Voraus sorgte „Der Verleger“, ein ARD-Zweiteiler über das Leben Axel Springers, für Furore. Ohne Grund: Der Erfinder von „Bild“ wird im milden Licht einer Hommage gezeichnet.
Am Anfang war Gott und das Gebet bei den Mönchen von Patmos. Am Ende ist wieder Gott - und Rainer Maria Rilke: "Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe / Und hinter tausend Stäben keine Welt." Dazwischen: die einzigartige Karriere eines Mannes, der im Film nur "der Verleger" heißt.
Axel Caesar Springer darf er nicht heißen, weil sonst jedes Wort, jeder Dialog auf die juristische Goldwaage hätte gelegt werden müssen. Denn auch 16 Jahre nach seinem Tod ist der einst mächtigste Ver-
leger Europas eine umstrittene Figur der jüngeren Zeitgeschichte: "Der Fall Axel Springer" - so lautet der Titel jener ausufernden Biografie von Michael Jürgs, die dem diese Woche ausgestrahlten ARD-Zweiteiler zu Grunde liegt.
Eine einfache Gleichung bestimmt bis heute das Bild des "Verlegers": Springer ist "Bild", und "Bild" ist Springer.
Das wohl erfolgreichste Massenblatt, seit es gedruckte Buchstaben gibt, zog Kritik, Hass und Verachtung auf sich wie kein anderes Presseerzeugnis. Den Bewunderern und Gefolgsleuten Axel Springers standen stets jene meist intellektuellen Kritiker gegenüber, die ihn für einen reaktionären Propagandisten des Kalten Krieges und einen Ideologen des deutschen Nationalismus hielten.
Höhepunkt des Kulturkampfes, in dem der Name des Verlegers zur Manipulations-Metapher des Bösen wurde, war die "Springer-Blockade" Ostern 1968, als die Auslieferung der "Bild"-Zeitung verhindert werden sollte. Zuvor war Rudi Dutschke, Matador des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), durch Schüsse eines auch durch die Springer-Presse - "Politgammler", "Langhaarige Affen" - aufgehetzten Hilfsarbeiters schwer verletzt worden.
In einer "Erklärung der Vierzehn" von Theodor W. Adorno, Heinrich Böll, Golo Mann, Alexander Mitscherlich und anderen hieß es damals: "Das Bündnis von bedenkenlosem Konsumjournalismus und wiederauflebender nationalistischer Ideologie, das die demokratisch engagierten Studenten und Intellektuellen seit Jahren als ,Linksmob'', ,Eiterbeule'', ,akademische Gammler'', ,Pöbel'', ,geistige Halbstarke'' ... verunglimpft, droht das Selbstverständnis der Deutschen in einer Welt der friedlichen Verständigung ... abermals zu zerstören."
Doch Axel Springer hat seine politischen wie intellektuellen Gegner nie verstanden. Er, der gläubige Christ und passionierte Gottessucher, der Liebhaber von Poesie, Wein, Weib und Gesang, hatte es doch immer nur gut gemeint. "Seid nett zueinander" war sein legendär postnazistisches Motto schon in den Gründerzeiten seines Verlags, und auch der Film über sein Leben folgt nun dieser zeitlos schönen Maxime.
Regisseur und Drehbuchautor Bernd Böhlich, 44, ist ziemlich nett zu Springer und schildert ihn, bei allen Schwächen und Widersprüchen, als einen großen, visionären Deutschen, der die Herausforderungen seiner Zeit glänzend meisterte - und schließlich doch als einsamer, unverstandener Schmerzensmann endete. Eine Hommage im milden Licht einer spät geborenen Nachbetrachtung.
Der jahrzehntelange Kulturkampf um die politisch-ideologische Macht von "Bild"-Schlagzeilen, die wie Knüppelhiebe wirken konnten, die Debatte über den dramatischen "Strukturwandel der Öffentlichkeit" (Habermas), all das kommt praktisch nicht vor - außer in einer eher peinlichen Szene zwischen Springer und protestierenden Studenten im Moabiter Gericht, die aussieht, als habe sie ein Oberstudienrat für Gemeinschaftskunde für die Generation Nintendo nachstellen lassen.
Da schießt auch wohlwollenden Zuschauern schon mal die Frage durch den Kopf: Was hätte wohl ein Regisseur wie Edgar Reitz ("Die zweite Heimat") aus dem Stoff gemacht? Und: Hätte nicht der die Nation aufwühlende Streit über die Ostpolitik Willy Brandts (den Springer in frühen Jahren bewunderte, bevor er die Ostverträge erbittert bekämpfte) zum Panorama jener Zeit gehört?
Böhlich jedenfalls, ehemaliger Bürger der DDR, der anstelle des zunächst verpflichteten (West-)Regisseurs Michael Verhoeven und nach mehreren verworfenen Drehbuchversionen engagiert wurde, denkt gar nicht daran, Springers persönlichen Widerspruch als den gesellschaftlichen Widerspruch der deutschen Nachkriegsepoche schlechthin zu schildern, welche spätestens 1968 endete: die Verweigerung der Politik im Namen der Politik. Wiederaufbau und Wirtschaftswunder. Man nehme Dr. Oetker.
"Politik ist mir wurscht", bekennt der angehende Verleger 1946 ganz zeitgemäß vor den britischen Besatzungsoffizieren, die ihm schließlich die Lizenz zum Drucken erteilen. Andererseits war des Verlegers dringendster Wunsch zeitlebens die Wiedervereinigung Deutschlands, der ihn im Jahre 1958 sogar das absurde politische Abenteuer eingehen ließ, den sowjetischen KP-Generalsekretär Nikita Chruschtschow in Moskau zum vermeintlich entscheidenden Gipfelgespräch zu treffen.
In der ARD wird nun aus dem "Fall" Springer das "Drama einer Persönlichkeit", ein breit angelegter TV-Roman, der bunte Bilderbogen eines bewegten Lebens, in dem allein Schnipsel aus alten Wochenschauen Anhaltspunkte einer historischen Orientierung liefern. Doch die episch strenge, brav chronologische Nachzeichnung der wichtigsten Lebensstationen und Entscheidungen des Verlegers sorgt eben auch dort noch für wenig spannungsreiche Vorhersehbarkeit, wo tatsächlich europäische Zeitungsgeschichte geschrieben, besser: zusammengeklebt wurde.
Nachdem der Verleger, auf dem Teppich eines Londoner Hotelzimmers kauernd, die Aufmacherseite des englischen Boulevardblatts "Daily Mirror" spielerisch zum Titelentwurf seiner deutschen Traumzeitung für den "kleinen Mann" umgeschnipselt hat, schlüpft er ins warme Bett zu seiner Lebensabschnittsgefährtin und beginnt das monologische Brainstorming:
"Tagesspiegel", nein, klingt langweilig, gibt''s außerdem schon in Berlin, äh, "Foto", äh, nein ... dann plötzlich und noch ganz leise: "Bild" ... Crescendo: "Bild!" - molto Crescendo: "Bild!!", Fortissimo: "Bild!!!"
Hic Rhodus, hic salta. Habemus Groschenblatt.
Ohne Heiner Lauterbach wären diese und andere Szenen nicht viel mehr als gediegener Schulfunk in bewegten Bildern. Doch der Macho des deutschen Kinos, der selbst zum Klatsch- und Tratschinventar der "Bild"-Zeitung gehört wie Beckenbauer, Gottschalk und Ulla Kock am Brink, verkörpert den "Verleger" von der ersten Minute an überzeugend.
Es grenzt fast an ein kleines Wunder, dass es Lauterbach trotz aller vagabundierenden Busen-, Teppich- und Boxenluder, trotz wiederholter Partyexzesse und einer exklusiv an bild.de "verkauften" Hochzeit mit Viktoria Skaf immer wieder schafft, seine Arbeit zu machen. Er macht sie sogar so gut, dass man ihm auch die elegischen Spaziergänge mit dem einstigen "Salon-Nazi" (Jürgs) und späteren Springer-Mentor Hans Zehrer (schön düster: Jürgen Hentsch) an Sylter Stränden abnimmt, bei denen es um die Ewigkeit von Werten und die Notwendigkeit geistiger Führung des deutschen Volkes geht.
Auch das erste euphorische Schnuppern des Jungverlegers an der im Wohnzimmer gelagerten Druckerschwärze in Hamburg-Altona, die depressiven Anfälle auf dem Gipfel des Erfolgs und die tiefe Verbundenheit mit dem Staat Israel wirken glaubwürdig - selbst wenn das tränenreiche Gespräch mit dem jüdischen Barkeeper in Jerusalem die Schwelle zum Kitsch berührt.
Die neben fünf Ehen ungezählten Affären mit allem, was Po und Beine hatte, schüttelt Lauterbach sowieso aus dem Ärmel. Eben noch schnell der blonden Sekretärin die Schlagzeile für morgen in den Block diktiert und dann rasch nachgefragt: "Was machen Sie heute Abend?"
Ein Problem bleibt, und es spiegelt die Schwäche des ganzen Films: Lauterbach spielt den Verleger trotz aller charakterlichen Mängel und individuellen Brüche so durchgehend sympathisch, dass er fast als Serienheld taugen würde. Arbeitstitel: "Diese Springers". Die "Lindenstraße" aus Berlin. Ein Hauch von Soap, der die historische Schwerkraft vor allem per musikalischer Untermalung zarathustramäßig beigebogen wird. Auch die weiblichen Hauptrollen sind mit hervorragenden Schauspielerinnen besetzt, unter ihnen Lisa Martinek, Tatjana Blacher, Susanna Simon und Anica Dobra - doch auch sie können nicht den Eindruck einer filmischen Ästhetik verdrängen, die mal an Fellini fürs Öffentlich-Rechtliche erinnert, mal an Rosamunde Pilcher in Pal-Color.
Das oft getragene, zuweilen betuliche Erzähltempo steht in merkwürdigem Kontrast zu Axel Springers rasantem, gedrängtem, ja gehetztem Leben, in dem engste Mitarbeiter wie Christian Kracht (ein Profi: Sylvester Groth) noch die diversen Scheidungsprozeduren und postamourösen Abfindungen der verlassenen Geliebten arbeitsteilig abwickeln mussten - ganz zu schweigen vom Management des Riesenverlags, des viele hundert Millionen schweren Privatvermögens und all der weltweit verstreuten Häuser und Appartements.
Dafür allerdings hatte der "König" dann auch Zeit, persönliche Horoskope erstellen zu lassen, sich in die Zwiesprache mit dem Allmächtigen zu vertiefen und immer wieder der Frage nachzugehen, welchen Grad der Auserwähltheit ihm himmlischerseits zugedacht sei.
Dass Springer sich zeitweise für Jesus hielt, steht nur in Jürgs'' Biografie - im Film hören wir am Ende allein die Worte der Bibel und die Zeilen Rilkes. Wie ein fernes Echo des Selbstbewusstseins deutscher Kultur im 20. Jahrhundert klingt sein trotziges Bekenntnis nach: "Wenn ich ein Wort hasse, dann ist es Realität."
Mag sein, dass Springer darin ein Repräsentant der deutschen Seele war: ein äußerst geschäftstüchtiger, manchmal wehleidiger, machtbewusster Träumer und Phantast. REINHARD MOHR
* Mit Tatjana Blacher, Pascal Andres, Susanna Simon, Heiner Lauterbach, Sylvester Groth; Sendetermin: Dienstag und Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD.
Von Reinhard Mohr

DER SPIEGEL 41/2001
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