08.10.2001

NAHOSTMehr als eine Meinung

Israelische Politiker und radikale Araber auf einer Welle: Der TV-Sender „al-Dschasira“ mischt die Feindbilder auf.
Vor der Küste Omans liegen 41 Kriegsschiffe klar zum Gefecht. Vom Jemen bis Syrien stehen die Armeen bereit. Die arabische Welt ist in Aufruhr - Prime Time am Golf.
Das Staatsfernsehen aus Riad berichtet in seinen Hauptnachrichten sieben Minuten lang über die Heimkehr eines saudischen Prinzen und schaltet dann zum Polo um. Auf "al-Dschasira" indessen, dem führenden arabischen Nachrichtenprogramm, das aus Katars Hauptstadt Doha gesendet wird, beginnt zeitgleich die Talkshow "Akthar min rai - Mehr als eine Meinung".
In London sind drei Studiogäste zugeschaltet: ein britischer Politologe, der den westlichen Säkularismus preist, ein radikaler Scheich aus Belutschistan, der Osama Bin Laden und die Taliban verteidigt, dazwischen ein ägyptischer Schriftsteller, der Bin Laden für einen ehemaligen CIA-Agenten und den Scheich für einen Ignoranten hält. Der Belutsche schlägt immer wieder mit der flachen Hand auf den Tisch, der Ägypter brüllt unerschrocken zurück. Sie beschimpfen sich, am vorigen Montag, bis Mitternacht.
Al-Dschasira informiert und unterhält mit einer Mischung aus News, Werbung und professionell arrangiertem Krawall-TV - ein erfrischender Kontrast zu den staatlich gegängelten Wüstensendern. Fast die Hälfte aller Haushalte im Nahen Osten, bis zu 80 Millionen Menschen, können den Satellitensender empfangen.
"Wenn im Nahen Osten etwas los ist", sagt der ägyptische Fernsehproduzent Mohammed Gauhar, "schaltet jeder al-Dschasira ein." Und wenn Bin Laden etwas mitzuteilen hat, meldet er sich in Doha. 1998 gab der Oberterrorist ein legendäres Interview, im Januar schickte er ein Video, das
ihn auf der Hochzeit seines Sohns zeigt. Vor 14 Tagen ging ein Fax mit dem Aufruf zum Dschihad gegen die USA bei al-Dschasira ein - Unterschrift: Osama Bin Laden.
"Beruflich schmeichelt uns seine Aufmerksamkeit", sagt Dschamil Asar, 64, ein leitender Moderator. "Es bedeutet, dass er uns für einflussreich hält. Uns als Sprachrohr irgendeines Regimes, geschweige denn Bin Ladens, zu bezeichnen wäre allerdings weit von der Wahrheit entfernt."
Al-Dschasira ("die Insel") ist ein Lieblingsprojekt von Scheich Hamad Bin Chalifa al-Thani, der seit 1995 über das Emirat Katar herrscht. Der Monarch heuerte das Personal eines gescheiterten Nahost-Programms der BBC an und brachte so den ersten modernen arabischen TV-Sender auf den Weg. Asar: "Er wollte ein objektives Medium in einer Welt strikter Zensur."
Dem Publikum tat er damit einen Gefallen, seinen autokratischen Kollegen in der arabischen Welt bereitet er Probleme. Al-Dschasira wird vorwiegend von hoch motivierten Dissidenten gemacht, die mit ihren Regimen im Irak, in Syrien, Algerien und Palästina im Clinch liegen. Sie zögern nicht, Saddam Hussein einen Diktator oder Husni Mubarak ein Weichei zu nennen. Eines der inzwischen 27 Korrespondentenbüros ist fast immer "vorübergehend geschlossen".
Der Störsender ist zu einem Machtfaktor geworden, an dem die Politiker des Nahen Ostens nicht mehr vorbeikommen. Dass Ägypten im vergangenen Herbst seinen Botschafter aus Israel abzog und die sonst zögerliche Arabische Liga binnen sieben Monaten zwei Gipfeltreffen einberief, halten Beobachter für eine Konsequenz von al-Dschasiras schonungsloser Berichterstattung über die Aksa-Intifada.
Das Programm trage zur Demokratisierung des Nahen Ostens bei, schreibt der britische "Daily Telegraph", aber es destabilisiere auch. Tatsächlich treten in Talkshows wie "Offener Dialog" oder "Argument und Gegenargument" auch Verschwörungstheoretiker auf, die Juden für den Anschlag auf das World Trade Center verantwortlich machen.
Al-Dschasira verbirgt seine panarabischen Sympathien nicht, andererseits ist es der einzige arabische Sender, der regelmäßig israelische Politiker zu Wort kommen lässt. Eine ungewöhnliche Erfahrung machte dabei Gideon Esra, ein ehemaliger Funktionär des israelischen Sicherheitsdiensts, der live mit einem Palästinenserführer aus dem Westjordanland stritt: "Da rief plötzlich ein Israeli an, der aus unserem Dienst ausgetreten war, weil er es satt hatte, dauernd Palästinenser zur Kollaboration anzuwerben. Das nenne ich eine freie Diskussion."
Bei aller Wertschätzung ist den Israelis der einflussreiche Kanal nicht ganz geheuer. Im August stellte Jerusalem knapp 13 Millionen Mark für einen neuen Satellitensender bereit, der auf Arabisch über den Palästinenserkonflikt berichten soll. Start des Projekts: Anfang 2002. Sendegebiet: der gesamte Nahe Osten. VOLKHARD WINDFUHR,
BERNHARD ZAND
* Oben: Brautvater Abu Hafas al-Masri, Mohammed und Osama Bin Laden auf einem am 9. Januar in Kandahar aufgenommenen Video; unten: auf dem Gelände der verlassenen US-Botschaft am 26. September gedrehte TV-Sequenz.
Von Volkhard Windfuhr und Bernhard Zand

DER SPIEGEL 41/2001
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