08.10.2001

DOPINGTückische Wunderwaffen

Eine Studie der Kölner Sporthochschule belegt: Bis zu 20 Prozent aller Nahrungsergänzungsmittel sind mit Anabolika kontaminiert. Verurteilte Sportler klagen jetzt vor Zivilgerichten.
Der 23. Juni des vorigen Jahres war der Tag, an dem die Karriere der Speerwerferin Carolin Soboll eine unheilvolle Wendung nahm.
Wie gewöhnlich in den Wochen zuvor schluckte die Nachwuchsathletin des TV Wattenscheid auch an diesem Freitag zwei Tabletten, die sie über ihren Trainer Stefan König aus Belgien bezogen hatte: "Creatine Glutamine Peptide Complexe", ein Präparat der Firma Performance.
Kreatin, ein so genanntes Nahrungsergänzungsmittel, gilt unter Leistungssportlern als Renner. Der Stoff fördert das Muskelwachstum, verbessert die Schnellkraft, verkürzt die Regenerationszeiten - und gehört nicht zu den verbotenen Mitteln. Für viele eine Wunderwaffe.
Am Abend jenes Sommertages, nach einem Wettkampf im westfälischen Rhede, bat der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) Carolin Soboll zu einer Dopingkontrolle. Zufällig war es ihr zweiter Test innerhalb von 31 Stunden. Schon am Tag zuvor waren zwei Kontrolleure zu Hause bei ihr in Gelsenkirchen aufgetaucht.
Soboll, so hält das Protokoll fest, gab nach einer knappen Stunde 90 Milliliter Urin ab. Die Probe 051190 wurde versiegelt und vom Münsterland ins Dopinglabor nach Köln transportiert.
Drei Wochen später erreichte Soboll, damals 19 Jahre alt, Deutsche Meisterin und Vize-Europameisterin bei den Junioren, ein Einschreiben. Das Ergebnis des Tests von Rhede sei positiv, teilte der DLV mit, es seien Vorläufersubstanzen des anabolen Steroids Nandrolon entdeckt worden. Man bat um "schnelle und lückenlose Aufklärung" - denn der ermittelte Norandrosteron-Wert lag bei 270 Nanogramm pro Milliliter Urin, 54-mal höher als der zulässige Grenzwert. Die Dopingprobe von Gelsenkirchen indes war negativ.
Soboll reagierte prompt. Beim Kölner Dopinglabor reichte sie vier der Kreatin-Tabletten zur Analyse ein, die sich noch in der Originalverpackung befanden. Das Ergebnis verblüffte: Wilhelm Schänzer, Leiter des renommierten Instituts, wies in allen Pillen anabole Substanzen nach, die nicht auf der Verpackung angegeben waren.
Zudem präsentierte Soboll dem DLV zwei wissenschaftliche Gutachten, die die Unbedenklichkeit des Kreatin-Präparats attestierten. Sie hatte die Papiere Monate vor den Kontrollen beim Vertreiber angefordert. Denn dass immer häufiger Nahrungsergänzungsmittel auftauchten, die offenbar bei der Produktion mit Anabolika kontaminiert worden waren, hatte auch Soboll gehört. Sie wollte kein Risiko eingehen.
Die Argumente der Gymnasiastin überzeugten den DLV - die Anti-Doping-Kommission sprach sie frei. Weil Soboll "ihre Sorgfaltspflicht in keinster Weise verletzt" habe, so Hausjustiziarin Tanja Haug, sei ihr "kein Verschulden vorzuwerfen".
Der Internationale Leichtathletik-Verband (IAAF) indes sieht den Fall anders. Ende November vorigen Jahres zog er die Speerwerferin aus dem Verkehr. Am vorvergangenen Dienstag schließlich, nach knapp zehnmonatiger Verfahrensdauer, sprach die IAAF-Schiedskommission das Urteil: schuldig. Soboll bleibt wegen "Dopingverstoßes" bis zum 26. November 2002 gesperrt - und ihre hoffnungsvolle Laufbahn, so scheint es, ist damit erledigt.
Der Richterspruch des "Arbitration Panel", für den DLV-Präsidenten Clemens Prokop "unverständlich", spiegelt wie kaum ein zweiter die aktuelle Orientierungslosigkeit der Sportgerichtsbarkeit im Kampf gegen das Doping wider - und nährt gleichzeitig den Verdacht, dass die IAAF an einer aufstrebenden, aber weithin unbekannten Speerwerferin ein Exempel statuieren wollte.
Bei Weltklasse-Athleten, die womöglich Schadensersatz geltend gemacht hätten, ließ die IAAF hingegen in der Vergangenheit erstaunliche Milde walten. So sprach das Arbitration Panel die jamaikanische Sprint-Diva Merlene Ottey im Vorjahr überraschend vom Dopingvorwurf frei. Die eiernde Begründung: das IOC-akkreditierte Labor in Lausanne habe "unseriös" mit Otteys Urin hantiert. Matthias Kamber, oberster Dopingbekämpfer in der Schweiz, zürnte hernach über einen "reinen Willkürakt".
Bei der Verfolgung von Dopingsündern aus den Vereinigten Staaten scheint der Aufklärungsbedarf der IAAF ebenfalls schnell erschöpft. So legte der US-Leichtathletikverband Anfang August eine Liste von 24 nicht gemeldeten Dopingfällen vor, gab jedoch nur die Namen von 11 unbekannten Juniorensportlern preis.
Die IAAF bekümmert auch nicht, dass die US-Funktionäre einen Topathleten decken, der vor Sydney mit überhöhtem Nandrolon-Wert in ihr Netz gegangen ist - und bei den Sommerspielen in Australien gar eine Medaille gewonnen haben soll. "Die Dopingbekämpfung", klagt DLV-Boss Prokop, "droht auf das Niveau der achtziger Jahre abzusinken, als viele Fälle totgeschwiegen wurden."
Dabei wäre eine umfassende Klärung nur gerecht. Denn dass sich viele Sportler dopen, ohne es zu ahnen, darauf deuten erste Resultate einer weltweit angelegten Studie hin: Im Auftrag des IOC untersucht das Dopinglabor an der Kölner Sporthochschule bis Ende 2002 deshalb 600 Nahrungsergänzungsmittel auf Verunreinigungen durch anabole Steroide: angebliche Kraftmacher wie Kreatin, Carnitin und Tribulus terrestris, aber auch Vitamine, Mineralien und Spurenelemente - ein Potpourri der ganz legalen Muntermacher, zu denen Leistungssportler täglich greifen.
In einem Zwischenergebnis stellte Laborchef Schänzer unlängst fest, dass von 153 Nahrungsergänzungsmitteln 18 mit Stoffen kontaminiert waren, die nicht auf den Packungsbeilagen standen. Allein 15mal fanden sich Vorläufersubstanzen von Nandrolon - womit die in den letzten Jahren zu beobachtende Häufung von Nandrolon-Dopingfällen (siehe Grafik) erklärbar wird.
Da das IOC nunmehr davon ausgeht, dass bis zu 20 Prozent aller Supplements nicht sauber sind, haben die Sportfunktionäre bereits in Washington wegen schärferer Kontrollen vorgesprochen - die USA sind mit Abstand der größte Hersteller solcher Produkte.
Doch alle Bemühungen sind bisher gescheitert. Denn die Pulver- und Pillenproduzenten haben den mächtigen Senator Orrin Hatch hinter sich gebracht, der die Unternehmen aus seinem Heimatstaat Utah vor Reglementierungen schützt.
Nun droht den Sportverbänden eine Flut von Prozessen. Immer häufiger wollen sich vermeintlich zu Unrecht gesperrte Athleten gegen den Vorwurf des Anabolika-Dopings vor ordentlichen Gerichten zur Wehr setzen - zuweilen stehen Millionen auf dem Spiel.
So kündigte der niederländische Fußballprofi Frank de Boer an, den Europäischen Fußballverband vor einem Schweizer Zivilgericht zu verklagen. Trotz der Reduzierung seiner Sperre von einem Jahr auf elf Wochen, so de Boers Anwalt, gelte der Spieler immer noch als schuldig.
Auch der deutsche Ringer Alexander Leipold, nach dem Gewinn der Goldmedaille bei den Olympischen Spielen mit erhöhtem Nandrolon-Wert aufgeflogen, will vor einem Schweizer Zivilgericht um seine Rehabilitierung kämpfen. Es reicht ihm nicht, dass der Sportgerichtshof des IOC seine Sperre von zwei Jahren auf eines verkürzte und der Ringer vergangenen Mittwoch auf die Matte zurückkehrte.
Für Carolin Soboll scheitert eine mögliche Klage vor einem Zivilgericht an den Kosten. Das Geld in der Familie ist knapp. Ihre Mutter hat sich mit einem bescheidenen Büroservice selbständig gemacht, ihr Vater arbeitet bei einem Küchenherdhersteller. Vor ihrer Suspendierung überwies der TV Wattenscheid im Monat 600 Mark, hinzu kamen alle vier Wochen 250 Mark von der Sporthilfe.
Momentan fließt nichts. "Wie soll ich 50 000 Mark für einen Prozess aufbringen?", fragt die angehende Studentin und fügt hinzu: "Keine Chance." So bliebe ihr nur noch die Möglichkeit, wie jüngst der britische 400-Meter-Läufer Mark Richardson ein Gnadengesuch bei der IAAF einzureichen. "An diesen Gedanken", sagt sie, "muss ich mich allerdings erst gewöhnen." UDO LUDWIG,
MICHAEL WULZINGER
Von Udo Ludwig und Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 41/2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 41/2001
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

DOPING:
Tückische Wunderwaffen

  • Neue iPhones im Test: "iPhone 11 ist ein No-Brainer"
  • Trumps Ex-Pressesprecher: Sean Spicer ist Tanzshow-Star. Period.
  • Surfvideo aus China: Ritt auf der Gezeitenwelle
  • E-Zigaretten-Verbote in den USA: Ist das Dampfen zu gefährlich?