08.10.2001

NEW YORKER TAGEBUCHÜberall Verdächtige

Manhattan ist in der Hand der Psychologen, und auch der Präsident versucht sich als Therapeut.
Als George W. Bush zum zweitenmal nach New York kam, schienen die Hubschrauber noch tiefer zu fliegen als sonst. Die New Yorker sahen erschrocken in den Morgenhimmel. Aber es war noch kein Krieg, Bush wollte eine Schule in Manhattan besuchen. Das Schicksal der Kinder läge ihm am Herzen, hatte sein Sprecher Ari Fleischer Anfang voriger Woche verkündet. Sie suchten sich eine Schule in Chinatown aus, die Public School 130. Sie liegt elf Blocks vom Ground Zero entfernt, die Hälfte der Schüler konnte aus den Klassenzimmern die Türme zusammenfallen sehen. Sie war länger geschlossen als andere Schulen, die Luft hier unten war zu schlecht.
An diesem Tag sah ihre Schule aus wie eine Festung, Polizeiwagen hatten Baxter und Hester Street blockiert, dazwischen wälzte sich der Präsidentenkorso, der aus 8 Motorrädern und 25 Autos bestand.
Es waren schwarze und weiße, gepanzerte und getönte Autos, Krankenwagen und Kleinbusse und zwei dicke Cadillacs. Aus einem winkten Bush und Giuliani, bevor sie auf den Schulhof bogen. Die Autoschlange lag für eine halbe Stunde kraftmeiernd in Chinatown, das viel ruhiger ist als sonst. Die Händler fahren jetzt lieber auf die Märkte in Queens, weil sie durch die Lkw-Kontrollen auf den Brücken nach Manhattan viel Zeit verlieren.
Alle verdächtigen Trucks werden auf Bomben untersucht. Biologische, chemische, konventionelle. Bushs bullige Sicherheitsbeamten dösten mit den Knöpfen im Ohr im grellen Sonnenlicht, sie hockten in den umliegenden kleinen Restaurants und starrten auf den Schulhof, wo eine Art Partyzelt aufgebaut worden war. Die chinesischen Köche warteten mit ausdruckslosen Mienen, bis es vorbei sein würde.
George W. Bush sprach gerade den Fahneneid mit den Kindern der 1. Klasse. Ihre Lehrerin, Miss Nelson, hatte ihn an die Tafel geschrieben.
"Treue gelobe ich der Fahne der Vereinigten Staaten von Amerika und der Republik, für die sie steht, einer Nation unter Gott, unteilbar, mit Freiheit und Gerechtigkeit für alle", sagten die Kinder. Ihre Hände ruhten auf dem Herzen.
"Ich bezweifle, dass die Kinder wussten, was sie da aufsagten", sagt später die Kinderpsychologin Dr. Sabine Hack von der New York University. "Es hatte eher eine symbolische Wirkung."
Die amerikanischen Politiker haben keinen leichten Stand, sie bewegen sich jetzt ständig zwischen Gefühl und Vernunft, sagen die Psychologen. Überall in der Stadt reden jetzt Psychologen. Es ist ihre Stunde. Die Stadt ist voller Ziele und voller Verdächtiger. Hochhäuser, Subways, Brücken. Nach einem Monat sollen die normalen Angstsymptome verschwunden sein. Wenn keine neue Bombe einschlägt. Als Miss Nelson ihn bittet, an die Tafel zu schreiben, warum er Amerika mag, schreibt der Präsident: "Ich mag Amerika, weil es ein freies Land ist." Direkt über ihm hat ein Schüler namens Ezra notiert: "Ich mag Amerika, weil die Fahne gut aussieht und es nette Restaurants gibt."
Bush sagt den Kindern noch, dass er sie liebt. "Eure Eltern lieben euch. Eure Lehrer lieben euch."
Dann muss er los.
"Er hat das ganz gut gemacht", sagt Dr. Hack. "Er hat ja eine ziemlich schlichte Art, sich auszudrücken. Die Kinder verstehen ihn."
Klassenlehrerin Miss Nelson strahlt. Am Abend ist sie in CNN und im lokalen Fernsehsender New York 1 zu sehen. "Meine Kinder sehen nach vorn", sagt sie zwischen zwei Werbespots. Der eine wirbt für ein Flaggenset, bestehend aus drei verschiedenen und abwaschbaren amerikanischen Fahnen, die man am Auto, am Haus und am Revers befestigen kann. Der andere ist vom Psychiatrischen Institut der New Yorker Universität. "Sind Sie depressiv? Haben Sie Angst?", fragt eine Stimme. Dann gibt es eine Nummer für kostenlose Beratung. Es ist der meistgesendete Spot an diesem Abend.
Bush rollte mit seinem Tross aus Chinatown. So viele Muskelmänner, so viele Autos. Wenn eine Panik ausbräche, würden sie sich gegenseitig behindern. Man kann New York nicht schützen. Die Stadt ist zu schnell und zu unübersichtlich. Bush und seine Sicherheitstruppen zeigen das, sie wollten beruhigen, aber sie beunruhigen.
Wenig später bleibt ein Zug der Subway-Linie Q unter der Canal Street stehen. Sie steht dort eine Viertelstunde im Dunkeln. Der Zug ist voll, die Leute starren auf die schwarzen Scheiben. Niemand sagt etwas, eine dicke, dunkelhäutige Frau sackt seufzend zusammen. Zwei Männer heben sie auf und setzen sie auf einen Platz, den eine junge Frau räumt. Ein Mann, der in "Newsweek" gelesen hat, rollt das Magazin vorsichtig zusammen und steckt es in den Rucksack. Eine Gasmaske auf dem Titelbild. Darüber steht: Wie viel Angst sollten Sie haben? Zweimal knattern unverständliche Aussagen durch die Lautsprecher. Dann ruckt die Subway und fährt weiter. Am nächsten Bahnhof steigen auffällig viele Leute aus.
Aber das kann man sich auch einbilden. ALEXANDER OSANG
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 41/2001
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