08.10.2001

Tag der offenen Fragen

Ortstermin: Das Warten auf die christlichen Mitbürger in der Merkez-Moschee in Berlin-Kreuzberg
Allah ist groß, deshalb wird er lächeln über seinen treuen Diener Ibrahim Gemici, der inmitten der Merkez-Moschee mobil telefoniert. Das ist natürlich verboten, einerseits, aber andererseits ist Tag der offenen Tür, und man weiß nie, wer am anderen Ende eine Frage hat. Der "Tagesspiegel" vielleicht, wer weiß, die "B. Z.", oder gar das Fernsehen.
Am Tag 22 nach New York sollen die Deutschen wissen, was ein Muslim ist.
Berlin-Kreuzberg, Wiener Straße, nebenan die Kneipe "Wiener Blut", in der Moschee arbeitet Ibrahim Gemici, 43, seit drei Jahren als Chefprediger der "Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion".
Der Imam steht im bleigrauen Straßenanzug auf Strümpfen vor der lindgrün angemalten Kanzel seiner Merkez-Moschee, das ist ein flacher Bau in L-Form, zweiter Hinterhof, ungefähr 130 Quadratmeter Platz zum Beten. Er steht da, telefoniert, seine Hände und Augen sagen: Gleich, ich bin gleich bei Ihnen, sofort.
Das Teppichmuster, rosa Säulen auf grünem Grund, zeigt Richtung Südosten, Mekka. Ibrahim Gemici zeigt ins Leere, er hat das Telefonat beendet, er sagt: "Die Leute fragen uns dauernd: Was halten Sie von New York? Aber da frage ich zurück: Ja, um Gottes Willen, was kann ich denn davon halten? Ich bin ein Mensch. Muss ich denn sagen, dass das furchtbar ist?"
Die Fragen sind schwer, wenn die Deutschen wissen wollen, was ein Muslim ist.
An den Freitagen kommen aus dem Kiez ringsum, nahe am Kottbusser Tor, Little Turkey, ungefähr 600 Gläubige zum Mittagsgebet, Bankangestellte, Kioskverkäufer, Hausfrauen, Rentner. Für sie predigt Ibrahim Gemici eine halbe Stunde lang vorn, links der Gebetsnische, an der kleinen Kanzel, Kürsü.
Dann betet er, in der weißen Wölbung der Nische, am nächsten zu Mekka, die Stirn geht zum Boden, Gemici rezitiert den Koran, er betet für und mit den anderen am Mikrofon, sie schauen zu ihrem Prediger, sie murmeln ihm nach. Allah ist groß, und Mohammed ist sein Prophet.
Gemici geht dann zur Stufenkanzel rechts der Nische, Mimber genannt, an der Wiener Straße sieht sie aus wie ein von Kindern gebautes Kirchlein aus Sperrholz, auch lindgrün. Dort, die Stufen hoch, spricht der Prediger noch einmal ungefähr fünf Minuten, diese letzte Unterweisung heißt Hutbe. Dann ruft der Muezzin in der Galerie vis-à-vis, er ruft das Ende des Gebets aus, und der Gottesdienst verebbt.
Nichts von alledem kam je in einer deutschen Quizshow vor.
Auch nicht, dass ein guter Muslim fünf Gebete verrichtet pro Tag: Morgens, mittags, nachmittags, abends, nachts. Dass die Zeiten dafür minutengenau festliegen, je nach dem exakten Stand der Sonne.
Es ist kurz vor elf Uhr, es regnet wie aus Eimern, das Wetter trommelt auf die wulstigen Oberlichter des Gotteshauses im Berliner Hinterhof, in der Merkez-, das heißt übersetzt: Zentral-Moschee zu Kreuzberg bleiben noch zwei Stunden bis zum Gebet am Mittag. Das Gotteshaus ist menschenleer. Tag der Deutschen Einheit, Tag der offenen Moschee.
"Wir liegen ein bisschen versteckt", sagt Ibrahim Gemici wie zur Entschuldigung, "die Woche über haben wir manchmal Besuch, Schulklassen, Gruppen." Sein Handy klingelt. Auch im vergangenen Jahr, beim letzten Mal, kam kaum ein fremder Gast durch die weit offene Tür.
Berlin kennt schönere Moscheen, größere, ältere. Dort tun sich an diesem Mittwoch im Oktober ein paar christliche Deutsche um, in ganz Deutschland sollen es über 100 000 sein, rund 1300 islamische Gotteshäuser stehen ihnen offen, Ausländerbeauftragte halten Reden und werben für Toleranz.
Die Aktion "offene Moschee" gibt es seit 1997, bislang machte sie so viel Aufsehen wie die Seniorennachmittage der Arbeiterwohlfahrt. Am Tag 22 nach New York aber schafft sie es in die "Tagesthemen". Die Deutschen wollen in diesen Zeiten wissen, wie ein Muslim ist und was so einer eigentlich denkt. Über New York. Frauenrechte. Und überhaupt.
Ibrahim Gemici kann die Themen der Predigten aus den vergangenen drei Wochen zusammenfassen in einem Satz: "Ein Muslim", sagt der Geistliche, "darf niemanden töten, niemals." Wer einen Menschen töte, vergehe sich am Leben aller Menschen. "Dies lehrt der Islam."
Wer in diesen Wochen als irgendwie "arabisch" identifiziert wird, bekommt die geballte Solidarität der Bundesbürger mit Amerika zu spüren. Ein dunkler Vollbart reiche, sagt Gemici, "und Sie glauben nicht, was Busfahrern in Berlin dazu alles einfällt".
Christliche Busfahrer mutmaßlich, sie wollen nicht wissen, was ein Muslim ist. Sie liefen sonst Gefahr zu lernen, dass der Türke oft ein Deutscher ist, der Deutsche Muslim sein könnte und der Christ kein Deutscher sein muss. Zu kompliziert.
Ibrahim Gemici telefoniert. Eine Frau fragt, wann die Moschee geöffnet hat. Der Prediger steht in der Tür neben dem Schuhregal, die Beine über Kreuz, er schaut in den Regen. "Es gibt auch Kaffee und Kuchen", sagt er. ULLRICH FICHTNER
Von Ullrich Fichtner

DER SPIEGEL 41/2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Portrait über Jürgen Grässlin: Warum deutsche Rüstungskonzerne einen Lehrer fürchten
  • Zwischenfall in der NFL: Pyromaschine fängt Feuer
  • Toyota-Solarauto: Prototyp produziert Strom während der Fahrt
  • Videoreportage zu Mobbing: "Ganz oft haben welche zu mir 'Fette' gesagt"