08.10.2001

USBEKISTANDie neue Pest

Der Bruder des ermordeten Nordallianz-Führers Massud müht sich um eine Regierung nach den Taliban.
Sachte rüttelnd arbeitet sich die Propellermaschine durch den Dunst - 6000 Meter über der Wüste von Surchandarja, dem südlichsten Verwaltungsgebiet Usbekistans. Die Kabine der klapprigen Antonow-24 ist so gut wie leer. Nur gleich hinter dem Cockpit sitzen sieben Passagiere - alles Afghanen.
Der Mann mit den schwarzen Locken und dem wohl gestutzten Bart auf Sitz Nummer eins ist auffallend westlich gekleidet: blassblaues Hemd, schwarzes Jackett, dazu gut sitzende Jeans. Verblüffend die Ähnlichkeit mit dem vor vier Wochen ermordeten Mudschahidin-General Ahmed Schah Massud: derselbe Gesichtsschnitt, dieselben lebhaften Augen, derselbe Mund. Der Passagier ist Ahmed Zia Massud, 44, der jüngere Bruder des Gemeuchelten und Schwiegersohn des offiziell amtierenden afghanischen Staatsoberhaupts Burhanuddin Rabbani.
Der junge Massud hat bisher in London gelebt. Nun will er sich einreihen in die Anti-Taliban-Front der Nordallianz. Massud, der Tadschike, kommt mit den anderen sechs - Paschtunen, Usbeken und Hazara - aus Rom, er war bei Ex-König Mohammed Zahir Schah. Diesmal, sagt er, komme der König wirklich in die Heimat zurück, als der große alte Mann, der die afghanischen Volksstämme zu einigen weiß. "Wir haben uns auf eine Übergangsregierung geeinigt. In 30 Tagen", Massud zeigt aus dem Bullauge Richtung Süden, "haben wir Masar-i-Scharif von den Taliban befreit."
Landung in Termes, der usbekischen Wüstenstadt mit 2300-jähriger Geschichte. Dies ist der letzte Ort vor der usbekisch-afghanischen Grenze. Die Gruppe aus Rom braust in einem Minibus Richtung Tadschikistan davon. In Termes gibt es vorerst aber keinen Übergang nach Afghanistan. Die einzige Brücke über den gelbschlammigen Grenzfluss Amu-Darja, einst als "Freundschaftsbrücke" gerühmt, ist mit Betonblöcken versperrt.
Im Dezember 1979 rollten an dieser Stelle Moskaus Panzer nach Kabul. Gut neun Jahre später marschierte als Letzter der Afghanistan-Befehlshaber Gromow in umgekehrter Richtung ans usbekische Ufer zurück, erwartet von seinem Sohn mit einer Rose in der Hand - der kitschige letzte Akt einer blutigen Invasion.
Jetzt ist hier Niemandsland. Vorab schon versperrt ein zweifacher Stacheldrahtzaun jeden Zugang zum Fluss. Ein Soldatentrupp - braune Tarnuniform und Tropenhut - richtet gerade die Pfähle für eine dritte Barriere auf. Die Spaten klappern. Aus der Grabmoschee des Chakim al-Termesi oben am Ufer, Kulturzeugnis aus dem 9. Jahrhundert, dringt das murmelnde Gebet alter Männer. Trüb blinzelt die Sonne von afghanischer Seite her durch den Dunst - ein trügerisches Bild.
Denn am Südufer, in der Ortschaft Heiratan, stehen die Taliban. Dort könnte es zum Vergeltungsschlag gegen die Gotteskrieger kommen.
Schon jetzt müssen die Taliban an den Rückzug denken. Nordallianz-General Dostam startete vorige Woche ganz nahe im Osten und im Süden eine Offensive. Der Usbeken-Führer will mit seinen 8000 Mann den Koranschülern rechtzeitig den Fluchtweg abschneiden - und "sie zermalmen", wie einer seiner Freunde in Usbekistan sagt.
Nur manchmal dringt Geschützlärm bis zum Basar von Termes. Osama Bin Laden? Taliban? Nordallianz? "Nie gehört", lacht der Melonenhändler Mohammed Alim durch seine Goldzähne: "Aber dass Krieg heraufzieht und fremde Soldaten bereits bei uns in Usbekistan sind, das sagen alle hier." In der Hungersteppe bei Dschisak will sein Nachbar bereits Männer in amerikanischen Uniformen gesehen haben. Sie würden bald losschlagen, geht das Gerücht - "aber bitte", sagt Alim, "nicht ganz so schnell", fünf Tage brauche er noch, um seine nach Termes gekarrte Melonenernte an den Mann zu bringen.
Tatsächlich hat Usbeken-Präsident Islam Karimow den Amerikanern vorige Woche einen Flugplatz für die Anti-Terror-Offensive zur Verfügung gestellt - den Militärflughafen Karshi 200 Kilometer nördlich von Termes. Üppige Nutzungsgebühren ließ sich Usbekistan vertraglich zusichern; de facto war das Gelände ohnehin schon in amerikanischer Hand.
Am Freitag räumten US-Militärs auch ein, dass 1000 amerikanische Gebirgssoldaten Quartier machen - mit Transportflugzeugen und Hubschraubern. "Aber nur für Rettungseinsätze in Afghanistan", betonte Karimow. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, der zu Besuch weilte, nickte eher beiläufig.
Denn es gibt Ängste in Usbekistan, in einen großen Konflikt hineingezogen zu werden. Die Taliban haben den Usbeken offiziell mit Vergeltung gedroht, sollten sie Washington Hilfe leisten. "Angreifen können sie uns derzeit kaum", beruhigt ein Politiker in Taschkent, "aber die werden sich später rächen. Das Zeug für Anschläge haben sie allemal."
Um seine 25 Millionen Untertanen, davon fast 90 Prozent Muslime, nicht zu verschrecken, lässt der autokratische Usbeken-Herrscher Karimow Details über die derzeitige Lage nur in homöopathischen Dosen verbreiten.
Die Zeitung "Narodnoje slowo" (Volkswort) deutete blumig an, warum den Amerikanern ein Stück Landeshoheit geopfert werden muss - weil die Methoden im Umgang mit dem Terror "veraltet sind". Und weil "ein völlig neues Herangehen an die Bekämpfung der Pest des 21. Jahrhunderts" notwendig sei.
Im übervölkerten Fergana-Tal im Osten proben militante Islamisten seit Beginn der neunziger Jahre den bewaffneten Aufstand. Sie ermordeten Provinzbeamte und
Polizisten, im Februar 1999 verübten sie
einen Bombenanschlag auf die Taschkenter Regierungszentrale. Karimow ließ die Anführer zum Tod durch Erschießen verurteilen. Die meisten von ihnen entkamen nach Afghanistan, wo sie nun gemeinsam mit den Taliban kämpfen. Jahr für Jahr schicken sie über Tadschikistan und Kirgisien Stoßtrupps in die Heimat zurück - Anlass für den Usbeken-Führer, mit seiner Luftwaffe Dörfer in den beiden Nachbarstaaten zu bombardieren. Die Grenzen sind vermint, Reisen nur mit Visum möglich. Das Einschwenken in die Anti-Terror-Front bietet den Machthabern in Taschkent mehr Chancen als Risiken: Mit den Taliban würden sie die größte Gefahr an ihrer Südgrenze los, dazu vielleicht sogar die eigene Opposition. Und auch der Exportweg für usbekisches Gas und Öl nach Süden wäre endlich offen.
Als Honorar für Wohlverhalten will Karimow neue Waffen - das Geld ist knapp in einem Land, dessen Bewohner als Lohnersatz oft nur Konservenbüchsen, Lotterielose oder Zeitungsabonnements erhalten. Schon jetzt liefern die Amerikaner Nachtsichtgeräte, die Franzosen Hubschrauber, die Russen Artillerie und Munition. Usbeken werden bei der US-Armee im deutschen Ramstein geschult, die Bundeswehr trainiert Offiziere an der Gebirgsjägerschule in Mittenwald und an der Hamburger Führungsakademie.
Von solcher Arbeitsteilung ist in der diplomatischen Gemeinde von Taschkent derzeit allerdings wenig zu spüren. Ihr amerikanischer Kollege sei "wortkarg wie noch nie", beschweren sich unisono die westlichen Militärattachés. In mühsamer Horcharbeit versuchen sie des Nachts herauszufinden, welche Flugbewegungen die Amerikaner in Usbekistan mit ihren "Hercules"-Transportern und Hubschraubern schon durchführen. CHRISTIAN NEEF
* Im Mai 1988.
Von Christian Neef

DER SPIEGEL 41/2001
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