08.10.2001

FUSSBALL-WMZwangsehe unter Druck

Acht Monate vor Beginn der Weltmeisterschaft ist das Verhältnis der beiden Gastgebernationen empfindlich gestört. Japans Hochmut verletzt die Gefühle der Koreaner. Ausgerechnet jetzt müssen die ungleichen Nachbarn ein Konzept gegen die Bedrohung durch den Terrorismus entwickeln.
Mit deutschen und britischen Fahnen, mit Rauchkerzen und kräftigem Gegröle probten verkleidete Polizisten in Seoul schon mal den Ernstfall: Wenn ins Land gereiste europäische Fußball-Rowdys sich prügeln würden, so die scheinbar beruhigende Erkenntnis des Manövers, würden Südkoreas Ordnungshüter die Lage schon mit massivem Einsatz in den Griff bekommen.
Das war vor einigen Monaten. Damals galt die - sowohl in Japan als auch in Südkorea weitgehend unbekannte - Randale gewalttätiger Fußball-Touristen noch als das Schlimmste, was sich die Organisatoren der Weltmeisterschaft 2002 in ihren Krisenszenarien auszumalen vermochten.
Doch seit dem Terror in den USA herrscht auch in Fernost Alarmstimmung: Nicht mehr randalierende Schlachtenbummler sehen die WM-Organisatoren nun als potenzielle Feinde Nummer eins, sondern Terroristen. "Wir müssen uns jetzt gegen alle möglichen Bedrohungen wappnen", erklärt WM-Sicherheitschef Yoshihide Kuroki von der Polizei in Tokio.
Die neue Gefahr hat den asiatischen Gastgebern gerade noch gefehlt: Knapp 200 Tage vor dem Eröffnungsspiel am 31. Mai unter Teilnahme des Titelverteidigers Frankreich ist das Verhältnis der historisch miteinander verfeindeten Nachbarn Japan und Korea mal wieder aufs Äußerste angespannt. Und während Ost und West zusammenrücken, um der terroristischen Herausforderung zu trotzen, tun sich Japaner und Koreaner schwerer denn je, konstruktiv miteinander zu reden.
Eine denkbar schlechte Ausgangslage für ein gemeinsames Sicherheitskonzept. Dabei bieten beide Länder für mögliche Anschläge gegen amerikanische Einrichtungen beängstigend verlockende Ziele: Auf ihren Territorien sind insgesamt rund 90 000 US-Soldaten stationiert. Die in Krisenzeiten oft hilflosen Japaner sind in punkto Geheimdienst-Informationen fast völlig vom mächtigen Verbündeten USA abhängig. Und Südkorea konnte sich bisher nicht einmal vor eindringenden U-Booten aus dem feindlichen Norden wirksam schützen.
Die Organisatoren wissen, dass plötzlich das gesamte Turnier auf dem Spiel steht. Die 64 WM-Partien sollen in 20 Stadien (je zur Hälfte auf beide Nationen verteilt) über die Bühne gehen. Um diese zu erreichen, müssen das Heer der Spieler, Funktionäre, Journalisten sowie Zehntausende Fans auf den ohnehin chronisch verstopften Flugrouten über das Japanische Meer hin- und herpendeln.
Die Koreaner riefen daher unverzüglich die CIA sowie den britischen MI5 um Hilfe, ihnen bei der Abwehr möglicher Terroranschläge zu helfen. Eine der ersten Maßnahmen sieht vor, den Luftraum über den Stadien während der Spiele zu sperren. Und statt eines so genannten e-World Cup, mit dem beide Hightech-Länder für ihre Computerindustrie werben wollten, propagiert Koreas WM-Organisator Chung Mong Joon jetzt ganz bescheiden ein neues Motto: "Safe World Cup" - eine sichere WM.
Doch Sicherheit lässt sich nicht einfach anordnen. Ein "verzweifelter Kampf gegen den Terror" habe begonnen, dämpft das angesehene japanische Magazin "Aera" die Vorfreude auf das gut vierwöchige Mammutspektakel. Je nach Verlauf der von den USA geführten Anti-Terror-Kampagne sei selbst ein "Stopp der WM" nicht ausgeschlossen.
Daran mag dieser Tage, da nach dem Ende der Qualifikationsgruppenspiele in Europa nunmehr zwei Drittel der WM-Teilnehmer feststehen, zwar keiner so recht denken. Doch welchen organisatorischen Alptraum der Weltverband Fifa mit seiner Entscheidung für ein "Co-Hosting" entfacht hat, das ist der westlichen Welt sowieso kaum zu vermitteln. Statt Teamgeist herrscht zwischen Japan und seiner einstigen Kolonie seit Monaten unverhüllte Feindseligkeit. Bereits vor dem Anschlag auf das New Yorker World Trade Center bangte Südkoreas Fußballchef und Fifa-Vize Chung um den Erfolg des "größten Ereignisses auf dem Planeten".
Anlass des Streits zwischen dem ungleichen Gastgeber-Duo ist wieder einmal dessen blutige Vergangenheit. Die Regierung in Tokio hatte im Frühjahr ein Schulbuch ultranationalistischer Historiker für den Unterricht zugelassen. Gegen das provozierende Machwerk, das Nippons brutale koloniale Unterwerfung (1910 bis 1945) des Nachbarn grob verharmlost, protestieren auch jetzt noch aufgebrachte Koreaner wöchentlich vor der japanischen Botschaft in Seoul.
Im August besuchte Japans Premier Junichiro Koizumi zu allem Überfluss den Yasukuni-Schrein in Tokio. Die Visite wurde in Südkorea als ungeheuerliche Provokation verstanden: Schließlich werden an dieser Weihestätte auch Nippons 1948 hingerichtete Hauptkriegsverbrecher als shintoistische Gottheiten verehrt.
Vergebens warten die Koreaner bislang auf eine Entschuldigung Tokios für die jüngste Serie von Affronts. Wenn Japan "keinen Respekt vor unseren Vorfahren zeigt", könne Korea dies nicht hinnehmen, erläutert Chung die verletzten Gefühle seiner Landsleute. Die WM, sagt Chung, solle eine "große Party" werden. "Doch wie kann es eine gute Party werden, wenn sich einer der beiden Gastgeber nicht wirklich wohl dabei fühlt?" Wie herabgesetzt sich die Koreaner fühlen, ließ Präsident Kim Dae Jung den japanischen Premier Koizumi kürzlich wissen: Dessen Ansinnen auf einen baldigen Staatsbesuch in Seoul lehnte er beleidigt ab.
Die Zeiten, in denen sich die Regierenden einen Wandel durch Annäherung vorstellen konnten, sind längst passé. Kurz nach seiner Amtsübernahme 1998 war Koreas Präsident Kim mit einer versöhnlichen Geste vorgeprescht: Feierlich bot er der einstigen Unterdrücker-Nation an, gemeinsam in die Zukunft zu blicken. Gegen Widerstände im eigenen Land öffnete der Friedensnobelpreisträger den aufstrebenden Industriestaat vorsichtig für die lange streng verbotene japanische Pop- und Comic-Kultur.
Was folgte, war ein ungeahnter Boom kultureller und sportlicher Kontakte zwischen beiden Ländern. Dabei spielte der Fußball eine treibende Rolle: Bei der WM 1998 in Frankreich etwa feuerten die Fan-Clubs "Red Devils" aus Korea und "Ultra Nippon" aus Japan auch die Teams des jeweiligen Nachbarlandes an, erinnert sich "Red Devils"-Aktivist Lee Eun Ho, 25, in Seoul wehmütig.
Doch jetzt ist die zeitweilige Euphorie vergessen. Schuld daran gibt Koreas WM-Chef Chung dem wieder aufblühenden Nationalismus in Japan. Nach Jahren der wirtschaftlichen Krise sei das Land zu stark mit sich selbst beschäftigt und schere sich nicht um die Gefühle der Nachbarn. Statt gemeinsam das 21. Jahrhundert zu gestalten, klagt Chung, "verharren Japan und Korea noch im 19. Jahrhundert".
Anfang des Jahres erreichten die Nickeligkeiten ihren Höhepunkt - es ging um den offiziellen Namen der WM. Der lautet "2002 Fifa World Cup KoreaJapan". Doch als die Koreaner merkten, dass die Japaner in immer mehr Publikationen die Reihenfolge umkehrten und von "JapanKorea" sprachen, kochte in Seoul alter Hass gegen die einstige Kolonialmacht hoch.
Dabei war die offizielle WM-Bezeichnung das Ergebnis eines mühsamen Gefeilsches zwischen den Gastgebern und der Fifa. Da Japan das prestigeträchtige WM-Finale in Yokohama abhalten dürfe, so lautete der Kompromiss, sollte Korea wenigstens im Namen der Veranstaltung ehrenvoll an erster Stelle genannt werden.
Erst auf Druck von Fifa-Chef Sepp Blatter kehrte Japan zur vereinbarten Praxis zurück. Der Namensstreit zeigte nicht nur, wie wenig sich die asiatische Großmacht um Empfindsamkeiten des Co-Gastgebers schert. Er führte der globalen Fußball-Gemeinde auch ernüchternd vor Augen, dass sich die Funktionäre in Tokio und Seoul nur schwer zu gemeinsamem Krisenmanagement zusammenraufen können.
Das liegt auch am völlig unterschiedlichen Naturell der beiden Spitzenmänner, dem Japaner Shunichiro Okano, 70, und dem Koreaner Chung, 49. So ziemlich das Einzige, was die beiden verbindet, ist ihre Freundschaft mit Franz Beckenbauer, den beide bewundern.
Okano lebt vor allem in der Welt des Fußballs. Sein bescheidenes Tokioter Büro wird von einer Vitrine mit Sport-Souvenirs geschmückt. Noch heute schwärmt der Japaner davon, wie er als junger Spieler an einem Turnier in Dortmund teilnahm.
Die gemeinsame Ausrichtung der WM 2002 mit Korea sieht Okano als "meine Herzenssache", die er unbedingt zum Erfolg führen will. Aber aus dem hässlichen Streit zwischen Japan und Korea um die Vergangenheit hielt er sich vorsichtig heraus. "Die universale Kultur des Sports wird schon über die Politik obsiegen", glaubt der Fußball-Mann.
So gelassen kann sein koreanischer Kollege Chung das nicht sehen. Mit der WM feilt der charismatische Abgeordnete der Nationalversammlung in Seoul nämlich zugleich an seinem Gesellenstück, das ihm eines Tages den Weg zur Kandidatur für das Amt des Staatspräsidenten ebnen könnte. Dabei eifert Chung seinem legendären Vater Ju Yung nach, dem verstorbenen Gründer des Hyundai-Konzerns: Vater Chung holte 1988 die Olympischen Spiele nach Korea - ein Ereignis, das den wirtschaftlichen Aufbau und die Demokratisierung der Nation wesentlich beschleunigte.
Der ambitionierte Hyundai-Prinz kann es sich gar nicht leisten, die Empörung seiner Landsleute über den wachsenden japanischen Nationalismus zu ignorieren und nur von Fußball zu reden. Immerhin rief Seoul vorübergehend gar seinen Botschafter aus Tokio zurück. Außerdem stoppte Präsident Kim die geplante weitere Öffnung des Landes für japanische Kultur-Importe und sagte Manöver mit Nippons Marine ab.
Auf Chungs Schreibtisch in Seoul steht die koreanische Fahne noch immer friedlich neben Japans Sonnenbanner. Doch die Enttäuschung über die bislang verpasste Chance, beide Nationen mit Hilfe der WM-Vorbereitungen auszusöhnen, steht dem Koreaner tief ins Gesicht geschrie-ben. Letztlich, so fürchten auch japanische Fußball-Insider, dürfte die WM einer Hochzeit wider Willen ähneln, bei der die zerstrittenen Brautleute ihre Gäste in zwei getrennten Festsälen bewirten.
Der nächste koreanisch-japanische Streit kündigt sich bereits an: Dabei geht es um Nippons Kaiser Akihito. Seit Jahren lädt Seoul den Tenno zu einem versöhnlichen Staatsbesuch ein - bislang vergebens. Nun möchte Fußball-Boss Chung das Projekt anlässlich der WM realisieren. Demnach soll der Tenno die WM gemeinsam mit Präsident Kim in Seoul eröffnen.
Doch diesen Wunsch wollen Patrioten in Japans größter Regierungspartei, der LDP, auf jeden Fall vereiteln. Ihnen graut bei dem Gedanken, ihren Tenno in Seoul antijapanischem Protest auszusetzen. Und überhaupt: Akihito dürfe nicht zum Statisten in einer Sportveranstaltung entwürdigt werden, gibt ein japanischer Ex-Premier unter der Hand zu verstehen.
Dagegen werten Chung und seine Landsleute die Frage des kaiserlichen Besuchs als Prüfstein, ob es Japan mit der Harmonie der Gastgeber bei der WM ernst meint. Erstens habe Japans damaliger Tenno Hirohito auch die Olympischen Spiele 1964 in Tokio persönlich eröffnet. Und zweitens gehöre es "natürlich zu den Pflichten", dass die Staatsoberhäupter der gastgebenden Nationen dem Auftakt der WM 2002 und dem Finale beiwohnen.
Dann fügt Chung einen Satz hinzu, der auf eine harmonische Weltmeisterschaft kaum hoffen lässt: Ob der Tenno in Seoul würdig begrüßt werde, hänge von den Japanern ab. Wenn das Land ernsthaft anfange, seinen Nachbarn gegenüber gebührenden Respekt zu zeigen, werde Korea auch dem japanischen Staatsoberhaupt Respekt zollen. "So einfach ist das." WIELAND WAGNER
* Versorgung von Verletzten nach dem Bombenanschlag im Centennial Park bei den Sommerspielen von Atlanta am 27. Juli 1996.
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 41/2001
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