08.10.2001

AFGHANISTAN„Unsere Welt ist anders als eure“

Im staubigen Hinterland der Nordallianz wartet das Korps der internationalen Kriegsberichterstatter auf den Sturmangriff gegen die Taliban.
Amerika - bum, bum?", möchte der Fahrer Achmed wissen, und sein sonnenverbranntes Gesicht, vom Turban-ähnlichen Kopfputz bis zum riesigen schwarzen Schnauzer, gerät dabei zu einem einzigen Fragezeichen. "Bach, bach!" - sein Arm wird jählings zum Gewehr, das Zerstörung und Bestrafung in alle Himmelsrichtungen trägt.
Dann, Szenenwechsel, ein Bild wie aus der biblischen Weihnachtsgeschichte: Kamele und Rinder waten im Fluss, Hirten weilen auf der Weide bei ihren Schafen. Allein von großer Freude oder Wohlgefallen keine Spur.
Hodscha Bahauddin, ein graues Dorf, und gleich daneben ein fast ebenso großes, noch elenderes Flüchtlingslager am Nordrand Afghanistans. Kahle, hellbraune Berge begrenzen den Horizont. Die im Osten gehören bereits zu Tadschikistan, die im Westen werden beherrscht von den Taliban.
Die Erde ist entweder hart wie Beton oder weht wie pulverisierter Lehm durch die Luft. Wenn die Kinder rennen, verschwinden sie sekundenlang in riesigen Staubwolken.
Wann der letzte Regen fiel? Vor zwei Wochen, ein paar Tropfen, zehn Minuten lang - und so geht das schon seit Monaten.
Die Zelte aus einem früheren Nothilfeprogramm der Vereinten Nationen stehen hier bereits fünf Jahre. Seit jenem heißen Herbst 1996, in dem die fanatischen, in Pakistan geschulten Koranschüler Kabul nahmen und damals eine wehrlose Armee von Flüchtlingen vor sich hertrieben.
Rund 20 000 Menschen aus dem Süden und etwa noch einmal so viele nach dem Fall von Masar-i-Scharif 1998 sind hier mehr schlecht als recht untergekommen. "Sie werden in ihre Heimat zurückkehren, mit unserer Hilfe", gelobt Oberst Mohammed, der für die oppositionelle Nordallianz den vom Sand fast verwehten Hubschrauberlandeplatz bewacht. Inzwischen ist manche Notunterkunft eingesunken, ihre Beschichtung fädig geworden, die Bodenplanen sind zerrissen. Lappen und Teppichreste decken kaum den nackten Boden. Die Frauen wedeln den Neugeborenen die Fliegenschwärme aus dem Gesicht, die Alten parlieren auf notdürftig zusammengezimmerten Holzpodesten.
Kein Strom, kein Wasser, keine medizinische Versorgung. Die Fäkalien versickern kaum 100 Meter vom Fluss entfernt.
Ein amerikanischer Fernseh-Mann, dezent duftend und wie aus dem Ei gepellt, schneidet dem das Elend schildernden Dorfältesten brüsk das Wort ab: "Genug. Dafür haben wir keinen Platz. Unser Thema ist der Krieg gegen den Terror." Sehen werden die Lagerbewohner seinen Live-Bericht ein paar Stunden später ohnehin nicht. Wer hier ein Radio sein Eigen nennt, gilt als reich. Doch dieser Luxus kommt im ganzen, vier Hektar bedeckenden Lager gerade zweimal vor. Einer hat soeben von 50 Tonnen Reis gehört, die als humanitäre Hilfe in der Kreisstadt angekommen sein sollen: Das macht ihn beinahe zum Helden.
Fais ist seit Anfang an hier. Der 52-jährige Bauer wurde samt Frau und vier Kindern aus einem Dorf südlich von Kabul vertrieben. Sie retteten damals wenig mehr als die nackte Haut.
Sein Bruder diente einst im Innenministerium des Moskau-treuen Babrak Karmal. Die ganze Sippe, erzählt Fais, stand "bei den Fremden auf der schwarzen Liste".
Von den Kamikaze-Angriffen auf Amerikas Finanz- und Militär-Hochburgen ist nur schwache Kunde in Fais' mittelalterliche Welt gedrungen. Der Name Bin Laden sagt ihm ebenso wenig wie jener des George W. Bush, welcher dem in Afghanistan wurzelnden Terrorismus nun den Krieg erklärt hat.
"Krieg", sagt Fais wenig beeindruckt und beschreibt mit den Händen einen weiten Kreis, "Krieg gibt es hier immer. Mitten im Leben sind wir im Krieg." Wie zur Bestätigung dieser Grunderfahrung nun schon mehrerer afghanischer Generationen dröhnt dumpfes Geschützfeuer.
Die Front ist nur knapp 30 Kilometer entfernt, quälende zwei Autostunden quer durch raues Gelände Richtung Westen.
Das Bergplateau hoch über dem Pjandsch-Fluss ragt so stoisch in die Sonnenglut, wie Alexander der Große es angetroffen haben mag, als er hier vor 2330 Jahren sein Heer rasten ließ. Lediglich ein russischer T-55-Panzer ist hinzugekommen, eingegraben und mit Sandsäcken bedeckt, sein Rohr gegen die Höhen auf der anderen Flussseite gekehrt.
Dort, heißt es, stehen Truppen der Taliban. Aber weder sind sie zu sehen, noch schießen sie zurück. Gleichwohl führt Oberst Salmadsch vom Regionalkommando der Nordallianz jeweils nur kleine Gruppen auf die Bergkuppe: Größere Menschenansammlungen könnten den Gegner womöglich reizen, auch einmal einen Schuss zu wagen.
Zehn Soldaten halten diese unwirtliche, wie eingeschlafen wirkende Frontlinie. Zwei hocken auf dem Panzer und würden gern einmal ins Ungewisse feuern, wenn die Journalisten sie darum bäten - so wie sie es in den letzten Tagen schon für 26 Kamerateams getan haben.
Den Feind drüben aus seinen Stellungen vertreiben könnten sie "sehr leicht", brüstet sich der Oberst. Er hatte einst Seite an Seite mit den Russen gegen die Mudschahidin gekämpft, bevor er selbst einer wurde: Viele Male hätten sie das jenseitige Ufer bereits "befreit", aber anschließend sei es wegen "logistischer Probleme" immer schwierig gewesen, ihre letzten Gewinne zu verteidigen.
Auch Salmadsch sucht mit dem Fernglas den wolkenlosen Himmel ab, als hoffe er, dort jeden Augenblick eine fliegende US-Streitmacht zu erblicken. Aber es bleibt still, der Himmel leer: "Bislang gibt es keine amerikanische Hilfe", beendet der Oberst seine Erkundung: "Es wäre gut, wenn sie käme, aber wir siegen auch ohne sie."
Dann steigt er hinab zur Lehmhütte, in der sich die übrigen Kämpfer die Zeit vertreiben. Die Fenster sind aus olivgrünen Munitionskisten grob zusammengeschlagen. Auf einem Rahmenstück ist zu lesen: "107 mm rocket", unter dem Herstellungsdatum 13. 04. 86. Das war die Zeit, als Washington mit pakistanischen Geheimdienstlern kräftig in das Gewalt-Labor Afghanistan investierte, dessen Terrorprodukte es heute wieder aus der Welt schaffen möchte.
Das Frontgebiet ist durch eine grüne Wäscheleine vom Hinterland abgetrennt. Ein Halbwüchsiger mit einer abgewetzten Kalaschnikow gibt den Weg frei nach einem Blick auf den Genehmigungsstempel. Lesen kann er nicht.
Verständnislos betrachten die Bauern diese nun schon seit zwei Wochen andauernde Invasion neugieriger Fremdlinge, die in riesigen Staubfahnen heranbrausen, aus gemieteten Geländewagen springen und für ihre Kameras ungeduldig exotische Gruppenbilder mit Schafen und Gewehren suchen. Mühsam lockt ein Dolmetscher aus dem alten Faarif den philosophischen Satz heraus: "Unsere Welt ist eine andere Welt als eure Welt. Aber die kenne ich nicht."
Sie würde ihm wahrscheinlich auch nicht gefallen, wenn er sie denn besichtigte in jenem Eckchen von Hodscha Bahauddin, dessen sie sich bereits bemächtigt hat. Auf einem engen Hof wimmeln die Sendboten der Info-Gesellschaft wie Ameisen durcheinander, bedienen hektisch Mobiltelefone, Faxe, Funkgeräte und machen regelmäßig ihre "Aufsager" zur angeblich steigenden Spannung an Afghanistans innerer Front.
Wer war schon an der vordersten Kampflinie am Pjandsch, wer möchte noch hin? Die großen amerikanischen Networks haben angeblich Informationen, wo zugeschlagen wird. "Operationen völlig neuen Typs", raunt ein Eingeweihter. Ein anderer löst einen sofortigen Run aufs elektronische Werkzeug aus mit der schlichten Nachricht: "Heute ist Basartag, hinreißende Bilder."
Was soll einer sonst tun, bei den drei, vier "Lives" am Tag, als die wenigen frischen Bilder, die schütteren neuen Informationen strecken für jene Ruhe vor dem Sturm, die nicht weichen will.
"Wir wissen alles über die Pläne der Amerikaner", versichert ein Militärmensch der Nordallianz, dessen Dienstrang ebenso streng geheim ist wie sein Name: "Wir beraten sie schließlich und liefern wertvolle Aufklärungsdaten."
Wo Taliban-Blockaden den Marsch der Nordallianz auf Kabul hemmen und zu bombardieren seien, wo sich gegnerische Waffen- und Munitionsdepots befinden, wo Osama Bin Laden gelegentlich Beratungen abhielt - alles sei US-Militärberatern detailliert übermittelt worden.
Tags darauf bestätigt auch Nordallianz-Außenminister Abdullah Kontakte zu den Amerikanern: Man konzentriere sich gegenwärtig "auf Schwachstellen der Taliban". Und darauf, "mit internationaler Hilfe Durchbrüche zu erzielen".
Auch wann das geschehen werde, wisse er "ziemlich genau: Alles wird mit uns abgestimmt". Den auf Action drängenden Medien-Menschen verspricht Abdullah, sie rechtzeitig wissen zu lassen, "wann es losgeht - spätestens einen Tag vorher". Damit alle zur rechten Zeit in Kabul seien zum "Großen Rat der nationalen Einheit". Um den alten König zu sehen im Kreis seiner versöhnten Untertanen, der durchaus wieder "an die Spitze des Landes treten" könnte. Nichts sei entschieden. Alles erst nach "erfolgreicher Vertreibung der Taliban".
Sie rücke nun mit jedem Tage näher, versichert der smarte Außenpolitiker: Die Moral des Gegners bröckle, auch bereits in paschtunischen Wohngebieten. Erst Mitte letzter Woche hätten Einheimische in einer Nachbarprovinz ihre talibanischen Kommandeure liquidiert; 700 Krieger seien dabei für die Nordallianz gewonnen worden.
Die mediale Vorhut der Kriegs-Liga gegen den Terror scharrt mit den Hufen: Ob es nicht ein bisschen schneller, ein bisschen härter gegen den Feind gehen könne, fragt ein Agenturmann. Auch ohne Ami-Sturm?
Endlich kommt Bewegung ins Korps der Kriegsberichterstatter: Eine Attacke sei geplant, mit drei Panzern und tausend Soldaten. "Richtiger Kampf mit Wum-Bum", wirbt ein afghanischer Offizieller: "Ihr sollt alle dabei sein."
Später schrumpft die Verlockung zur militärischen Übung. Am vorigen Freitag zogen 2000 Soldaten der Nordallianz mit 37 Panzern russischer Bauart ins Manöver. "Ganz wichtig", versucht Kommandeur Mohammed die Spannung aufrechtzuerhalten, "für den Moment, wenn die Luftunterstützung kommt und wir entlang der gesamten Front losschlagen."
Den Leuten der Provinz Tachar freilich kann diese Ruhe gar nicht lange genug dauern. Die Fremden in den Schützengräben des einstweilen noch kalten Krieges bringen Geld, viel Geld. Der Dollarkurs beim mächtigen Wechsler-Kartell auf dem Basar ist bereits um 25 000 Afghani pro Greenback gefallen. Und die Preise für Fahrer, Geländewagen, Dolmetscher, Frontführer klettern von Tag zu Tag weiter. Selbst für drei, vier Kurzfahrten durch den traurigen Ort fordern die Kutscher von Hodscha Bahauddin inzwischen leicht 100 Dollar - und drohen mit guten Beziehungen zur Kommandantur, wenn die neuen Verbündeten nicht willig zahlen.
Dafür werden sie genährt mit Fladenbrot, Reis und dünnem Tee. Dafür müssen sie sich dreimal am Tag anhören, dass der geliebte Nordallianz-Führer schließlich von Journalisten ermordet worden ist - angeblich solchen aus Algerien, die Schah Massud während eines Interviews mit einem Sprengsatz töteten.
Und wenn es Abend wird, werden die Ausländer-Pferche verriegelt: Ausgangssperre. "Unsere Leute wollen für sich sein", erklärt ein Späher des Sicherheitsdienstes.
Aber dann scheint ihm diese Erklärung selbst nicht befriedigend: "Lange wollen wir euch hier sowieso nicht haben, nicht so lange jedenfalls wie die ,Schurawi'." Das war die verächtliche Bezeichnung für die sowjetischen Soldaten des vergangenen Krieges. JÖRG R. METTKE
Von Jörg R. Mettke

DER SPIEGEL 41/2001
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