08.10.2001

BANKENHeikler Kunde

Weltweit spüren Fahnder dem finanziellen Netzwerk Osama Bin Ladens nach - bislang ohne großen Erfolg. Die Terror- Geldflüsse werden offensichtlich „nachrichtendienstlich“ getarnt.
Die Erfolgsmeldungen klangen beeindruckend. Ganz so, als wollten sie sich gegenseitig übertreffen, veröffentlichten Finanz- und Wirtschaftsminister der großen europäischen Länder vergangene Woche ständig neue Zahlen über gesperrte Konten und beschlagnahmte Gelder. Der Kampf gegen die Finanziers des Terrors, so lautete die fast gleich lautende Botschaft in Berlin, London und Paris, ist voll entbrannt und überaus erfolgreich.
Insgesamt 214 Konten mit einem Bestand von acht Millionen Mark seien in Deutschland eingefroren worden, teilte das Wirtschaftsministerium in Berlin mit. In Frankreich, versicherte Finanzminister Laurent Fabius höchstpersönlich, seien Geldanlagen im Wert von 4,3 Millionen Euro sichergestellt worden.
In London bewies Schatzkanzler Gordon Brown schließlich erneut, dass seine Regierung im Kampf gegen den Terrorismus der eifrigste Freund von US-Präsident George W. Bush ist. Immerhin hatten die Briten die Rekordsumme von 97 Millionen Euro eingefroren.
Von durchschlagendem Erfolg im Kampf gegen den Top-Terroristen Osama Bin Laden kann trotz der Millionensummen kaum die Rede sein. Banken und Fahnder sind dem finanziellen Netzwerk des Muslim-Extremisten keineswegs so nah auf der Spur, wie es den Anschein hat.
Gerade einmal ein halbes Dutzend Konten wurde an den wichtigsten Finanzplätzen Europas in direktem Zusammenhang mit der aktuellen Fahndung als mögliche Drehscheibe für Terroristen-Gelder identifiziert - davon zwei in England und eins in der Schweiz.
In Deutschland ist das Bild nicht anders: Obwohl zahlreiche Spuren der Kamikazeflieger nach Hamburg und in andere deutsche Städte weisen, konnten lediglich 2 der insgesamt 214 konfiszierten Konten im Zuge der aktuellen Fahndungsmaßnahmen eingefroren werden.
Eines davon hatte der syrische Geschäftsmann Mamoun D. eine Woche vor dem Anschlag in Hamburg eingerichtet. Auf dem Konto des Mannes, der wegen dubioser Kontakte zu einem al-Qaida-Manager unter Verdacht steht, lagen weniger als 1000 Mark.
Der Löwenanteil der Konten, deren Beschlagnahme jetzt als kriminalistischer Erfolg gefeiert wird, hat dagegen mit der Fahndung nach den Attentätern von Washington und New York nichts zu tun. Sie standen schon lange auf dem Index.
Die rechtliche Grundlage dazu hatte der Weltsicherheitsrat, der wegen der Menschenrechtsverletzungen in Afghanistan strenge Sanktionen gegen das Taliban-Regime verhängte, Ende 1999 mit der Resolution 1267 gelegt. Danach macht sich jede Bank strafbar, wenn sie die Konten von rund 300 von der Uno genannten Personen und Organisationen im Umfeld der Taliban weiterführt.
In Europa wurde die Anweisung ernst genommen. Spätestens im Juli dieses Jahres, als die Resolution von 1999 in einer aktualisierten EU-Verordnung umgesetzt wurde, schlossen die Banken einen Großteil der Konten, die laut Uno den Machthabern in Kabul zugeordnet werden.
Der wohl größte Schlag gegen die Taliban gelang dabei der Bank of England. Bei der Afghan National Credit & Finance Ltd. in London wurden rund 20 Millionen Mark eingefroren (siehe Seite 110).
Dass die von Präsident Bush zwei Wochen nach den Anschlägen veröffentlichte Fahndungsliste mit 27 Personen, Firmen und Organisationen zum größten Teil die gleichen Adressen enthält, die bereits auf der Uno-Liste stehen, lässt nach Ansicht von Experten nur zwei Schlussfolgerungen zu: Entweder haben sich die Banken in Asien und in den USA um die Uno-Sanktionen nicht geschert und müssen nun auf Druck des Weißen Hauses nachbessern - oder aber das US-Finanzministerium, das die Kontenfahndung koordiniert, hat kaum konkrete Spuren, die gezielt auf das finanzielle Netzwerk des saudischen Multimillionärs Osama Bin Laden und seiner Terrororganisation al-Qaida hinweisen.
Mittlerweile hat sich zwar die Zahl der Verdächtigen, deren Namen zunächst auf Dutzenden verschiedener Listen kursierten, drastisch erhöht. Eine vergangene Woche von europäischen Zentralbanken angefertigte Zusammenstellung, die zeitweise auch im Internet für jedermann zugänglich war, nennt schon 350 Namen. Anhand der Liste, die auch Alias-Bezeichnungen und verschiedene Schreibweisen berücksichtigt, sollen die Geldinstitute ihre Karteien nach verdächtigen Kunden durchforsten.
Als bislang heißeste Spur stießen die Fahnder dabei auf ein Konto bei einer Bank in Dubai, das von Mustafa Mohammed Ahmed geführt wurde. Der auch als Scheich Said bekannte Mann, der Anfang der Neunziger einer der Vertrauten Bin Ladens war, soll rund eine halbe Million Dollar an den mutmaßlichen Terrorflieger Mohammed Atta überwiesen haben.
Für die Beweisführung, dass Bin Laden hinter dem Massenmord in den USA steckt, mag das ein wichtiges Indiz sein. Ein Schlag gegen das finanzielle Netzwerk der Terrororganisation ist es mit Sicherheit nicht.
"Mit den derzeit verfügbaren Verdachtsprofilen lassen sich Terroristen, die sich ganz offensichtlich nachrichtendienstlicher Tarnmethoden bedienen, kaum aufspüren", erklärt Dirk Scherp, Geldwäscheexperte an der Verwaltungsfachhochschule in Wiesbaden, die Probleme. "Die Ermittlungen im komplexen Bereich der Banken- und Finanztransaktionen", meint deshalb der Schweizer Bundesanwalt Valentin Roschacher, "werden uns noch längere Zeit beschäftigen."
Nach wie vor sind den Fahndern essenzielle Details über die arabische Bankenwelt und ihr fein gesponnenes Beziehungsnetz, das nach westlichen Kartellrechtsmaßstäben undenkbar ist, völlig unklar. Auch scheinen einige Erkenntnisse über islamische Geldinstitute nicht mehr auf dem aktuellen Stand zu sein.
Inzwischen wehren sich immer mehr Banken gegen Verdächtigungen aus dunklen FBI- und CIA-Quellen. So etwa die Bahrain International Bank, die in einem Rundschreiben der Luxemburger Aufsichtsbehörden vom 24. September genannt wurde. Die Bankiers aus Manama bestreiten entschieden, zum Kreis der suspekten Institute zu gehören.
Unterstützung für die im Sudan ansässigen Banken al-Shamal, Tadamon Islamic Bank sowie die Faisal Islamic Bank kommt von der Regierung in Khartum. "Die USA haben bereits vor einem Jahr offiziell Agenten in den Sudan geschickt, um nach Verbindungen zu Bin Laden zu suchen", sagt ein Sprecher der sudanesischen Botschaft in Berlin. Dabei habe die CIA Einblick in die Bücher verdächtiger Banken und Firmen genommen, "jedoch nichts gefunden".
Entschiedene Dementis kamen auch von der in den Vereinigten Arabischen Emiraten ansässigen Mashreqbank. Unter Hinweis auf das FBI hatten englische Zeitungen behauptet, die Mehrheit der 19 Attentäter habe über Kreditkarten verfügt, deren Konten bei der sudanesischen Filiale der Mashreqbank geführt würden.
Zwar unterhält die Mashreqbank eine Filiale im Sudan, doch beschäftigt sie sich laut Vorstandsmitglied Steven Pinto "ausschließlich mit Handelsfinanzierungen". Kreditkarten seien dort nie ausgegeben worden.
Auch in der Zentrale seien die Attentäter unbekannt, sagt Pinto. Einerseits habe man ein Taliban-Konto in London gesperrt, andererseits den Amerikanern ein Konto in Dubai gemeldet, weil der Name des Inhabers dem Namen eines Attentäters sehr ähnlich ist. Der eingefrorene Betrag sei aber gering, und auf dem Konto habe es seit 1997 keine Bewegungen mehr gegeben, so Pinto.
Die breit gestreuten Verdächtigungen der Amerikaner, die offenbar allzu oft wenig Substanz haben, machen inzwischen nicht nur den Betroffenen zu schaffen. "Wer hier mit einem zu groben Raster ans Werk geht", so befürchtet ein hochrangiger Banker in Frankfurt, "der spielt den Terroristen in die Hände."
Wenn die gesamte islamische Bankenwelt unter Generalverdacht stehe und dadurch erhebliche geschäftliche Nachteile in Kauf nehmen müsse, werde es Gegenreaktionen geben, fürchten Banker in Frankfurt. Dann, so die Sorge, könnten auch die vorhandenen Sympathien der prowestlichen islamischen Geschäftsleute für die USA und deren Aktivitäten bei der Strafverfolgung schnell umkippen.
Viele Geldinstitute ziehen deshalb mittlerweile Islam-Experten zu Rat. Mit ihnen werden auffällige Verbindungen erst einmal diskutiert, um voreilige Reaktionen zu verhindern.
Eines ist den Geldhäusern dabei allerdings auch klar geworden: Die offiziellen Beteuerungen des milliardenschweren Familienclans Bin Laden, mit dem abtrünnigen Osama nichts mehr zu tun zu haben, sind mit großer Vorsicht zu genießen.
Nach islamischem Recht, so haben die Banker gelernt, kann eine islamische Familie eines ihrer Mitglieder gar nicht verstoßen - es sei denn, der Betreffende wendet sich von seinem Glauben ab. Dies ist bei Osama Bin Laden nicht der Fall.
Vor diesem Hintergrund erscheint auch die heikle Verbindung der Deutschen Bank zum Familienclan Bin Laden, die der SPIEGEL vergangene Woche enthüllte, in einem anderen Licht.
Das Institut hatte die Beziehung zu der saudischen Familie von seinem US-Ableger Bankers Trust übernommen und unter anderem zwei Vermögen des Clans im Gesamtwert von 314 Millionen Dollar verwaltet. Daneben war Bankers Trust an einer wild verschachtelten Firmengruppe des Clans auf den Cayman Islands und in Liechtenstein beteiligt.
Trotz intensiver Recherchen konnte nie wirklich geklärt werden, wer hinter dem Firmengeflecht steht, das bankintern unter dem Codenamen "Cambridge" geführt wurde. Dennoch hatte die Deutsche Bank die dubiose Kundenbeziehung erst nach den Anschlägen angezeigt.
Dieses "zugegeben amateurhafte Vorgehen", so ein Manager in der Frankfurter Zentrale, hat nun möglicherweise ein Nachspiel. Die Bankenaufsicht hat jedenfalls eine Menge Fragen. Sie prüft, ob das Institut und seine beiden Vorstände Tessen von Heydebreck und Rolf Breuer - sie stimmten der Kundenbeziehung zu - ihre Sorgfaltspflicht verletzt haben.
Weitere Probleme mit dem heiklen Kunden will sich die Deutsche Bank jetzt nicht mehr aufhalsen. Vor einigen Tagen kündigte das Institut kurzerhand die umstrittenen Konten der Familie Bin Laden.
BEAT BALZLI, KLAUS-PETER KERBUSK,
WOLFGANG REUTER
Von Beat Balzli, Klaus-Peter Kerbusk und Wolfgang Reuter

DER SPIEGEL 41/2001
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