08.10.2001

Tod im Schwarzen Meer

Brachte ein Fehlschuss ukrainischer Militärs die in Tel Aviv gestartete russische Tupolew zum Absturz?
Am Sukkot, dem Laubhüttenfest, feiern gläubige Juden ihre Ahnen, die das Rote Meer durchquerten. Die Vorfahren tauschten, in alttestamentarischer Zeit, die Fleischtöpfe Ägyptens gegen ein mühseliges Dasein in der Wüste, und sie tauschten die Sklaverei unter den Pharaonen gegen ein armes, aber freies Leben.
Die meisten Passagiere des Charterflugs SBI 1812 von Tel Aviv nach Nowosibirsk waren in Israel lebende Emigranten aus Russland. Sie wollten nach Sibirien, um in der alten Heimat das Sukkot-Fest zu begehen und der biblischen Durchquerung des Roten Meeres zu gedenken - sie fanden, am vorigen Donnerstag, ihr Grab im Schwarzen Meer.
Um 11.44 Uhr MESZ explodierte die Tupolew Tu-154 über dem Wasser. Alle 66 Passagiere und 11 Crew-Mitglieder kamen ums Leben. Und kaum war der Absturz publik, da kursierten abenteuerliche Spekulationen - bei naturgemäß dürftiger Beweislage.
Hatte wieder einmal die Tupolew-Technik versagt? Oder die Wartung? Der Pilot? Der Jet war zehn Jahre alt und zuletzt vor zwei Jahren gründlich überholt worden. Diese These war weder zu erhärten noch zu widerlegen.
War der Ukraine ein peinliches Versehen unterlaufen? Zur Zeit des Unglücks, exakt bis 12.30 Uhr, erprobten ihre Streitkräfte von der Küste aus Flugabwehrraketen: Boden-Flak, auch Marine und hochmoderne MiG-29-Jäger feuerten auf ferngelenkte Attrappen. Kiew dementierte.
Das Militär habe ohne Fehlschuss innerhalb einer 40 Kilometer breiten Küstenzone geschossen, hieß es. Die beste ukrainische Boden-Luft-Rakete SA-5 (Nato-Kürzel: "Gammon") hat eine Reichweite von bis zu 300 Kilometern, der Absturz der Tupolew geschah aber 185 Kilometer südwestlich von Sotschi - also fast 400 Kilometer von der Krim und 320 Kilometer vom Manövergebiet entfernt, mithin außerhalb der kritischen Distanz.
Waren wieder Terroristen am Werk? Russlands Präsident Wladimir Putin, der in Sotschi seinen Sommersitz hat, mochte einen "Terrorakt" nicht ausschließen, ebenso wenig die Israelis, deren Sicherheitsvorkehrungen eine Bombe an Bord jedoch höchst unwahrscheinlich machen.
Putin hielt auch Tschetschenen für mögliche Hintermänner. Sein Ultimatum an die Aufständischen, binnen 72 Stunden alle Waffen und "Bandenführer" auszuliefern, war ohne Folgen geblieben. Überraschend griff er zu diplomatischen Mitteln: Sein Sprecher Sergej Jastrschembski rief zum Dialog mit "Vertretern der gemäßigten Kräfte" wie Tschetschenen-Präsident Aslan Maschadow, einem Gegner der Taliban. Und dessen Vertrauter Achmed Sakajew sondierte per Telefon beim Generalgouverneur Wiktor Kasanzew.
Extremistische Freischärler wie der Geiselnehmer Schamil Bassajew fürchten, der russische Präsident wolle mit Scheinverhandlungen den Widerstand spalten. Aber konnten Killer in ihrem Auftrag, etwa von einem Boot aus, die Tupolew abschießen? Stinger-Raketen der Taliban reichen drei Kilometer weit. Der Unglücksjet flog elf Kilometer hoch.
Des Rätsels Lösung liegt, wie sich am Freitagabend herausstellte, möglicherweise doch in Kiew: Während das Verteidigungsministerium noch an seinem Dementi festhielt, schloss der ukrainische Premier Anatolij Kinach einen Fehlschuss nicht mehr aus.
* Im Hafen von Sotschi am vorigen Freitag.

DER SPIEGEL 41/2001
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