08.10.2001

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEMikes Liste

Ein Bauer, ein Bunker - und ein bombensicheres Geschäft
Der Raum, in dem Michael Parrish, 53, die Apokalypse erwartet, trägt noch immer die Spuren der letzten Party. Kerzenreste auf Weinflaschen, Luftballons unter der Decke - es ist zwar sein Bunker, aber Parrish teilt gern. Wer für Familien-feste und Betriebs-feiern das Besondere suchte, war bei ihm goldrichtig.
Dann kam der 11. September.
Auf einmal riefen Journalisten an und erkundigten sich nach dem Bunker. Ob er Platz hätte für die Unterbringung von Computer-Dateien, wollte ein Radiosender wissen. Nein, hat Parrish geantwortet. Der Bunker sei gebaut für Menschen, die Sicherheit suchen. Im Prinzip jedenfalls.
40 Jahre war der Bunker auf seinem Land geheime Regierungssache: drei Stockwerke, atombombensicher. Eigener Nachrichtenraum, Krankenlager, Leichenhalle; die etwa drei Meter dicken Wände sind mit Stahlseilen verstärkt. 1952 vom britischen Luftfahrtministerium in die Landschaft von Essex gebaut, hätte hier im Kriegsfall sogar der Premierminister mit seinem Kabinett unterkommen können.
1992 kaufte Parrish den Bunker zurück. Er legte einen Parkplatz an und einen kleinen Spielplatz, stellte die Küche auf Chili con Carne und Bunker-Burger um und fand eine Firma, die für den Souvenirshop Manschettenknöpfe herstellt, auf denen ein kleiner Atompilz abgebildet ist. Parrish ist Bauer: 600 Hektar, ein Fulltimejob. Der Bunker war sein Hobby. Er hat den Spaß ausgekostet, solange es ging.
Plötzlich ist es ernst. 30 000 Pfund, rund 94 000 Mark, kostet die Gewissheit, im Falle eines Atomkrieges Unterschlupf zu finden; pro Kopf, versteht sich, gültig für zehn Jahre, zahlbar im Voraus. 150 Menschen will Parrish in seinen Bunker aufnehmen. Als die Meldung in Großbritannien die Runde macht, wird aus Mike Parrish, dem Bauern, schnell Michael Parrish, der Grundbesitzer.
Parrish trägt eine Armbanduhr, auf deren Ziffernblatt ein Atompilz zu sehen ist, ein Geschenk jener Firma, die auch die lustigen Manschettenknöpfe im Souvenirshop entworfen hat. "Die Leute kaufen eine Option", sagt er. "Ich verkaufe ihnen eine Überlebensversicherung."
Interessenten lädt Parrish zu Gesprächen ein. Können sie einen Generator reparieren? Oder kochen? Oder sonst irgendetwas, das sich im Falle eines Atomschlages als nützlich erweisen könnte? Neun Jahre war er ein Bauer, der zufällig einen Bunker besaß. Der Anschlag von New York hat aus ihm einen Mann gemacht, der die Menschen in Gewinner und Verlierer einteilt.
Am wichtigsten ist die Psychologie. Wären sie bereit, den Bunker im Ernstfall zu verteidigen? Denn eines scheint klar: Parrishs Problem sind nicht die, die mit ihm im Bunker ausharren, weil 30 000 Pfund für sie kein Problem sind. Sein Problem sind all jene, die so viel Geld nicht übrig haben oder die glauben, sie hätten noch Zeit genug, sich die Sache durch den Kopf gehen zu lassen. Und natürlich all jene, die von Parrishs fabelhaftem Bunker erst erfahren werden, wenn es zu spät ist.
Es wird Ausweise geben müssen, Iris-Scanner, irgendwas. Aber was ist mit denen, die sich von dem Stacheldrahtzaun, den Warnschildern und den Überwachungskameras nicht abhalten lassen, die die Stahltür am Eingang des Wachhäuschens, die Drahttür im Innern und die zweite Stahltür ein paar Treppenstufen tiefer überwinden werden, weil sie nichts zu verlieren haben? Sie werden am Ende des 110 Meter langen Tunnels versuchen, den eigentlichen Eingang zum Bunker zu knacken.
Sicher: Die Türen wiegen je anderthalb Tonnen und sind aus massivem Stahl. Rein kommt hier so schnell niemand. Aber was will Parrish machen, wenn jemand den Bunker unbedingt verlassen möchte? Wie will er den Verzweifelten draußen erklären, dass der Unterschied zwischen "voll" und "zu voll" aus genau einer Person besteht?
"Wir müssen den Bunker verteidigen", sagt Parrish, "notfalls mit der Waffe." Je mehr er sich mit der Frage beschäftigt, wie er im Ernstfall den geordneten Einzug seiner Getreuen organisieren will, desto mehr wird die Verteidigung des Bunkers zur magischen Formel. Schließlich ist alles genau berechnet: Trinkwasservorräte, Konserven, Schlafstellen. Nur indem er Menschen zurückweise, sagt er, rette er jene, die sich ihm anvertraut haben.
Rund 50 Plätze hat Parrish für seine Familie reserviert; wer zur Verwandtschaft gehört, muss nicht zahlen. Seine Eltern sind dabei, die Eltern seiner Frau, seine beiden Kinder. Die Geschwister seiner Eltern mit deren Kindern, selbstverständlich. Aber wie weit reicht die Verwandtschaft, wenn man einen Bunker besitzt, der irgendwann voll ist? Soll man den Freund der eigenen Tochter dazu zählen, der seit vier Jahren praktisch zur Familie gehört? Ja, findet Parrish, der Junge ist dabei. Was aber macht man mit dem Freund der Tochter eines Onkels, der gerade mal sechs Monate mit dem Mädchen zusammen ist?
Irgendwann hat Parrish sich mit seinem Vater zusammengesetzt und eine Liste geschrieben. 50 Namen stehen darauf; 50 Antworten auf die Frage, wo die Familie aufhört, wenn es drauf ankommt.
Die Liste, sagt Parrish, haben sie noch niemandem gezeigt.
Niemand hat bisher gefragt, ob er auf dieser Liste stehe.
"Es ist, als würde man Gott spielen", sagt Parrish. Er sieht nicht froh aus dabei.
Acht ernst zu nehmende Bewerbungen hat er bisher erhalten.
Der erste, der sich meldete, war ein Psychologe. HAUKE GOOS
Von Hauke Goos

DER SPIEGEL 41/2001
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