08.10.2001

ITALIEN/AFGHANISTANHeimkehr nach Kabul

Ein greiser Aristokrat offeriert sich als „Vater der Nation": Ex-Regent Zahir Schah organisiert aus dem römischen Exil den Neuanfang Afghanistans. Dort ist er eine Legende.
Alle haben auf ihn eingeredet, Polizei und Freunde, Sohn und Ehefrau: Zu Hause sei er seines Lebens nicht mehr sicher.
Gittertor und Zaun rund um den Wohnkomplex aus Mietshäusern und Villen in Olgiata, einem nördlichen Vorort von Rom, seien leicht zu überwinden. Auch die Uniformierten, die jetzt Tag und Nacht vor seinem Haus patrouillierten, könnten ihn vor entschlossenen Terroristen nicht schützen.
Die Bewässerungsanlage in seinem Garten wurde aus Angst vor chemischen oder biologischen Attacken abgebaut. Sein Sohn, Prinz Wais Zahir, bleibt gleichwohl "sehr, sehr besorgt".
Verständlich. Kaum ein anderer Nicht-Amerikaner ist dem in Kabul herrschenden Taliban-Regime und seinen weltweiten Terroristen-Freunden derzeit so verhasst wie Wais' Vater: Mohammed Zahir Schah, Ex-König von Afghanistan und seit 28 Jahren im römischen Exil.
Aber der 86-Jährige will trotz massiver Morddrohungen das Quartier nicht wechseln. In seinem Leben werde er nur noch einmal umziehen, sagt er, und zwar bald: "heim nach Kabul".
Die Hoffnung darauf ist nicht unbegründet. Viele Afghanen und vor allem die USA sehen in Zahir Schah die ideale Integrationsfigur, die in dem brisanten Gemisch aus ethnischen, politischen wie persönlichen Rivalitäten in der Nach-Taliban-Zeit einen Neuanfang organisieren könnte.
Neunzehnjährig hatte er 1933 den Thron am Hindukusch bestiegen, wenige Stunden nachdem sein Vater ermordet worden war. 40 Jahre lang hatte er in dem bettelarmen Land amtiert und im Dauerkonflikt mit den alten Feudalherren sich an vorsichtige Reformen gewagt, mit Grundrechten für jedermann - selbst für Frauen. 1973 war er von seinem Vetter und Schwager Daud, dem "roten Prinzen", abgesetzt worden. Da schwitzte er gerade auf Ischia unter Fangopackungen und zog es vor, in Italien zu bleiben.
Ein freundlicher älterer Herr, mit grauem Oberlippenbart und ausladender Nase, der keine Feste und Empfänge besuchte, allenfalls mal im kleinen Kreis zum Tee lud und sich Interviews meist verweigerte. Ein Attentatsversuch 1991 ließ ihn noch stiller werden.
Daheim in Afghanistan reifte er derweil zur Legende. "Wenn die Großväter vom König erzählen, ist im Herrschaftsbereich der Taliban Märchenstunde", sagt Abd al-Asis Ahmed, der vorvergangene Woche mit dem Auto aus dem nordwestafghanischen Herat entkommen ist. "Die Jungen können von den schönen Geschichten gar nicht genug kriegen, auch wenn sie schwer zu glauben sind: dass es bei uns einmal asphaltierte Straßen gab, Schulen und Krankenhäuser, Kinos und Theater, ja sogar Universitäten." Und dass in Kabul ein Paschtunen-Fürst herrschte, den die Großen der Welt zu sich einluden - wie Bundespräsident Heinrich Lübke oder gar Präsident John F. Kennedy, der für König Zahir Schah ein Galadiner im Weißen Haus gab.
Abd al-Asis Ahmed, 52, traf am Freitag vorvergangener Woche nach schlaf- und pausenloser Fahrt in Islamabad ein: 24 Stunden steuerte er seinen Wagen an den Flüchtlingsströmen entlang von Herat nach Kandahar, dann 4 Stunden bis zur pakistanischen Grenze und abermals 4 Stunden bis Quetta, Hauptstadt der Wüstenprovinz Belutschistan; dort konnte der Großgrundbesitzer ins Flugzeug nach Islamabad umsteigen.
Dass er vom König schwärmt und von dessen Rückkehr träumt, hat gewiss auch Familiengründe: Abd al-Asis Ahmed ist mit Rakima Suleyman verheiratet, einer Nichte Zahir Schahs, und er entstammt auch selbst der Sippe des Königs. Im Restaurant "Kabul" von Islamabad stehen die afghanischen Kellner Spalier, als sie Abd al-Asis Ahmed erblicken, sie legen die Hand aufs Herz und verbeugen sich tief. "Das gilt nicht meiner Person", erklärt der gastfreundliche Paschtune bescheiden, "sondern dem König. Für eine ganze Generation afghanischer Flüchtlinge in Pakistan ist Zahir Schah die letzte Hoffnung."
Seit ein paar Wochen setzen auch andere, Mächtigere auf ihn. Uno-Repräsentanten und US-Kongressabgeordnete stehen vor seiner Tür, Journalisten aus aller Welt blockieren die Mailboxen seiner Verwandten und Freunde. Pakistans Militärherrscher wünscht dringend einen Emissär seiner Königlichen Hoheit zu sprechen. Plötzlich wird der Mann von gestern dringend gebraucht.
Vorletztes Wochenende verständigten sich afghanische Anti-Taliban-Milizen und führende Exilpolitiker mit Zahir Schah auf die Bildung eines "Obersten Rates für die nationale Einheit". In 14 Tagen will man sich in Rom wieder sehen, um die etwa 120 Mitglieder dieses Gremiums zu benennen. Zahir Schah könnte dann dem einzigen neu formierten, legitimen Staatsorgan des zerrütteten Landes vorstehen - als Gesprächspartner nach außen und als Vermittler nach innen.
Kein leichter Job, fürchtet sein Sohn, "schwierig und gefährlich wie Davids Kampf gegen Goliath".
Im engsten Familienkreis will der greise Monarch im Ruhestand die gefährliche Reise wagen: Sohn Wais, 42, Vetter General Abdul Wali, 76, und Enkel Mustafa, 37, müssen einstweilen genügen. Der Rest der großen Sippe wartet erst einmal im sicheren Ausland ab, wie die Aktion läuft.
Nicht einmal eine standesgemäße Unterkunft vor Ort gibt es. Die Paläste der Königsfamilie, von den früheren sowjetischen Besatzern des Landes noch als Museum vorgesehen und geschützt, wurden von
Mudschahidin und Taliban geplündert und verwüstet.
Aber das schreckt Zahir Schah nicht. "Es ist unsere Pflicht, nach Hause zu gehen und Frieden zu bringen", hämmert er seiner kleinen königlichen Friedenstruppe täglich ein.
Dabei will er König freilich nur im Notfall werden, sagt er: "Die Zeit der Monarchie ist vorbei." Ratgeber will er sein, die traditionelle Loya Jirga organisieren, jene große Versammlung der 500 bis 1000 Vertreter aller politischen, religiösen und ethnischen Gruppen, die demokratisch über die künftige Regierung des Landes entscheiden müssen. "Vater der Nation" ist sein Traumziel, nicht Herrscher.
Gewiss, spräche sich eine Mehrheit der Loya Jirga für eine konstitutionelle Monarchie aus, "könnte ich mich gar nicht verweigern", so Zahir. "Aber sein Wunsch ist das bestimmt nicht", beteuert Sohn Wais.
Wais sagt, es mache der Familie "Angst und Mut zugleich", dass Mohammed Omar, der einäugige Mullah von Kandahar und als "Befehlshaber der Gläubigen" höchster Taliban-Führer, die Rückkehr-Pläne des Exil-Monarchen offenkundig als Bedrohung empfindet. "Täusche dich nicht, Zahir", rief der Mullah über Radio Scharia dem fernen König zu: "Wenn du afghanischen Boden betrittst, wird das Volk dich einfangen und töten."
Abd al-Asis Ahmed sieht dieses Gefuchtel nicht als bedrohlich an. Über seinen Schwiegeronkel in Rom macht er sich aus anderen Gründen Sorgen: "Zahir Schah muss als eigener Mann in die Heimat zurückkehren. Wenn die Amerikaner ihn ins Land bringen, etwa nachdem sie sich den Weg freigebombt haben, wäre sein ganzes Prestige als König ruiniert." Zahir Schah dürfe zudem nicht als Galionsfigur der Nordallianz erscheinen, deren Führer keine Paschtunen sind.
Eine Rückkehr unter dem Mantel der Uno wäre schon besser. Abd al-Asis Ahmed: "Doch nur eine Loya Jirga mit allen politischen Kräften, einschließlich der Taliban, kann dem König die Legitimität als Versöhner unseres Volkes zusprechen."
Der rüstet sich schon im fernen Rom für den Tag X. Er korrespondiert mit Exilpolitikern und Hilfsorganisationen, wirbt um Experten und Mittel für den Wiederaufbau des Ruinenlandes und arbeitet an einem provisorischen Regierungsprogramm.
Frei und offen soll Afghanistan wieder werden, aus der Taliban-Steinzeit in die Neuzeit zurückkehren. Die Frauen würden umgehend von Verhüllungszwang und Prügelstrafen befreit, dürften lernen und arbeiten.
Selbst um Kunst und Kultur kümmert Zahir Schah sich schon. Die von den Taliban im März gesprengten rund 1 500 Jahre alten, riesigen Buddha-Figuren von Bamian sollen, so weit technisch möglich, wiederhergestellt werden. Erste Gespräche mit Spezialisten sind schon geführt, noch fehlt das nötige Geld. Aber der Name steht: "Projekt Buddha". HANS-JÜRGEN SCHLAMP,
CARLOS WIDMANN
Von Hans-Jürgen Schlamp und Carlos Widmann

DER SPIEGEL 41/2001
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